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Mystischer Tod, Heirat und Wiedergeburt

In jeder Kultur umfaßt der Begriff der Einweihung ein breites Gebiet an Erfahrungen. All diesen mystischen Wiedergeburten liegen natürlich jene erhabenen Einweihungen zugrunde, in denen ein spirituell Fortgeschrittener, während sich sein Körper im Trance-Zustand befindet, in die "Unterwelt" hinabsteigt - in eine Lebenssphäre, die materieller ist als die unsere - und den dort in Dunkelheit Wohnenden das Licht seiner Weisheit und seines Mitleids bringt. Wenn er dann durch den "Himmel" oder die Bereiche, die über uns liegen, hinaufsteigt (über die Planeten zur Sonne, wie es in den alten Überlieferungen heißt), steht er seinem innersten Selbst gegenüber und wird vielleicht zeitweilig durch seinen Sonnen-Logos inspiriert, oder er vereinigt sich für kurze Zeit mit ihm. Wenn der "Zweimal-Geborene" zur Erde zurückkehrt, kommt dieses glorreiche Ereignis der gesamten Menschheit zugute und wird unbewußt von allen aufgenommen. Natürlich gibt es bei dem augenblicklichen Stand der Entwicklung nur wenige, wirklich sehr wenige, die zu solch erhabenen Höhen aufsteigen können.

Den Einweihungen der Mysterien im Mittelmeerraum liegt dasselbe Prinzip zugrunde. Der griechische Begriff Mysterion wird von dem Verbum müein abgeleitet und bedeutet den Mund oder die Augen schließen - daher in die Dunkelheit hineingehen. Das gleiche tat der Kandidat oder Mystes, wenn er sich nach der Reinigung oder Katharsis in das Mysterion zurückzog, in die Dunkelheit der Einweihungskammer, wo er einen symbolischen Tod erlitt, um in das Licht einer neuen Offenbarung, Epopteia genannt, wiedergeboren zu werden.

Was sich während dieser Zeremonien effektiv abspielte, darüber ist weder von den Schriftstellern des Altertums noch von denen der Neuzeit etwas geschrieben worden. Die Eingeweihten waren nicht nur zur Geheimhaltung verpflichtet; was stattfand, war vielleicht auch zu sehr Erfahrungssache, als daß es in Worte gekleidet werden könnte. Ob einige der wirklich großen Einweihungen innerhalb der Tempelbezirke stattfanden, können wir nur vermuten. Es müssen jedoch Ausnahmen gewesen sein, denn damals wie heute sind nur außerordentlich selten Persönlichkeiten für die Adeptschaft geeignet. Einige, die diese Riten durchgemacht haben, waren bekanntlich nicht von reinem oder edlem Charakter, besonders in späteren Zeiten, als die Mysterien beträchtlich in Verfall geraten waren. Der große Verdienst der Mysterien-Schulen war es, diese universalen Weisheits-Überlieferungen jedem zugänglich zu machen, der imstande war, sie zu erfassen und es dem Eingeweihten zu ermöglichen, mit Erkenntniskraft zu leben und ohne Furcht zu sterben, wie Cicero berichtete.

Die Grundzüge des mystischen Todes und der Wiedergeburt können in den Einweihungssystemen der gesamten Welt, einschließlich Afrika, verfolgt werden. Gerade in Afrika hat der Begriff der Einweihung eine weitgefaßte Bedeutung; man geht dabei davon aus, daß sie einerseits ein gesellschaftliches Erfordernis ist (obwohl von der Religion nie getrennt) und andererseits als Weg zum Unsichtbaren oder zur Gottheit dient. Seit hundert Jahren oder länger sind im Westen die Zeremonien und die den Zeremonien dienenden Gegenstände in Afrika gründlich untersucht worden; aber die Einstellung ist vielleicht zu akademisch, um zuzugeben, daß diese Zeremonien und Gegenstände für die Afrikaner eine gleiche spirituelle Bedeutung haben können wie die Dinge, die für die Ausstattung und die Art der Verehrung bei den westlichen Glaubensbekenntnissen herangezogen werden. Viele Dinge, die mit der Einweihung in Verbindung stehen, sind unter dem Sammelbegriff Magie eingestuft worden (mit anderen Worten: Aberglaube) oder als Durchgangsriten, die beide als zu primitiv betrachtet werden, als daß die westliche Mentalität sie verstehen könnte. Deshalb haben wir auch bei unserer Forschung selten die Grenze der äußeren Bräuche überschritten, die, ohne Verständnis des ihnen zugrunde liegenden Prinzips, uns fremd genug erscheinen mögen, um unsere Vorurteile zu rechtfertigen.

In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, daß gewisse Ähnlichkeiten zwischen einigen dieser oben erwähnten Einweihungsriten in Afrika und einigen Mysterien vorhanden sind, die im alten Griechenland und in Kleinasien bestanden hatten. Obgleich die Angaben zum Teil auf bösartiges Geschwätz seitens der frühen Christen zurückgeführt werden können, sagt man, daß in Phrygien Kandidaten "längerem Fasten, absoluter Enthaltsamkeit, schweren körperlichen Verstümmelungen, schmerzhaften Geißelungen und unbequemen Pilgerfahrten zu heiligen Stätten" unterworfen wurden.1 Wenn in Afrika alle Zeremonien tatsächlich von Blutopfern begleitet sind, so steht fest, daß sie auch bei den Griechen nicht ausgeschlossen waren. In Eleusis wurde zum Beispiel ein junges Schwein geschlachtet, nachdem die Initianden in der See gebadet hatten. Die Mysten beschmierten auch manchmal ihren Körper mit Kalk oder Gips, oder sie erhielten einen neuen Namen und ein neues Gewand, wie das bei vielen Jugendlichen in Afrika während und auch nach den Pubertäts-Riten üblich ist. Die griechischen Hierophanten wie auch die Afrikaner trugen in einigen Fällen Masken, und auch heilige Tänze wurden bei den Mysterien aufgeführt.

Materielle Dinge oder äußere Formen hatten jedoch keine wesentliche Bedeutung im Vergleich zu dem, was durch diese im Bewußtsein des für die Einweihung Vorgesehenen ausgelöst werden sollte, damit er einen psychologischen oder spirituellen Wachstumsprozeß durchmachen kann. Beschneidung, Verstümmelungen und andere, dem Körper auferlegte Qualen stellen - abgesehen von hygienischen oder ästhetischen Werten, die in einigen Fällen für wichtig erachtet wurden - hauptsächlich ein Opfer des eigenen Fleisches dar, wobei man annahm, daß dadurch die niedere Natur unter Kontrolle gebracht würde - eine Form der Disziplin oder Abtötung, die von Asketen und Aspiranten zu allen Zeiten ausgeübt wurde, denn auch die Griechen erklärten, wenn man an der Freude teilhaben will, die die Gottheit gewährt, muß man erst mit ihr leiden.

Die meisten, über weite Gebiete festgestellten Einweihungsriten auf dem afrikanischen Kontinent sind jene, welche den Betreffenden in die Verantwortlichkeiten des Erwachsenen-Lebens einführen. Bei einigen Völkern sind es verhältnismäßig einfache Zeremonien, bei anderen ist eine längere Zurückgezogenheit inbegriffen, mit schwierigen Prüfungen und Instruktionen. Vielleicht gibt es nach diesen keine weiteren Einweihungen, es können aber auch im späteren Leben noch andere Riten folgen, wie zum Beispiel bei den Gikuyu und bei Heirat und Tod, sowohl für Männer als auch für Frauen. Männer werden vor dem Tod viel öfter eingeweiht als Frauen. Sie können zuerst Ältere eines Junior-Grades werden, dann aktive Ältere und schließlich Älteste des dritten Grades.2

Im Stammesleben sind diese Riten wohldurchdachte und bewährte Methoden, um einem Menschen über die Schwelle von einer Phase seines Lebens in die nächste hinüberzuhelfen. Dieser Vorgang ist stets die gefühlsmäßige Erfahrung eines "Todes" des "alten" Mannes (oder der Frau), ein Abschluß des vorangegangenen Abschnittes, gekennzeichnet durch eine Zeit des sich Zurückziehens und der Isolierung im Busch, in Grotten oder sogar in künstlichen Höhlen. Dort, im Schoße der Natur, kann der Initiand "seine alte Persönlichkeit sozusagen 'zurechtschleifen', um daraus eine andere zu formen."3 Die nachfolgende Neugeburt wird durch die Rückkehr zur Familie und zur Gemeinschaft angezeigt. Bei solchen Anlässen wird auch das Haar abgeschnitten, "ein weiterer Akt, der den Abschluß eines Zustandes und das Übergehen in einen anderen symbolisch darstellt und dramatisiert... Altes Haar muß abgeschnitten werden, damit sich neues Haar bilden kann, das Symbol eines neuen Lebens."4 Häufig werden neue Gewänder angezogen oder ein neuer Name angenommen, und um den klaren Bruch mit der Vergangenheit zu verdeutlichen, werden während der Zurückgezogenheit verwendete Gegenstände verbrannt oder auf andere Weise beseitigt.

Einweihungen in verschiedene Kultformen basieren auch auf diesem klassischen Schema von Tod und Auferstehung. P. Amaury Talbot beschreibt einige Kulte und Zeremonien, wie er sie unter den Ibibio um das Jahr 1912 vorfand. Seine persönliche Überzeugung war, daß dieser in Süd-Nigeria an der Küste des Golfs von Guinea lebende Stamm "einer der ältesten Volksstämme in diesem Teil Afrikas oder vielleicht des ganzen Kontinents darstellt."5 Seine Gewährsmänner berichteten ihm, daß die wichtigste Kultform, das Egbo, ihnen "in weit zurückliegenden Zeiten von einer göttlichen Frau vermittelt worden war..."6 Das erinnert an die Mysterien von Eleusis, in denen der Menschheit von Demeter, der Mutter der Götter, der Kult überbracht worden war. In vielen Kult-Zeremonien der Ibibio gab es Menschenopfer.

Die Aufnahme in den Idiong-Kult verglich Talbot mit der Formalität in der modernen Freimaurerei. Die Zeremonie beginnt mit Opfern für die Vorfahren, die im Freien liegengelassen werden. Der Priester beobachtet dann das Eintreffen der Geier, denn diese werden nicht nur als Raubvögel betrachtet, sondern auch als Vertreter der Vorfahren. Wenn sie eintreffen, ist das ein günstiges Zeichen. Der Oberpriester nähert sich dann dem Kandidaten mit den Worten: "Ich bin im Begriff Dich zu töten", und nachdem er dies symbolisch durchgeführt hat, erklärt er feierlich: "Du bist tot." Andere Kultmitglieder bereiten dem "Abgeschiedenen" ein Begräbnis und führen für ihn die Trauerfeierlichkeiten durch. Der Priester verleiht einem Platanenzweig die Kraft, den "toten" Mann zum Leben zurückzubringen. Dieser erhebt sich dann wahrhaftig, nachdem er mit dem Zweig siebenmal geschlagen worden war, worauf der Priester eine Prophezeiung in sein Ohr flüstert. Zu einem späteren Zeitpunkt werden dann weitere Zeremonien durchgeführt, die ihm die Fähigkeit des Zweiten Gesichts verleihen sollen. Das ist vermutlich eine mehr rituelle Geste als ein tatsächliches Ereignis, obgleich ein Mitglied des Kults von hohem Rang zu Talbot einmal sagte, daß er während einer solchen Einweihung "in die Geisterwelt gesandt wurde, um mit den Geistern zu verkehren - eine Kraft, die ihm auch verblieb, nachdem er in das irdische Leben zurückgekehrt war."7 Auch wenn sich in diesen Riten eine gewisse Entartung eingeschlichen hat, sind sie doch Zeugnisse des ursprünglichen Wissens der alten Weisheitsüberlieferungen.

In Dahomey ist der Eintritt in jeden Kult von einer längeren Instruktion begleitet. In diesem Land sind um die verschiedenen Hauptgottheiten Kulte entstanden und oft sind die Mitglieder schon von ihren Eltern diesen Gottheiten versprochen worden, vielleicht als Rückzahlung, wenn die Götter einer bisher kinderlosen Mutter ein Kind bescherten. Mitgliedschaft kann auch ererbt werden. Die Zeremonien beginnen mit einem öffentlichen Tanz, dem geheime Zeremonien folgen, die einundvierzig Tage dauern. Der Novize wird symbolisch "getötet" und bleibt im Kulthaus sieben, neun, elf, dreizehn oder sechzehn weitere Tage, an denen er oder sie als "gestorben" betrachtet wird. Jetzt muß eine "Wiederbelebung" stattfinden, und die Familienmitglieder, die gekommen sind, um den Kandidaten "zu betrauern" werden gefragt, welche Sünden der "Tote" begangen hatte. Alle Götter werden um Vergebung gebeten, und wenn es ein Mann ist, dann wird ein Hahn, ist es eine Frau, dann wird eine Henne geopfert. Der Initiand wird vom Priester, der den Namen fünfzehnmal ausruft, ins Leben zurückgebracht. Es folgt eine Periode der Zurückgezogenheit, die drei, fünf oder sieben Monate lang dauert. In dieser Zeit werden eine geheime Sprache, rituelle Tänze, Gesänge, die dem Gott heilig sind, sowie die richtige Art der Verehrung gelehrt. Während dieser ganzen Zeit weiß die Familie nicht, ob ihr Verwandter tot oder lebendig ist, denn es kommt gelegentlich vor, daß Menschen während dieser "spirituell kritischen Zeit"8 wirklich sterben. Am Ende dieses Zeitraums werden dem Initianden die Gegenstände der Verehrung gezeigt und es wird ihm mitgeteilt, wie sein Gott zu verehren ist. Er erhält viele geheime Anweisungen. In einer letzten Zeremonie "erklärt ihm" einer der Götter "den Krieg", das heißt, er ergreift von ihm Besitz, was beim Schlagen der Trommel geschieht. Ein Tanz zeigt das Ende der Isolierung an. Das Kultmitglied erhält einen neuen Namen und wird als vollständig neugeboren betrachtet. Als Höhepunkt rufen die Neueingeweihten ihrem Gott zu: "Mein Gatte, ich verehre Dich", denn ohne Rücksicht auf das Geschlecht, sind sie jetzt der mystische Gemahl der Gottheit.

Diese Art der Einweihung in Dahomey zeigt ebenfalls alle wesentlichen Bestandteile des symbolischen Todes, der Heiligen Vermählung und der Neugeburt, und während des Höhepunkts wird der Kandidat von der Gegenwart des Gottes durchdrungen oder er wird, um den griechischen Ausdruck zu gebrauchen, "verzückt". Die ganze Prozedur wird sorgfältig geleitet und es wird dabei kaum ein Zustand der Ekstase herbeigeführt, denn der Tänzer "ist äußerst selten, wenn überhaupt, vollständig in Trance."9 Skeptiker unter den Bewohnern von Dahomey sagen, daß es viele Gründe geben kann ein Kultmitglied zu werden; einige sehen darin zum Beispiel eine Möglichkeit, sich von den täglichen Arbeiten auszuruhen, andere freuen sich über das Prestige, das hiermit verbunden ist, oder sie werden von der Neugierde dazu angeregt. Doch auch diese Skeptiker geben zu, daß ein wirkliches "Mysterium" erlebt werden kann.

Diese Menschen empfinden dabei eine Erhebung, eine ehrfürchtige Scheu und das Gefühl der Vereinigung mit der Gottheit, die bei den Zeremonien noch unter Kontrolle gehalten wird, die aber sofort ausbricht, wenn die richtigen Gesänge oder Trommelrhythmen einsetzen. Wenn die Vodunsi10 bei solchen Anlässen für den Tanz bereitstehen, steht eine Gestalt, die größer ist als irgendein Mensch, mit der ausgestreckten linken Hand vor ihnen, um ihre Köpfe zu berühren. Das ist der Vodu; und wenn die Hand sie berührt, empfinden sie eine große Stärke. Wenn sie tanzen, sind sie nicht mehr sie selbst, und wenn sich der Vodu später wieder aus ihnen zurückzieht, erinnern sie sich an nichts. Doch wenn sie das Bewußtsein für die äußere Welt wiedergewinnen und wieder sie selbst sind, haben sie die Empfindung, als hätte sich etwas Schweres aus ihnen zurückgezogen.11

Bei den Bambara ist die Einweihung ein Lernprozeß, der viele Jahre im Leben eines Menschen ausfüllt. Während er viel praktisches Wissen gewinnt, bemüht er sich vor allem, seinen Charakter zu verbessern und effektiv neu zu gestalten und zwar besonders während der eigentlichen Initiationszeit. Dieses sudanesische Volk hat sechs Gesellschaften oder Schulen; wobei die ersten fünf zur sechsten oder Korè-Gesellschaft führen. Die Initianden müssen große körperliche Qualen und strenge Prüfungen durchmachen, wobei sie ihren Körper als ein demütiges Instrument benutzen, um Selbstbemeisterung zu erlangen. Sie müssen lernen Ausdauer zu haben, standhaft zu sein und ihre Zunge wie auch ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Die Bambara glauben, daß die Stille eine Zentripetal-Kraft ist, die den Menschen zu seinem inneren Selbst führt, während Worte eine Zentrifugal-Kraft sind und die Lebenskraft zwecklos verstreuen können. Die Stille ist keine Tonlosigkeit, sondern die "Mutter" des Wortes, das die Schaffenskraft darstellt.

bild_sunrise_11980_s26_1Der Korè bereitet den Initianden für den eigentlichen Tod vor. Während der ersten Einweihung werden alle Stufen des physischen Todes und der Geburt symbolisch durchgangen: der Kandidat wird zum Beispiel in eine Tierhaut gewickelt, die lästige Stoffe enthält, was bedeutet, daß er sich in einem Grab befindet; er schreitet über heiße Asche, was besagen soll, wie er gereinigt wird, usw. Danach wird er "geboren", in einer Zeremonie gewaschen, so daß sein Geist klar ist. Er wird geölt, um eine spirituelle Freude beim Kontakt mit dem Unsichtbaren zu empfinden - um nur einige Schritte zu erwähnen. Während der zweiten Einweihung erlebt er noch einmal den Vorgang des Neugeborenwerdens bis zum Ende der Reinigung, womit sein Fortschritt ausgedrückt wird, daß er zu einem verkörperten Sohn der Gottheit wird.

Bildtext: Hyänenmaske der Kore-Gesellschaft. Die Hyäne symbolisiert Festigkeit und Gleichheit; die dritte Klasse trägt ihren Namen.

Parallel hiermit ist eine tiefschürfendere Lehrzeit verbunden, in der sein Bewußtsein über seinen Aufstieg zu seiner Gottheit belehrt wird. Das wird in acht "Klassen" durchgeführt. Die erste belehrt ihn über seine tierische Natur; die zweite läßt ihn sich in Gemütsruhe üben; die dritte belehrt ihn über das richtige Verhältnis; während die vierte Klasse als "Fackelträger" bezeichnet wird und sich auf das göttliche Feuer bezieht, das den "alten" Menschen verzehrt. In der fünften in dieser Reihe empfindet er die Freude und Zufriedenheit über seine Vereinigung mit seinem Gott, wie bei einer Vermählung. In der sechsten Klasse wird diese Vermählung vollzogen. Der Initiand nimmt seinen Platz neben seiner Gottheit in der siebten Stufe ein, wobei er sich der königlichen Kraft seines göttlichen Gemahls erfreut. In der letzten und achten Stufe wird er identisch mit der Gottheit: "derselbe wie der Andere oder vielmehr derselbe und der Andere."12 Wie bei den Dahomeer ist der Eingeweihte mit der Göttlichkeit vermählt.

Die gesamte Reihenfolge der Übungen ist so reich an Symbolen für die Vereinigung des Menschen mit seinem inneren Gott, daß kein Zweifel darüber besteht, daß ihre Wurzeln in einer wirklichen und reinen Kenntnis der universalen Weisheitstraditionen liegen. Wie die psychologische und spirituelle Alchimie im Einzelbewußtsein zustandekommt, ist ein Mysterion, das die Bambara besitzen. Offensichtlich ist das keine ekstatische Erfahrung, sondern "das Ergebnis einer harten Arbeit des Adepten, sich einem unsichtbaren Modell anzupassen, das mit Hilfe der Riten eingeprägt wird."13 Wie Cicero erlangt der Eingeweihte Gleichmut gegenüber Leiden und Tod, sowie "eine neue Dimension, ohne die die menschliche Perspektive zur quälenden Bedeutungslosigkeit erniedrigt würde."14 "Von der Besorgnis über seine Sterblichkeit somit befreit, kehrt er zu einem Zustand der Unschuld und eines unbeschwerten Gemüts, wie bei einem Kind, zurück. Er kehrt zurück, um seine täglichen Pflichten zu erledigen, denn diese Erfahrungen machen ihn nicht zu einem Einsiedler, sondern von jetzt an verwendet er sein Wissen und seine neugewonnene Stellung in seinem eigenen Leben, im Leben der Gemeinschaft und der Menschheit im allgemeinen.

Der Kern der Einweihung ist natürlich nie auf organisierte Systeme begrenzt, denn im Leben eines jeden von uns gibt es diese schwierigen, oft quälenden Erfahrungen, denen wir, anscheinend der Führung beraubt, entgegentreten müssen. Wenn es uns gelingt, diese Erfahrungen mit Mut und in einem positiven Gemütszustand durchzustehen, dann gewinnen wir manchmal eine wunderbare neue Einsicht, und empfinden gewissermaßen, daß ein Teil von uns selbst, über den wir nie etwas gewußt hatten, aus unserem Leid hervorgegangen ist. Das ist das charakteristische Thema der Evolution: Der Kampf zwischen Geist und Materie, in dem am Ende das Licht hoffnungsvoll obsiegt. Für unser inneres Wachstum ist kein Initiationslager, keine Zeremonie erforderlich. Die Gruft ist unsere Situation hier und jetzt, und unser höheres Selbst ist der Hierophant. Je bewußter wir uns mit dem Licht verbinden und wissend und bereitwillig versuchen, unser höheres Potential zu entfalten, umso glanzvoller wird unser Epopteia sein - für uns persönlich und für die gesamte Menschheit.

Fußnoten

1. S. Angus, The Mystery Religions, A Study in the Religious Background of Early Christianity, (Die Mysterien-Religionen. Eine Untersuchung der religiösen Grundlagen im frühen Christentum), Dover Publications, New York, 1975, Seite 84. [back]
2. L. S. B. Leakey, The Southern Gikuyu before 1903 (Die südlichen Gikuyu vor 1903), Academic Press, New York, 1977, I., 3-5. [back]
3. Dominique Zahan, Religion, Spiritualité et Pensée Africaines, (Religion, spirituelles Wissen und afrikanische Gedankengänge), Payot, Paris, 1970, Seite 46. [back]
4. John S. Mbiti, African Religions and Philosophy, (Afrikanische Religionen und Philosophie), Anchor Books, Doubleday and Company, Garden City, N. Y. 1970, Seite 150. [back]
5. P. Amaury Talbot, Life in Southern Nigeria, the Magic, Beliefs and Customs of the Ibibio Tribe (Leben in Süd-Nigeria, die Magie, die Glaubensformen und Bräuche des Ibibio-Stammes), Macmillan and Co., London, 1923, Seite 5. [back]
6. Ebendort, Seite 170. [back]
7. Ebendort, Seite 178. [back]
8. Melville J. Herskovits, Dahomey, an Ancient West African Kingdom (Dahomey, ein altes westafrikanisches Königreich), Northwestern University Press, Evanston, 1967, II, 184. [back]
9. Ebendort, Seite 199. [back]
10. Der Begriff Vodu schließt den Vodu oder die Gottheit selbst und ihre "Kraft" ein, die sich in der Kultstätte befindet. Ein Vodunsi ist ein Mitglied des Kults bei irgendeinem bestimmten Vodu. [back]
11. Ebendort, Seite 200. [back]
12. Zahan, Seite 217. [back]
13. Ebendort, Seite 218. [back]
14. Ebendort, Seite 223. [back]