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Interessantes von der Vorstellung der Indianer über die Seele, 1. Teil

Ein Gespräch zwischen James Petersen und Frank Waters:1

 

 

 

James Petersen: Als ich zum ersten Male das Buch The Man who killed the Deer las, veranlaßte mich eine Stelle, nach dem Erscheinungsdatum des Buches zu sehen - ein reicher Kunde bietet dem Händler Byers 100 Dollar für einen alten silbernen Muschelgürtel, den er von einem Indianer hatte. Wenn es überhaupt möglich ist, heute einen solchen Gürtel noch kaufen zu können, dann ist er mehrere tausend Dollar wert. So ähnlich ist es mit den Büchern, die Sie vor über dreißig Jahren über die Indianer des Südwestens geschrieben haben und die heute Bestseller sind. Wie erklären Sie sich unser plötzliches Interesse für die Eingeborenen Amerikas?

Frank Waters: Unser plötzlich erwachtes Interesse für die Indianer - nachdem man sie jahrhundertelang mißachtet hat - fällt seltsamerweise mit noch weiteren verspäteten Interessen an der Ökologie zusammen (Lehre von den Beziehungen der Lebewesen zur Umwelt). Dafür scheint es einige Gründe zu geben. Seit die ersten Pilger hier gelandet waren, war für uns Anglo-Amerikaner die Erde nichts anderes als eine Schatzkammer. Die natürlichen Quellen waren nur für uns da, damit sie zu unserem materiellen Vorteil ausgebeutet werden können. Auf unserem Eroberungsmarsch vom Atlantischen Ozean nach dem Westen rotteten wir - einige Arten, die übriggeblieben sind, ausgenommen - fast alle Indianer, Tiere und Vögel aus. Wir rodeten die Wälder mit der Axt, pflügten das Grasland um, raubten Gold und Silber aus den Bergen und teilten und unterteilten das Land. Erst vor einigen Jahren wurden uns die Folgen unserer grausamen Zerstörung der Natur bewußt. Der Ackerboden wurde denudiert. Seen und Flüsse wurden verschmutzt, und der Grundwasserspiegel sank zusehends. Die Seen wurden mit Abwässern und Abfällen verunreinigt. In den Städten wurde sogar die Luft, die wir einatmen, gefährlich giftig, und radioaktive Rückstände legten umfangreiche Schwaden rund um den ganzen Planeten. Wir waren die materialistischste, reichste Nation der Geschichte geworden, aber unsere Zivilisation zeigte Symptome des Zusammenbruchs. Daher unsere verspätete Anerkennung der Ökologie, die definiert wird als "Biologie, die sich mit den wechselseitigen Beziehungen zwischen Organismen und deren Umgebung befaßt." Damit diese Dinge wieder übereinstimmen, werden jetzt Schritte unternommen, die eine weitere Verschmutzung von Land, Wasser und Luft durch die widerstandleistende Industrie und die habgierigen privaten Interessen verhindern sollen.

 

Petersen: Gibt es noch andere Gründe?

Waters: Nun, etwa um die gleiche Zeit begann es, daß Bücher und Artikel über die Indianer den Markt überschwemmten. Zum erstenmal in unserer Geschichte wurden die Indianer nicht nur achtbare, sondern auch moderne und populäre Objekte, die die öffentliche Aufmerksamkeit erregten. Besonders hier im Südwesten, wo seit unvordenklichen Zeiten die meisten Stämme als zusammengefaßte Gruppen in ihrer Heimat leben. Wir fingen an zu begreifen, daß Ökologie schon immer die Grundlage des Lebens der Indianer war. Und dennoch besteht ein großer Unterschied, denn für die Indianer ist die Erde nicht leblos. Für sie ist sie ein lebendiges Wesen, die Mutter allen Lebens, unsere Mutter Erde. Alle ihre Kinder, alles in der Natur ist lebendig: die lebenden Steine, die großen atmenden Berge, die Bäume und Pflanzen genauso wie die Vögel, Tiere und Menschen. Alle sind in einem harmonischen Ganzen vereint. Was auch immer mit dem einen geschehen mag, es beeinflußt die anderen und verändert fast unmerklich die ineinandergreifenden Beziehungen der Teile zum Ganzen. Die Lebenskraft oder dynamische Energie, die jede Wesenheit in der Natur durchdringt und vereint, heißt orenda bei den Irokesen, maxpe bei den Krähenindianern und den Siouxindianern, manitou bei den Algonkin-Indianern und katchinas bei den Pueblo-Indianern.

Unsere gegenwärtige Kenntnis der Ökologie beruht einzig und allein auf physikalischen oder biologischen Grundlagen. Wir haben noch nicht - wie die Indianer - die jeder physischen Ökologie zugrundeliegende psychische Ökologie begriffen, denn alle diese lebendigen Wesenheiten besitzen - wie der Mensch - nicht nur eine äußere physische Form, sondern auch einen spirituellen Teil. Die Indianer müssen ein Tier töten oder eine Tanne fällen, um deren materielle Form für ihre Lebensbedürfnisse zu verwenden. Doch bevor sie dies tun, rufen sie deren geistige Essenz an, die auch die Quelle der psychischen Energie ist. Solche Rituale wurden in ganz Amerika und im alten Mexiko durchgeführt, und im Südwesten werden sie auch heute noch befolgt. So wie ich das alles sehe, müßten wir diesen Glauben annehmen, um uns in die inneren und äußeren Realitäten des Lebens einfühlen zu können, wenn wir den immer größer werdenden Riß zwischen unserem Verstand und dem Herzen schließen wollen. Mit dem Riß meine ich folgendes. Durch das rücksichtslose Zerstören der Natur zerbricht der Mensch, der ebenfalls ein Teil der Natur ist, sein eigenes inneres Selbst. Wir sondern uns nicht nur von der Erde ab, sondern auch von dem geheimnisvollen mütterlich Unbewußten, ihrer psychischen Ergänzung, denn der Mensch ist unbewußt mit der Natur gleichzusetzen und ist in ihr verwurzelt. Durch unseren zerstörerischen und materialistischen Rationalismus haben wir unser bewußtes Selbst dem irdischen Träger unseres essentiellen Wesens entfremdet. Bei der Unterwerfung der Natur haben wir auch die Kräfte der Natur in uns selbst niedergekämpft - die geheimen und sündhaften Wünsche des Naturmenschen und damit alle diejenigen Instinkte, die mit der Moral des vernunftbegabten Menschen unvereinbar sind. Unser eigener Körper wurde zum Kampffeld der Vernunft gegen den Instinkt, des Bewußten gegen das Unbewußte. Diese Spaltung in der Psyche betrachtet C. G. Jung als die Tragödie des überzivilisierten Menschen. Daher scheint mir, daß wir von den Indianern lernen müssen. Wir müssen auf die Stimme des geheimen und unsichtbaren Geistes des Landes horchen.

 

Petersen: In The Colorado beschrieben Sie diesen Geist als die Stimme Amerikas, eine Stimme, die ihre eigene Weisheit hat, ihre eigene Symbolik für die universalen Wahrheiten, die den Menschen betreffen. Sie sagen, daß die Stimme Manitus immer zu Menschen gesprochen hat, die zuhörten, aber daß wir die Fähigkeit nicht mehr besitzen, richtig zuzuhören.

Waters: C. G. Jung besuchte einmal die Pueblo-Indianer in Taos, Neu-Mexiko. In seinem Buch Erinnerungen, Träume, Betrachtungen berichtet er, daß die mystischen Ansichten dieser Menschen kosmologisch bedeutungsvoll sind, im Gegensatz zu unserer, vom Verstand formulierten, armseligen Meinung über unser Leben. Mystizismus ist ein anrüchiges Wort, und ich wünschte, es gäbe ein anderes dafür. Meiner Meinung nach ist es jedoch unmöglich, die Lebensanschauung der Indianer zu verstehen, ohne die Gültigkeit des Mystizismus und seine unrationale Betrachtungsweise des Lebens zu akzeptieren. Websters Definition des Mystizismus ist ganz einfach: "etwas, das eine spirituelle Bedeutung hat, aber weder für die Sinne wahrnehmbar, noch für den Intellekt einleuchtend ist." Intuition ist die einzige Fähigkeit, die wortlose Stimme der Mystik hören zu können.

 

Petersen: Unser Skeptizismus gegen Dinge, die man nicht in Worte kleiden kann, hat uns für diese bedeutungsvolle Quelle taub gemacht. Es ist wie mit Herbert Marcuses Reaktion auf das Wort "Kultur." Wenn ein Anthropologe das Wort "Intuition" hört, greift er nach seiner Pistole, aber er findet eine leere Halfter.

Waters: Die Anthropologen haben länger als ein halbes Jahrhundert indianische Zeremonien und Mythen studiert. Ihre Zeitschriften beschreiben in allen Einzelheiten das rituelle Drum und Dran, und wie es angewendet wird, aber die esoterischen Bedeutungen und Wirkungen der Zeremonien blieben faktisch unbekannt. Das ist jedoch nicht lediglich ein Fehler der Anthropologen. Die Pueblo-Indianer sind das verschlossenste und widerspenstigste Volk auf der Erde. Direkte Fragen, die ihre Religion betreffen, beantworten sie nicht. Gewöhnlich bezahlten die Anthropologen Informanten, damit diese ihnen etwas über die Rituale aussagen. Vielen dieser Informanten macht es jedoch großen Spaß zu lügen. Den Indianern gefällt es, wenn sich die Weißen in ihren eigenen Schlingen fangen. Mir passierte wiederholt das gleiche, als ich jung war. Ich schlich gern zum Lager der Ute-Indianer in der Nähe von Colorado Springs, um dort mit zwei Indianerjungen Pferde zu stehlen. Dabei wunderte ich mich jedesmal, warum uns die vor den Indianerzelten sitzenden alten Männer regelmäßig die Ponys entführen ließen. Schließlich kam mir die etwas peinliche Erkenntnis, daß sie sich freuten, wenn wir abgeworfen wurden.

 

Petersen: Aber ich habe von verschiedenen indianischen Freunden gehört, daß Ihre Bücher außerordentlich genau stimmen. Wie haben Sie Ihre Informationen erhalten?

Waters: Ich hatte das Glück, mein ganzes Leben lang unter Indianern zu leben. Ab und zu erwähnte ein Freund etwas über eine Zeremonie, und das löste etwas in mir aus, was ich selber empfand oder bemerkt hatte. Dadurch bekamen die Zeremonien, bei denen ich zugegen war, allmählich einen Sinn. Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich mit den Stammesältesten der Hopi-Indianer drei Jahre lang gearbeitet, um das Material für das Book of the Hopi2 zu sammeln. Keiner von ihnen bekam etwas dafür bezahlt. Sie wollten die Geschichte ihres Volkes und ihres religiösen Glaubens für ihre Kinder und Enkelkinder aufzeichnen. Ihre Mythen und Rituale sind für sie eine lebendige Erfahrung. Ihre Religion ist keine Sonntagsreligion; die meisten Indianer haben tatsächlich kein Wort für Religion. Für sie sind alle Aspekte des Lebens heilig. Es ist schwierig, diese Einheit in Kategorien aufzuteilen, die das rationale Gemüt erfassen kann.

 

bild_sunrise_11975_s23_1Petersen: Psychologen wie Jung und Erich Neumann haben bemerkt, daß das Ego, wenn es mit dem Unbekannten in Berührung kommt, dieses mit Symbolen umgibt, die dem Unbewußten entlehnt sind. Mythen, besonders Schöpfungsmythen, sind im wesentlichen schematische Darstellungen der Beziehungen des Menschen zu den dunklen, unbekannten Regionen des Gemüts.

Waters: Die Navajos und die Hopis nennen ihre Schöpfungsmythe die Geschichte ihres Erscheinens. Es ist die symbolische Geschichte über das Auftauchen des Menschen aus dem großen Teich des Unbewußten, die Geschichte von der Entwicklung des Bewußtseins. Die Mythe der Hopis weist darauf hin, daß sie auf drei vorherigen Welten lebten, bevor sie auf die gegenwärtige Welt kamen. Jede dieser Welten hatte ein beherrschendes Element, einen bestimmten Charakter und eine bestimmte Färbung. Zusammen bilden die vier Welten ein Symbol der Ganzheit, eines der universalen Urbilder des Menschen. Feuer war das vorherrschende Element der ersten Welt, in der der Mensch seinen Lebenshauch empfing. Luft war das beherrschende Element der zweiten Welt. In ihr empfing der Mensch den Atem des Lebens (atmen ist für alle Pueblo-Indianer eine Gebetshandlung). Wasser war das beherrschende Element der dritten Welt. In ihr erhielt der Mensch seinen Lebensstrom des Blutes. Der Schöpfer zerstörte alle diese Welten als die Menschen böse wurden. Nach einer großen Überschwemmung kamen die Überlebenden auf Flößen zu dieser vierten Welt. Das beherrschende Element der gegenwärtigen Welt ist die Erde, von welcher der irdische Körper des Menschen geboren ist.

Bildtext: Wanderzeichen.

 

Petersen: Aber das Bewußtsein ist die Fähigkeit, die den Menschen von der Natur absondert. Wie stellen die Mythen die Verbindung mit der Natur oder mit dem Unbewußten wieder her?

Waters: Die Überlebenden der drei vorhergehenden Welten begriffen, daß sie bevorrechtigte Neuankömmlinge in einer neuen und reichen Welt waren. Nach ihrer Ankunft baten sie den geistigen Wächter und Beschützer, hier leben zu dürfen. Der Geist gab seine Erlaubnis, sagte ihnen jedoch, daß sie nicht einfach aufs Geratewohl umherwandern dürften. Er befahl ihnen, planmäßig nach Norden, Süden, Osten und Westen bis zu den vier pasos, wo Land und Meer zusammenstoßen, zu wandern, ehe sie sich in ihrer endgültigen Heimat niederlassen dürften. Dort sollten sie nun alljährlich Zeremonien abhalten. Darin rekapitulieren sie ihre Wanderungen und nehmen das Land für den Schöpfer in Besitz. In psychischer Hinsicht erinnern uns diese Geschichten und Zeremonien daran, daß das individuelle Bewußtsein aus dem uranfänglich Unbewußten hervorging; daß die "Form" der Persönlichkeit durch die Strömungen aus dem Ozean des Unbewußten beeinflußt wird.

 

Petersen: Betrachten Sie diese Wanderungen als geschichtliche Begebenheit oder als Mythen, die zu erklären suchen, wie sich die Dinge im rechten Zeitraum vom Spirituellen "folgerichtig" weiterentwickelten?

Waters: Die Weißen wollten immer wissen, warum die Hopis - nachdem sie den ganzen Kontinent durchwandert hatten - den wüstesten, unfruchtbarsten Flecken Amerikas wählten, um dort zu wohnen, anstatt in einem schönen Tal mit einem Fluß. Die Hopis haben eine einfache, schöne Antwort. Sie sagen, für die Völker, die sich in üppigen Tälern niederließen, war das Leben zu leicht. Dadurch wurden sie so von sich selbst überzeugt, daß sie bald den Schöpfer vergaßen. Die Stammesältesten unter den Hopis sagen: "Hier sind wir gänzlich vom Schöpfer abhängig. Wir haben wenig Wasser, das Land ist unergiebig, und wir müssen unsere Zeremonien ausüben, damit der Mais wächst. Wir vertrauen auf die Vorsehung des Schöpfers; nur so konnten wir unseren Glauben erhalten." Nun, es ist erwiesen, daß die Hopis tatsächlich bis zu den vier pasos wanderten, doch die Mythe soll hauptsächlich das Gleichgewicht zwischen der physischen und der spirituellen Ökologie herstellen. Die Schilderung ihrer Wanderungen gehört genauso zu ihren religiösen Pflichten, wie die Zeremonien.

 

Petersen: In The Book of the Hopis fand ich, daß der Mais das religiöse Hauptsymbol und auch die Hauptnahrung der Indianer war. Ich versuchte, ihre Einschätzung des Maises mit unserer Einschätzung des Goldes zu vergleichen, aber die der Hopis übertrifft bei weitem die unsere.

Waters: Man kann einfach nicht über das Leben der Indianer sprechen, ohne das Wunder zu erwähnen, das der Mais ist. Er stellt selbst für die modernen Botaniker ein genetisches Mysterium dar. Mais diente den Indianern schon immer zum Lebensunterhalt. Es ist schwer zu sagen, wer zuerst geschaffen wurde - der Mensch oder der Mais. In den meisten Mythologien sind beide sinnverwandte Worte. Im Popul Vuh, dem alten Buch der Quiché Maya-Indianer steht, daß die ersten Menschen aus vier Kolben farbigen Maises gebildet wurden. Die Navajos glauben, daß der Mensch aus einem Maiskolben geschaffen wurde, während die Hopis behaupten, der Mais sei auf der ersten Welt für den Menschen geschaffen worden. Jedes Pueblo-Kind erhält bei seiner Geburt einen ausgereiften Maiskolben als Maismutter. Die Maismutter gibt den Kindern Nahrung und ist im Grunde genommen gleichbedeutend mit Mutter Erde. Bei jeder Zeremonie benützen die Indianer Maismehl. Die Alten der Hopis sagten: "Da wir sein Fleisch in unseres eingefügt haben, ist der Mais auch unser Körper. Wenn wir daher bei unseren Gebeten Maismehl opfern, opfern wir einen Teil unseres Körpers. Mais ist aber auch Geist, denn er war eine göttliche Schöpfung. So bringen wir dem Schöpfer auch spirituellen Dank dar."

 

Petersen: Alfred North Whitehead sagte einmal, daß "der Sinn für die Wirklichkeit, der Sinn für Wirksamkeit ist." Haben die Hopis über Sinn und Zweck des Lebens eine Vorstellung?

Waters: Anscheinend ist dem so. Jede weltliche Handlung ist von einer spirituellen Empfindung durchdrungen. Jeder hat das Gefühl, daß er gebraucht wird, denn es wurde ihm gelehrt, daß auch Hoffnungen, Gedanken und Gebete Früchte tragen. Ich habe die Zeremonien der Pueblo-Indianer immer als gemeinschaftliche Handlung erlebt, die in ihrem Volk etwas ganz Wunderbares erweckt, ein Gefühl des Wiedergeborenwerdens und der Verjüngung. Die Zuschauer erhalten durch ihre Anwesenheit bei den Tänzen und als Zeugen bei den Ritualen den gleichen Anteil an der spirituellen Erfahrung wie die Ausübenden. Die Navajos, zum Beispiel, veranstalten große Gesänge oder Zeremonien für einen kranken Patienten, weil er mit den kosmischen Kräften nicht mehr in Harmonie steht. Einer der Sänger sammelt aus den vier heiligen Richtungen farbigen Sand und formt damit auf dem Boden ein mandalaähnliches Bild. Dann setzt sich der Patient auf das Bild, der Sänger rezitiert die für diese spezielle Krankheit bestimmte Mythe und streut dabei den Sand über den Körper des Kranken. Die Zuschauer bei dieser Zeremonie ziehen für ihr Wohlbefinden den gleichen Nutzen aus dieser Anrufung.

 

Petersen: Die Sandzeichnungszeremonien scheinen wie eine Art Kreuzung zwischen einem griechischen dramatischen Chor und einer "Esalen encounter group" zu sein. Sind diese Zeremonien wirklich therapeutisch?

Waters: Sie sind wahrscheinlich genauso erfolgreich, wie jede Art westlicher Psychotherapie, nur daß sie vielleicht schon länger angewendet werden. Ich erinnere mich, daß die Navajo-Männer, die im zweiten Weltkrieg dienten, ernstlich verstört zurückkamen, weil sie viele Menschen töten mußten. Die Sänger hielten Zeremonien ab, um den Schrecken der Vernichtung, die negative Seite des Tötenmüssens, abzuwenden. Anscheinend stellten die Zeremonien diese Männer wieder her. Die Sänger brachten sie wieder mit sich und dem Leben in Harmonie. Ich könnte noch hinzufügen, daß die Navajos nicht mit den Anhängern der Christlichen Wissenschaft gleichzusetzen sind. Wenn ein Mensch vom Pferd fällt und einen Arm bricht, geht er zu einem Arzt, um den Arm einrichten zu lassen. Die Sänger behandeln nicht die Krankheit, sie behandeln den Patienten. Sie halten dann eine Zeremonie ab, wenn sie den Menschen von den psychologischen Kräften lösen wollen, die ihn in erster Linie für diesen Unfall anfällig machen.

 

Petersen: Welche Schulung erhalten die Sänger?

Waters: Es ist wie bei den modernen Psychiatern. Keinem Navajo-Sänger ist es erlaubt, eine Zeremonie zu leiten, solange er sie nicht als Patient mitgemacht hat. Der Grund dafür ist einleuchtend. Ein Anfänger unter den Sängern kann zu schwach sein, um dieser großen Kraftanstrengung gewachsen zu sein, und kann dadurch Schaden erleiden. Es gibt wenige Sänger, die jemals mehr als einen bestimmten Gesang geleitet haben. Um diesen Gesang meistern zu können, muß er schon als Kind in die Lehre gehen und ihn zu seiner Lebensaufgabe machen. Die Navajos betrachten die Hunderte von auswendig gelernten zeremoniellen Mythen, Gesängen und Gebeten als spirituelles Eigentum, das genauso unantastbar ist, wie materieller Besitz. Der Lehrling sieht das Wissen nicht als sein eigen an, bevor er es nicht von seinem Unterweiser mit Tierhäuten, Decken und Silber gekauft hat. Der Sänger prüft die Auffassungsgabe seines Schülers, indem er ihm nur das gibt, wonach er verlangt - zum Beispiel nur den Text der Lieder, aber nicht ihre Bedeutung. Auf alle Fälle behält er aber die ganz alten Gesänge und Sandbilder zu seinem eigenen Schutz zurück. Andererseits gibt der neue Sänger seine Kenntnis niemals preis und führt auch die Zeremonie nie umsonst aus. Er versucht aber auch nicht, sich durch sein nicht-materielles Eigentum materiell zu bereichern. Somit bilden die Zeremonien eine Sammlung esoterischen Wissens, das sich allmählich entfaltet, und zwar in dem Maße, in dem gelernt wird, um was gebetet werden muß, und dessen tiefere Bedeutung nur in der Hierarchie der Sänger weitergegeben wird. Dieses Wissen kann nicht in einem Lehrbuch zusammengefaßt werden - es wird mündlich weitergegeben, wenn der Schüler dazu bereit ist. Auf diese Weise wird das Wissen lebendig erhalten.

 

(Fortsetzung folgt)

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Fußnoten

1. Copyright (c) Communications/Research/Machines, Inc. Mit Erlaubnis abgedruckt aus Psychology Today, May 1973. [back]
2. Siehe engl. Sunrise, September 1965, Buchbesprechung von Madeline Clark. Deutsche Ausgabe: Heft 1, 1967. [back]