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Die Mikrowelten, die wir Atome nennen

Durch die Publizierung wissenschaftlicher Entdeckungen und die Begriffe, die darüber entstanden sind, wurde unser Wissen über die Atome auf deren physische Aspekte und ihre Energien begrenzt. In unserer pragmatischen Zeit sind wir für die Erkenntnisse weiser Männer aus vergangenen Zeiten blind geworden und haben kein Verständnis oder mißachten die grundlegenden Ideen in ihren Schriften. Wir haben auch verlernt, die schöpferische Imagination zu Hilfe zu nehmen, um die möglichen Antworten auf die verschiedenen Situationen im Leben ins Auge fassen und die Beziehungen der Wesenheiten in unserer Umgebung zueinander sehen zu können. Shakespeare bediente sich des Auges eines vom Genius erleuchteten Dichters, und obgleich er die Komödien als Tarnung verwendete, so können wir doch aus den Worten, mit denen er Mercutio sich auf das Wirken von Mab beziehen läßt "... eine Gruppe kleiner Atomwesen"1, eine Vorstellung über das Universum gewinnen, das aus einer riesigen Ansammlung von großen und kleinen Wesen bestehen soll.

"Atom-Wesen", schon das bloße Wort vermittelt eine Vorstellung von Atomen als winzige lebendige Wesenheiten und nicht als kleine, harte, unteilbare Bausteine gewisser Physiker des 19. Jahrhunderts. Vor fünf Jahrzehnten gestaltete Niels Bohr durch seine Hypothese, daß das Atom eine kleine Kopie des Sonnensystems sei, und daß die Elektronen wie Planeten um ihre protonische Sonne kreisen, diese Vorstellung von Grund auf um. Jetzt betrachten wir sie als elektrische Phänomene, deren Partikel positiv und negativ geladen sind.

Wenn wir unseren Gesichtspunkt auf die molekularen Bereiche ausdehnen, enthüllt das neue Elektronenmikroskop wohlgeordnete Gebilde von großer Exaktheit. Zum Beispiel zeigen die Photographien von sehr vergrößerten Hämoglobinmolekülen, den roten Bestandteilen des Blutes, oder jenen von Metall und anderen Materialien, eine Konstruktion und Organisation von fast unglaublicher Komplexität. In diesem Zusammenhang können wir auf den speziell wissenschaftlichen Teil in Saturday Review vom 19. Februar 19722 hinweisen, wo in einem Artikel die Grundzüge über die mikroskopische Prüfung von Kristallen gebracht wurden. In diesem Artikel war die Arbeit von Julius Weber zusammengefaßt, der vor fünfzig Jahren das erste Mal von Mineralien, die er im Brooklyner Kindermuseum in New York ausgestellt sah, einfach fasziniert war. Obgleich er sich später auf medizinische Photographie mit dem Mikroskop spezialisierte, sind die mineralischen Kristalle doch sein Hobby geblieben. Dabei überprüfte er ganz winzige Stücke, von denen jedes einzelne nicht größer war als der Punkt, den er am Schluß seiner Sätze machte.

Die dem Artikel beigefügten prächtigen photographischen Aufnahmen waren einem Farbfilm entnommen und zeigten die jeder Substanz eigentümlichen geometrischen Muster, wie das Dreieck im Diamant und die mehrfachen Pyramiden im Flußspat, die seltsamen Windungen im Platin, was uns an manche Formen der modernen Kunst, die auf Farbenverwandtschaft gegründet ist, erinnert. Eine andere Substanz (Isotopen oder Natriumsilikat) hat gelbe Flecken in grüner Umrandung und sieht aus wie Blumen in einem Garten.

Jedes dieser Muster ist der Ausdruck einer bestimmten Gruppierung von Atomen. In einem Stück Mineral, kleiner als ein Stecknadelkopf, können in Form eines komplizierten Gitterwerkes, das sich über drei Dimensionen erstreckt, achtzig Billion Atome miteinander verbunden sein. Alle betrachteten Mineralien zeigen die gleiche Exaktheit planmäßigen Aufbaus, aber die besondere Art, wie ihre Atome in ihnen angeordnet sind, bestimmt den Unterschied selbst zwischen so ähnlichen chemischen Substanzen wie Graphit und Diamant, die beide nichts anderes sind als reiner Kohlenstoff. Dr. J. A. Mandarino, der Autor des Artikels, wundert sich, daß die gleiche Art Atome so unähnliche Minerale hervorbringen kann. "Es ist genauso wie bei den Noten einer Tonleiter, die zu einer Rock'n'Roll-Melodie oder zu einer Fuge von Bach verwendet werden können." Derartige Erscheinungen können bestimmt nur das Ergebnis des harmonischen Zusammenwirkens vieler Teile sein, das durch irgendeine Art Intelligenz, die hinter der Szene wirkt, geleitet wird.

Wir wollen deshalb Bohrs Darstellung aufgreifen und unsere schöpferische Imagination in das Reich der Atome versetzen. Wir wollen uns diese als Mikrowelten vorstellen, die möglicherweise von Mikropflanzen und Mikrotieren bewohnt sind und vielleicht sogar von Mikrowesen, die wie wir Menschen vielleicht Intelligenz besitzen, wenn sie auch nicht notwendigerweise eine Gestalt haben, die der unseren irgendwie gleicht. Da man entdeckt hat, daß die Bakterien in Wirklichkeit winzige Pflanzen und die Viren ganz kleine Tiere sind, können wir dieses Bild ohne weiteres auch annehmen. Es ist wohl wahr, daß beide größer sind als Atome, aber auch sie sind nur durch ein sehr stark vergrößerndes Mikroskop zu erkennen. Wir sollten dieses Gebiet des Allerkleinsten so betrachten, als sei es mit lebensfähigen Organismen angefüllt, die ihre eigenen epochalen Lebenszyklen innerhalb der Zeitspanne eines einzigen Tages, wie wir ihn kennen, haben.

Die Analogie ist für uns eine Hilfe, wenn wir unser geistiges Auge auf das Reich des unendlich Kleinen richten und dabei auch daran denken, daß drei Eigenschaften die Vorgänge in der Natur beeinflussen. Trägheit, die auf die Schwerfälligkeit der Materie zurückzuführen ist, feurige Energie, die sich vom Dichtesten bis zum Ätherischsten erstreckt, und Gleichgewicht, das, anders ausgedrückt, reiner Geist oder relativ reines Bewußtsein ist: diese wirken durch Aktion und Reaktion beständig aufeinander und auf uns ein. Diese drei grundlegenden Eigenschaften des universellen Lebens waren im Osten und im Westen unter verschiedenen Namen bekannt. In der Bhagavad-Gîtâ sind zum Beispiel mehrere Kapitel der Beschreibung von tamas, rajas und sattva gewidmet, die Trägheit, lebhafte Begierde und die Essenz des spirituellen Seins darstellen. Auch Plato hatte verschiedene Bezeichnungen, mit denen er denselben umfassenden Bereich der Eigenschaften des Menschen und des Kosmos beschrieb und dadurch zum Ausdruck brachte, daß sie gleicherweise alle Gruppen von Wesen, vom Atom bis zur Milchstraße, durchdringen.

Die Physiker behaupten, daß die Hypothese des Gesetzes von der Erhaltung der Energie erklärt, daß die Menge der Energie in der Natur unverändert bleibt; die Energien können zwar umgewandelt oder vertauscht werden, aber die Gesamtmenge kann nie vermindert oder ganz vernichtet werden. Auf Grund dieser Annahme muß alles wie mit einem Faden ununterbrochen miteinander verbunden sein. Doch diese Anschauung wird vollkommen verworfen, weil ein derart wirkendes Agens nicht sichtbar ist.

Im Prolog zu Faust, 2. Teil, bezieht sich Goethe in diesem Zusammenhang auf das geheimnisvolle Reich der Mütter - auf die kosmischen Küchen, in denen beständig Kessel, angefüllt mit Atomen und Kräften, brodeln, die das Leben und die Formen der Natur erzeugen, gestalten und wieder neu gestalten. Alles, was ist, kommt aus diesem einen Laboratorium.

Wenn wir einen Sonnenstrahl betrachten, so sehen wir winzige Stäubchen in beständiger Bewegung. Sie stehen niemals still. Auch in der Atmosphäre schießen strahlende Lichtkugeln umher. Ihre Ruhepausen wechseln mit plötzlichen Lichtblitzen. Welch gewaltige Perioden mögen wohl die winzig kleinen Bewohner durchleben, die auf diesen Lichtkugeln ansässig sind, während wir einmal mit unseren Augen blinzeln! Ein solches Verhältnis mag auch zwischen unseren Zyklen und denen der Sonne und der Milchstraße bestehen. Es scheint so, als seien "Atome" lebende Wesenheiten, und als solche müssen sie viele Aspekte haben, geradeso wie der Mensch, der den Bereich vom Vehikel aus fest erscheinender Substanz bis zum Spirituellen hin umfaßt.

Die Atomphysiker des vorigen Jahrhunderts nahmen die alte Bezeichnung atom wieder auf, wobei es für sie aber nur die kleinste, unteilbare materielle Einheit war. Angenommen, die Griechen hätten ihre Definitionen nicht aus der Erforschung des Physischen abgeleitet, wie es heute allgemein üblich ist, sondern diese Begriffe aus philosophischen oder spekulativen Gründen angenommen, - dann wären sie, wenn das stimmen würde, der Denkweise oder der Gedankenatmosphäre ihrer Zeit nicht gerecht geworden. Tatsächlich weisen aber die griechischen Texte darauf hin, daß nicht nur eine rein materielle Auffassung bestand. Das 'atom' war mit einem anderen Begriff eng verbunden, monas, die Monade oder das Bewußtseinszentrum, das Bewußtseinsatom, die unteilbare Individualität. Das Bewußtsein ist also das Unreduzierbare, und das Atom des Wissenschaftlers ist nur die äußerste Manifestation eines Wesens, das heißt, der materielle Aspekt der Monade als Bewußtseins-Energie.

H. P. Blavatskys Werke sind voll von solchen zum Nachdenken anregenden Stellen, wie die folgende:

Jedes Atom wird zu einer sichtbaren zusammengesetzten Einheit (einem Molekül), und einmal in die Sphäre der irdischen Tätigkeit gezogen, wird die monadische Wesenheit, durch das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich hindurchgehend zum Menschen.

Die Monaden sind die Seelen der Atome.

- Die Geheimlehre, Bd. 1, S. 679

So können wir das Sonnensystem als ein großes Atom ansehen oder wir können das Atom als ein Miniatursonnensystem betrachten. In beiden Fällen können wir die gleichen Gesetze anwenden, weil sie in beiden gleich wirken. Natürlich müssen wir dabei die Größe und die entsprechende Entfaltung von Eigenschaft, Fähigkeit und Stärke mit in Betracht ziehen. Vergrößert man die Atomenergien zu den Proportionen der Sonne, so würden unsere bekannten Planeten wie verhältnismäßig vollkommen entwickelte Elektronen erscheinen. In dieser Weise können wir auch die Bewohner der Erde als Beispiel für die Bewohner der Elektronen betrachten und somit annehmen, daß diese unsere Vorläufer sind. Wichtiger als die physische Form sind jedoch die inneren Aspekte. Und was nun den Raum zwischen den Atomplaneten anbetrifft, so entspricht er etwa dem Raum zwischen den Planeten, die die Sonne umgeben. Betrachten wir das Atom von diesem Standpunkt aus, so besteht es zum größten Teil aus Löchern, genauso wie die Erde und die Welten, die sie begleiten, in der Unermeßlichkeit der magnetischen Sphäre der Sonne kleine, kompakte Kiesel zu sein scheinen.

Was sollte dieser Magnetismus sonst sein, wenn er nicht der Ausdruck der Seele ist? Die scheinbare Leere des Raumes zwischen den uns bekannten Objekten besteht aus Abstufungen von Kräften, Magnetismus und anderem - alles Manifestationen von Bewußtsein. Daher kommt auch der buddhistische Begriff von der "Fülle des anscheinend Leeren" und von der "Leere der Materie." Empedokles, der griechische Philosoph und Schüler von Pythagoras, erklärte Liebe und Haß als die zwei Kräfte, die das Universum regieren. Die Wissenschaft würde sie Anziehung und Abstoßung nennen. Wenn wir die alten Begriffe also in unsere Ausdrucksweise übersetzen, so nehmen sie einen überraschend modernen Klang an, denn die Welt und alles um sie herum bilden tatsächlich die Arena für den beständigen Kampf zwischen den Gegensätzen. Weise haben behauptet, die anziehende Kraft sei Mitleid, etwas Reales, das auch die Seele des Universums genannt wird. Wenn wir es so betrachten, dann wird klar werden, daß sich eine Wesenheit als Atom und eine andere als größeres Universum manifestieren kann. Beide sind Glieder in der endlosen Kette von Bewußtseins-Energie-Zentren.

Fußnoten

1. Romeo und Julia, I. Akt, 4. Szene. [back]
2. "Fragments of Beauty from the Miniature World of Microscopy" von Dr. J. A. Mandarino, Kustos am Königlichen Ontario-Museum, Toronto, Kanada. [back]