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Tempel des Menschen

Viele begreifen heute die tiefschürfenden Gedanken in den Religionen, die Ägypten, Indien, Amerika, Chaldäa, Persien und Griechenland hervorgebracht haben und die durch Zivilisationen hindurch erhalten geblieben sind. Und das ist gut, denn nichts kann das Leben dieser alten Völker weniger erklären, als die einst vorherrschende Meinung, daß deren Glaube nicht mehr war, als das Resultat allgemeiner Unwissenheit, Leichtgläubigkeit, Phantasie und Aberglauben. Die Menschen wären nicht jahrtausendelang damit zufrieden gewesen, wenn die Wahrheiten dieser Religionen nicht ihre tiefsten Nöte und ihr höchstes Sehnen berührt hätten. Was in den Jahren des Verfalls auch gewesen sein mag, es gibt genügend Beweise, um annehmen zu können, daß zur Zeit ihres Höhepunktes neben der formalen Geistlichkeit immer eine erhabene Gruppe existierte, die von ihren Zeitgenossen als Bewahrer einer universalen Weisheit sehr geachtet wurde.

Es besteht jedoch noch immer ein weiter Abgrund, der die 'Welt' jener früheren Menschenrassen von der unsrigen trennt. Obwohl wir viele der Schriften, religiösen Texte und Flachreliefe in neuzeitliche Sprachen übersetzten und auszulegen versuchten, sind wir nicht wirklich in das Gedanken-Leben unserer Vorfahren eingedrungen. Einige Gelehrte haben die Ursache dafür in "einem tiefgründigen Unterschied der Mentalität gesehen, der die Alten von uns trennt", aber das ist nicht alles. Der Zusammenhang der überlieferten Kultur wurde unterbrochen, wobei zwei der Hauptursachen ziemlich naheliegend sind: die Zerstreuung der Alexandrinischen Bibliothek, der unermeßlichen Sammlung von Schriften auf jedem Gebiet des Wissens1, durch Feuer, Plünderung und die anscheinende Geheimhaltung einiger besonders wertvollen Bücher. Eine zweite Ursache war der Verfall des alten Römischen Reiches, begleitet vom Wachstum eines kristallisierten Dogmatismus, der die Europäer in der kurzen Zeit von einer oder zwei Generationen von ihrem Erbe abschnitt.

Glücklicherweise haben wir neben Kunstwerken und Manuskripten, die nach und nach in Ruinen und Verstecken gefunden werden, bis in unsere Zeit erhaltene feste Bauwerke, die wir in der Hauptsache mit religiösem Kult in Beziehung bringen. Manche dieser alten Tempel wurden für höhere Zwecke errichtet, als nur zur Beherbergung von Bildnissen oder für die allgemeine Verehrung der Gottheiten. Unseren Vorfahren wurden die alten Mythen nicht nur vorgetragen oder vorgelesen, sondern durch den Brauch der wiederholten Aufführung der heroischen Taten ihrer "Götter", erlebten sie wirklich einen heiligen Ritus. Das bedeutete, daß das Volk beständig an einem religiösen Drama teilnahm, so daß etwas, das nie rein historisch gewesen sein mag, trotzdem für es eine spirituelle Wirklichkeit war, denn die Mythen schlossen eine lebendige Wahrheit in sich ein.

Es wurde darauf hingewiesen, daß eine der Methoden, in denen die alten Erzieher der Menschheit der Menge des Volkes die Essenz der Schulung zur Charakterbildung, "Die Mysterien" genannt, mitteilten, ein System symbolischer Geographie war, wobei ein ganzes Land, oder vielleicht auch eine Stadt verwendet wurden, um den Tempel des Menschen zu verkörpern, die Namen von Bergen, Flüssen, Bezirken und anderer Markierungen für des Menschen innere oder "mystische" Geschichte standen; ebenso für die Seele und ihre Eigenschaften. Eines der vielen Beispiele von Bauwerken, die universale Prinzipien verkörpern, ist der Tempel des "Apet des Südens" in Luxor, Ägypten. Seine zwei Haupthallen versinnbildlichen die zweifache Natur des Menschen: seine Essenz in einem äußeren Vehikel oder in seiner Persönlichkeit (sein höherer und sein niederer Teil). Die Ägypter stellten den zweifachen Charakter des Gemütes symbolisch durch den Ibis mit seiner schwarzen und weißen Färbung dar; und auch durch den Ibis und den Pavian. Eine weitere Hilfe im Prozeß der Selbsterkenntnis war, die Wände mit Hieroglyphen zu bedecken: Bilder, die geeignet waren, im Menschen intuitive Vorstellungen zu erwecken. Beim Betreten dieses "Apet"-Tempels nahm der geschulte Mensch den Zusammenhang zwischen den Teilen des Gebäudes und dem Ganzen wahr und belebte in sich, was er 'sah', wenigstens dem Grade seines Erkenntnisvermögens entsprechend. Die Anordnung der Säulen, Nischen und anderer Einrichtungen war nicht nur architektonisch ausschmückend und zweckmäßig anzusehen, sondern erläuterte auch die vielseitige Natur des menschlichen Wesens.

Wenn wir die Fragen, die sich der Ägypter wegen seiner 'Götter' (als Symbole) stellte, in unsere Sprache übertragen wollen, so kommen wir etwa zu folgendem, das zwar in einem anderen Zusammenhang erscheint, aber eine vollkommene Wiedergabe der Themen darstellt, mit denen sich der nachdenkliche Ägypter beschäftigte.

Was ist das Gemüt? Worin liegt seine Tätigkeit? Was ist die Seele? Was ist das Leben? Was ereignet sich beim Tode und nachher? Welche Bedeutung hat der Körper und seine verschiedenen Teile im Menschen, in den Tieren, in den Pflanzen? Wie ist die Struktur der Welt und wie trat sie ins Dasein? Durch welche Kräfte und Mittel werden die menschlichen Schicksale bestimmt? Was sind Universen? Was ist Zeit?2

Er empfing seine Antworten in sich selbst, denn in Übereinstimmung mit dem hermetischen Grundsatz eines bis in unsere Zeit anhaltenden Echos: "Wie oben, so unten", wurde die Parallele zwischen den Ereignissen der Welt und seinen eigenen durch seine Mythen zur Tatsache. Denn die Götter waren tätige Agenten des Raumes oder des Makrokosmos und hatten ihre Vertreter im Menschen, der Miniatur oder dem Mikrokosmos. Die Ägypter sahen hinter jedem Ereignis das Göttliche, und wenn das Universum ihrer Auffassung nach unveränderlich schien, galt das nur in bezug auf gewisse grundlegende Prinzipien, die der schöpferische Geist (Re-Atum) am Anfang des Evolutionsprozesses durch sein Vehikel, die Natur, (Isis) "aufstellte." Innerhalb der anscheinend unveränderlichen Unermeßlichkeit gab es beständige Bewegungen, die sich zu einem bestimmten Auf und Ab oder Pulsieren, wie das Schlagen eines Herzens, gestalteten. Das wurde in der Geschichte von dem beständigen Kampf zwischen Horus, dem ägyptischen Christos, und Set geschildert, der ursprünglich nicht die Personifikation des Bösen war, zu dem wir ihn während sechzehn Jahrhunderte dauernder theologischer Herrschaft machten.

Es gibt eine interessante Vignette, die Osiris "auf dem Waagbalken" (ein anderes Symbol für das Gemüt) stehend zeigt, die Zepter der Meisterschaft über die Gefühle und den Geist, sowie den an einem Ende gegabelten Stab tragend. Vor Osiris kniet, aber mit dem Rücken zu ihm, ein an einen gegabelten Stab gebundener Mann. Er trägt einen Eselskopf und drei waagrechte Messer berühren ihn. Vor dieser Gestalt steht Horus mit erhobenem Messer (Symbol des Willens). Die Bedeutung scheint zu sein, daß ein Mensch durch die Macht der Entscheidung oder des Willens die unentwickelte materielle Seite umwandeln - "die Maske herunterreissen" oder diesen Aspekt "erschlagen" - muß, ehe er in dem Prozeß der vollkommenen Entfaltung der menschlichen Eigenschaften seiner inneren Göttlichkeit, dem Christos in ihm, von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten und der Mensch hinter der Maske hervorkommen und wahrgenommen werden kann. Dann kann der zum klaren Kanal des Horus-Christos Einflusses gewordene 'Mensch' seinen Vater Osiris 'sehen'. Kein Wunder, daß jeder, der selbstlos lebt, in geringem Grade eine 'Umwandlung' erfahren kann.

Einer der charakteristischen ägyptischen Begriffe war der der Immanenz oder des Werdens. Die Menschen konnten 'osirifiziert' werden, das heißt, ihr eigener Osiris oder ihre innewohnende Gottheit konnte durch sie leuchten ... wenn sie vorbereitet waren, die nötige Schulung durchzumachen, die Umwandlung zu vervollständigen, indem sie sich dem Dienste der Götter weihten. Wie ein Gelehrter sagt, mögen die Ägypter "ihre Götter erhöht haben, indem sie die unendliche Vielfältigkeit der göttlichen Macht besonders betonten", aber sie müssen die Menschen in diesen Kreislauf eingeschlossen haben, denn für sie war alles im Werden begriffen. In ihrer Kosmogonie ward das sichtbare Universum aus Nun, dem großen Ozean des Raumes, geboren. Sogleich nach dem Erscheinen des ersten Funkens mit seiner ihm innewohnenden gewaltigen Macht, folgte in einer Reihe von Hierarchien die ganze Reihe der Götter und intelligenten kosmischen Kräfte. Aus den hohen Göttern gingen die niedrigeren hervor und von Anfang bis zum Ende herrschte "Ordnung und Harmonie". Wenn diese Prozesse irgendwann oder irgendwo gestört wurden, mußte Isis-Natur den göttlichen Plan wieder in Ordnung bringen oder wieder herstellen.

Da sich die Religion in jedem Teil des Lebens des Durchschnitts-Ägypters auswirkte, können wir sie von seiner Erfahrung im Alltagsleben nicht trennen. Von seiner großen Literatur, die vorhanden gewesen sein muß, ist nur sehr wenig überliefert. Selbst Bücher, wie die Aphorismen von Ptah-hotep, Amen-em-apt oder Ke-Gemni sind nicht die einfachen Sammlungen von Sprichwörtern, die auffordern Gutes zu tun oder den aufgestellten ethischen Vorschriften entsprechend zu handeln, wozu sie die meisten Übersetzer machten. Diese Aussprüche oder "Lehren", wie Professor Henri Frankfort sie nennt, haben durch die in den Worten enthaltenen Hieroglyphen oder Symbolen eine tiefe Bedeutung erlangt, denn die Bilder bildeten nicht nur ein Alphabet, sie enthielten auch Gedanken, die auszulegen ganze Sätze erfordern würde. Wir sind zu sehr an eine von Buchstaben abgeleitete Sprache gewöhnt, denen ein solch bildlicher Inhalt fehlt. Unsere Sprache mag präziser erscheinen, aber es fehlen ihr die notwendigen Obertöne, die jedes Zeichen durch bildliche Darstellung, durch Stärke und Mannigfaltigkeit des Gefühls vermitteln kann. Oder vielleicht ist es richtiger zu sagen, wir haben die in unserer Zeit für unseren Gebrauch richtige Sprache. Aber wir dürfen bei der Wertschätzung unserer Errungenschaft der genauen Begriffsbestimmung die Möglichkeit nicht aus den Augen verlieren, daß dabei manche der feineren Auslegungsmöglichkeiten verloren gehen, weil unsere Worte nicht die gedankenreichen Verbindungen und die Anregung enthalten, wie die älteren Ausdrücke.

Die Ägypter kannten zum Beispiel viele Unterschiede in der Bedeutung eines Wortes wie Akh, das gewöhnlich mit "angenehm", "vorteilhaft" übersetzt wird. Aber Professor Frankfort deutet an, daß es auch "heilig" und "verklärt" bedeutet. Wenn ihre Texte uns vorschreiben Akhu zu werden, dann beziehen sie sich nicht nur auf die Eigenschaft des Angenehmen, oder daß wir "das Leben leicht nehmen" sollten. Sie bedeuten für uns heilig, mit dem inneren Gott verherrlicht werden. Im Pert-em-Hru oder dem "Ritual vom Heraustreten ins Tageslicht" (als "das Totenbuch" bekannt) sind zum Beispiel jene, die den darin angeführten Schulungszyklus durchliefen, Akhu. Sie wurden mit ihrem eigenen inneren Osiris vereinigt und daher osirifiziert, "gerechtfertigt" oder mit Maat vereint. Maat ist Wahrheit, Ordnung, Gerechtigkeit etc.. Diese Eigenschaften müssen in einem Menschen erweckt, das heißt von ihm erfahren worden sein, ehe sie das Innere ihrer Bedeutung hervorbringen. Daher ist der Prozeß nicht statisch, sondern flüssig oder fließend. Darin liegt eine der Schwierigkeiten bei der Übersetzung, weil viele Ideen in den Texten enthalten sind.

Es ist jedoch möglich die Bilder zu erfassen, doch muß das eher durch ein von intuitivem Gefühl geleitetes Gelehrtentum geschehen, als durch eine zerstörende Analyse, die auf Denkgewohnheiten aufbaut, die wir von früheren Generationen erhalten haben. Gegenwärtig beobachten wir immer mehr die Neigung zu einer Offenheit des Gemütes; die Auslegung erfolgt nicht vom überlegenen Standpunkt (?) einer eingebildeten Überlegenheit unserer eigenen Ansicht aus.

In einer kürzlich erschienenen Broschüre3 finden wir anschauliche Übersetzungen, wie die folgende von Amenemope:

Der leidenschaftliche Mensch im Tempel ist wie ein Baum, der im Freien wächst. Plötzlich verliert er sein Laubwerk und endet auf der Schiffswerft.

(Doch) der wirklich stille Mensch ... ist wie ein Baum, der in einem Garten wächst. Er gedeiht, trägt doppelte Frucht und steht vor seinem Herrn. Seine Frucht ist süß, sein Schatten ist angenehm.

Professor Frankfort erklärt, daß die "'Lehren' zwischen zwei Temperamenten unterscheiden: dem 'leidenschaftlichen Menschen' und dem selbstbeherrschten, dem sogenannten 'stillen Menschen.' ... Wahre Weisheit ist wirkliche Macht; aber sie bedeutet Meisterschaft über die eigenen Impulse und Stille als Zeichen ... von Überlegenheit." Diese und andere Schriftstellen zeigen deutlich, daß mit dieser Stille der Gleichmut oder die innere Ausgeglichenheit des erleuchteten Weisen gemeint ist, genau wie sich die Verklärung des Akhu auf den inneren Gott bezieht und nicht auf die äußeren Götter oder auf die Geister der Toten. Amenemope sagt ferner, daß sich der 'leidenschaftliche Mensch' sicherlich gegen Gott wenden wird - wobei hinzugefügt werden muß, gegen seinen eigenen inneren Gott?

Ein Zitat von Kagemni (Ke-gemni) lautet:

Wenn du ein Führer bist, der die Angelegenheiten vieler anderer Menschen leitet, dann strebe nach jeder trefflichen Eigenschaft, bis kein Fehler mehr an deiner Natur ist. Maat ist gut und sein Wert ist von Dauer. Es ist seit seiner Erschaffung nie erregt worden. ... Es liegt als ein Weg selbst vor dem, der nichts weiß.

Während diese Stelle gewöhnlich dahingehend ausgelegt wird, daß sie "Ehrlichkeit ist die beste Politik" bedeutet, weist der Text bestimmt auf eine 'göttliche Ordnung' oder göttliche Essenz des Daseins hin.

Alles das veranlaßt, außer auf die ägyptischen auch noch auf andere Beispiele hinzuweisen, um die zusammenhängende Lebensphilosophie zu erklären, die in den Überresten alter Zivilisationen zum Ausdruck zu kommen scheint, ohne Rücksicht auf deren Alter, den Ort oder die Rasse von denen sie stammen. Die in den Wanderungen des Odysseus, des Aeneas, des historischen Apollonius von Tyana und seines Damis (der dem Weg des Pythagoras folgte) aufgezeichnete symbolische Geographie deutet auf dieselbe Mysterienlehre über die Entwicklung der Fähigkeiten des Menschen hin, damit er als eine augenscheinliche Darstellung des Göttlichen oder von Epiphanie leuchten kann. Das Suchen nach dem Gottes-Samen schloß immer eine 'Rückkehr' von der Reise ein, um die gesammelten Errungenschaften und Wahrheiten mit jenen zu teilen, die noch nicht so weit auf dem Wege fortgeschritten waren. Das ist der wahre Mythos von der Ewigen Wiederkehr. Er stellt die Bedeutung dar, die der Geschichte in Könige I, VI, 7 zugrunde liegt. Diese beschreibt den Bau des Tempels Salomons ohne daß man "Hammer, noch Beil, noch irgendein eisern Werkzeug hörte." Denn hier handelt es sich um die Gestaltung der wahren Natur des Menschen, des "Tempels des Lebendigen Gottes", und des Königs Bitte um Weisheit vor Reichtum und Macht zeigen den Wunsch, seinen Mitmenschen zu dienen: das Zeitalter alte Gebot jedes großen religiösen Lehrers.

Fußnoten

1. Siehe "The Great Library", SUNRISE, June 1962. [back]
2. The Origins of European Thought von R. B. Onions. [back]
3. Ancient Egyptian Religion, by Henry Frankfort. Harper Torchbook, 1961. [back]