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Karma – Nemesis und der Mensch

Einer der Eckpfeiler der Philosophie des großen Naturforschers Carl von Linné war sein unerschütterlicher Glaube an eine unausweichliche Nemesis. Für ihn, der so tief in den Wirkungsmechanismus der uns umgebenden Natur eingedrungen war, war eine auf dem Sittengesetz gründende Vergeltung, Nemesis Divina (Göttliche Nemesis), genauso unerläßlich wie das physikalische Gesetz von Ursache und Wirkung. Er versuchte zwar, den Glauben mit seinen Kenntnissen der physikalischen Gesetze zu beleuchten und zu erklären, doch er konnte ihn nie philosophisch beweisen, weil er sich nicht erklären konnte, wie das geistige Leben überdauert und zyklisch wieder erscheint.

Viele seiner Aufzeichnungen1 lassen erkennen, wie stark er suchte und eine Erklärung für dieses Etwas haben wollte, das er in der Tiefe seines Bewußtseins als wahr und wesentlich empfand. Wie würde er mit seiner intuitiven Auffassungsgabe und seinem tiefen sittlichen Verantwortungsgefühl auf die Schriften H. P. Blavatskys reagiert haben, hätte er 150 Jahre später gelebt! Er hätte dort eine Darlegung der menschlichen und universalen Evolution gefunden, die alle Probleme in ihren richtigen Zusammenhang stellt und eine Perspektive eröffnet, die über ein kurzes Erdenleben oder eine einzelne Phase der großen Natur hinausreicht. Denn ihre Bücher enthalten die logischsten und moralisch befriedigendsten Antworten auf alle Fragen, die mit unserem eigenen Dasein und unserer Beziehung zum Kosmos zusammenhängen, so daß wir dadurch einen flüchtigen Schimmer von der inneren Wirklichkeit gewinnen, die sich hinter den oft irreführenden Illusionen der äußeren Ereignisse verbirgt.

Das mag wie eine Übertreibung klingen, ist aber insofern keine, weil das, was H. P. Blavatsky dem Westen brachte, einen Teil der universalen Weisheit enthält, die zu allen Zeiten existierte, weit über die bekannte Geschichte hinaus - einer Weisheit, die in den alten Mysterienschulen gelehrt und in wechselnder Gestalt durch Lehrer und Seher in vielen Zeitaltern neu formuliert wurde. Der Maßstab für ihren Wert und ihre Wahrheit liegt in ihrer Universalität. Sie ist imstande, Herz und Verstand zu befriedigen und bietet einen Leitfaden, um die Probleme des menschlichen Daseins zu erklären, und zwar vom wissenschaftlichen, philosophischen und religiösen Standpunkt aus.

Einige Richtlinien für die theosophische Lebenseinstellung dürften das Verständnis erleichtern:

Erstens: Die spirituelle Einheit der Menschen mit allen anderen Lebewesen ist unumstößlich. Alle stammten aus dem gleichen Lebens- und Bewußtseinsquell, sind in ihrem innersten Wesen göttlich und sind, obgleich in sehr unterschiedlichen Graden, von den gleichen Kräften und Wünschen durchdrungen, die sie in ihrer Evolution zum gleichen Ziel vorwärtsdrängen. Diese innere Einheit bedeutet also, daß niemand unabhängig ist oder nur für sich selbst lebt; und je mehr das innerste, geistig-göttliche Wesen des Menschen zum Ausdruck kommt, desto klarer sieht er seine Verbindung mit jedem anderen Wesen, desto umfassender wird er sich seiner selbst bewußt und umso größer wird sein Verantwortungsbewußtsein und seine Fähigkeit, Hilfe zu leisten. Diese Einheit besteht im innersten und edelsten Teil unseres Wesens. Nur unsere Begrenzungen, unsere niederen persönlichen Wünsche und Bestrebungen sind es, die uns trennen. Ersteres schafft Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit, letzteres erzeugt Überheblichkeit, Konflikte und Streit. Das ist eine Grundtatsache, die sowohl für den einzelnen als auch für Nationen gültig ist.

Zweitens: Was wir Evolution oder Wachstum nennen, kommt in einem bestimmten pulsierenden Rhythmus oder einer ständigen Periodizität zum Ausdruck, einem Zustand, der sowohl in der Natur als auch im menschlichen Leben beobachtet werden kann. Diese Gesetzmäßigkeit hat die Wissenschaft in den Bewegungen der Himmelskörper erkannt, in dem Wanderdrang der Vögel und anderer Tiere, in der Entwicklung der Pflanzen, in den Gezeiten der Meere - ein zyklischer Fortschritt, der sich sowohl im inneren als auch im äußeren Leben der Menschen spiegelt, obgleich hier die Vorgänge schwieriger feststellbar sind. Dieses Gesetz der Zyklen ist als Richtschnur und Stütze für unser Denken sehr wichtig, da es eine Grundlage für eine Analogie bietet, die auf die täglichen Erfahrungen ein Licht werfen kann, für die es sonst keine Erklärung geben würde.

Drittens: Das Gesetz von Ursache und Wirkung, das eine notwendige Ergänzung zu dem Gesetz der Zyklen und daher von gleicher universaler Bedeutung ist. Alles, was sich innerhalb der sichtbaren und unsichtbaren Welten, bei den Menschen und Göttern, bei den Molekülen und Atomen abspielt, ist das Resultat einer Ursache, die wiederum die Saat oder Ursache für etwas Neues in sich trägt, einen Keim, der eines Tages reifen wird. In der Hinduphilosophie bezeichnet man diesen Vorgang mit Karma - ein Wort, für das es in unseren modernen Sprachen keinen passenden Ausdruck gibt, das aber die kontinuierliche, gesetzmäßige Folge von Ereignissen, Handlungen Gedanken, Beweggründen bezeichnet, die als Glieder einer nicht abreißenden Kette anzusehen sind, da sie mit der Struktur des Universums verflochten sind. Der physikalische Aspekt des Kausalitätsgesetzes gilt als eine der Grundlagen der Naturgeschichte; entspricht aber der alten Weisheit und gilt in allen Bereichen: sowohl im Leben der Menschen und Völker als auch in den Welten der Sterne und in den Universen der Atome. Bei den Wesen, die sich ihrer selbst bewußt sind wie die Menschen, ist es mit moralischer Verantwortung verbunden, weil wir den freien Willen haben - in dem Ausmaß, wie wir das Gesetz verstehen -, unser Schicksal ändern und gestalten zu können. Karma ist genausowenig wie das zyklische Gesetz ein Zustand, der von äußeren Faktoren bestimmt wird. Es ist vielmehr ein Ausdruck der universalen Natur. Gleichermaßen ist es auch nicht die Wirkung irgendwelcher von außen kommenden Entscheidung strafender oder belohnender Kräfte, sondern die herangereifte Frucht von Keimen, die wir irgendwann und irgendwo gesät haben. Kurz, Karma ist der universale Ausdruck von Nemesis Divina (der göttlichen Nemesis).

Viertens: Die Anwendung der Gesetze von Karma und den Zyklen auf alle lebenden Wesen bleibt unverständlich, wenn wir nicht die Wiederverkörperung in Betracht ziehen; oder für diejenigen, die den menschlichen Zustand erreicht haben, die Reinkarnation, d. h. die periodische Wiederverkörperung der spirituellen Monade, die dazu dient, im Verlaufe der Evolution Erfahrung zu sammeln. Die Reinkarnation ist lediglich ein Aspekt der Wiederverkörperung, eine Phase des pulsierenden Rhythmus des kosmischen Lebens. Wir stellen uns im allgemeinen das Leben in menschlicher Form vor, aber wir sollten daran denken, daß das Entstehen und Vergehen von Welten oder Himmelskörpern gleichfalls durch die innere bindende und belebende Kraft erfolgt, die in periodisch auftretenden Zeitabständen in Erscheinung tritt oder sich zurückzieht. Die schöpferische und aufbauende Kraft in uns wird oft als menschliche Monade oder wiederverkörperndes Ego bezeichnet, welches einen bestimmten Grad von Selbstbewußtsein erreicht hat, sich aber ständig ändert und weiter entwickelt. Daher kann man keinesfalls von einem zyklischen Erscheinen einer permanenten Persönlichkeit oder etwas derartigem sprechen, sondern vielmehr von der periodischen Manifestation der höhergeistigen Lebenskraft, die verschiedene Stadien individuellen Aufbaus erreicht hat und sich als Wille, Charakter, Neigungen oder Bestrebungen äußert. Die Keime, die einst gesät wurden, ganz gleich welche Eigenschaften sie auch haben mögen, sprießen, wenn es die Verhältnisse erlauben - vielleicht auch erst nach einer Wartezeit von mehreren Leben -, und tragen Früchte, die ihrer Art entsprechen.

Wenn wir das Weltgeschehen von dieser erhöhten Warte aus betrachten, erblicken wir endlose Perspektiven. Wir begreifen allmählich, daß wir in einem welthistorischen, ja sogar in einem kosmischen Drama mitspielen, dem schon viele Akte vorausgegangen sind. Wir spielten darin verschiedene Rollen, von denen wir aber nichts wissen, doch dieses Drama wird sich unvermeidlich auch durch künftige Zeitalter fortsetzen. Es ist ein Drama, das so aussieht, als ob menschliche Leidenschaften und menschlicher Ehrgeiz im Vordergrund stehen, denn sie sind es, die den meisten Lärm verursachen, und wenn sie die Führung übernehmen, dann werden Geist und Intuition oft zum Schweigen gezwungen, besonders solange sie erfolgreich sind. Wenige Menschen und nur wenige Nationen sind fähig, in Zeiten äußerer Erfolge geistig zu wachsen; sie verleiten uns zu Selbstüberheblichkeit auf Kosten anderer; dagegen haben Schwierigkeiten und Rückschläge oft die entgegengesetzte Wirkung. Sie spornen den Willen zu größerer Anstrengung an, führen zum Nachdenken, zur Selbstkritik und vielleicht zum Mitleid mit anderen, die leiden. Kein normaler Mensch sucht absichtlich Mißgeschick oder Kummer um ihrer selbst willen, aber derjenige Mensch, dem bewußt ist, daß diese letzten Endes von uns selbst verursacht wurden und daß sie Gelegenheiten herbeiführen, um alte Schulden begleichen oder um Geduld und die größte der Tugenden, Demut, erlernen zu können, der wird sie leichter ertragen.

Verantwortungsbewußtsein und Mitgefühl vergrößern Toleranz und Verständnis genauso, wie der Wunsch, zur Linderung der Leiden anderer beizutragen, die Hoffnung und ein tieferes Gefühl für die spirituelle Realität erweckt, von der man hinter den oft täuschenden Illusionen des äußeren Geschehens einen Schimmer erhaschen kann. Wir können dadurch veranlaßt werden, unsere Wertbegriffe zu berichtigen und zu überprüfen, inwieweit unsere herkömmlichen Ideale ausreichen, um die Prüfungen zu bewältigen, die durch schwierige Verhältnisse an uns herantreten können. Wir erkennen dann, daß diese Schwierigkeiten Gelegenheiten für neue, bessere Einstellungen und für die Entwicklung von Fähigkeiten abgeben, die wir uns bisher kaum vorstellen konnten.

Vertrauen, Mut und Verständnis entstehen aus spiritueller Erkenntnis, aus der Erkenntnis, die im Herzen keimt, in dem unsichtbaren Herzen, in dem das innerste Bewußtsein des Menschen seinen Sitz hat; dieses muß jedoch durch Verstand, Wille und Liebe genährt, erweckt und zum Ausdruck gebracht werden. Der Mensch ist ein Denker, der für Probleme, die ihm rätselhaft sind, Antworten verlangt und auch eine Begründung, warum er seine Handlungen und Gedanken in eine bestimmte Richtung lenken soll, anstatt in eine andere. Herkömmliche Gebote befriedigen selbständige Denker nicht; aber subjektive Gefühle, die nicht durch Intelligenz geleitet sind, werden leicht zu Irrlichtern. Es gibt also Grund genug, das Wissen aufmerksam zu prüfen, das als Lebensgrundlage dienen kann, ein Wissen, das keiner äußeren Bekräftigung bedarf, sondern auf Bedingungen von universaler Bedeutung beruht, die überall und unter allen Umständen gelten.

Wir glauben, daß die fundamentalen Prinzipien, die H. P. Blavatsky erneut der modernen Welt brachte, eine derartige Lebensgrundlage anbieten. Sie bemühte sich, die Menschen auf ihre innewohnenden Fähigkeiten hinzuweisen und auf die Weisheitsschätze aufmerksam zu machen, die in vielen heiligen Schriften der alten Völker enthalten sind.

Die göttliche Nemesis, über die Linné so viel nachgedacht hatte, wie seine verstreuten Notizen bezeugen, die er jahrelang gemacht hatte, ist einfach Karma, die mit geistiger Energie versehene Wirkung der Ursachen und Kräfte, die von uns selbst in Bewegung gesetzt worden sind.

Fußnoten

1. Siehe: Thore M. Fries' Linné, Lefnadsteckning (1903), englische Ausgabe, Linnaeus, mit vollständiger Biographie (1923). [back]