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Band 5: Evolution

TP05

Evolution ist ein universaler Prozess, demgemäß sich alles verändert, entwickelt und wächst. Einige einfache Beispiele können den Charakter dieses Prozesses verdeutlichen. Man pflanzt einen Samen, ein winziges Teilchen, das sich kaum von anderen Samen unterscheidet; er durchläuft verschiedene Stadien der Entwicklung, bis er ein ausgewachsener Baum geworden ist, der Blüten und Früchte trägt. Das ist Evolution – der Baum entwickelt sich aus dem Samen. Ein befruchtetes Ei im Mutterschoß entwickelt sich durch die verschiedenen Stadien hindurch zu einem vollständig geformten Kind, das sich weiter zu einem Erwachsenen entfaltet. Auch das ist Evolution – der Mensch evolviert aus einem Mikroorganismus. Ein Architekt hat eine Idee; die Idee nimmt auf dem Papier Form an und die Pläne werden gezeichnet; schließlich werden sie in Marmor und Granit verwirklicht, so dass – nachdem viele Stadien durchlaufen sind – sich durch die Arbeit vieler Hände eine prächtige, mächtige Kathedrale erhebt. Auch das ist ein Beispiel für Evolution – das Bauwerk entwickelt sich aus der Idee.

Das menschliche Dasein illustriert dasselbe Evolutionsgesetz; es beinhaltet allerlei Einrichtungen, gesellschaftliche Klassen, Bräuche usw., die sich allmählich aus einer Idee oder einem Plan entwickelten. Kurz gesagt, die Evolution stellt die Verwirklichung von Ideen dar.

Was das bedeutet, kann auch auf andere Weise formuliert werden. Wir können sagen, dass Evolution das Sichtbarmachen des Unsichtbaren ist; das In-Aktivität-Setzen des zuvor Latenten; die Offenbarung des nicht Geoffenbarten. Aber Evolution bedeutet nicht das Schaffen von etwas, was vorher nicht existierte. Die Kathedrale war schon da, nicht als steinernes Gebäude, sondern als Idee im Denken des Architekten. Der Baum existierte, bevor er sich in materieller Form manifestierte; er war latent, potenziell, als Samen anwesend. Der vollständige, zukünftige Mensch war in der Keimzelle verborgen anwesend. Wäre das nicht der Fall, wie könnte es dann geschehen, dass der eine Samen eine bestimmte Pflanze und der andere eine gänzlich andere hervorbringt?

Hinter allen Prozessen in der Natur stehen Geist, Intelligenz, Instinkt und Verlangen. Wenn wir dem nicht zustimmen können, werden wir uns wieder die Frage stellen müssen, wodurch all das in mysteriöser Weise zustande gebracht wird. Dazu kommt, dass Geist, Intelligenz usw. Attribute von lebendigen Wesen sind und nicht davon getrennt gesehen werden können; sie sind ein Teil von ihnen. Deshalb müssen wir die gesamte Natur als eine Ansammlung lebendiger Wesen betrachten. Wenn wir diesen Schritt einmal vollzogen haben, verschwinden die Probleme und es bietet sich uns eine verständliche Erklärung des Universums, des Lebens und der Evolution.

Der Evolutionsgedanke hat die Philosophen seit Urzeiten beschäftigt. Er ist eine Alternative zur Vorstellung von einer expliziten Schöpfung durch das Wort Gottes. Die Vorstellung, dass Gott das Universum in einem Zuge erschuf, an irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit, ist für den Intellekt wenig befriedigend. Wenn wir sehen, wie alles um uns herum wächst und sich verändert, ist es eine natürliche Vorstellung, dass das Universum, mit allem was darin enthalten ist, nach demselben Wachstumsprozess entstand.

Theosophische Perspektiven
Band 05: Evolution
Frei überarbeitet nach H. T. Edge

© 2000 Theosophischer Verlag der Stiftung der Theosophischen Gesellschaft Pasadena, Eberdingen


Der Mensch ist tatsächlich ein Mysterium: Unter der Oberfläche und hinter dem Schleier liegt das Mysterium des Selbstes, der Individualität, eines Werdegangs, der sich bis in die weitest entfernten Ewigkeiten erstreckt. Der Mensch ist im Kern seines Wesens göttliche Energie, von Schleiern umhüllt.

– Gottfried von Purucker

 

 

Einleitung

In der Theosophie wird das Wort Evolution benützt, um den universalen Prozess anzudeuten, durch den alles entsteht und sich entwickelt. Das Thema ist zu umfassend, um hier vollständig behandelt werden zu können. Deshalb geben wir nur einen Abriss des gesamten Gebiets und beschäftigen uns mehr mit dem Besonderen, mit bestimmten Facetten, wie der Evolution von Mensch und Tier, dem Darwinismus und ähnlichen Themen, für die im Allgemeinen großes Interesse besteht. Das hat zur Folge, dass die hier gegebenen Lehren nur Ausschnitte des gesamten Themas darstellen. Wir werden – wie es üblich ist – mit den Grundlagen beginnen und ein tiefergehendes Studium auf einen späteren Zeitpunkt zurückstellen. Da die Evolution ein derartig weitreichendes Gebiet darstellt und die theosophischen Lehren umfassend sind, verweisen wir von Zeit zu Zeit auf andere theosophische Werke, die sich auf besondere Aspekte dieser Thematik beziehen.

Evolution ist ein universaler Prozess, demgemäß sich alles verändert, entwickelt und wächst. Einige einfache Beispiele können den Charakter dieses Prozesses verdeutlichen. Man pflanzt einen Samen, ein winziges Teilchen, das sich kaum von anderen Samen unterscheidet; er durchläuft verschiedene Stadien der Entwicklung, bis er ein ausgewachsener Baum geworden ist, der Blüten und Früchte trägt. Das ist Evolution – der Baum entwickelt sich aus dem Samen. Ein befruchtetes Ei im Mutterschoß entwickelt sich durch die verschiedenen Stadien hindurch zu einem vollständig geformten Kind, das sich weiter zu einem Erwachsenen entfaltet. Auch das ist Evolution – der Mensch evolviert aus einem Mikroorganismus. Ein Architekt hat eine Idee; die Idee nimmt auf dem Papier Form an und die Pläne werden gezeichnet; schließlich werden sie in Marmor und Granit verwirklicht, so dass – nachdem viele Stadien durchlaufen sind – sich durch die Arbeit vieler Hände eine prächtige, mächtige Kathedrale erhebt. Auch das ist ein Beispiel für Evolution – das Bauwerk entwickelt sich aus der Idee. Das menschliche Dasein illustriert dasselbe Evolutionsgesetz; es beinhaltet allerlei Einrichtungen, gesellschaftliche Klassen, Bräuche usw., die sich allmählich aus einer Idee oder einem Plan entwickelten. Kurz gesagt, die Evolution stellt die Verwirklichung von Ideen dar.

Was das bedeutet, kann auch auf andere Weise formuliert werden. Wir können sagen, dass Evolution das Sichtbarmachen des Unsichtbaren ist; das In-Aktivität-Setzen des zuvor Latenten; die Offenbarung des nicht Geoffenbarten. Aber Evolution bedeutet nicht das Schaffen von etwas, was vorher nicht existierte. Die Kathedrale war schon da, nicht als steinernes Gebäude, sondern als Idee im Denken des Architekten. Der Baum existierte, bevor er sich in materieller Form manifestierte; er war latent, potentiell, als Samen anwesend. Der vollständige, zukünftige Mensch war in der Keimzelle verborgen anwesend. Wäre das nicht der Fall, wie könnte es dann geschehen, dass der eine Samen eine bestimmte Pflanze und der andere eine gänzlich andere hervorbringt?

Wir wissen, dass wachsende Mikroorganismen Elemente aus der Erde, dem Wasser, der Luft und dem Licht aufnehmen und damit ihre materielle Struktur aufbauen. Biologen können mit Hilfe des Mikroskops die Entwicklung eines Mikroorganismus studieren und eine sehr ausführliche und detaillierte Beschreibung davon geben, was er sieht. Er kann jedoch die treibenden Kräfte, die er vielleicht als Eigenschaften der Materie oder irgendeines Lebensprinzips betrachtet, nicht bei ihrer Tätigkeit beobachten.

Das bleibt solange eine schwierige und unverständliche Angelegenheit bis wir erkennen, dass alle diese Aktivitäten von Intelligenz geleitet werden. Hinter allen Prozessen in der Natur stehen Geist, Intelligenz, Instinkt und Verlangen. Wenn wir dem nicht zustimmen können, werden wir uns wieder die Frage stellen müssen, wodurch all das in mysteriöser Weise zustande gebracht wird. Dazu kommt, dass Geist, Intelligenz usw. Attribute von lebendigen Wesen sind und nicht davon getrennt gesehen werden können; sie sind ein Teil von ihnen. Deshalb müssen wir die gesamte Natur als eine Ansammlung lebendiger Wesen betrachten. Wenn wir diesen Schritt einmal vollzogen haben, verschwinden die Probleme und es bietet sich uns eine verständliche Erklärung des Universums, des Lebens und der Evolution.

Der Evolutionsgedanke hat die Philosophen seit Urzeiten beschäftigt. Er ist eine Alternative zur Vorstellung von einer expliziten Schöpfung durch das Wort Gottes. Die Vorstellung, dass Gott das Universum in einem Zuge erschuf, an irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit, ist für den Intellekt wenig befriedigend. Wenn wir sehen, wie alles um uns herum wächst und sich verändert, ist es eine natürliche Vorstellung, dass das Universum, mit allem was darin enthalten ist, nach demselben Wachstumprozess enstand. Die Kontroverse zwischen denjenigen, die an eine spezielle Schöpfung glauben, und jenen, die der Meinung sind, dass Evolution eine fundamentale Arbeitsweise der Natur ist, zeigte sich überdeutlich in dem berühmten Prozess von Dayton in den Vereinigten Staaten, als vor Jahren ein junger Lehrer verurteilt wurde, weil er seine Schüler in der modernen wissenschaftlichen Evolutionslehre unterrichtete. Wahrscheinlich empfanden die meisten Menschen, dass die von der Anklage vertretene Meinung sehr reaktionär und engstirnig war und dass sie geringes Wissen und wenig Respekt für die Arbeit der Wissenschaft zeigte. Trotzdem kann man sich des Gefühls nicht ganz erwehren, dass sie gewissermaßen Recht hatten. Zwar war ihre Argumentation vielleicht sehr einfach, sie waren sich jedoch der Tatsache bewusst, dass es sich in diesem Konflikt zwischen den Anhängern der Evolutionslehre und den Gläubigen um wichtige Fragen handelte.

Das Problem wurde mit drei Worten auf den Punkt gebracht: ‘Engel oder Affe ?’ – mit anderen Worten, stammt der Mensch von den Engeln ab oder von den Affen? Man empfand, dass die Evolutionisten eine materielle und animalistische Auffassung der menschlichen Natur hegten, die im Widerstreit zur göttlichen und spirituellen Vorstellung lag, die von ihren Gegnern vertreten wurde. Es ist deshalb nicht ganz gerecht, es den religiösen Gruppierungen zu verübeln, dass sie sich lediglich aufgrund der biblischen Lehren so über diesen Prozess ereiferten, denn hinter ihrem Eifer stand mehr als das. Sie wurden von keinem Geringeren als W. J. Bryan verteidigt – sicherlich ein Mann von hoher Intelligenz und Bildung. Man war davon überzeugt, dass die wissenschaftlichen Theorien den Materialismus vertraten, den Animalismus, ein mechanisches, vernunftloses, seelenloses, gottloses Universum; und das war für viele der Grund ihres Widerstands. Eine erbitterte Feindschaft entstand in jener Zeit, als die moderne wissenschaftliche Theorie der biologischen Evolution zum ersten Mal verkündet wurde.

Viele ernsthafte Denker versuchten einen Weg zu finden, die konträren Standpunkte miteinander zu versöhnen. So wurde zum Beispiel gesagt, dass Gott, als er das Universum geschaffen hatte, alles weitere der Evolution überließ; oder dass Gott noch immer mit der Schöpfung des Universums beschäftigt wäre, weil seine Arbeit nie ein Ende fände. Auch wurde erwähnt, dass die Evolution für die göttliche Methode oder Arbeitsweise stehe. Das sind alles Schritte auf dem Weg der Annäherung verschiedener Ansichten, aber die Frage muss noch erheblich vertieft werden. Der theosophische Standpunkt, dass das Universum aus lebendigen Wesen besteht, wird uns bei der Lösung dieses Problems helfen.


Was ist Evolution?

Huxley formulierte die Antwort auf diese Frage folgendermaßen: „Evolution oder Entwicklung wird heute in der Biologie als allgemeiner Begriff für die Abfolge der Schritte gebraucht, mit welchen jedes Lebewesen den morphologischen und physiologischen Charakter erwirbt, durch den es sich von allen anderen Lebewesen unterscheidet.“ Die Theorie besagt, dass die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten sich entwickelten, indem sie sich hinsichtlich der Abstammung in einem gewissem Maß von den vorangegangenen Typen unterscheiden. Auch der Mensch, von dem man annimmt, dass er zum Tierreich gehört, soll sich in dieser Weise aus niedereren Arten des Tierreiches entwickelt haben. Die allgemeine Richtung dieser Evolution verlief stets von einfacheren zu komplizierteren und höher organisierten Formen; manchmal jedoch nimmt man eine entgegengesetzte Bewegung wahr. Man versucht, die Spur dieser Reihe der sich entwickelnden Typen bis zu einzelnen, sehr einfachen Formen oder sogar einzelligen Organismen zurückzuverfolgen. Lamarck ist ein prominenter Gelehrter, sein Name ist mit diesen Ideen verbunden. Er war der Meinung, dass die in den Organismen stattfindenden und zu ihrer Evolution führenden Veränderungen Reaktionen auf die Umgebung dieser Organismen darstellen. Diese Theorie wurde von Charles Darwin weiterentwickelt und ist heute unter dem Namen Darwinismus bekannt. Er geht davon aus, dass Organismen danach streben, Nachkommen zu erzeugen, die von ihren Eltern nur in geringem Maß abweichen, und dass der Prozess der natürlichen Selektion darauf ausgerichtet ist, das Überleben derjenigen Individuen zu fördern, die durch ihre besonderen Eigenschaften optimal an ihre Umgebung angepasst sind. Das ist die Lehre vom Überleben des Stärkeren.

Das bedeutet, dass die höheren Organismen sich aus den niedrigeren Arten entwickelt haben, indem sie allmählich kleine Veränderungen erfuhren; diese kleinen Veränderungen wurden bei der Fortpflanzung von den Eltern an die Nachkommenschaft weitergegeben. Die Veränderungen kommen durch Einwirkungen der Umwelt (Klima, Nahrung, Feinde, usw.) auf den Organismus zustande, wodurch er dazu gezwungen wird, sich seiner Umgebung besser anzupassen. Einige der auf diese Weise zustande gekommenen Mutationen konnten nicht überleben und nur derjenige hat eine Chance, der sich den Lebensumständen am besten anpasst und standhält; auf das Gesamte bezogen folgt daraus, dass die Evolution eine zu immer höher entwickelten Formen steigende Linie aufweist. Was die hinter diesem Evolutionsprozess stehende Ursache, den Sinn und den Zweck betrifft – darüber lässt uns die darwinistische Evolutionstheorie im Ungewissen. Sie zeigt uns einen mechanistischen, durchgängigen Prozess, von dem nicht bekannt ist, wie und wodurch er in Gang gesetzt wurde und was seine Bestimmung ist. Kurzum, sie stellt das Leben als einen mechanistischen Prozess dar, ohne Seele oder Geist, ohne Sinn oder Ziel. Und das ist es, was die Ablehnung verursacht, die viele Menschen dieser Theorie gegenüber empfinden.

Seit Darwins Zeiten hat man sich umfassend mit dieser Thematik beschäftigt, und viele seiner Thesen wurden angezweifelt; aber generell wird seine Evolutionstheorie immer noch aufrechterhalten. So wird heute der natürlichen Selektion als einem Evolutionsfaktor eine geringere Bedeutung beigemessen. Weit mehr als am Anfang neigt man heute zu der Annahme, dass natürliche Selektion eigentlich ein Resultat bezeichnet und dass bestimmte im Dunkeln liegende oder unbekannte Ursachen dazu führen. Deshalb ist es unlogisch, die natürliche Selektion als einen verursachenden Faktor zu bezeichnen.

In der etablierten Wissenschaft ist es üblich, eine vorläufige Hypothese zu formulieren, um damit bestimmte beobachtete Fakten zu erklären; und von Zeit zu Zeit ändert man diese Hypothese, wenn neue Fakten ans Tageslicht kommen. Aber das menschliche Denken hat eine Schwäche für Dogmen und hält seine vorläufigen Hypothesen zu lange fest. Und wenn sich neue Tatsachen ergeben, die nicht mit der Hypothese übereinstimmen, neigt es dazu, die Beweise lieber so auszulegen, dass sie mit der Theorie übereinstimmen, als diese aufzugeben. Die wissenschaftliche Auffassung über die Evolution hat sich im Laufe der Zeit aufgrund neuer Erkenntnisse geändert, und sie nähert sich mehr und mehr dem theosophischen Standpunkt. Dies zeigt erneut, welch positive Auswirkung eine unabhängige Forschung auf die Neigung zu dogmatischem Denken hat.

Die Analogien zwischen verschiedenen Arten von Organismen lassen stark vermuten, dass eine Evolution stattgefunden hat, aber die Schwierigkeit bestand immer darin, den tatsächlichen Gang der Dinge aufzuzeigen. Wenn die darwinistische Theorie richtig ist, müssten wir unter den heute bestehenden Formen solche antreffen, die das Übergangsstadium von der einen zur anderen Art repräsentieren. Was wir jedoch wirklich finden, sind einzelne Formen mit Lücken dazwischen. Um dies zu erklären, behauptet man, die Zwischenformen seien verschwunden, weil sie sich ihrer Umgebung nicht anpassen konnten. Und es wird darauf hingewiesen, dass die Paläontologie von vielen dieser Zwischenformen spricht, die es vor langer Zeit gegeben haben soll, als die Lebensbedingungen noch anders waren, aber dass sie seitdem ausgestorben sind. Die Paläontologie zeigt uns aber auch, dass die Reptilien den Höhepunkt ihrer Entwicklung im Mesozoikum erreichten, dem Zeitalter der Riesenechsen. Heute existieren sie nur noch als Eidechsen von einigen Zentimetern Länge. Dies ist ein Beispiel für eine Spezies, die ihre höchste Entwicklungsform erreicht hatte und dann ausstarb. Diese Tatsache zeigt, dass der Evolutionsplan nicht so einfach ist, wie man ursprünglich dachte; und es ist auch vernünftig anzunehmen, dass die Arbeitsweise der Natur weitaus komplexer ist als der einfache Plan, den man sich zunächst davon machte.

Spätere Studien von Biologen haben den Standpunkt bestätigt, dass die Natur mit einer auf der physischen Ebene fortschreitenden Evolution mehr zu einer größeren Verschiedenartigkeit geneigt ist als zu Uniformität, und dass jede Art eher dazu neigt, sich entlang ihrer eigenen speziellen Linien zu entwickeln und sich dabei vom Hauptstamm entfernt, als in einer geraden Linie zur nächsthöheren Form auf der Leiter aufzusteigen. Außerdem wurde festgestellt, dass Arten, die sich durch äußere Umstände differenzieren, so wie es bei Haustieren der Fall ist, dazu neigen, zu ihren ursprünglichen Typen zurückzukehren, wenn diese speziellen Umstände verschwinden. Ein Beispiel hierfür ist eine bestimmte Hühnerart, das sogenannte Gallus Ferrugineus (Bankivahuhn), das in Ost-Indien, in Süd-China bis Sumatra und Java wild vorkommt und die ursprüngliche Form darzustellen scheint, von der alle unsere Hühnerarten abstammen. Wenn nun die zahmen Hühner wieder verwildern, behalten sie ihre erworbenen Eigenschaften nicht, sondern entwickeln sich wieder zum primitiven Gallus Ferrugineus Typus zurück. Man könnte noch mehr Beispiele aufzählen. Dies scheint darauf hinzuweisen, dass die Evolution von Arten nicht entlang einer geraden Linie der Kontinuität von der einfacheren zur komplizierteren Form verläuft, sondern dass jede Art dazu neigt, entlang ihrer eigenen speziellen Linie davon abzuweichen. Deshalb wird die Evolution manchmal mit einem Baum verglichen – mit dem Hauptstamm, den größeren Ästen, den kleineren Ästen und den Zweigen. Die Äste und Zweige stellen die Arten dar, während die großen Äste die primitiven Formen sind, woraus erstere hervorkamen. Wenn sich herausstellt, dass zwei Formen die gleiche Struktur haben, ist das dann ein Beweis dafür, dass die eine Form aus der anderen hervorging oder dafür, dass beide von gemeinsamen Eltern abstammen, wonach jede ihren eigenen Weg einschlug, der sie im Laufe der Zeit weiter auseinandertriften ließ? Entsprechend dieser Auffassung wäre die Vielfalt der Formen, die wir heute sehen, aus einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von ursprünglichen Formen entstanden.

Trotz alledem ist nicht klar, ob Veränderungen bei den Arten die Folge von Vererbung sind. Die weitläufigen Untersuchungen auf dem Gebiet der Vererbung machen das Problem eher komplizierter, als dass sie uns einer Lösung näher bringen. Wenn jedoch kleine, zufällig entstandene Veränderungen nicht durch Vererbung weitergegeben werden, dann bricht die ganze Theorie zusammen. Und trotzdem können wir den Gedanken kaum ignorieren, dass es Evolution gibt – denn derartiges Wachstum und Entwicklung ist offensichtlich ein allgemeines Naturgesetz. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?

Diese und viele andere Schwierigkeiten, die bei der Interpretation von Evolution entstehen, sind eine Folge des Versuchs, den Prozess rein physisch und mechanistisch zu betrachten. Doch auch in dieser Hinsicht kommt die Wissenschaft in Bewegung. Viele Biologen legen im Augenblick mehr wert auf den Organismus an sich als auf die Umwelt, in der dieser lebt. Kein Umfeld könnte auch nur ein einziges Resultat zustande bringen, würde der Organismus selbst nicht auf dessen Einfluss reagieren. Wenn man also die Auswirkungen der Umwelt anführt, ist es notwendig anzunehmen, dass das Individium imstande ist, darauf zu reagieren; und das ist für einen unvoreingenommenen Geist gleichbedeutend mit der Erkenntnis, dass das Individium ein lebendiges Wesen ist, ein Wesen mit einem bestimmten Maß an Gefühl und Intelligenz – mit anderen Worten: eine Seele. Um einer derartigen Schlussfolgerung zu entgehen, müssten wir zu Äußerungen zurückkehren wie ‘inhärente Eigenschaften der Materie’ oder inhärente Eigenschaften der lebendigen Materie, des Protoplasmas; eine Erklärung, die unbrauchbar ist und eigentlich keine Erklärung darstellt. Zwischen der lebendigen und der sogenannten toten Materie gibt es zwar gewisse Unterschiede, aber sie können nur schwerlich als essentiell bezeichnet werden. Wenn dem so wäre, müssten wir annehmen, dass es im Universum zweierlei Arten von Materie gibt: die eine lebendig, die andere nicht; eine unnötige Komplikation, die außerdem zu unüberwindlichen Schwierigkeiten führt. Im Mineralreich der sogenannten toten Materie nehmen wir mancherlei sonderbare Eigenschaften und Aktivitäten wahr. Ein unvoreingenommener Beobachter wird geneigt sein, diese als Beweis von Leben und Intelligenz zu sehen. Aber da die Wissenschaft heute davon ausgeht, dass es so etwas wie tote Materie gibt, ist sie gezwungen, diese Eigenschaften und Aktivitäten zu erklären – unter der Annahme, dass es blinde ‘Kräfte’ gibt. Diese werden durch die wohlbekannten physikalischen Kräfte wie Wärme, Licht, Elektrizität, Magnetismus, Anziehung und Abstoßung, Kohäsion und so weiter, dargestellt. Wenn aber aus dem Zusammentreffen von zwei Dingen eine Anziehungskraft resultiert, dann kann sie nicht die Ursache sein, die die Dinge zusammenbringt. Das würde bedeuten, dass Gegenstände durch Bewegung in Bewegung gesetzt werden. Wärme ist naturwissenschaftlich etwas, das mit Molekularschwingung, Ausdehnung und anderen Phänomenen gemeinsam auftritt. Was jedoch bringt diese Phänomene zustande? Die Kräfte, die die Materie antreiben, um Phänomene wie Wärme oder chemische Aktivität hervorzurufen, können selbst nicht materiell sein; oder sie müssen zumindest aus einer feineren Art von Materie bestehen.

Es gibt keinen triftigen Grund, den Pflanzen ein Leben zu gestatten und dies den Mineralien zu verweigern, obschon wir natürlich zugestehen müssen, dass sich das Leben in den unterschiedlichen Naturreichen auf verschiedene Weise manifestiert. Und so kommen wir wieder zu der These zurück, dass die gesamte Natur aus lebendigen Wesen zusammengesetzt ist, von denen viele mikroskopisch klein sind, die aber dennoch alle zusammengesetzt sind, evolvieren und wachsen. Mit dieser These als Ausgangspunkt wird die Evolutionslehre viel leichter verständlich.

Obschon wir vorgeben, in religiösen Angelegenheiten unvoreingenommen zu sein, haben wir trotzdem unbewusst gewisse Vorurteile, die aus dem Dogmatismus früherer Generationen herrühren. Die theologische Idee eines Gottes außerhalb des Universums, das er schuf, erweckte die Vorstellung, dass es eine riesige Menge toter Materie gegeben habe, die er als Material verwendete oder der er Leben schenkte. Die Vorstellung von toter Materie ist die Folge einer vom Universum losgelösten Gottesvorstellung. Wir sehen, dass der Mensch im Altertum an ein Universalbewusstsein der Natur glaubte und dass dieser Glaube noch heute in Gebieten existiert, in welche die Idee von einem theologischen Gott noch nicht vorgedrungen ist. Dies wird als Aberglaube bezeichnet und es wird behauptet, dass die Menschen des Altertums tote Materie mit einem imaginären Leben bedachten, wobei doch wir es sind, die dem Aberglauben unterliegen, in der Natur existiere so etwas wie tote Materie.

Was uns aber in dieser Kontroverse am meisten beschäftigt ist die Frage nach dem Ursprung des Menschen. Der Gedanke, dass der Mensch vom Affen oder einem anderen Tier abstammt, erweckt Widerwillen. Um diese Schlussfolgerung zu umgehen, sahen die Gegner der Evolutionstheorie sich dazu gezwungen, viel von dem zu leugnen, was von der Wissenschaft als Tatsache festgestellt wurde. Und so manövrierten sie sich selbst in eine eigenartige Position, die nur schwerlich zu verteidigen ist. Aber warum ist es nötig, die Wissenschaft beiseite zu schieben und Dinge zu leugnen, die nicht geleugnet werden können? Dafür gibt es keinen Grund. Denn, wie gezeigt wurde, gibt es ohne evolvierende Lebewesen keine Evolution; und der ganze Prozess ist nicht vorstellbar, wenn er nicht die Folge intelligenten Denkens ‘hinter den Kulissen’ darstellt. Das führt uns zu der Formulierung dessen, was Evolution ist: der Geist, der versucht, sich in der Materie zum Ausdruck zu bringen und dazu die notwendigen Mittel schafft. Die Wissenschaft hat ihren Blick auf das Entstehen und den Entstehungsprozess selbst konzentriert und dabei die Architekten und den Plan übersehen. Man stellte sich eine Urzelle vor, bedachte sie mit einer mysteriösen und unbeschreiblichen Wachstumskraft, die sich durch zahllose Stadien hindurch zu einem unbekannten Ziel entwickelt. Sie reicht sozusagen experimentell ins Unendliche und bringt – durch einen zufälligen Anpassungsprozess an die Umgebung – vielerlei Formen hervor. Heute sind viele Biologen weniger dogmatisch eingestellt als in den Tagen, da H. P. Blavatsky die Evolutionstheorien in ihrer Geheimlehre kritisierte; und einige unter ihnen geben heute zu, dass die wirkliche treibende Kraft hinter der Evolution das lebendige Wesen selbst ist. Aber um Formen unterhalb des Tierreichs mit einzubeziehen, müssen wir einen allgemeineren Begriff gebrauchen und sagen, dass die treibende Kraft die Monade ist, also die lebendige Seele im Organismus, ob diese nun tierisch, pflanzlich oder auch mineralisch ist.

Evolution ist daher ein Prozess der Selbstverwirklichung oder Selbstoffenbarung, der durch das Kosmische Leben, den Kosmischen Geist oder die Kosmische Intelligenz in Gang gehalten wird. Im theosophischen Sprachgebrauch würden wir sagen: der Gott, der sich entfaltet und offenbart, während die Natur das sichtbare Gewand der Gottheit ist. Die Evolution muss als dualer Prozess betrachtet werden – Geist, der sich in Materie ein-faltet, und Materie, die sich nach dem Muster des Geistes ent-faltet. Man kann dies mit den Worten Involution und Evolution beschreiben, aber meist gebraucht man lediglich das Wort Evolution, stellvertretend für den gesamten Prozess. Wir müssen lernen, derartige Variationen im Gebrauch von Worten zu bemerken; und wir müssen sie berücksichtigen. Es geht hier darum, dass der Geist sich nicht wie die Materie aufwärts entwickelt hat. Er hat sich in die Materie ein-gefaltet. Deshalb ist es falsch und irreführend, sich eine Evolution des Geistes vorzustellen, die parallel mit der Evolution der Formen in den Naturreichen verläuft. Die Verwirrung kulminiert in dem Versuch zu zeigen, dass die Intelligenz des Menschen sich aus der Intelligenz der Tiere entwickelte. Es gibt einen radikalen Unterschied zwischen dem Bewusstsein des Menschen und dem Bewusstsein selbst des am höchsten entwickelten Tieres – nämlich das Selbstbewusstsein. Es ist entweder präsent oder nicht, und es erscheint nicht schrittweise.

Evolution bedeutet das Entfalten dessen, was latent vorhanden ist; und das beinhaltet, dass der ursprüngliche Mikroorganismen potentiell alles in sich trägt, was später zum Ausdruck gebracht wird. Evolution bedeutet nicht das Zusammenbringen von einzelnen Elementen mit dem Ziel, etwas Zusammengesetztes daraus zu machen. Sie ist kein Prozess des Hinzufügens. Auf diese Weise kann man ein Gebäude errichten oder eine Maschine, aber nicht einen Organismus. Ein Gebäude oder eine Maschine eigentlich auch nicht, denn diese müssen vorher schon als Plan in der Vorstellung des Planers bestehen. Es ist wahr, dass der Samen Teilchen aus der Erde und der Luft anzieht, um seine Form aufzubauen. Dieser Aufbau erfolgt jedoch nach einem bestimmten Modell. Bevor die Pflanze als physischer Organismus – für das Auge sichtbar – existiert, besteht sie bereits als astraler Organismus; und das Auge eines Hellsehers kann sie als solche wahrnehmen. Wenn die Pflanze zerfällt, bleibt der astrale Organismus bestehen, um so ein Modell für zukünftige, ähnliche physische Organismen zu formen.

Bereits vor dem zweiten Weltkrieg neigte eine Anzahl prominenter Biologen immer mehr dazu, die Gedankenbilder zu akzeptieren, die hier erläutert werden. Es wurde ihnen allmählich klar, dass die bloße Beschreibung des Prozesses keine ausreichende Erklärung der Evolution liefert und dass man um die Schlussfolgerung nicht herumkommt, dass hinter diesem Prozess intelligente Kräfte stehen. Auch Physiker sehen, dass ihre ‘Kräfte’ lediglich sich in der Materie auswirkende Folgen sind, die von etwas Unbekanntem hervorgebracht werden. Sie haben die Materie bis zu einem Punkt analysiert, an dem es unmöglich ist weiterzugehen, ohne die Grenzen der Materie zu überschreiten. Wie vollständig die materielle Erklärung von Naturerscheinungen auch sein mag – sie ist nur innerhalb bestimmter Grenzen vollständig und lässt noch sehr viel Raum, um ultra-physische Kräfte hinzuzufügen, ohne dass die physikalische Erklärung auch nur im Geringsten verworfen wird. Und einzelne Naturwissenschaftler machen den unvermeidlichen Schritt und durchtrennen den Knoten mit der Schlussfolgerung, dass sogar die physische Materie von lebendigen Kräften angetrieben wird – und das heißt von Lebewesen.


Die Astralebene

Die Erklärungsversuche der Evolutionisten werden in hohem Maß durch die Tatsache erschwert, dass sie die Existenz anderer als der uns vertrauten Formen der Materie nicht in ihre Forschung einbeziehen. Es ist unmöglich, die Phänomene der gewöhnlichen Materie zu erklären, ohne die Existenz subtilerer Arten von Materie in Betracht zu ziehen. Wie bereits gesagt scheint es, als baue sich eine Pflanze in ihrem Wachstum in mysteriöser Weise auf, nach ihrem eigenen Muster, ohne eine sichtbare regelnde Kraft. Die Erklärung liegt in der Tatsache, dass die vollkommene Form der Pflanze bereits in der astralen Materie existiert. Beim Wachstum richten sich die physischen Atome nach diesem bestehenden Modell und bauen so die physische Struktur auf. Bei den Pflanzen und den Tieren finden die Veränderungen in den Astralformen der Organismen statt, nicht in der physischen Struktur; und hiermit werden die fehlenden Glieder in der Kette erklärt. Dies lässt sich anhand nachfolgender Analogie erklären: Wenn Menschen eine Wendeltreppe hinaufsteigen, wird ein einseitig beobachtender Zuschauer sie auf verschiedenen Stufen stehend sehen, aber er sieht nicht, wie sie von der einen Stufe zur nächsten gelangen. Er kann annehmen, dass sie springen oder allmählich aufwärts steigen, aber es gelingt ihm nicht, dem tatsächlichen Vorgang zu folgen. Tatsächlich steigen sie allmählich auf der Rückseite einer Spirale empor, die unseren Blicken entzogen ist. Die physischen Arten, die auf der Erde vorkommen, bleiben lange Zeit unverändert, aber das heißt nicht, dass keine Evolution vonstatten ginge. Diese physischen Formen sind lediglich die aufeinanderfolgenden Häuser, in denen die Monade wohnt; aber die Monade selbst evolviert unaufhörlich. Ihre evolutionären Veränderungen finden in der astralen Form statt und dann inkarniert sie in einer entsprechenden physischen Form.

An diesem Punkt angelangt ist eine eingehendere Betrachtung sinnvoll, was wir eigentlich unter einem Tier oder einer Pflanze verstehen. Die Annahme, diese Erscheinungen würden nicht mehr als einen physischen Organismus darstellen, ist nicht richtig und wir können die Evolution nicht von einem falschen Ausgangspunkt aus erklären. Die Pflanze oder das Tier ist in Wirklichkeit eine Monade – eine lebende Seele, ein Funke des kosmischen Feuers, ein Atom des universalen Lebens. Sie unternimmt eine Pilgerfahrt durch die Materie, wobei sie allmählich und stufenweise verschiedene Formen entwickelt, um ihren eigenen, in ihr schlummernden Fähigkeiten Ausdruck verleihen zu können. Sie ist ein wachsendes und lebendiges Wesen, ein Samen, der alle Möglichkeiten seines göttlichen Ursprungs in sich trägt. Die Monade oder der Lebensfunke ist verkörpert, aber nicht nur in einem physischen Körper, denn außer dem physischen Körper gibt es andere, feinstofflichere Verkörperungen der Materie. Sie besitzt eine psycho-mentale Verkörperung, die aus ihr eine Tier- oder Pflanzenseele macht; diese wiederum besitzt eine astrale Verkörperung, was wieder eine Verkörperung in der gewohnten physischen Materie zur Folge hat. Wir müssen dies berücksichtigen, wenn wir die Evolution verstehen wollen.

Würden wir unser eigenes Bewusstsein studieren, bekämen wir ein klareres Bild als bei der bloßen Betrachtung der Außenseite der Dinge. Wir stellen fest, dass wir in erster Linie selbstbewusst denkende Wesen sind; unsere Organe und unsere Körper sind Instrumente, die wir für uns selbst aufgebaut haben, um mit der Außenwelt in Verbindung treten und uns dort zum Ausdruck bringen zu können. Wir wachsen von innen nach außen. So ist es überall; alles wächst, und alles wächst von innen nach außen. Sichtbare Pflanzen und Tiere kommen aus dem Unsichtbaren, und auf den unsichtbaren Ebenen finden die evolutionären Veränderungen statt. In dem Maß, in dem die Seele eines Wesens sich nach und nach entwickelt, ändert sich die astrale Form; und die Veränderungen werden auf die physische Form übertragen.

Man kann unmöglich erklären, wie es geschieht, dass der Körper einer Pflanze oder eines Tieres ein Leben lang derselbe bleibt, während die physischen Atome ständig ersetzt werden – es sei denn, es gäbe ein bleibendes Muster, in das sich die physischen Atome einordnen und das die Gesamtheit des Organismus – trotz des Austausches der physischen Atome – bewahrt. Wir können die Evolution daher nicht ohne Berücksichtigung der Existenz der Astralebene und des Astralkörpers der Organismen erklären.


Die Evolution des Menschen

Die Bedeutung des Wortes ‘Mensch’

Zunächst einmal sollten wir definieren, was wir unter dem Wort ‘Mensch’ verstehen. Wenn auch die wissenschaftlichen Evolutionisten mit ihren Theorien bezüglich der Evolution des menschlichen Körpers Recht haben sollten, würden sie dennoch über den Ursprung der menschlichen Intelligenz und der menschlichen Seele – mit einem Wort: den Ursprung des Menschen selbst – vollkommen im Dunkeln tappen. Das ist der Gedanke, der bei den Anti-Evolutionisten so lebendig ist – wie unzureichend auch immer sie ihre Bedenken in Worte fassen können. Sie sind sich bewusst, dass sie sich durch die Annahme des wissenschaftlichen Standpunkts der animalistisch-materialistischen Betrachtungsweise der menschlichen Natur ausliefern würden. Die Wissenschaftler ihrerseits können dann wieder entgegenhalten, dass dieser Aspekt der Angelegenheit sie nichts angeht und dass sie lediglich die materiellen Fakten studieren. Es ist aber eine Tatsache, dass ein so materialistischer und mechanistischer Standpunkt das Denken beeinflusst und einen pessimistischen Blick auf die menschliche Natur unterstützt. Viele sehen in der Wissenschaft eine Art Religion – eine Religion, welche die Gottheit leugnet oder zumindest negiert; eine Religion, die den Menschen, was seine Abstammung betrifft, ins Tierreich verweist. Selbst das tierische Bewusstsein oder die Intelligenz, die eine Pflanze ihrer Art und Funktion entsprechend wachsen lässt, kann nicht als mechanistisches oder chemisches Produkt interpretiert werden. Noch viel weniger kann das in Bezug auf den Geist des Menschen der Fall sein. Wir wollen nach innen schauen und versuchen, die Tiefen unseres eigenen wunderbaren Bewusstseins zu ergründen. Wenn es aus der Materie hervorkommt, müsste die Materie Gott sein. Gleiches bringt Gleiches hervor; und Flüsse können nicht höher fließen als ihre Quelle. Unser Bewusstsein ist ein Teil eines Bewusstseins-Meeres, unser Denken ein kleines Lichtbündel; und unser physischer Organismus kann nicht mehr sein als die Leinwand, auf die das Licht projiziert wird.

Die Theosophie beschäftigt sich mit der Wirklichkeit. Und was ist wirklicher als unsere eigene bewusste Existenz? Wir können uns als Ausgangspunkt nichts Wesentlicheres vorstellen, als unser eigenes Bewusstsein. Die Evolution des Geistes verläuft in der der Materie entgegengesetzten Richtung. Beim Zusammentreffen dieser beiden wird das Denkvermögen gebildet. Genaugenommen ist der Mensch das Resultat zweier zusammenfließender evolutionärer Entwicklungen: der des Geistes und der der Materie. Das gesamte manifestierte Universum ist durch die Vereinigung von Geist und Materie gebildet, durch kosmisches Leben und Bewusstsein, die sich Vehikel aufbauen, um sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Wie gesagt, es wäre besser von der Involution des Geistes in die Materie und der daraus entspringenden Evolution der Materie zu sprechen. Die Wissenschaft studiert die Evolution der Materie, nicht die Involution des Geistes. Außerdem versucht man beides als ein und denselben Prozess zu betrachten. Das Denkvermögen stellt man sich als ein Produkt der Evolution vom Tier- zum Menschenreich hin dar. Es ist der Geist, der die Entfaltung der Organismen verursacht; die Form verändert sich und passt sich den zunehmenden Fähigkeiten der innewohnenden Monade an. Wir können eine Analogie aus der Wissenschaft entlehnen: nämlich die Wirkung von Wärme, die verschiedene Veränderungen verursacht. Zum Beispiel wird Wasser zu Wasserdampf und weiter resultieren aus der Zufuhr von Wärme zahlreiche chemische Veränderungen. Wir erkennen hier, dass Wärme das unsichtbare Mittel ist, das sichtbare Veränderungen verursacht. Aber viele Biologen argumentieren, als wären die Veränderungen von selbst geschehen und Wärme ein Nebenprodukt dieses Prozesses. Da man von einem Wissenschaftler erwartet, dass er alle seine inneren Sinne verschließt und die Natur mit nüchternem Blick betrachtet, entgeht ihm möglicherweise der Bewusstseinsfunke im Auge des Tieres, den er als etwas, das mit ihm selbst verwandt ist, erkennen könnte.

Das Selbstbewusstsein

Der Mensch ist nicht das Endprodukt einer Reihe von Pflanzen- und Tierformen, denn es gibt eine ganz deutliche Kluft – die Kluft des Selbstbewusstseins, wie bereits vorher erwähnt. Der Mensch hat das Vermögen, sein eigenes Bewusstsein zu erforschen, und es liegt in seiner Macht, sich zu verändern, indem er seinen Willen und seine Vorstellungskraft einsetzt. Tiere besitzen diese Fähigkeiten nicht. Sie sind entweder da oder nicht, eine Zwischenform gibt es nicht. An dieser Stelle müssen wir jetzt eine unter Vorbehalt gemachte Aussage ergänzen, als wir nämlich sagten, der Mensch sei das Produkt einer dualen Evolution. Wir werden ihn jetzt als ein Produkt dreier verschiedener Evolutionslinien betrachten. Die dritte ist die Linie des selbstbewussten Denkens.

Gemäß den religiösen Kosmogonien, einschließlich der Bibel, wurde der Mensch ursprünglich aus dem Stoff der Erde geschaffen und zu einer lebenden Seele gemacht, das heißt einer animalischen Seele, in Übereinstimmung mit einer genauen Übersetzung aus dem Hebräischen. Später wurde diese Seele mit dem göttlichen Feuer begabt, so dass der Mensch nach Gottes Vorbild und Ebenbild geschaffen wurde. Das ist eine Universallehre, und es gibt nichts, worüber mehr Einstimmigkeit bestanden hätte, als über die duale Schöpfung des Menschen. Die Wissenschaft wird diese Wahrheit gewiss einmal bestätigen, auch wenn sie anstelle der biblischen eine eigene Terminologie benutzen wird.

Die Tatsachen lehren uns, dass Intelligenz in dem einen Menschen durch einen anderen Menschen geweckt wird. Ein Kind, das sich selbst überlassen bleibt, ist nicht imstande, seine Intelligenz zu entwickeln, sondern es würde zu einer Art instinktiv lebendem Wesen werden. Einige Beispiele dafür sind bekannt. Das Kind lernt von seinen Eltern und Erziehern durch Belehrung und Nachahmung, und später wird es in der Schule unterrichtet. Wichtige Veränderungen im Denken des Menschen wurden immer von großen Geistern in Gang gesetzt, von einzigartigen Denkern von Format, die Schüler anzogen, von denen sich die Woge auf das Denken der Massen übertrug. Das Licht wird immer weitergegeben werden. Tatsächlich ist in jedem Menschen Intelligenz latent vorhanden, aber sie bleibt latent, wenn sie nicht zum Leben erweckt wird. Die höchst entwickelten Tiere bleiben das, was sie sind, und sie zeigen nicht die Neigung, Intelligenz zu entwickeln. Welche Argumente könnten wir zur Unterstützung der Annahme vorbringen, dass das in der Vergangenheit anders gewesen sein sollte? Die Suche nach fossilen Überresten von Wesen, die in der Evolution zwischen dem Menschen und den Menschenaffen stehen, ist ohne Erfolg geblieben. Es ist wahrscheinlich, dass die Knochen von degenerierten menschlichen Wesen als Zwischenglied betrachtet werden können. Die Ähnlichkeit in der Struktur des Menschenaffen und des Menschen wirkt nach beiden Seiten und kann deshalb genausogut als Beweis für die Tatsache dienen, dass der Affe vom Menschen abstammt; es gibt Biologen, die der Meinung sind, dass das tatsächlich durch die Fakten bestätigt wird.

Der Mensch ist also das Produkt von drei Hauptlinien der Evolution. Die dritte Linie ist die der manasischen Evolution – das heißt die Evolution von Manas, dem selbstbewussten Denken. Es ist dieses selbstbewusste Denken, das den Menschen so deutlich von den höheren Tierarten unterscheidet und das kann nicht – wie bereits gesagt – die Folge von direkter Evolution des nicht selbstbewussten Tieres sein. Es ist eine Errungenschaft des Menschen in einem bestimmten Stadium seiner Evolution. Es gab eine Zeit, in der er das selbstbewusste Denken nicht besaß, und es kam eine Zeit, in der er es erwarb. Das erklärt den Unterschied zwischen den ehemaligen ‘gemütlosen’ Menschenrassen und den späteren ‘erwachten’ Rassen.

Dieses Ereignis wird in der Theosophie das Erscheinen der Mānasaputras genannt, was ‘Söhne des Denkens’ bedeutet. Sie waren göttliche Wesen, die selbst einst Menschen waren. Da sie jedoch der vorigen Runde des Evolutionszyklus angehören, haben sie das menschliche Stadium, wie wir es jetzt kennen, bereits durchlaufen. Von diesen Wesen empfing der Mensch seine spezielle Intelligenz. Man soll aber nicht denken, dass sie ihm das Denkvermögen schenkten, so wie man jemandem etwas gibt, was er noch nicht hat. Sie weckten in den gemütlosen Menschen sozusagen den latenten Samen des Selbstbewusstseins, der bereits in ihnen schlummerte. Wir müssen im Auge behalten, dass in jedem Wesen im Universum, wie niedrig es auch sein mag, die höchsten Möglichkeiten in latentem Zustand vorhanden sind, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft entfalten werden, wie weit entfernt der auch sein mag. Diese ‘Söhne des Denkens’ waren die Lehrmeister des Menschen – die Inspiratoren oder Heilande. Dieses Ereignis wird in vielen heiligen Schriften und Mythologien in allegorischer Sprache beschrieben, einschließlich der Genesis in unserer Bibel. Der interessierte Leser kann in der theosophischen Literatur über das Thema der Mānasaputras umfassendere Information erhalten.

Hier müssen wir uns auf das beschränken, was notwendig ist, um das gegebene Thema zu erklären. Es ist dieser manasische Teil des Menschen, der das unentbehrliche Glied zwischen Geist und Materie bildet. Wir müssen uns eine natürliche Evolution vorstellen, die unten anfängt und stets kompliziertere Formen hervorbringt, und eine spirituelle Evolution (oder besser gesagt Involution), die oben anfängt und eine abwärts strebende Richtung besitzt. Die spirituellen Wesen können nicht in tierischen Organismen inkarnieren, die von der niederen Evolution erzeugt werden, weil die Kluft zu groß ist. Es ist dieses dazwischen liegende Prinzip – Manas oder das selbstbewusste Denken, Intelligenz –, das die Kluft überbrückt und die Vereinigung des Spirituellen und Materiellen zustande bringt, wodurch der vollständige Mensch entsteht.

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass mit dieser Methode tatsächlich Wissen von Mensch zu Mensch übertragen wird. Wir lernen alle durch den Kontakt mit anderen. Diese anderen geben uns nicht etwas, sondern sie wecken vielmehr unsere eigenen latenten Kräfte. Das ist Erziehung im wahrsten Sinne des Wortes, das heißt ‘Zum-Vorschein-Bringen’ – so wie Plato in seiner bekannten Geschichte zeigte, in der er einem ungebildeten Sklaven eine mathematische Wahrheit entlockte.

Auf die Frage, ob die heutigen Tiere jemals Menschen werden, muss die Antwort ja und nein lauten. Es ist nicht richtig zu behaupten, dass tierische Körper zu menschlichen Körpern evolvieren können oder dass Tiere auf dem Weg der allmählichen Transformation zu Menschen werden. Aber es ist wahr, dass die Monaden, die jetzt in tierischen Körpern wohnen, einmal ins Menschenreich übergehen und vom Feuer des Denkens erleuchtet sein werden. Das wird aber nicht im gegenwärtigen Evolutionszeitalter stattfinden; die Tür zum Menschenreich ist für diesen Zyklus geschlossen; und die jetzige Tierwelt wartet ihrerseits auf die zukünftige Evolutionsrunde.

Der Standpunkt der Wissenschaft

Der allgemeinen Auffassung gemäß entwickelte sich alles aus einem äußerst einfachen Beginn. Die Anzahl von Dingen, die wir als anwesend voraussetzen und als selbstverständlich annehmen müssen, ist ungeheuer groß. Aus dieser Auffassung folgt, dass das Atom mit seinen inhärenten Eigenschaften die Verantwortung für die Entstehung des Universums und die dazugehörenden Wesen trägt. Wir könnten es mit Fug und Recht das Allmächtige Atom nennen. Aber davon abgesehen ist die Bewegung, die beim Einfachen ihren Ursprung hat und zum Komplizierten führt, nur die eine Hälfte eines wahrnehmbaren Universalprozesses. Die zweite Hälfte ist die Bewegung, die vom Komplizierten zum Einfachen führt. Diese beiden Prozesse wirken gleichzeitig und kontinuierlich. Die Prozesse der kosmischen Evolution sind sehr zahlreich und mannigfaltig, und der ganze Plan ist unendlich umfangreich und kompliziert. Die Wissenschaft wurde unbewusst von der religiösen Ansicht hinsichtlich des beschränkten Zeitraums der Entwicklungsgeschichte des Menschen beeinflusst. Diese eingeengte Sichtweise der Geschichte des Menschen wird außerdem noch durch die Schlussfolgerung gefördert, dass der Mensch das Endprodukt einer durchgängigen Evolutionslinie ist.

Eine unvoreingenommene Untersuchung der Tatsachen hätte zu einer anderen Schlussfolgerung geführt. Bei genauer Betrachtung deutet nichts darauf hin, dass der Mensch sich in der jüngsten Vergangenheit aus der Barbarei entwickelte. Die Archäologie bringt laufend neues Material ans Licht, woraus hervorgeht, dass der Mensch – selbst der Mensch von hoher Zivilisation – aus der grauen Vorzeit stammt. Und auch in der Biologie musste man zugestehen, dass der Bau des menschlichen Körpers eine gewisse Primitivität zeigt, die nur schwer mit dem Standpunkt in Einklang zu bringen ist, dass er das jüngste Produkt der Evolution sei. Die Menschheit ist tatsächlich der ursprünglichste und daher der primitivste Stamm von allen. Der Mensch hat in seinem Körper eine einfache Rangordnung von Knochen und Muskeln.

Für denjenigen, der mehr darüber erfahren will, was die Wissenschaft über dieses Thema sagt, verweisen wir auf das Buch Man in Evolution von G. de Purucker. Darin ist eine ausführliche Aufzählung einer Anzahl anatomischer Besonderheiten enthalten, die dies bestätigen. Die Ausführungen beruhen hauptsächlich auf den Studien des Professors für Anatomie Dr. Wood Jones. Ein kurzer Überblick dazu findet sich im Anhang.

Der Mensch ist der ursprünglichste Stamm

Gemäß der theosophischen Evolutionslehre war der Mensch der ursprüngliche Stammvater der Säugetiere, und auch die anderen Tierarten sind aus diesem menschlichen Stamm hervorgegangen. Das erklärt den primitiven und einfachen Bau des menschlichen Körpers. Bei den verschiedenen Tierarten kommen Spezialisierungen bestimmter Organe und Funktionen vor, wie Flügel, Rüssel, Krallen, Hörner, Kiemen. Nach der Evolutionstheorie sind dies Attribute, die im Laufe der Entwicklung zum Menschlichen hin verschwanden. Die Alte Weisheit jedoch lehrt, dass die späteren Tierarten aus den Mikroorganismen des menschlichen Stamms hervorgingen. Diese Keimzellen entwickelten und spezialisierten sich entlang einer eigenen, bestimmten Evolutionslinie, so dass im Lauf der Zeitalter die menschliche und tierische Entwicklung stets weiter auseinanderliefen. Ein unvoreingenommenes Studium der Fakten zeigt, dass dies tatsächlich der Fall ist, denn man hat festgestellt, dass die einzelnen Arten die Neigung zeigen, sich gemäß ihrer eigenen Linie zu spezialisieren, anstatt allmählich in eine andere Spezies überzugehen.

Wenn wir sagen, dass die Mikroorganismen, die sich später zu Säugetieren entwickelten, vom menschlichen Stamm abgeworfen wurden, müssen wir hinzufügen und erklären, weshalb wir vom ‘menschlichen Stamm’ und nicht vom ‘Menschen’ reden. Die Geschehnisse, von denen hier die Rede ist, fanden in einer sehr fernen Vergangenheit statt, und seitdem hat sich die menschliche Rasse weiterentwickelt, so dass die Menschheit, von der die Säugetiere abstammen, sich von der heutigen Menschheit stark unterscheidet. Wir müssen auch bedenken, dass im Universum, in dem alles evolviert, auch die Materie selbst evolviert und dass ihr heutiger Zustand, den wir ‘physisch’ nennen, die jüngste Phase einer ununterbrochenen Kette von Phasen oder Zuständen ist, welche die Materie durchlief. Der Prozess, in dem die Mikroorganismen oder Samen, die sich später zu Säugetierstämmen entwickeln sollten, abgeworfen wurden, wird ‘Knospung’ genannt. Ein kleines Teilchen löste sich von dem Elternkörper – ungefähr so wie eine Spore die Pflanze verlässt oder eine Eichel die Eiche – und begann dann seine eigene Entwicklung. Der heutige menschliche Organismus ist nicht imstande, auf diese Weise Nachkommen hervorzubringen, obgleich diese Methode der Fortpflanzung noch immer bei einzelnen Arten von Lebewesen vorkommt.

Deshalb kann die Frage, ob die Tiere von den Menschen abstammen, sowohl mit ja als auch mit nein beantwortet werden. Sie stammten in der Weise vom Menschen ab, wie es hier beschrieben wurde, aber nicht im Sinne der Darwinisten. Die Tiere gingen nicht als Endprodukt einer einzelnen, durchgehenden und nach oben gerichteten Evolutionslinie aus dem Menschen hervor. Die Keimzellen der Tierarten entsprangen in einer fernen Vergangenheit dem menschlichen Stamm, der vom heutigen menschlichen Stamm jedoch sehr verschieden war. Das Evolutionsmodell der beseelten Reiche muss man sich deshalb als einen Baum vorstellen – mit einem Hauptstamm, mit dicken und dünnen Ästen, mit Zweigen und Blättern. Dieses Modell ist ganz anders als das lineare Evolutionsmodell. Die Wissenschaft nähert sich in dem Maß, in dem die Erkenntnisse sich häufen und die Untersuchungen weitergehen, zunehmend diesem Baum-Modell der Evolution.

Der Mensch stammt – vom Menschen ab

Der Vorfahre des Menschen war der Mensch selbst; möglicherweise vormenschlich, aber trotzdem menschlich. Was war der Mensch und woher kam er?

Das Dasein des Menschen nahm auf der göttlichen Ebene seinen Anfang und zwar als ein nicht-selbstbewusster, göttlicher Funke, dessen Bestimmung es ist, am Ende des Evolutionszyklus wieder mit der göttlichen Essenz vereint zu werden, aus der er hervorgeging. Er ist eine Monade, ein Keim des Universalen Lebens. Die Monaden, deren Bestimmung es war, Menschen zu werden, waren göttliche Wesen, die in den frühesten Tagen im Leben des Planeten auf die Erde kamen. Der erste physische Mensch existierte bereits vor 18 000 000 Jahren auf der Erde; und vor dieser Zeit war er schon in astraler oder ätherischer Form anwesend. Dass die Materie selbst evolviert und diese Erde nicht immer in dieser heutigen, materiellen Form lebte, wird von der Wissenschaft übersehen. Dies hatte weitreichende Folgen für das Gesamtbild der Paläontologie; und viele Schwierigkeiten entspringen der fälschlichen Annahme, dass die Zustände und Eigenschaften der Materie in der fernen Vergangenheit den heutigen entsprechen. In den letzten Jahren hat die Wissenschaft jedoch eine stürmische Entwicklung erlebt, unter anderem in Bezug auf ihre Ansichten über das materielle Universum. Astrophysiker zum Beispiel sind zu der Schlussfolgerung gelangt, dass sich in der Sonne und in den Sternen im Allgemeinen eine Evolution der Elemente vollzieht, die mit der Umwandlung von Wasserstoff in Helium ihren Anfang nimmt. In seinem Buch The Ascent of Man1 sagt Jacob Bronowski, dass die Materie selbst evolviert. Die Meinung des neunzehnten Jahrhunderts, das Universum sei nichts weiter als eine materielle Maschine, hat ausgedient; und wir können mit Recht die Schlussfolgerung ziehen, dass die neue Physik zur Metaphysik geworden ist.

In der gegenwärtigen Periode oder Runde der kosmischen Evolution gibt es sieben Wurzelrassen, und wir befinden uns gerade in der fünften. Die erste Wurzelrasse begann etwa vor 130 oder 150 Millionen Jahren. Jede dieser Rassen hatte ihre eigene Form und ihre eigene spezielle Art der Fortpflanzung. Die erste pflanzte sich durch Teilung fort. Die zweite durch Knospung und die dritte war androgyn und legte Eier. Bei manchen Tierarten kommen diese Fortpflanzungsarten noch immer vor. Die Phase der uns gegenwärtig bekannten geschlechtlichen Fortpflanzung ist nur von vorübergehender Dauer. Die ersten physischen Menschen und die ihnen vorausgehenden astral-ätherischen Menschen waren die Urahnen der Säugetiere. Zu jener Zeit war der Mensch ‘gemütlos’ – das heißt er handelte instinktiv, denn das Licht des Selbstbewusstseins war noch nicht in ihm entzündet. Damals konnte der Mensch die Evolution verschiedener Säugetierarten durch das Ausschwitzen von Zellen oder Samen aus seinem eigenen Körper verursachen. Später folgten diese ausgeschwitzten Zellen oder Samen ihrer eigenen speziellen Evolutionslinie und brachten in den folgenden Zeitperioden die verschiedenen Säugetiere hervor, die wir heute kennen.

Bis jetzt haben wir über die Säugetiere gesprochen, aber es gibt auch noch niedrigere Tierarten, wie die Reptilien, die Vögel, Fische und so weiter. Diese gingen nicht aus dem menschlichen Stamm in dieser Runde des großen Evolutionszyklus hervor, sondern in einer vorausgegangenen Lebensperiode auf dieser Erde. Hieraus ergibt sich, dass der Evolutionsplan komplizierter ist, als angenommen wird. Es ist nicht beabsichtigt, hier tiefer und detaillierter darauf einzugehen. Vielleicht wirkt unsere Darlegung dadurch etwas fragmentarisch, aber in weiterführender theosophischer Literatur wird dieses Thema vollständiger ausgearbeitet; dort können die Zusammenhänge klarer gesehen werden.

Der Mensch und die Affen

Einen Sonderfall müssen wir hier zur Sprache bringen; und dieser betrifft die beiden affenartigen Familien: die Antropoiden oder Menschenaffen und die gewöhnlichen Affen. Manche Wissenschaftler vermuten, dass diese vom Menschen abstammen und nicht auf dem Weg zum Menschen sind. So behauptet zum Beispiel der finnische Antropologe Björn Kurtén, dass von Primaten stammende Fossilien unverkennbar darauf hinweisen, dass der Mensch nicht vom Affen abstammt; es ist vielmehr richtiger zu sagen, dass die Affen und Menschenaffen von den frühen Ahnen der Menschen abstammen.2 Das ist die wahre Geschichte vom Ursprung der Menschenaffen und der übrigen Affen; und die Richtigkeit derselben kann durch ein Studium der anatomischen Kennzeichen von Mensch und Menschenaffe gezeigt werden. Die Meinung, dass sich der Mensch aus dem Menschenaffen oder beide aus einem gemeinsamen Stamm entwickelt haben sollten, wird dann als Widerspruch zu den Tatsachen erkannt werden. Für eine eingehendere Betrachtung dieser komplexen Lehren wird auf Die Geheimlehre von H. P. Blavatsky und die Werke Dr. de Puruckers hingewiesen.

Die spirituelle Triebkraft hinter der Evolution

Wir haben festgestellt, dass der Mensch in einer Hinsicht von den Tieren stammt. Das heißt, dass der menschliche Körper das Ergebnis einer sehr lange andauernden Evolution durch die niederen Reiche ist. Aber diese aufwärts gerichtete Evolution hätte ohne eine gleichzeitige Involution des Geistes in das Physische von oben her niemals stattfinden können. Das Universale Leben – Bewusstsein, Geist (eine genauere Bezeichnung ist schwer zu finden) – ist die wirkliche Ursache der Evolution. Dieses Universale Leben errichtet immer neue und geeignetere Formen auf der Erde. Aber Leben, Bewusstsein und Geist an sich sind lediglich Abstraktionen; sie sind Eigenschaften von Lebewesen, und diese Lebewesen sind die Monaden aller möglichen Klassen und Abstufungen.

Die Monaden sind Funken oder Atome des Universalen Lebens. Sie sind spirituelle Wesenheiten; und sie können als letztendlicher Same betrachtet werden – als fundamentale Keimzelle eines jeden lebenden Etwas, bis zum winzigsten Atom oder Teilchen. Jede dieser Keimzellen beginnt ihren individuellen Evolutionspfad. In ihnen sind die Möglichkeiten all dessen latent vorhanden, was sie später aus sich heraus entwickeln. Das Universum ist also die Bühne für eine sehr große Schar solcher lebender, evolvierender Wesenheiten. Sie existieren in verschiedenen Stadien der Evolution. Wenn das Spirituelle sich anfangs in die Materie einzuhüllen beginnt, schreitet die Evolution sehr langsam voran, so dass lange Zeitalter in den niederen Naturreichen verbracht werden – im Mineralreich, dem die drei Elementalreiche vorausgehen; und danach im Pflanzenreich und so weiter.

Der Individualisierungsprozess fängt bei den Pflanzen an, entwickelt sich weiter in den Tieren und wird im Menschen vollendet. Man muss hierbei bedenken, dass es nicht die organischen Formen sind, die ineinander übergehen, sondern dass es die ihnen innewohnenden Monaden sind, die eine Form nach der anderen als Wohnung benützen, dem Lauf ihrer Evolution entsprechend. Die Formen können also während langer Perioden gleich bleiben oder sich lediglich geringfügig verändern, während die Evolution die ganze Zeit über voranschreitet.

Es ist bemerkenswert, dass von Pflanzen oder Tieren manchmal plötzlich neue Spielarten auftreten, sogenannte Mutationen. Sie sind die sichtbare Wirkung eines bestimmten inneren Drangs der Monade, der nach einem solchen veränderten Körper verlangt, um sich dadurch zum Ausdruck zu bringen. Das hängt sehr eng mit der vorhergehenden Evolution zusammen, was die Paläontologie festgestellt hat, und das löst viele Fragen, auf welche dieser Wissenschaftszweig gestoßen ist. Obschon es im Allgemeinen richtig ist, dass die Arten niedriger werden, je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, verlief die Entwicklung doch in keinster Weise gleichförmig. So gab es eine explosionsartige Vermehrung der einen oder anderen Art, wie beispielsweise die der Reptilien im Mesozoikum, die eine gewaltige Entwicklung durchliefen und Riesenkörper hervorbrachten. Später nahmen immer kleiner werdende Eidechsenarten die Stelle der einst gigantischen Saurier ein. Während einer bestimmten Periode gab es eine enorme Entwicklung der Farne, die so hoch wuchsen, wie die Bäume; und ein anderes Mal waren es die Ammoniten und so weiter. Gleichzeitig mit diesen Entwicklungen der Pflanzen und Tiere traten Veränderungen in der Struktur der Erde auf, in der Verteilung von Land und Wasser, in der Zusammensetzung der Atmosphäre, in der Temperatur, im Luftdruck und in anderen geophysischen Bedingungen. Dies macht das Evolutionsschema wesentlich bunter als der Gedanke einer geradlinig verlaufenden Abstammung.

Die Theosophie stimmt mit dem Darwinismus bezüglich des Gesetzes einer äußerst langsamen, viele Millionen Jahre umfassenden Entwicklung überein. Aber es ist notwenig, einen Unterschied zwischen der Tatsache, dass es eine Evolution gibt, und deren Arbeitsweise zu machen. Diesbezüglich bestehen in der Theosophie andere Auffassungen. Dann gibt es noch die Frage nach der Ursache der Evolution, ein Streitpunkt mit unterschiedlichen Auffassungen.

Gemäß einer bestimmten Ansicht muss man die Ursache für die Evolution in den in der Materie vorhandenen, inneren Kräften suchen, ohne Vermittlung eines außerhalb der Materie stehenden Einflusses. In Wahrheit wird hiermit das schwierige Problem, wodurch die Evolution eigentlich verursacht wird, umgangen. Vermutlich wurden die Worte ‘innere Kräfte’ benutzt, um die Vermittlung eines göttlichen Schöpfers auszuschalten und auf diese Weise den Unterschied zwischen der Evolutionstheorie und der Idee der Schöpfung zu betonen. Eigentlich ersetzen wir damit eine Schwierigkeit durch eine andere, die genau so groß ist, wenn nicht sogar noch größer. Wir könnten uns erst einmal fragen, was der Unterschied zwischen ‘von innen her’und ‘von außen her’ ist, also zwischen dem was ‘in’ der Materie und was ‘außerhalb’ von ihr ist. Wenn die für die Evolution verantwortliche Ursache selbst auch materiell ist, haben wir das Problem nicht gelöst, sondern nur um einen kleinen Schritt verschoben. Wenn die gemeinte Energie ‘von innen her’ nicht materiell ist, was ist sie dann? Der Unterschied zwischen ‘von innen her’ und ‘von außen her’ würde verschwinden, wenn es sich um eine immaterielle Energie handelte, die von der Materie getrennt ist. Logisch argumentierend müssen wir sagen, dass die Materie von der einen oder anderen Kraft angeregt wird, die nicht materiell ist, oder wenigstens nicht dieselbe physische Art hat. Sonst wäre die Materie das primum mobile, das ursprüngliche Element, die selbstgeschaffene oder unerschaffene letztendliche Ursache aller Dinge – mit einem Wort Gott.

Bewusstsein ist der Materie übergeordnet, denn alles, was wir über die Materie wissen, ist das, was wir mit unserem eigenen Bewusstsein erkennen. Das heißt also, dass wir von der Existenz von Bewusstsein ausgehen müssen, bevor wir uns überhaupt mit dieser Sache auseinandersetzen können. Es wurde zwar behauptet, Bewusstsein würde aus der Materie hervorgehen, die selbst ohne Bewusstsein ist. Mit dieser haltlosen Behauptung entzog man sich der schwierigen und unlöslichen Frage nach dem Ursprung des menschlichen Geistes oder Selbstbewusstseins, das die Tiere nicht aufweisen. Von der alten Vorstellung der materiellen Evolution und der Theorie ausgehend, der Mensch sei das Endprodukt der Entwicklung bestimmter Tierarten, kam man zu dieser Beweisführung. Aus was auch immer sich das menschliche Bewusstsein entwickelt hat – es muss größer gewesen sein als dieses Bewusstsein, ob wir es Materie oder Atom nennen, oder eine Monade oder einen Gott. In diesem Sinne mag es richtig sein, dass die Evolution durch die der Materie innewohnenden Kräfte hervorgebracht wird; aber das wäre dann nur eine andere Art, die Tatsache zum Ausdruck zu bringen, dass selbst dem kleinsten Atom das Gesamte potentiell innewohnt, was sich später aus ihm heraus entwickeln kann. Das bedeutet, dass das Atom ein Funke des Universalen Geistes ist – und das ist eine rein theosophische Lehre.

Einen wichtigen physischen Aspekt der menschlichen Anatomie, der damit engstens verbunden ist und ihn in hohem Maße von den Tieren unterscheidet, weist der Schädel auf. Aus Fundstücken fossiler Hominiden ergibt sich, dass beim Menschen, im Vergleich zu allen anderen Säugetierformen, eine bemerkenswerte plötzliche Vergrößerung des Schädels stattgefunden haben muss. Für diese Vergrößerung kann man keine biologische Erklärung vorbringen. Dass das Gehirn mehr als doppelt so groß ist wie zum Beispiel beim Gorilla, stellt eine rein menschliche Spezialisierung dar. Der bekannte Anthropologe, Dr. Loren Eiseley, schreibt über diese Frage in seinem Buch The Immense Journey (Random House, New York, 1946, S. 91):

„Wir haben viele Gründe für die Überzeugung, dass – von welcher Art die Kräfte auch in Bezug auf das menschliche Gehirn sein mögen – ein langer, langsamer Wettlauf zwischen verschiedenen menschlichen Gruppen oder zwischen unterschiedlichen Rassen, eine unerwartet kleine Übereinstimmung in den mentalen Fähigkeiten der Völker, wo auch immer, zur Folge gehabt hätte. Da muss etwas sein – ein anderer Faktor – der unserer wissenschaftlichen Aufmerksamkeit entgangen ist.“

An einem bestimmten Punkt der Evolution wurde in der gesamten Menschheit gleichzeitig das Denkvermögen zur Tätigkeit erweckt und es entstand Selbstbewusstsein und die Fähigkeit der Selbstreflexion. Dieses Ereignis, das mit dem ‘Hinabsteigen der Mānasaputras’ bereits in diesem Buch angedeutet wurde, stellt mit Gewissheit diesen ‘anderen Faktor’ dar, über den Dr. Eiseley spricht.

Wir möchten noch jemanden aus wissenschaftlichen Kreisen zu Worte kommen lassen, wodurch die Überzeugung mehr und mehr an Boden gewinnt, dass der wahre Mensch nicht Körper, sondern Geist ist. In Wraparound, (Dezember 1975, S. 5) schreibt Dr. Oliver Sacks, Neuropsychologe am Albert Einstein College of Medicine (Bronx, New York) und Autor mehrerer Bücher über menschliches Bewusstsein:

„Der gesamte Organismus ist eine funktionelle Einheit: Der Sitz unseres Selbstbewusstseins ist nicht nur der Kortex; wir sind mit unserem gesamten Selbst bewusst. … Man kann davon ausgehen, dass der Ursprung des Bewusstseins allein in uns selbst liegt. Unser Bewusstsein ist wie eine Flamme oder eine Quelle, die aus unendlichen Tiefen aufsteigt. Wir überbringen und übertragen, aber wir sind nicht die erste Ursache. Wir sind Trichter oder Gefäße für das, was hinter uns liegt. Letztendlich spiegeln wir die Natur wider, die uns schuf. Die Natur erwirbt durch uns Selbstbewusstsein.“


Das Alter des Menschen

Der Gedanke, der Mensch sei an sich schlecht und seine Erziehung sei nicht viel mehr als eine dünne Schale, ist tiefer verwurzelt, als allgemein angenommen wird. Diesem Gedanken zufolge ist der Mensch den ernsthaften Heimsuchungen des Lebens nicht gewachsen, wodurch sein ‘wahres Gesicht’ schnell ans Tageslicht tritt. Ob diese Meinung aus dem religiösen Glauben an den Sündenfall entsprungen ist oder aus der Überzeugung, dass der Mensch aus niedrigeren Wesen evolvierte, ist nicht von Bedeutung. Dass diese Meinung allerdings einen ungünstigen Einfluss auf das allgemeine Benehmen und Denken des Menschen ausgeübt hat, ist eine Tatsache.

Aber der Mensch hat das, was an ihm wertvoll ist und im tiefsten Kern seines Wesens wohnt, nie ganz verleugnen können. Außerdem hat jedes Volk große Menschen hervorgebracht, die mehr ihrer Intuition vertrauten als allgemein üblichen Meinungen und welche die Menschen in Wort und Tat stets an ihre wahre Herkunft und Bestimmung erinnerten.

Auch die Vorstellung, dass der Mensch ursprünglich zögernd und als Statist auf der Bühne erschien und erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit anfing, eine bedeutende Rolle zu spielen, gibt ein falsches Bild des großen Evolutionsdramas auf der Erde. Nach der Alten Weisheit war und ist der Mensch auf der Erde eine wichtige Erscheinung, mit der gesamten Verantwortung, die daraus resultiert – auch für die niederen Wesen, die in irgendeiner Weise in verschiedenen Perioden ihren Ursprung im menschlichen Stamm nahmen. In diesem Zusammenhang müssen wir erneut auf die falsche Annahme hinweisen, die Evolution habe sich entlang einer Linie vollzogen – von primitiven bis hin zu den kompliziertesten Formen. Eine logische Folge dieser Ansicht ist, dass die kompliziertesten Erscheinungen auch die jüngsten wären. Das beinhaltet außerdem, dass der heutige Mensch den gebildetsten und intellektuell und moralisch am weitesten entwickelten Menschentypus repräsentiert und dass die uns vorausgegangenen Völker umso weniger zivilisiert waren, je weiter wir in der Geschichte zurückgehen.

Hinsichtlich dieses Gedankens müssen wir bemerken, dass einige moderne Anthropologen anhand von Funden zu der Schlussfolgerung gelangt sind, dass man bezüglich der Abstammung des Menschen von Polygenese und nicht von Monogenese sprechen muss – also nicht von einer Entwicklung aus einem einzelnen Punkt. Das steht mit der archaischen Weisheitslehre in Übereinstimmung.

Die Menschheit bildet den Stamm, aus dem andere organische Formen zu verschiedenen Zeit hervorgingen. Das ist die theosophische Vorstellung, die jedoch nicht als Dogma akzeptiert werden muss, denn die ans Licht kommenden Tatsachen werden diese Lehre mehr und mehr bestätigen. Selbst wenn wir eine Lehre nicht blindlings akzeptieren und immer mit unserem eigenen Unterscheidungsvermögen die Bestätigung suchen müssen, ist es doch hilfreich und spart sehr viel Zeit, wenn wir Seitenwege vermeiden und von Anfang an über den Schlüssel verfügen. Alle Lehrer stellen Thesen auf, die dann zu beweisen sind; damit appellieren sie an die Vernunft und das Vertrauen ihrer Schüler, die bereit sind, diese Behauptungen vorläufig zu akzeptieren – bis die Zeit kommt, in der sie bestätigt werden können.

Die Forschungsergebnisse der Archäologie in Bezug auf den Ursprung weisen mehr auf die Richtigkeit der theosophischen Lehren hin, als auf die gängigen Theorien. Die Evolution verläuft eher zyklisch als in einer durchgehenden, geraden Linie. Aus Ausgrabungen ist ersichtlich, dass sich primitive Völker ihrer Art und Kultur nach von Völkern, die jetzt auf der Erde leben, nicht unterscheiden. Und neben solchen Primitiven gab es, sowohl in der Vergangenheit als auch heute, mächtige Zivilisationen. Die Menschheit ist in Rassen und in endlose kleinere Gruppierungen unterteilt; und von diesen befindet sich jede in einer speziellen Phase ihrer eigenen Rassenevolution. So finden wir heute auf der Erde Rassen, die aufsteigen, andere, die ihren Höhepunkt überschritten haben, während wieder andere im Begriff sind, sich zurückzuziehen.

Es ist nur wenige Jahrzehnte her, dass die Wissenschaft der Spezies Homo – das heißt den direkten Ahnen des jetzigen Menschen – ein Alter von höchstens 500 000 Jahren zugestand. Neue Funde fossiler Überreste brachten die Archäologen dazu, das Alter mit ungefähr 1,6 und später sogar mit 2,6 Millionen Jahren anzusetzen. Dabei blieb es nicht. Denn in den Jahren 1974 und 1975 wurden in Äthiopien und Tansania Funde gemacht, bei denen die betreffenden Forscher ein Alter von etwa 3,75 Millionen Jahren bestimmten.3

Die Schlüsse, die man aus diesen Funden zog, betrafen nicht nur das Alter der Menschen, deren Überreste man studierte, sondern auch deren einstige Lebensumstände. Das Bild des agressiven Wilden, das man sich meistens von unseren Ahnen machte, wurde durch das einer sozialen Gemeinschaft ersetzt, deren Mitglieder Intelligenz und gegenseitige Solidarität bewiesen. Was die Hominiden anbelangt – das ist die viel größere Kategorie aller Formen der menschlichen Ahnen und daher nicht nur der Spezies Homo Sapiens, über die wir gesprochen haben und die als unsere direkten Vorfahren betrachtet werden müssen –, musste man im Lauf der Zeit das Alter wesentlich erhöhen. Man ging von dem Gedanken aus, dass es ein gemeinsames Glied gegeben haben müsse, aus dem die Hominiden und die Affen hervorgegangen sind; und man meinte, dass die Trennung vor ungefähr sechs oder sieben Millionen Jahren stattgefunden haben müsse. Weitere Untersuchungen zeigten jedoch, dass einige Varianten echter Hominiden bereits vor 15, möglicherweise vor 20 oder mehr Millionen Jahren auf der Erde existierten. Die Spezies Homo erschien also viel später auf der Bühne – vor etwa 3 oder 4 Millionen Jahren; sie ist der direkte Urahne des heutigen physischen Menschen, der anatomisch und der Gehirnentwicklung gemäß uns in etwa entspricht. Hier müssen wir allerdings bemerken, dass nicht alle auf diesem Gebiet tätigen Gelehrten dieselben Auffassungen vertreten, weder in Bezug auf die Bedeutung der Funde noch auf deren Alter.

Die ganze Geschichte der kosmischen Evolution, so wie sie die archaische Weisheitslehre widerspiegelt, ist zu komplex, um hier tiefer erörtert zu werden; wir wiederholen deshalb, dass ein Planeten-Manvantara (die Dauer der Lebenszeit eines Planeten) aus sieben großen Zeitaltern besteht, die als Globenrunden bezeichnet werden. Gegenwärtig befinden wir uns in der vierten Runde.

In jeder Globenrunde gibt es sieben Wurzelrassen und wir sind jetzt in der fünften, die vor ungefähr 5 Millionen Jahren begann. Die erste Wurzelrasse erschien vor etwa 132 bis 150 Millionen Jahren. In seiner physischen Form erschien der Mensch vor 18 Millionen Jahren zum ersten Mal auf der Erde; aber vorher existierte er bereits in feinstofflicheren Formen, die astral oder ätherisch genannt werden.

Die Wurzelrassen sind in Unterrassen eingeteilt; und die Unterrassen ihrerseits sind wieder mehrfach unterteilt; die Zivilisationen der verschiedenen Rassen, die heute auf der Erde existieren, vertreten somit kleinere Äste.


Vererbung und Evolution

Die wissenschaftliche Erforschung der Evolution ist mit dem Studium der Vererbung und der Zellstruktur verwoben. Ersteres bezieht sich auf Tatsachen der Vererbung, wie sie durch statistische Untersuchungen an Menschen und bei der experimentellen Zucht von Tieren und Pflanzen festgestellt wurden. Die Zellbiologie beinhaltet das Studium von Zellen und ihrer Entwicklung. Eine vollständige Besprechung dieser Themen würde viele Bände erfordern; deshalb können wir hier nur eine Zusammenfassung der Hauptpunkte geben.

Im Lauf der Geschichte folgte eine Theorie der anderen, was an sich schon ein Ausdruck von Evolution ist, weil das ein Bild des Wachstums neuer Ideen unter dem sich ändernden Einfluss neuer Tatsachen ergibt. Frühere Theorien, die auf noch unvollständigeren Kenntnissen basierten, veränderten sich allmählich – und zwar mit den neu hinzugekommenen Erkenntnissen. Ein bekanntes Phänomen bei den meisten Untersuchungen ist, dass neue Fakten – anstatt alte Theorien zu festigen und dadurch die Untersuchungen zu vereinfachen – neue Perspektiven eröffnen. Dadurch wird das Problem immer komplexer. Die bedeutsamsten Fragen, nach deren Lösung gesucht wird, sind:

(1) Welchen Einfluss haben diese Untersuchungen auf die Evolutionstheorien? Unterstützen sie diese oder stehen sie dazu im Widerspruch? Man kann die allgemeine Antwort wohl erraten: Die Untersuchungen machen Anpassungen der Theorien notwendig, trotzdem wird oft mit aller Macht an den alten Theorien festgehalten.

(2) Neigt die Vererbung dazu, Arten beizubehalten oder treten neue Arten auf ? Allgemein kann hierzu gesagt werden, dass beide Phänomene nebeneinander existieren: Bestimmte Faktoren neigen dazu, erbliche Merkmale von Generation zu Generation weiterzugeben, und andere bringen Mutationen hervor.

(3) Ist es möglich, dass der erworbene Charakter an die Nachkommen weitergegeben werden kann? Diese Frage ist mit der nächsten eng verbunden.

(4) Sind Variationen bei der Vererbung dem erworbenen Charakter zuzuschreiben oder entstehen sie in den Mikroorganismen auf eine andere Weise ?

Wir wollen noch einmal bei den früheren Vorstellungen von der Evolution innehalten und der Frage nachgehen, welche Auswirkungen spätere Untersuchungen auf sie hatten. Es wurde die Meinung vertreten, dass neue Arten durch allmähliche, geringfügige Mutationen aus den alten Arten hervorgingen. Die neuen Arten gaben dann durch Vererbung ihre Merkmale weiter. Dieser sich über lange Zeitalter erstreckende Prozess resultierte in einer langsam fortschreitenden Evolution – von den einfachsten bis zu den kompliziertesten Formen. Dies erwies sich als eine zu simple und grobe Theorie. In diesem Zusammenhang kann man das Werk von Bateson als historisch wichtig betrachten. Er war Vorsitzender der Jahresversammlung der British Association for the Advancement of Science im Jahr 1914 in Toronto. Dort hielt er eine bemerkenswerte Ansprache, aus der hier einige Zitate folgen. Er unterschied zwischen einem Verbindungsglied und einer Kreuzung. Als Beispiel führte er zwei verwandte Pflanzensorten an: Melandrium rubrum (Tages-Kuckucksblume) und Melandrium Album (Abend-Kuckucksblume), die gleichzeitig vorkommen – zusammen mit weiteren Pflanzen, die eine Anzahl von zwischen den beiden liegenden Kreuzungen darstellen. Gewöhnlich werden diese als Zwischenstadien betrachtet, in Wirklichkeit aber sind sie nichts anderes als Kreuzungen zwischen den beiden Sorten. Bateson sagt:

Die Kenntnis der Vererbung beeinflusste unsere Ansichten über die Variationen derartig, dass einige sehr kompetente Personen sogar bestreiten, dass es Varianten in der früheren Bedeutung überhaupt gibt. Varianten werden als die Basis aller evolutionären Veränderungen betrachtet. Finden wir tatsächlich in der Welt um uns derartige Varianten, die den Glauben an eine gleichförmig fortschreitende Evolution rechtfertigen? Bis vor kurzem würden die meisten Menschen diese Frage zweifellos mit ‘Ja’ beantwortet haben.

Varianten werden dort angetroffen, wo sich eine Artenvielfalt derselben Art ungehindert kreuzen kann. Diese Spielarten besitzen jedoch mehr oder weniger die Charakteristika des ursprünglichen Typus, von dem sie alle abstammen. Dasselbe Ergebnis wird auch beim experimentellen Züchten erreicht. Worauf es ankommt ist, dass die Spielarten nicht durch das Hinzufügen neuer Merkmale entstehen, sondern durch den Verlust bestimmter Merkmale, die in ihrer Gesamtheit in der Elternpflanze vorhanden waren. Bateson weist auch auf die vielen Haushühnerrassen hin, die alle vom ursprünglichen ‘Gallus Ferrugineus’ abstammen. Diese zahmen Hühner sind keine Übergangsformen zwischen der einen und der anderen Rasse – wie die anfängliche Theorie lautete –, sondern sie sind Produkte des ursprünglichen wilden Huhns. Sie besitzen alle eine Anzahl von Faktoren, die in diesem ursprünglichen Tier vorhanden waren – und zwar in unterschiedlichem Ausmaß. Mit anderen Worten, die zahmen Rassen sind Seitenzweige des ursprünglichen Typus.

Der Name von Hugo de Vries ist mit der Mutations-Theorie verbunden. Seine Experimente bezüglich Vererbung bei Pflanzen brachten ihn zu der Schlussfolgerung, dass Veränderungen viel plötzlicher auftreten können, als vorher angenommen wurde. Die früheren Anhänger der Evolutionslehre meinten, dass Veränderungen nur schrittweise auftreten und sich summieren. Aber er entdeckte, dass aus Sämlingen derselben Pflanze einzelne Pflanzen hervorgingen, die sich nicht nur in geringem Maße, sondern manchmal auch gravierend voneinander unterschieden. In einzelnen Fällen konnte der Unterschied so auffallend sein, dass eine der Pflanzen mit Recht als eine vollständig neue Art betrachtet werden konnte. Solch eine plötzlich auftretende Varietät bezeichnet De Vries als eine Mutation.

Wir beschäftigen uns nun mit der Keimplasma-Theorie von Weismann. Die grundlegenden Vorstellungen dieser Theorie haben noch immer Gültigkeit, obschon spätere Untersuchungen der Zelle den Biologen eine andere Sicht bezüglich mancher Einzelheiten boten. Er war der Ansicht, dass in vielzelligen Organismen bestimmte, bei der Ernährung und anderen vitalen Funktionen eine Rolle spielende Zellen, die Struktur und Substanz des Körpers als individuelle Zellen aufbauen und dass sie auch als individuelle Zellen sterben. Andere Zellen wiederum sterben nicht in dieser Weise, sondern vermehren sich durch Teilung, wie im Fall einzelliger Organismen; sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Dies würde erklären, wie die Eigenschaften der Ureltern über Generationen hinweg aufrechterhalten werden und warum bei Züchtungen der Typus erhalten bleibt. Das lässt die Frage offen, ob diese weitervererbten Zellen durch die Umwelt beinflusst werden oder nicht; oder ob die Ursachen für eventuelle Veränderungen, denen sie unterworfen sind, in der Zelle selbst liegen. Durch ein weitergehendes Studium der Zelle mit Hilfe von Rasterelektronen-Mikroskopen sind eine Anzahl genetischer Faktoren erkannt worden. Für unseren Zweck ist jedoch die Feststellung ausreichend, dass einzelne Zellen mit dem Aufbau und der Ernährung des Körpers in Verbindung stehen und andere der Vererbung dienen.

Später stellte Professor Bateson fest, dass wir bei der Beobachtung der wunderbaren Wirkungsweisen der Zelle und der sie zusammensetzenden Teile Beobachtern eines Schöpfungsaktes gleichkämen. Andere behaupteten mit Bezug auf das Erscheinen der Elemente, es gäbe nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, wie diese sich verhalten würden. Die polare Struktur der Zelle, die in bestimmten Stadien wahrnehmbar ist, und die ausstrahlenden Linien, die den Kraftlinien eines Magneten ähnlich sind, deuten stark auf ein zielgerichtetes Handeln hin. In dieser Weise werden die Wissenschaftler durch die Tatsachen gezwungen, sich immer mehr der unvermeidlichen Wahrheit zu nähern, dass ein Mechanismus allein nichts erklärt, Leben und lebendige Wesen jedoch das Ganze bestimmen.

Diese Untersuchungen auf dem Gebiet der Vererbung und der Zellen zeigen uns, dass Veränderungen im Typus sich verhältnismäßig selten und plötzlich ergeben; und dass, gemäß der allgemeinen Regel, jeder Typus seine eigene Art hervorbringt und zeitlichen Veränderungen unterworfen ist, die eine Folge der Kreuzung und der Umwelt darstellen. Das stimmt mit dem Vorhergesagten bezüglich der verschiedenen Arten organischer Wesen überein, die ursprünglich aus Samen hervorgingen, die in einem sehr frühen Stadium ihrer Evolution vom menschlichen Stamm abgeworfenen wurden. Jeder dieser so abgeworfenen Samen verfolgte dann seine eigene unabhängige Evolution – in Übereinstimmung mit seinem speziellen Typus. Aber in jedem dieser evolvierenden Organismen verbirgt sich eine ‘Monade’, bzw. eine Tier- oder Pflanzenseele. Inzwischen entwickelt sie sich und sammelt Erfahrungen durch ihre Berührung mit der Außenwelt. Dadurch erwirbt sie neue Fähigkeiten; diese bleiben jedoch latent und kommen nicht zum Ausdruck, bis die Zeit gekommen ist, wo die äußeren Umstände es gestatten. Und dann tritt eine dieser ‘Mutationen’ oder plötzlichen Veränderungen auf. Das ist die unsichtbare Ursache, die diese Mutationen auslöst. Deshalb ist es leicht einzusehen, weshalb in bestimmten Perioden, wenn die Bedingungen auf der Erde es erlauben, bestimmte Arten sich zu monströsen und riesigen Formen entwickeln, die es heute nicht mehr gibt. Eidechsen verschiedener Form und Größe gibt es den Umständen entsprechend immer noch, die Dinosaurier des Jurazeitalters sind jedoch ausgestorben.

Vererbung geht üblicherweise als ein Prozess vor sich, durch den körperliche und psychische Eigenschaften und Neigungen der Eltern oder Ahnen auf die Nachkommen weitergegeben werden. Das bedeutet im Falle des Menschen, dass das zur Welt kommende Kind diese Eigenschaften und Merkmale erhält, ohne selbst irgendeinen Einfluss darauf ausüben zu können. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren bei der Lösung der Frage, auf welche Weise sich diese Übertragung vollzieht, große Fortschritte gemacht. Eingehende Untersuchungen der Zellstruktur haben zu der Entdeckung der Chromosomen, der Gene und DNS geführt, worin die Träger der Erbfaktoren gesucht werden müssen. Wenn wir auch die Genialität, mit der Gelehrte sich in der ganzen Welt mit diesem Studium beschäftigen, und ihre wichtigen Entdeckungen sehr bewundern – das Rätsel des Lebens und dessen wesentlicher Ursprung bleiben weit von einer Lösung entfernt.

Es ist verständlich und nichtsdestoweniger notwendig, an dieser Stelle anzumerken, dass die Wissenschaft sich bei ihrer Untersuchung mit den materiellen Aspekten der lebendigen Natur beschäftigt und es in den meisten Fällen ablehnt, dass der wahre Mensch ein spirituelles Wesen ist, das nicht bei seiner Geburt als ein neues Produkt entsteht, sondern eine sehr lange Vorgeschichte besitzt. Seine Anwesenheit auf der Erde in diesem Leben ist nur eine Phase seiner langen Pilgerfahrt. Vor dieser Existenz hat er als Mensch bereits viele Male auf der Erde gelebt, hat Erfahrungen gesammelt und an seinem Charakter gearbeitet. In diesem Leben erscheint er deshalb nicht als ein unbeschriebenes Blatt, er bringt vielmehr seinen eigenen Charakter mit, der das vorläufige Ergebnis seiner langen Vorexistenz ist. Auch wenn es richtig ist, dass bestimmte Eigenschaften und Neigungen, die er zeigt, ‘erblich’ sind – also von Eltern oder Ahnen auf ihn übertragen wurden –, sind diese Faktoren streng genommen nicht ursächlich. Das neue Wesen, das seinen eigenen Charakter mitbringt, ‘sucht’ entlang der dafür bestimmten Kanäle jenes Elternpaar, das ihm die Möglichkeiten bietet, im Anschluss an das bisher erreichte Stadium an seiner Evolution weiterzuarbeiten. Die Eltern verschaffen ihm die Umwelt, die Umstände und den materiellen Körper, den er benötigt. Jeder Mensch erbt deshalb sich selbst – seinen eigenen Charakter; und wenn uns diese ‘Erbschaft’ nicht gefällt, gibt es außer uns selbst nichts und niemanden, dem wir das vorwerfen könnten. Was wir in diesem Leben täglich tun, welche ‘Schätze’ wir für uns sammeln, wird bestimmen, was in der Zukunft unser Erbe sein wird. Dies alles ändert nichts an den Ergebnissen und der Bedeutung der fesselnden wissenschaftlichen Forschung. In Wirklichkeit wird noch ein Element hinzugefügt – nämlich der spirituelle Hintergrund, nicht nur des Menschen, sondern auch der Pflanzen und Tiere, in Wirklichkeit des gesamten geoffenbarten Universums in seiner Ehrfurcht einflößenden Verschiedenartigkeit der Formen.


Ist der Mensch die Krone der Evolution?

Es gibt keinen Hinweis in der Evolutionstheorie, dass der Mensch das Endprodukt der Evolution ist; vielleicht ist er die jüngste, aber nicht notwendigerweise die letzte Entwicklung. Wenn wir annehmen, der Mensch habe sich aus niedrigeren Arten durch einen bestimmten Prozess oder durch eine unbekannte Ursache entwickelt, dann können wir daraus mit Recht schließen, dass auf diese Weise ebenso Wesen hervorgebracht werden können, die weiter evolviert sind als der Mensch. Und wenn wir davon ausgehen, dass die menschliche Intelligenz sich aus einem sehr rudimentären Anfang entwickelt hat – welche Grenze können wir dann für die Möglichkeiten der Zukunft ziehen? Welche Höhe kann der menschliche Intellekt nicht erreichen? Wer kann wissen, welche glänzenden Fähigkeiten ein künftiges Wesen, das sich dann aus uns entwickelt haben wird, einmal haben wird? Wenn solche Spekulationen manchen Menschen als Unsinn erscheinen, kann man uns das nicht vorwerfen. Wir versuchen lediglich, die logischen Folgen der uns vorgebrachten Argumente zu zeigen. Wenn die gesamte existierende und beseelte Schöpfung aus einem kleinen Körnchen geleeartiger Substanz in einem Urmeer hervorgekommen ist, sehen wir keinen einzigen Grund, weshalb mit dem Fortschreiten der Zeit nicht noch viel mehr zum Vorschein kommen könnte.

Es ist tatsächlich wahr, dass sich das spirituelle Wesen – das sich jetzt in einem Vehikel, welches wir als den gewöhnlichen Menschen kennen, manifestiert – höhere Evolutionsstadien aneignet. Bei solchen höheren Stadien denken wir an Bezeichnungen wie Adepten, Meister der Weisheit, Eingeweihte, Götter, Planetengeister …; unsere Sprache ist darauf nicht eingestellt, deshalb klingen diese Wörter vielleicht vage.

Wenn wir unser eigenes Bewusstsein studieren, erkennen wir, dass in uns noch viel mehr vorhanden ist, als bisher entwickelt wurde. Es gibt keinen Grund, um den in dieser Richtung erreichbaren Möglichkeiten Grenzen zu setzen. Wie im Leben eines Kindes der Moment kommt, da sein Selbstbewusstsein – das Gefühl, ein Einzelwesen zu sein und die Fähigkeit, über die eigene Existenz nachzudenken –, zum ersten Mal zu dämmern beginnt, so erwartet uns vielleicht ein neues Erwachen zu einer noch vollständigeren Selbstwerdung. Wir werden dann durch die Tore der Einweihung gegangen sein und das ‘Himmelreich’ betreten haben. Die Kräfte in unserer Natur, denen wir jetzt noch unterworfen sind, werden uns nicht länger beherrschen. Und wenn wir dann Meister in unserem eigenen Haus geworden sind, werden wir über Kräfte außerhalb unseres Selbstes verfügen – in einer Weise, zu der wir jetzt nicht imstande sind. Wir werden dann im Besitz von dem sein, was wir ‘okkulte Kräfte’ nennen. Dies ist ein Schritt in einer höheren Evolution. Unsere bewusste Wahrnehmung wird dann nicht mehr von den Grenzen der materiellen Sinne begrenzt sein. Unsere Gedanken werden sich nicht mehr um das Selbst drehen, denn der Irrglaube des Sonderseins wird überwunden sein. Vielleicht wird ein materieller Körper für uns nicht länger erforderlich sein; und wir werden als Vehikel einen Körper benützen, der aus Materie in einem höheren Zustand gebildet wird.

Es ist jedoch wichtig zu bedenken, dass diese höhere Evolution nicht in der Zukunft stattfindet – davon ausgenommen sind jene Wesen, die dieses höhere Evolutionsstadium noch nicht erreicht haben. Denn die Evolution hat bereits in vergangenen Zyklen Wesen zu diesen höheren Stadien geführt. Und diese Wesen können wir mit Recht als unsere älteren Brüder bezeichnen. Es ist auch nicht richtig anzunehmen, es habe eine Zeit gegeben, in der nur niedere Tierarten existierten – gefolgt von einer Periode, in der die höheren Tiere auftraten; und noch später sei zum ersten Mal der Mensch erschienen. In der großen Evolutionsperiode, in der wir uns jetzt befinden und die wir im vorigen Kapitel als die vierte Globenrunde bezeichneten, haben die erwähnten Arten von Wesen gleichzeitig existiert – jede in ihrem eigenen Evolutionsstadium.


Die Entstehungsgeschichte des Menschen

In den vorigen Kapiteln haben wir über die Evolution als einen Prozess gesprochen, durch den der spirituelle Kern des Menschen oder jedes anderen Wesens sich in zunehmendem Maß manifestiert. Dazu benützt er ein äußeres Vehikel oder einen Körper, der dafür am geeignetsten ist. Daher ist Evolution nicht eine allmähliche Formveränderung durch die Vererbung von erworbenen Eigenschaften, sondern das Immer-mehr-zum-Ausdruck-Bringen von inhärenten Kräften und Fähigkeiten, was mit dem Gebrauch neuer, dafür geeigneter Körper verbunden ist. Wenn ein spiritueller Lebenskern oder eine Monade alle möglichen Erfahrungen gesammelt hat, die zu bestimmten Umständen und Körpern passen, und dadurch ihre inneren Kräfte entfaltet hat, so weit das unter diesen Bedingungen möglich ist, ist für die Monade die Zeit für neue Erfahrungen in Körpern anderer Art angebrochen. Diese Körper ermöglichen eine Weiterentwicklung.

Ein interessantes, engstens mit diesem Prozess der Verkörperung zusammenhängendes Phänomen ist das der Rekapitulation oder das biogenetische Gesetz. Die Entstehungsgeschichte des Menschen in einer neuen Inkarnation ist ein sehr allmählicher Prozess. Auf das Wachstum von der Empfängnis bis zur Geburt, das neun Monate erfordert, folgt das Heranwachsen des neugeborenen Babys zum Erwachsenen, der über alle intellektuellen und geistigen Fähigkeiten verfügt. Dieser Wachstumsprozess vom allerersten Beginn an bis zur vollständigen Entfaltung des Menschen ist in verkürzter Form eine Wiederholung der sehr langen Entwicklungsgeschichte der Menschheit; und das bezeichnet man als Rekapitulation. Je früher im Wachstum eines Embryos ein bestimmtes Kennzeichen auftritt, um so weiter müssen wir zurückgehen, um diese Eigenschaft in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit aufzuspüren. Später auftretende Eigenschaften und Kennzeichen wurden auch erst in einem späteren Stadium der Evolution entwickelt.

Das macht deutlich, dass aus dieser Tatsache bestimmte Schlussfolgerungen bezüglich der Abstammung des Menschen zu ziehen sind. Wir werden jetzt nicht näher darauf eingehen. Als ein erklärendes Beispiel mag hier ein Zitat aus Man in Evolution (S. 88) von G. de Purucker dienen:

… Eine Untersuchung des im Mutterschoße heranwachsenden Kindes zeigt, dass von der allerersten Periode an, da sein Fuß im embryonalen Wachstum gerade angedeutet wird, dieser genau die gleiche, einzigartige Gestalt erkennen lässt, die der Fuß des erwachsenen Menschen aufweist; und beachten Sie bitte ferner, dass sich diese Tatsache schon früh in der embryonalen Entwicklung zeigt. Daher muss er schon früh in der menschlichen Stammesentwicklung aufgetreten sein.

Ferner ist der Fuß des menschlichen Embryos niemals, zu keiner Zeit seines Wachstums, der Fuß eines Menschenaffen oder eines gewöhnlichen Affen; er ist ein typischer Menschenfuß von der Zeit seines ersten Erscheinens an – eine äußerst bedeutsame Tatsache, die zeigt, dass der menschliche Fuß ein spezifisch menschliches Merkmal darstellt und schon früh, vielleicht sogar sehr früh, in der menschlichen Stammesentwicklung erworben worden sein muss.

In diesem Zusammenhang verweisen wir auf das Kapitel Die Evolution des Menschen. Darin wird die theosophische Auffassung erläutert, dass der Mensch nicht vom Affen abstammt, sondern dass der Ursprung des Affen im menschlichen Stamm liegt; daher ist der Mensch viel älter. In diesem Zusammenhang ist vielleicht noch ein Zitat aus Man in Evolution (S. 97) interessant. Dort ist von einem Gorilla-Embryo die Rede, der – obschon er deutliche Züge eines Affen trägt – trotzdem menschlicher aussieht als seine Eltern. So ähnelt der Fuß zum Beispiel viel eher dem Fuß eines Menschen.

Es ist wohlbekannt, dass das kleine Affenkind im Allgemeinen und im Detail menschenähnlicher ist, als der erwachsene Menschenaffe. Mit fortschreitendem Wachstum weicht die Stirn zurück, das Maul wird noch tierischer, der Fuß wird immer mehr zur typischen Fuß-Hand des anthropoiden Stammes; und auch in vielerlei anderer Hinsicht, wie zum Beispiel bei dem vorspringenden Kieferknochen, bildet sich die typische Menschenaffenform heraus. …

Die Theosophie sagt, dass es sich beim menschenähnlichen Aussehen des Menschenaffen-Embryos um eine Umkehr zu einem früheren Typus einer längst vergangenen geologischen Epoche handelt, in Richtung auf die menschlichen Halbeltern der Vorfahren des gegenwärtigen Menschenaffen-Stammes. Und da der besondere anthropoide Erbstrom, der dem Keimplasma der Zelle innewohnt, aus welcher der Menschenaffe hervorgeht und sich zum erwachsenen Tier entwickelt – da dieser Erbstrom oder diese Erbanlage der Keimzelle sich Ausdruck zu verschaffen sucht –, so folgt er dabei notwendigerweise der einzigen für ihn offenen Richtung – seiner eigenen Richtung. Er erklimmt seinen eigenen vorväterlichen Stammbaum.

Es dauert viele Jahre, bis das Kind nach der Geburt seine Denkfähigkeiten entwickelt und sie vollständig benutzen kann. Daraus können wir schließen, dass dieser Prozess des Erwachens sich auch in der Menschheitsentwicklung in einem späteren Stadium vollzog. Die Menschheit hat deshalb lange Perioden durchgemacht, die man mit dem Zustand eines Kindes vergleichen kann – ein Zustand, in dem der Mensch zwar über einen hochentwickelten Instinkt und ein gewisses Bewusstsein verfügt, aber noch nicht die Fähigkeit eines Erwachsenen zu bewusstem Denken besitzt. Wie bereits früher erwähnt, wird dieses Erwachen des Selbstbewusstseins durch das Herabsteigen der Mānasaputras dargestellt, was auf eine andere Weise mit dem Inkarnieren unseres eigenen intellektuellen Selbstes in uns umschrieben werden kann.

In dem vorhergehenden Zitat kommt der Ausdruck ‘Umkehr’ oder ‘Atavismus’ vor, was im Allgemeinen bedeutet, dass in einer bestimmten Generation Kennzeichen zutage treten, die eine weit zurückliegende Generation aufwies, die in dazwischenliegenden Generationen jedoch nicht auftraten. Die Ursache liegt in der Tatsache, dass der Mensch alle niedrigeren Formen von Organismen in seiner Evolution durchschritt – tierische, pflanzliche und andere. Deshalb bewahrt er in sich Rudimente all dieser verschiedenen Arten in sich. Eine rein mechanische Erklärung diesbezüglich ist vollkommen unbefriedigend, denn dieses sehr umfangreiche Potential müsste in einem mikroskopisch kleinen, materiellen Teilchen enthalten sein. Dieses Teilchen ist jedoch nur auf der materiellen Ebene mikroskopisch erkennbar. Auf anderen Ebenen der Materie – nicht weniger real, auch wenn für die materiellen Sinne nicht wahrnehmbar – ist es kein mikroskopisch kleines Pünktchen. Wir müssen den Gedanken akzeptieren, dass es andere Zustände von Materie gibt, die feinere Strukturen als die physische Materie aufweisen. Die feinstoffliche Materie kann als Vorratskammer dieser latenten Eindrücke dienen und sie zu bestimmten Zeiten zum Vorschein bringen.

Man könnte Atavismus als eine Art von Gedächtnis umschreiben; irgendwo in seinem Organismus führt der Mensch alle Erfahrungen aus der Vergangenheit in Form von gespeicherten Erinnerungen mit sich, die unter geeigneten Bedingungen reproduziert werden können. Ist das merkwürdiger als die Tatsache, dass die Stimme eines Menschen auf einer Schallplatte oder einem Tonband für unbestimmte Zeit gespeichert und Zuhörern gewissenhaft reproduziert werden kann, die heute vielleicht noch nicht einmal geboren sind? Wir wiederholen zum Schluss dieses Kapitels, dass jede Monade – sei es in der Pflanze, im Tier oder sogar im Atom eines Minerals – ihren Ursprung in der menschlichen Art hat und dazu neigt, dorthin zurückzukehren.

„Jede Form auf der Erde und jedes Stäubchen (Atom) im Raum strebt in seinen Bemühungen nach Selbst-Bildung danach, dem Vorbild zu folgen, das ihm im ‘HIMMLISCHEN MENSCHEN’ vorliegt. … Seine (des Atoms) Involution und Evolution, sein äußeres und inneres Wachstum und seine Entwicklung haben alle ein und dasselbe Ziel – den Menschen. …“

– H. P. BLAVATSKY: The Secret Doctrine, I, S. 183


Involution und Evolution

Wie bereits gesagt IST Evolution in ihrem gewöhnlichen Sinn ein dualer Prozess. Er beinhaltet, dass der Geist oder die Lebenskraft in etwas anderes eintritt, was dadurch wächst. Dieses Wachstum ist Evolution; und der Eintritt dieses Geistes oder dieser Lebenskraft ist die Involution. Die Involution des Geistes in die Materie verursacht somit deren Evolution. Die Involution des Spirituellen in diesem Körper verursacht sein Wachstum. Die Involution des Lebens in einen Organismus verursacht dessen Evolution.

Im normalen Sprachgebrauch wird das Wort ‘Evolution’ also in zwei verschiedenen Bedeutungen angewandt: (1) um den ganzen Prozess zu bezeichnen; (2) um eine Seite des Prozesses zu bezeichnen, dessen andere Seite die Involution ist. Da die doppelte Anwendung des Wortes ‘Evolution’ eine Gewohnheit geworden ist, müssen wir auf der Hut sein. Es ist klar, dass der Geist in die Materie involviert – mit dem Ziel, die Materie allmählich zur Evolution zu bewegen, damit sie mehr und mehr die Eigenschaften des Geistes zum Ausdruck bringt. Die Evolution ist also ein fortschreitender Prozess, der jedoch zyklisch verläuft. Wenn ein Zyklus vollendet ist, beginnt ein neuer auf einer etwas höheren Ebene. Es ist auch klar, dass es auf halbem Wege des Zyklus einen Punkt geben muss, an dem Geist und Materie im Gleichgewicht sind. Der Prozess kann wie ein Kreis dargestellt werden, dessen höchster Punkt als Anfang und Ende betrachtet wird. Der Punkt an der Unterseite – auf halbem Wege, dem Beginn und Ende des Kreises genau gegenüber – steht für ein Evolutionsstadium, in dem die Involution des Geistes in die Materie so weit vorangekommen ist, dass die Eigenschaften von beiden in gleichem Verhältnis zueinander stehen. Bei dieser kreisförmigen Art der Darstellung verläuft die Evolution auf der linken Seite des Kreisbogens abwärts und auf der rechten Seite aufwärts. Die linke Seite des Kreises wird als der absteigende und die rechte Seite als der aufsteigende Bogen bezeichnet. Während des Evolutionsprozesses entlang des absteigenden Bogens erfolgt der Übergang vom Spirituellen zum Materiellen – bis die Grenze der Materialität den niedersten Punkt erreicht hat. Dann beginnt der aufsteigende Bogen – mit dem Übergang vom Materiellen zum Spirituellen. Aber wir müssen im Auge behalten, dass der gesamte Prozess dauernd fortschreitet. Dieselbe Kraft, die verursacht, dass der Geist in die Materie ‘hinabsteigt’, verursacht auch den ‘Aufstieg’ der Materie zum Geist. Das eine Stadium ist eine Fortsetzung des anderen.

In der archaischen Lehre wird die gesamte Manifestationsperiode einer Planetenkette als ein Planeten-Manvantara bezeichnet. Dieses Manvantara wird in sieben Runden unterteilt.4 Auf jedem Globus der Erdkette durchläuft die menschliche Lebenswoge ihre Entwicklung ihrerseits in sieben Wurzelrassen. Wir befinden uns jetzt in der fünften Wurzelrasse der vierten Runde. Da die vierte Runde die mitlere von sieben ist, wird deutlich, dass wir den tiefsten Punkt der Materialisierung ein wenig überschritten haben und uns auf dem aufsteigenden Bogen der Evolution befinden. Wir wenden uns vom Materiellen ab und bewegen uns dem Spirituellen zu. In früheren Wurzelrassen folgte die Menschheit auf dem absteigenden Bogen dem Weg in die Materie; ihr Weg zu Selbstwerdung bestand darin, sich mehr und mehr in der Materie zum Ausdruck zu bringen. Unser jetziger Weg ist jedoch ein anderer, weil wir den Punkt in der Mitte des Kreisumfangs überschritten haben. Wir können also verstehen, dass das, was für die Menschheit in der einen Periode richtig war, in einer anderen Periode verkehrt sein kann. Wenn wir jetzt weiterhin nach dem Materiellen streben, würden wir uns gegen den Lauf der Evolution stellen.

Bis jetzt haben wir über die Involution des Geistes in die Materie und die daraus resultierende Evolution der Materie in spirituellere Formen gesprochen. Diese Aussage diente lediglich der Verdeutlichung. Eine weitere Erklärung ist nötig, denn es könnte scheinen, Geist und Materie wären zwei verschiedene, voneinander unabhängige Dinge; das ist nicht der Fall. Es gibt nur EIN universales Leben, das sich in den beiden Aspekten manifestiert, die wir Geist und Materie nennen. Aber diese beiden Aspekte bestehen nur, weil der eine der Gegenpol des anderen ist. Ein bekanntes Phänomen aus der Physik kann das deutlich machen: Nehmen wir an, dass wir die Eigenschaften einer Flüssigkeit und eines festen Stoffes vergleichen. Wir können die Flüssigkeit ‘Geist’ und den festen Stoff ‘Materie’ nennen. Würden wir ein Gas und eine Flüssigkeit nehmen, so würde das Gas für den ‘Geist’ stehen und im Gegensatz zum Gas die Flüssigkeit die ‘Materie’ repräsentieren. Was also auf der einen Ebene Geist ist, kann auf der darauf folgenden höheren Ebene Materie sein. Geist und Materie sind nicht zwei verschiedene Dinge, sondern nur zwei verschiedene Aspekte ein und derselben Sache. Anstatt zu sagen, dass Geist in die Materie absteigt, ist es deshalb besser zu sagen, dass die eine Essenz allmählich materieller wird und dann später mehr und mehr spirituell – bis der Evolutionszyklus vollendet ist.


Schluss

Wir haben nunmehr einen Eindruck von den Hauptzügen dieses umfangreichen Themas vermittelt; und haben versucht, die Gesetze aufzuzeigen, die im Universum Veränderung und Wachstum überwachen – nicht nur im materiellen Universum, sondern auch in all den unsichtbaren Ebenen, die sich auf Geist und Denken beziehen. Die Evolution ist ein bewusstes, zielgerichtetes Geschehen; und sie ist das Werk von Lebewesen. In letzter Instanz besteht das Universum ausschließlich aus Lebewesen, die alle wachsen und evolvieren. Solch eine Vision macht unvermeidlich den gesamten Prozess außergewöhnlich kompliziert; ihn vollständig zu verstehen, übersteigt momentan unser Fassungsvermögen. Der kluge Schüler sollte sich dadurch nicht entmutigen lassen, denn er ist sich bewusst, dass die Entwicklung seiner eigenen Fähigkeiten ein allmählicher Vorgang ist. Das Wissen um die unbegrenzten Möglichkeiten seiner Evolution gibt ihm die Sicherheit, dass das, was heute im Dunkeln liegt, morgen vielleicht verstanden wird.


Anhang

Anatomische Beweise für den ursprünglichen Charakter des menschlichen Stammes, entnommen aus Man in Evolution, Kapitel 7, S. 81 ff, von G.de Purucker, der diese Informationen hauptsächlich von Dr. Wood Jones übernahm, dem damaligen Professor für Anatomie an der Universität von Manchester:

(1) … Die Knochen des menschlichen Schädels sind an der Schädelbasis und an den Seiten der Gehirnkapsel in einer Weise verbunden, wie sie für primitive Säugetierformen charakteristisch ist; aber sie zeigen einen Gegensatz, einen sehr deutlichen Gegensatz, zur Anordnung der gleichen Knochen bei den Menschenaffen und den gewöhnlichen Affen. …

(2) Die Nasenknochen sind beim Menschen in ihrer Einfachheit außergewöhnlich primitiv. Im Fall der Affen und Menschenaffen kommen diese Tiere in dieser primitiven Einfachheit dem Menschen überhaupt nicht nahe, … .

(3) Der primitive Bau des menschlichen Schädels zeigt sich ebenso auch in einer Anzahl von Zügen des Gesichtes. Professor Wood Jones sagt in einer Abhandlung The Problem of Man’s Ancestry (S. 31):

Der Bau der Rückwand der Augenhöhle, die ‘metopische’ Naht, die Gestalt des Jochbeines, die Beschaffenheit des inneren pterigoiden (=Flügel) Gaumenknochens, die Zähne etc. – alles erzählt dieselbe Geschichte, nämlich dass der menschliche Schädel nach einem bemerkenswert primitiven Säugetiertypus gebaut ist, von dem sich bis zu einem gewissen Grad alle Affen und Menschenaffen entfernt haben.

(4) Der gleiche, in seinem Fach berühmte Anatom erklärt:

Das menschliche Skelett, besonders in seinen Variationen, zeigt genau den gleichen Zustand [eines primitiven einfachen Säugetiertypus].

(5) Ein anderes Zitat aus derselben Quelle:

Bezüglich der Muskeln zeichnet sich der Mensch wunderbar durch die Bewahrung primitiver Merkmale aus, die sich bei den übrigen Primaten verloren haben.

(6) Die menschliche Zunge ist ihrem Typus nach ebenfalls sehr primitiv. Die Zunge des Schimpansen gleicht der des Menschen in gewisser Hinsicht, jedoch ist die menschliche Zunge weit primitiver als diejenige irgendeines Affen oder Menschenaffen, … .

(7) Der Wurmfortsatz des Menschen ist dem des Marsupial oder Beuteltieres Australiens merkwürdig ähnlich. Aber er ist sehr verschieden von dem der Affen und Menschenaffen. …

(8) Die großen, aus dem Aortabogen entspringenden Arterien sind beim Menschen von der gleichen Zahl, von der gleichen Art und in der gleichen Anordnung gelagert wie bei … dem Ornithorhynchos anatinus, dem Schnabeltier Australiens.

(9) Die Premaxilla oder der Zwischenkieferknochen des Menschen, das heißt jener Knochen, der die oberen Schneidezähne trägt, ist beim Menschen kein getrennter Bestandteil mehr, wenn er je so existierte. Dagegen zeigt bei den Menschenaffen und den gewöhnlichen Affen sowie bei allen anderen Säugetieren dieser Zwischenkieferknochen an der Oberfläche Nahtlinien, die so seine Verbindung mit dem Oberkieferknochen andeuten.

Fußnoten

1. Herausgegeben von Little, Brown & Co. Boston, 1973, S. 344 [back]

2. Aus seinem Buch: Niet van de Apen, übersetzt aus dem Finnischen. Herausgeber Wereldvenster 1972, S. 138 [back]

3. Die archäologischen Forschungen befinden sich in einer ständigen Entwicklung. Michael A. Cremo und Richard L. Thompson fassen in ihrem Buch Verbotene Archäologie (Bettendorf’sche Verlagsanstalt, ISBN 3-88498-070-X) zusammen: „ … bleibt die Schlussfolgerung, dass der Gesamtbefund (Fossilien und Artefakte eingeschlossen) sich bestens mit der Ansicht vereinbaren lässt, dass anatomisch moderne Menschen und andere Primaten seit mehreren zehn Millionen Jahren nebeneinander gelebt haben“. [back]

4. Ein Planet besteht nach der theosophischen Tradition aus sieben Globen. Diese Globen werden in sieben Runden jeweils siebenmal von der menschlichen Lebenswoge besucht. D.Ü. [back]