Tausend Lichter entzünden

Grace F. Knoche

Beschreibung

In Worten großer Klarheit und Wärme vermittelt Tausend Lichter entzünden eine universale Perspektive der zentralen Fragen der menschlichen Existenz, indem das Werk praktische Einsichten über das tägliche Leben und spirituelles Wachstum zur Verfügung stellt. Die Autorin präsentiert die grundlegenden Ideen des spirituellen Erbes der Menschheit, indem sie eine gedankenvolle Kritik religiöser und wissenschaftlicher Sichtweisen und gegenwärtiger Praktiken im Licht der Theosophie darbietet. Sie appelliert damit an unsere Verantwortlichkeit als Partner in einer Einheit, die bis in den Kern jeder einzelnen Wesenheit hinein reicht. Dadurch stellt die Autorin dar, wie wir uns mit Würde, Sinn und Mitleid zum Ausdruck können, in welchen Umständen auch immer wir leben mögen.
„Wenn eine ausreichende Anzahl von Männern und Frauen nicht nur an ihre Intuition glauben, sondern ihr auch folgen und ihr Schicksal mit der Sache des Mitleids verbinden, gibt es allen Grund darauf zu vertrauen, dass unserer Zivilisation eines Tages der Sprung aus der Selbstzentriertheit gelingen wird – in aufrichtige Brüderlichkeit in jeder Phase der menschlichen Unternehmung.“
Grace F. Knoche ware von 1971 bis zu ihrem Tod im Jahr 2006 Leiterin der Theosophischen Gesellschaft Pasadena und Herausgeberin der Zeitschrift Sunrise –Theosophische Perspektiven.

Gebunden
236
Seiten
145 x 215
mm
ISBN
978-3-940866-70-7
Preis inkl. MwSt29,80 €
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Gebunden
Leseprobe

 

Die zwei Pfade

 

Niemand hat einen so tiefgreifenden Einfluss auf das Schicksal der menschlichen Rasse ausgeübt wie die Erleuchteten – diejenigen, die nach dem Erlangen von Allwissenheit, der Glückseligkeit Nirvanas, von den Höhen zurückkehren, um mit ihren jüngeren Brüdern, die sich noch in Unwissenheit und Verwirrung abmühen, in den Tälern zu leben. Als Beispiele der Liebe, die sie die Äonen hindurch für alle Lebewesen hervorgebracht haben, gehören sie zu der heiligen Hierarchie des Lichts, und ihr Opfer bleibt ein Signalfeuer in der Finsternis unseres Lebens.

 

Das Mitleid spricht: „Kann Seligkeit bestehen, wenn alles, was da lebt, leiden muss? Sollst du errettet sein und den Schmerzensschrei der ganzen Welt hören?“

Der Pfad ist einer nur, o Schüler, doch er gabelt sich am Ende. Seine Teilstrecken sind durch vier und sieben Tore gekennzeichnet. Am einen Ende steht unmittelbare Seligkeit, am anderen ist sie noch hinausgeschoben. Beide sind des Lohnes wert. Die Wahl jedoch musst du selbst treffen.

Die Stimme der Stille, S. 94, 60-1

 

In diesen Fragmenten aus dem „Buch der Goldenen Vorschriften“ überliefert HPB für den „täglichen Gebrauch“ des modernen Schülers die uralte Lehre, dass wir vom ersten bis zum letzten Schritt wählen und dabei unseren Charakter und das Karma, welches zu dieser erhabensten Wahl führt, gestalten. Sie widmet ihre Stimme der Stille der Wahl zwischen den zwei Pfaden der spirituellen Disziplin, welchen der „Kandidat der Weisheit“ gegenübertritt: Der eine ist der Pfad der Befreiung, Erleuchtung für sich selbst und endet in Nirvana ohne weitere Rückkehr zur Erde; der andere, jener der Entsagung, ist ein langsamerer und herausfordernder Pfad, der von jenen gewählt wird, die dem von Buddha und Christus aufgezeigten Pfad des Mitleids folgen möchten. Sie erinnern sich beim Erlangen des Lichts und Friedens der nirvanischen Weisheit an ihre Mitmenschen und kehren zurück, um jene zu inspirieren, die auf sie hören, um zu erwachen und die heilige Suche fortzusetzen.

Dieser zweifache Pfad spirituellen Strebens wird anschaulich in der Tradition des Mahayana-Buddhismus dargestellt. Der eine Pfad, Pratyeka-Yana, „der Pfad für sich selbst“, hat als sein Ziel Nirvana, Befreiung von allem, was nicht spirituell und irdisch ist. Das ist der Weg, dem jene Schüler, Mönche und Aspiranten folgen, die Erleuchtung nur für sich selbst, die eigene Erlösung und Befreiung aus dem endlosen Zyklus von Geburt und Wiedergeburt suchen. Die frühen Orientalisten beziehen sich auf den Pratyeka als einen „eigenen Buddha“, weil sie das Ziel allein anstreben und keine „lehrenden“ Buddhas sind. Es ist ein „Für-sich-Selbst“ oder eigenes Streben nach Nirvana, welches Beharrlichkeit bei der Konzentration auf die eigene Aspiration und das Bemühen um Selbstbemeisterung durch Reinigung des Motivs und Kontrolle von Körper, Sprache und Denkvermögen erfordert. Und doch ist dieser Pfad aufgrund seiner Selbstzentriertheit selbstsüchtig für das eigene Selbst. Wie die Stimme der Stille sagt: Der Pratyeka-Buddha „huldigt nur seinem Selbst … kümmert sich nicht um das Leid der Menschheit und seine Linderung“ (S. 63, 116) und tritt in den Glanz und die Weisheit und das Licht -Nirvanas ein.

In der Pali-Schrift The Questions of King Milinda werden „sieben Klassen des Denkens“ beschrieben, wobei der Pratyeka-Buddha zur sechsten gehört, der keinen Lehrer sucht und allein „wie das einzige Horn des Rhinozeros“ lebt. Seine Weisheit ist nur so wie die, die in „einem seichten Bach auf seinem eigenen Grund und Boden“ enthalten ist, wogegen die Weisheit eines vollkommenen und vollständigen Buddhas jener „des mächtigen Ozeans“ gleicht.

Eine andere Schrift bezeichnet das Wissen eines Pratyeka-Buddhas als „begrenzt“, obwohl er angeblich alles über seine früheren Geburten und Tode weiß. Dagegen sind die vollständigen und vollkommenen Buddhas des Mitleids allwissend, weil sie – wenn erforderlich – über die gesamten Ressourcen des Wissens verfügen und sich direkt auf „jeden Punkt ausrichten können, an den sie sich zu erinnern wollen – über viele Male 10 Millionen Weltzyklen“, und so erkennen sie sofort die exakte Wahrheit jeder Situation, jedes Menschen oder Ereignisses.

Im Tibet des 14. Jahrhunderts war Tsong-kha-pa ein Übermittler der Buddha-Weisheit. Er sprach über die Pratyeka-Buddhas als Allein-Erkennende von „mittelmäßigem“ Vermögen: Obwohl sie in ihrer Entschlossenheit ausharren, sind ihr Verdienst und ihre Weisheit begrenzt, weil sie ihre Bemühungen „nur um derentwillen“ erbringen – im Gegensatz zu dem Buddha, der zum Bodhisattva wird, welcher „das altruistische Denken der Erleuchtung vom ersten Moment an“ in sich trägt.

Der Amrita-Yana, der ‘todlose Pfad’, ist – wenn auch lang-samer und anstrengender – unendlich wunderbarer, denn er unterscheidet sich durch das edle Ideal des Tathagata, die Nachfolge der Mitleidsvollen, die „so gegangen und so gekommen“ sind. Von dieser Art war der Bodhisattva-Gautama, der das Nirvana der vollständigen und vollkommenen Weisheit zurückwies, um unter den Menschen zu leben und zu arbeiten und so dem Rad des Gesetzes (Dharma) einen neuen Anstoß zu verleihen. „Welchen Grund sollte ich haben, mich ständig zu manifestieren?“ – außer in der Absicht, empfängliche Seelen zu aktiver Teilnahme an der uralten Suche zu erwecken. Der Buddha fährt fort: 

 

Wenn die Menschen ungläubig, unweise, unwissend, sorglos, sinnlichen Vergnügungen zugetan sind und durch Gedankenlosigkeit ins Unglück stürzen,

Dann erkläre ich, der ich den Lauf der Welt kenne: Ich bin so und so [Tathagata], (und bedenke): Wie kann ich sie für die Erleuchtung geneigt machen? Wie können sie zu Teilhabern an den Buddha-Gesetzen (Buddhadharmana) werden?

 

Buddhistische Texte sprechen über eine Reihe von Buddhas, von denen Gautama der 7. war. Sein 45 Jahre dauerndes geistliches Amt stellte den Höhepunkt von Entscheidungen dar, die unentwegt viele Leben hindurch „zum Wohl von Göttern und Menschen“, Tieren und allen Lebewesen getroffen worden waren. Während seiner letzten Inkarnation als Prinz Siddharta hatte ihn sein Vater, der König, von allem, was hässlich und schmerzlich war, abgeschirmt. Aber im Alter von 29 Jahren konnte der Ruf, nach der Wahrheit der Dinge selbst zu suchen, nicht mehr unterdrückt werden. Einer Legende nach verließ der verkleidete Gautama den Palast mit seinem Wagenlenker und war in drei aufeinander folgenden Nächten drei „erweckenden Anblicken“ ausgesetzt: einem alten Mann, einem Leprakranken und einer Leiche; und schließlich einem Einsiedler, der der Welt entsagt hatte. Er war zutiefst erschüttert. Tiefes Mitleid erfüllte sein Wesen, er wollte nach der Ursache und der Heilung für menschliches Leid suchen. Er verließ sein Zuhause, seine wunderschöne Frau und einen kleinen Sohn und allen materiellen Komfort für eine Bettelschale und das Kleid eines Mönchs. Sechs Jahre lang experimentierte er unklug und unterzog sich den strengsten Entbehrungen, bis ihm – durch Schwäche und Hunger dem Tod nahe – seine innere Stimme sagte, dass das nicht der Pfad zur Wahrheit sei, dass eine Misshandlung des Körpers nichts nutzen würde. Von da an folgte er einem mittleren Weg zwischen den Extremen.

Schließlich, nach vielen Prüfungen seines Entschlusses gelobte er in einer Vollmond-Nacht im Mai, sich nicht mehr von der Stelle zu bewegen, bis er Bodhi, „Weisheit, Erleuchtung“, erlangt hätte. Unter einem Baum sitzend – seither der Bo oder Bodhi-Baum genannt –, zog er sich in die innerste Essenz seines Wesens zurück. Mara, die Personifizierung der Zerstörung, versuchte wiederholt ihn abzulenken, aber Gautama war fest entschlossen und wehrte jeden Angriff ab. Als der Augenblick höchster Erleuchtung für ihn gekommen war, sammelte Mara seine Ergebenen zu einem letzten furchtbaren Angriff, aber Gautama verharrte regungslos. Triumphierend wurde er zum Buddha, „erleuchtet“.

Er erfreute sich 49 Tage lang an der Fülle der Befreiung: Allwissenheit und höchstes Glück beseelten ihn. Aber anstatt in Nirvana einzutreten, blickte sein Herz zurück auf die leidende Menschheit, und als er ganz klar die Ursache für die Verwirrung des Menschen und den Weg erkannte, um sie zu vertreiben, wusste er, dass er zurückkehren musste. Er würde die Vier Edlen Wahrheiten und den Edlen Achtfachen Pfad lehren. Dann stahl sich ein flüchtiger Zweifel in seine Seele. Warum sollte er diese unschätzbaren Wahrheiten, die er schwer errungen hatte, der Menschheit darlegen, die sie kaum beachten würde? Welchem Zweck würde das dienen?

Die Geschichte sagt, dass Brahma, der Herr und Schöpfer des Universums, einen Gedanken in das Gehirn Gautamas schoss: Die Welt wird gänzlich verloren sein, wenn sich der Bodhisattva-Tathagata entschließt, der Menschheit das Dharma nicht weiterzugeben. Sei mitleidsvoll mit denen, die kämpfen; habe Erbarmen mit den Menschen im Netz des Leidens. Wenn nur einige wenige zuhören, wird das Opfer nicht umsonst sein. Darauf mischte sich Gautama nach seiner einsamen Wache unter die Menschen und begann sein geistliches Amt. Und was war seine Botschaft? Als der Tod nahte, fasste er den Zweck seines Lebens zusammen:

 

O Ananda, seid euch eure eigenen Lichter. Seid euch selbst Zuflucht. Suchet nicht nach einer äußerlichen Zuflucht. Haltet an der Wahrheit als Licht fest. Haltet an der Wahrheit als Zuflucht fest. Suchet nach keiner Zuflucht bei irgendjemandem außer euch selbst.