Bewusstsein ohne Grenzen

James A. Long

Beschreibung

Auszug aus der Einleitung des Buches vom Verfasser


In jedem Zeitalter haben Männer und Frauen über das Geheimnis des Daseins nachgedacht. Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Und was ist letztlich unsere Bestimmung? Wo können wir uns hinwenden mit unserem Verlangen nach einer praktischen Lebensphilosophie, die sich als gültig erweist?


Wenn wir ernsthaft dem Guten in der Welt dienen wollen, führt die Kraft unseres Strebens unausweichlich die erforderlichen Gelegenheiten herbei, mit deren Hilfe wir unser Ziel erreichen. Vielleicht löst ein Buch, eine Zeitschrift oder ein anscheinend zufälliges Ereignis – irgendein Mensch oder eine Sache – in unserem Bewusstsein eine Kettenreaktion aus, die uns, ähnlich wie ein Magnet Eisenspäne ordnet, zu einem völlig neuen Denken und selbst in andere Verhältnisse führt, wodurch sich, wenn wir standhaft bleiben, der Lauf unseres Lebens ändert.


Die Wahrheit ist vorhanden, in dieser Tatsache liegt unsere größte Hoffnung. Wie ein Fluss, dessen Ursprung im Unbekannten liegt, kam sie durch die Jahrtausenden zu uns. Manchmal fließt ihr Strom stark und rein auf der Erde und bereichert die Menschenherzen. Zu anderen Zeiten, wenn keine aufnahmebereiten Seelen da sind, versickert sie und fließt still unterirdisch weiter, und das Land, das sie einst fruchtbar machte, liegt brach. Doch ihr Strom fließt unaufhörlich.


Wie wurde uns diese ‘Weisheit der Zeitalter’ bis heute übermittelt? Zweifellos durch das Leben und Wirken der großen Lehrer der Vergangenheit: durch Meister Jesus, Gautama Buddha, Krishna, Mohammed, Konfuzius, Laotse, Plato und andere. Jeder einzelne wirkte für dasselbe Ziel: die göttliche Veranlagung des Menschen erneut bewusst zu machen und die in den heiligen Überlieferungen des Altertums verankerten spirituellen Werte wieder darzulegen. Jeder half auf seine Weise, dass der Wahrheitsfluss abermals in die Felder menschlicher Bemühungen einströmte und die ausgedörrten Seelen all derer erquickte, deren Glaube schwach geworden war.

Welche Bezeichnung oder äußere Form diese archaische Überlieferung in den Ländern des Nordens oder Südens, des Ostens oder Westens in den vorchristlichen Zeitaltern auch hatte, vom dritten Jahrhundert n. Chr. an wurde sie bekannt als Theosophia – ‘Weisheit über göttliche Dinge’ – wie durch Ammonios Sakkas in Alexandrien gelehrt. Da sich das Denken der frühen Kirchenväter, deren theologische Streitigkeiten verbürgt sind, schon zunehmend in Schablonen bewegte, floss diese Weisheit der öffentlichen Kenntnis verborgen als stetiger Strom der Führung weiter. Er leitete nicht nur die Kabbalisten – die während der dunklen Perioden des Mittelalters insgeheim ihre ‘Theosophie der Engel’ studierten –, sondern er wirkte auch anregend auf die führenden Geister der Renaissance: auf Paracelsus, Pico della Mirandola, Leonardo da Vinci, Bruno, Kepler und auf zahlreiche andere Wissenschaftler, Philosophen, Dichter und Künstler.

War es ein Zufall, dass Saint-Martin durch die Schriften Jakob Böhmes, des ‘Teutonischen Theosophen’ des 16. Jahrhunderts, angeregt wurde, in den Jahren nach 1790 mit einem Schweizer Freund und Philosophen eine ‘theosophische Korrespondenz’ zu führen; und dass diese Briefe im Jahr 1863 in England neu aufgelegt wurden – in der Hoffnung, das Interesse für ‘die in diesen Ideen enthaltene theosophische und reine Evangelienwissenschaft’ wiederzuerwecken? Und ebenso, dass Emerson und andere, von den kosmischen Einsichten der Bhagavad-Gita bewegt, die Bewegung der Transzendentalisten in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Amerika anführten?


Wie überliefert wurde, prophezeite der große tibetanische Reformer Tsong-kha-pa (1357?-1419), dass ab diesem Zeitpunkt besonders im Westen während des letzten Viertels eines jeden Jahrhunderts ein markanter spiritueller Impuls erkennbar würde. Dieser neu belebende Strom ist zwar in den unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten nicht so recht nachzuweisen, er ist jedoch, wie man annehmen darf, durch hochgebildete Persönlichkeiten wie auch in den geheimen Gemächern der Feuerphilosophen, Alchimisten und Kabbalisten zum Ausdruck gekommen. Im 18. und 19. Jahrhundert lässt sich der Impuls deutlicher verfolgen – nicht dass eine neue Religion gegründet worden wäre, aber es wurden Samen in den Boden der heraufziehenden Jahrhunderte gesät, die später in einem vertieften Bewusstsein für Moral zur Blüte kommen sollten.

Der Höhepunkt dieses Impulses wurde erreicht, als H.P.Blavatsky im Jahr 1888 Die Geheimlehre1 veröffentlichte. Ihre umfassende Untersuchung der heiligen Schriften der Welt (nicht nur der christlichen) erweist, dass die in ihnen vorkommenden Schlüsselideen sich wie Juwelen auf einen einzigen goldenen Faden reihen: den göttlichen Ursprung und die göttliche Bestimmung des Menschen. Sehr wesentlich war auch, dass die einst allgemein anerkannte Reinkarnationslehre – die Lehre, dass die Seele zwecks irdischer Erfahrung periodisch wiederkehrt – erneut in das westliche Gedankengut eingeführt wurde. Damit floss der alte Strom, der so lange durch den Treibsand dogmatischer Ablagerungen verdeckt gewesen war, wieder oberirdisch.


Jeder menschliche Fortschritt entstand aus der wiederholten Anstrengung der menschlichen Seele, jenen ursprünglichen spirituellen Ideen Ausdruck zu verleihen, die tief in das Menschheitsgedächtnis eingeprägt worden waren, als die Menschenrasse anfänglich auf diesem Globus ihre Heimstatt fand. Der lange Weg unserer Pilgerfahrt führte uns vom Zustand der Unbewusstheit zum Selbstbewusstsein und schließlich zur Erkenntnis unserer individuellen moralischen Verantwortlichkeit – eine Verantwortlichkeit, die sehr mannigfaltige Wandlungen erlebte.

Im Laufe der vergangenen Jahre war es mir vergönnt, in verschiedenen Teilen der Welt mit einzelnen Menschen und mit Gruppen ‘laut zu denken’. Als ich mit ihnen sprach, stand eines absolut im Vordergrund: ihre Suche nach einer anwendbaren Lebensphilosophie, auf die sie sich innerlich fest verlassen können, und das einhergehende Bedürfnis nach einer Bestätigung ihres intuitiven Gefühls, dass es tatsächlich eine Erklärung für die vielen rätselhaften Lebensprobleme gibt. In der Erkenntnis, dass die Zivilisation nur das Wachstum und die Entwicklung des menschlichen Charakters widerspiegelt, befassten sich unsere Diskussionen mit jenen spirituellen Prinzipien, die man auf jede Lage anwenden kann, ganz gleich, welchen Glauben, welche politische Überzeugung, welche Erziehung oder welchen sozialen Hintergrund man hat, denn welchen Weg der Erfahrung der einzelne auch beschreiten mag, es wird immer eine gemeinsame Grundlage von Werten geben, auf der man sich begegnen kann.


Ein großer Teil des in diesem Buch verarbeiteten Materials, das die Ernte eines Gedankenaustausches mit Hunderten von Männern und Frauen darstellt, erschien in der Zeitschrift Sunrise. Trotz umfassender Bearbeitung haben wir versucht, die zwanglose Form der ursprünglichen Diskussion beizubehalten. Sollte aber jemand eine fixierte und fertige Lehrformel für seine Erleuchtung suchen, wird er enttäuscht sein. Jeder Mensch ist einzigartig, ein individueller Ausdruck seines eigenen inneren Selbst; jeder muss daher letztlich selbst den Weg des Strebens finden und beschreiten, der ihm und nur ihm allein zugehört.


Es gibt keine vorrätige Antwort, die die Bedürfnisse aller befriedigt – kein Buch, keinen Lehrer, keine außerhalb dem Menschen liegende Quelle – denn wer kann einem anderen sagen, was für sein Wachstum notwendig ist? Der einzige Führer und Mentor ist das Leben selbst. Sobald ein Mensch durch die natürlichen Prozesse seines erwachenden Bewusstseins den Prüfstein der Wahrheit in sich selbst findet, weiß er, dass die Autorität nicht von irgendeinem Menschen stammt, dessen Schriften oder Gespräche ihm vielleicht gefielen, sondern dass sie den Tiefen der eigenen Seele entspringt.

Paperback
262
Seiten
135 x 210
mm
ISBN
978-3-940866-64-6
Preis inkl. MwSt16,80 €
Standardisierter Preis / kg:
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Leseprobe

Nach dem Tod: neues Leben

Frage – Bei unseren Diskussionen stießen wir auf den Begriff der Wiedergeburt. Zuerst erschien es mir unwahrscheinlich, dass ich nach meinem Tod wiederkehren soll. Aber je mehr ich mich damit befasse und je mehr mein Verstand alle möglichen Gegenargumente hervorbringt, desto mehr gewinne ich den Eindruck, dass doch etwas daran ist. Wann und wie entstand diese Reinkarnationsidee?

Stellungnahme – So wie ich Ihnen nicht sagen kann, wann die Sonne, der Mond und die Sterne ihre gesetzmäßigen und harmonischen Bewegungen aufnahmen, kann ich Ihnen auch nicht sagen, wann die Reinkarnation entstand. Ich kann lediglich feststellen, dass das Prinzip von Ebbe und Flut wohl eine der ‘ewigen’ Naturerscheinungen ist, denn das Gesetz der zyklischen Weiterentwicklung ist so alt wie die Welt. Es war bereits wirksam, als sich das Sonnensystem bildete, und noch ferner in Raum und Zeit war es auch schon in Funktion, als unser Heimatuniversum mit seinen zahllosen Milchstraßen und Sonnensystemen zuerst aus der Finsternis des Raumes hervorbrach. Die Ausdrucksformen dieses Gesetzes auf unserer Erde sind vielfältig: Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit, Tätigkeit und Ruhe – alle sind verschiedene und individuelle Arten der Ebbe und Flut des vorwärts drängenden Lebens. Die gesamte Natur unterliegt so diesem einen Gesetz der Formerneuerung: Geburt und Tod, Tod und Geburt, damit der innewohnende Geist neue Körper erhält. Reinkarnation bezieht sich auf die Wiedergeburt der Seele hier auf der Erde – sie ist eine spezielle Form des allgemeinen Gesetzes der Erneuerung oder der Wiederverkörperung.
Frage – Die Idee der Reinkarnation ist für viele von uns neu. Von meiner Schulzeit her erinnere ich mich natürlich, dass Shelley, Wordsworth und Tennyson und auch Goethe von anderen Welten sprachen, von denen sie gekommen sind, und dass sie „früher hier gewesen sind“. Ich hielt das lediglich für einen dichterischen Einfall. Mir gefiel die Anmut ihrer Werke, aber ich hätte nie gedacht, dass sie es wörtlich meinen könnten. Jetzt da ich älter werde, bin ich dessen nicht so sicher. War diese Anschauung zu anderen Zeiten bekannt?

Stellungnahme – Sie war es; wenn wir die Schriften des Orients, Kleinasiens, Griechenlands und Persiens überprüfen, finden wir in der Tat in der einen oder anderen Form klare Hinweise, dass dort die Idee der Wiedergeburt bekannt war. Die heilige Überlieferung behauptet, dass wir im innersten Kern Götter sind, potenzielle Gottheiten, in unaufhörlicher Aktivität darum bemüht, unseren Weg zu finden; und in dieser Bestrebung sind wir, ob es uns bewusst ist oder nicht, seit unzähligen Zeitaltern wieder und wieder als Menschen von und zu dieser Erde gegangen, weil die spiralförmige Entwicklung eine fundamentale Gewohnheit der Natur ist – Aktion gefolgt von Reaktion, Ursache gefolgt von Wirkung. Daher war die Idee der Wiedergeburt immer mit dem Begriff der Gerechtigkeit verbunden: Was ein Mensch heute sät, muss er später ernten, wenn die zyklische Runde von Ursache und Wirkung wiederkehrt, sei es in diesem Leben oder in einer zukünftigen Existenz. Ich möchte Sie jedoch darauf aufmerksam machen, dass es viele irrige Vorstellungen über die Reinkarnation gibt.
Einige der östlichen Anschauungen führen zum Beispiel zu der Annahme, man müsste nach einem schlechten Lebenswandel als Tier zurückkehren. Solche Anschauungen bildeten sich, weil diese östlichen Vorstellungen in gewisser Hinsicht ebenso zum Dogma wurden wie die unseren. Ich glaube nicht, dass in den ursprünglichen hinduistischen und buddhistischen Lehren die Transmigration der Seele Verstorbener in Tierkörper enthalten war, obgleich man in den Texten Abschnitte finden kann, die diese Ansicht anscheinend stützen. Diese Stellen haben jedoch lediglich Bezug auf die zeitweilige Transmigration bestimmter niedriger Elemente des ‘gewesenen Menschen’ in Körper der niederen Naturreiche. Das hat, wie gesagt, mit der reinkarnierenden Seele überhaupt nichts zu tun.

Frage – Sie glauben, es gibt keine Möglichkeit als Tier zurückzukehren, selbst nicht auf Grund eines Irrtums?

Stellungnahme – Überhaupt keine Möglichkeit, denn es widerspräche absolut den vorwärts drängenden Entwicklungsprozessen der Natur, wenn die menschliche Seele in einen Körper zurückgehen könnte, der entwicklungsmäßig unter dem menschlichen steht. Das ist nicht Reinkarnation oder Wiederverkörperung, wie sie von den Weisen aller Länder und Zeiten gelehrt wurde, sondern eine degenerierte Anschauung, die falsch ist und den Tatsachen absolut zuwiderläuft.
Die echte und ursprüngliche Lehre der Wiedergeburt oder Reinkarnation sagt eindeutig: „Einmal ein Mensch, immer ein Mensch“ (siehe Das Meer der Theosophie, S. 96) – solange bis er sich zu etwas Höherem entwickelt. Stellen Sie sich für einen Augenblick die ungeheure Ungerechtigkeit vor, die der Seele eines Menschen widerfahren würde, wäre es durch einen Akt schwarzer Magie möglich, sie zu einer Inkarnation in einen Tierkörper zu zwingen, in dem sie keine Ausdrucksmöglichkeit für die göttlich-menschlichen Eigenschaften hätte. Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, Sie müssten mit Ihrer Intelligenz- und Bewusstseinsstufe einen großartigen Sonnenuntergang aus den Augen Ihres Hundes betrachten; fühlen Sie, was für eine Torheit und was für eine Qual des Beengtseins das für Sie wäre.
Nein! Sobald wir mit Unterstützung unseres göttlichen Funkens das Menschsein verdient haben, gehen wir nicht mehr zurück, außer – und das ist die einzige Ausnahme – die Seele bricht durch bewusste Missetaten über eine lange Reihe von Leben absichtlich die Verbindung mit ihrem inneren Vater ab. Dann wird aus ihr durch ihre selbstgewollte Rückwendung wirklich eine ‘verlorene Seele’, die ihr Recht auf die Teilnahme an dem voranschreitenden Strom der Entwicklung verloren hat. Glücklicherweise ist ein derartiger ‘Bruch’ des göttlichen Kontakts in der Tat äußerst selten; wenn er vorkommt, dann können die individuellen atomaren Elemente, die ehedem von der ‘verlorenen’ Seele beherrscht wurden, in unter dem Menschen stehende Lebensformen eintreten, in tierische oder in pflanzliche Körper, weil sie sehr stark mit submenschlichen Tendenzen durchtränkt worden waren. Das ist jedoch nicht das Schicksal der aufwärts strebenden menschlichen Seele, die, verbunden mit ihrer Gottheit, mit jeder neuen Wiedergeburt auf der Erde nach Erweiterung des Verstehens und des Bewusstseins strebt.

Frage – Diese Vorstellung ist großartig. Warum wird uns aber in der Kirche nichts über Reinkarnation gesagt? 

Stellungnahme – Das ist eine lange Geschichte und ich möchte nicht versuchen, den Grund zu nennen, weshalb die frühen Kirchenväter bei der Behandlung der christlichen Schrifttexte gewisse diesbezügliche Lehren entweder ausgemerzt oder zumindest weggelassen haben – Lehren, die nicht nur den Begriff der Wiedergeburt zum Gegenstand hatten, sondern auch andere Dinge, die von der Beziehung der Seele zum gesamten Sonnensystem handeln. Diese Ideen hätten eine umfassendere und universalere Philosophie ergeben als die jetzt im Glaubensbekenntnis enthaltene. Tatsächlich wurde gerade die Lehre von der Notwendigkeit wiederholter Erdenleben der Seele bei einem der frühen Kirchenkonzile öffentlich mit dem Kirchenbann belegt. Mit anderen Worten, sie wurde formell aus dem vorgeschriebenen Glaubensbekenntnis der christlichen Kirche gestrichen – ein Ereignis, das eine der Stufen auf dem Weg zur Kristallisation markierte und damit den Niedergang des echten Christentums. Die Botschaft des Meisters Jesus war damit für die damalige Bevölkerung keine lebendige und wachsende Suche nach Wahrheit mehr, sondern sie verhärtete sich zu einem wohldefinierten und organisierten Glauben: Als Ermahner des Menschen trat an die Stelle der eigenen inneren Führung das Glaubensbekenntnis der Kirche. Trotzdem kann man in der Heiligen Schrift, selbst in ihrem heutigen Zustand, Hinweise auf die Idee der Wiedergeburt finden. Man muss danach graben, weil sie eher beiläufig als direkt vorkommen; dennoch zeigen sie die damals weitverbreitete Geltung der Wiedergeburt bei den Völkern Kleinasiens.

Frage – Wo können wir solche Stellen in der Bibel finden?

Stellungnahme – Die erste, die mir einfällt, steht wohl bei Matthäus, wo Jesus seine Jünger fragt: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ Und sie erwiderten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten“ (Matthäus 16, 13-14). Warum wohl würde Jesus seinen Jüngern eine derartige Frage stellen, wenn der Begriff der Wiedergeburt nicht eine allgemeine Vorstellung gewesen wäre? Er fragte nicht, ob die Menschen glaubten, dass er zuvor gelebt habe; sondern weil er das voraussetzte, fragte er einfach, wer er nach ihrer Ansicht gewesen sein könnte.
Und wie ist es bei der Geschichte des Blindgeborenen im Johannesevangelium? Wir kennen alle die Stelle, wo Jesus einem Mann begegnete, der von Geburt an blind war, und seine Jünger ihn fragten: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde?“ Und erinnern Sie sich der Antwort Jesu?: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Johannes 9, 2-3). Beachten Sie bitte, dass sich Jesus nicht darüber aufhielt, ob dieser Mensch schon früher gelebt hatte oder nicht – die von den Jüngern gestellte Frage setzt das voraus, denn dieser Mensch konnte in diesem Leben nicht gesündigt haben, wenn er von Geburt an blind war. Der wichtige Punkt ist hier, dass Jesus den ganzen Komplex von Aktion und Reaktion, von Ursache und Wirkung, von der ‘Auge-für-Auge’-Ebene emporhebt zu dem größeren und mitleidsvolleren Gesichtspunkt, dass Karma weder eine Strafe, noch notwendigerweise eine Vergeltung ist, sondern immer eine Entwicklungsmöglichkeit für die Seele. So zeigte er die Blindheit nicht als Strafe, sondern als einen Erfahrungsweg, durch den das ‘Wirken Gottes [unseres inneren Gottes] an ihm offenbar werden soll’, wodurch sich das Gesetz oder die Entfaltung des inhärenten Schicksals des Blinden vollziehen kann.

Frage – Natürlich ist uns allen der Ausspruch des Paulus bekannt: „Gott lässt keinen Spott mit sich treiben“ (Galater 6, 7); und was wir säen, müssen wir eines Tages ernten. Wie lassen sich aber die schrecklichen Ungerechtigkeiten im Leben mit einem allliebenden Gott vereinbaren?

Stellungnahme – Das ist gerade der springende Punkt. Wir können beides nicht zusammenbringen, wenn wir die Erfahrung der Seele auf eine kurze Spanne von etwas mehr als 70 Jahre begrenzen. Wie könnten wir sonst die Wirkungen unserer Aussaat ernten? Nein, die Idee der Wiedergeburt ist im Grund ein Begriff der Hoffnung, weil sie uns im Ablauf der Zeit die absolute Durchsetzung der Gerechtigkeit garantiert.

Frage – Ich möchte eine Frage stellen, die mich schon immer beschäftigt hat. Verlieren wir unsere Persönlichkeit, wenn wir sterben? Werde ich mich zum Beispiel wiedererkennen, wenn ich wieder zurückkehre?

Stellungnahme – Hatten Sie dieses Mal Schwierigkeiten Ihre Individualität wiederzuerkennen? Nein, Sie nehmen sich, wie Sie sind, mit allen Ihren Stärken und Schwächen – Sie sind sich so vertraut wie die Luft, die Sie atmen, weil Sie einfach durch die Zeitalter hindurch mit sich selbst gewachsen sind. Die Persönlichkeit ist jedoch nicht Ihr wirkliches Selbst, sie ist nur eine Maske, die Sie tragen, und diese Maske wurde viele tausendmal gewechselt, während Sie Ihre verschiedenen Rollen in dem langen Drama der Erfahrungen spielten. Daher verlieren wir beim Tod alles, was mit der speziellen Maske zusammenhängt, die wir gerade trugen; mit anderen Worten wir verlieren unser physisches Gehirn und unseren Körper, mit welchen wir als Frau Müller oder als Herr Schmidt auftraten. Das reinkarnierende Element, das sich in irgendeinem Leben als Frau Müller oder als Herr Schmidt äußert, kehrt jedoch wieder und wieder zurück und nimmt jedesmal eine neue Persönlichkeit an, ein neues Gehirn und einen jungen physischen Körper, erfrischt und mit neuem Leben erfüllt und durch Karma genau entsprechend abgestimmt, damit wir in ihm wachsen und die Lektionen des neuen Lebens lernen können. Warum wurde wohl gesagt: „Wir sind doch der Tempel des lebendigen Gottes“ (2 Korinther 6, 16) – eines lebendigen Gottes, der in unserer und durch unsere Persönlichkeit wirkt?
Frage – Was reinkarniert denn eigentlich? Ist es der göttliche Funke oder der lebendige Gott?

Stellungnahme – Der göttliche Funke selbst reinkarniert ebensowenig, wie die Sonne ihre Bahn der Pflicht verlässt. Dennoch – so wie die Wärme und das Licht der Sonne alle zwischen Sonne und Erde liegenden atmosphärischen Schichten durchdringt, so ist es auch beim Menschen. Der Funke der Gottheit verbleibt transzendent in seiner eigenen göttlichen Bahn, doch sein Licht oder seine vitale Essenz durchdringt unser ganzes Wesen, sammelt seine Energie in der spirituellen Seele, damit er das höchste mentale oder wirkliche Zentrum des Menschen, unser höheres Selbst, erleuchten kann. Es ist deshalb jenes alles überdauernde, unsterbliche Element in uns, das von Leben zu Leben weiterexistiert und sich mit jeder Geburt auf der Erde in einer neuen Persönlichkeit verkörpert. Das göttliche Wesen an sich muss jedoch Zwischenstufen oder ‘Transformationen’ in uns haben, die seine eigene höhere Spannung herabtransformieren; es reinkarniert daher nicht direkt. Dennoch könnte das reinkarnierende Element nicht getrennt von seinem göttlichen Ursprung existieren oder tätig sein, so wie der Sonnenstrahl nicht existieren oder tätig sein könnte, wenn er von seinem solaren Ursprung losgelöst wäre, von dem er ausgeht, um nicht nur der Erde und all ihren Geschöpfen Leben und Kraft zu spenden, sondern auch dem ganzen Herrschaftsbereich des Sonnensystems.