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Band 9: Theosophie und Christentum

TP09

Theosophische Perspektiven
Band 9: Theosophie und Christentum
Frei überarbeitet nach H. T. Edge
und
Die Geschichte von Jesus
von G. de Purucker

© 2000 Theosophischer Verlag der Stiftung der Theosophischen Gesellschaft Pasadena, Eberdingen


Einleitung

Theosophie ist die essenzielle Wahrheit, die hinter allen Religionen steht, und sie erkennt keine der Religionen als über den anderen stehende oder als die letzte Wahrheit an. Theosophie steht dem Christentum nicht feindselig gegenüber; aber sie sieht ihre Aufgabe darin, solche Dinge anzufechten, von denen sie überzeugt ist, dass sie zu dem echten christlichen Evangelium nicht dazugehören, die sich jedoch seit seiner Entstehung allmählich darin eingeschlichen haben. Dazu gehört der Gedanke, dass das Christentum weit über allen anderen Religionen steht, oder dass es die alles andere übertreffende, endgültige Offenbarung der göttlichen Wahrheit sei. Heute wird es immer schwieriger, diese Auffassung aufrecht zu erhalten. Dafür gibt es zwei Gründe: erstens, weil alte Religionen heute intensiver und umfassender studiert werden, insbesondere die indischen, die durch die Kenntnis des Sanskrit zugänglich wurden; zweitens, weil die Beziehungen zwischen den Völkern einfacher geworden sind und Möglichkeiten entwickelt wurden, sich auf verschiedenen Gebieten besser kennen zu lernen. Dadurch wird eine Geisteshaltung der Exklusivität verhindert, die in früheren Zeiten möglich war. Es ist jedoch nicht einfach, von lange gehegten Gewohnheiten Abstand zu gewinnen; außerdem sind viele Menschen der Ansicht, dass die Aufgabe der Vorherrschaft des Christentums gleichzeitig die Aufgabe dieser Religion bedeuten würde. Aus diesem Grund nehmen sie manchmal zu wundersamen Mitteln Zuflucht, um in den vielen älteren Religionen die Existenz von Lehren und Ritualen zu erklären, die – so wurde unterstellt – christliche Privilegien wären. Abbé Huc, der französische Missionar und Entdeckungsreisende, schreibt in seinem berühmten Buch Souvenirs d’un voyage dans la Tartarie, le Thibet et la Chine, dass er bei den tibetanischen Priestern sowohl viele charakteristische Lehren der katholischen Kirche als auch viele ihrer Rituale, ihrer Gewänder und ihrer heiligen Gegenstände fand. Seine Erklärung war, dass der Teufel dem Christentum vorangegangen sei, um die Menschheit in die Irre zu führen. Er fügte dieser Theorie hinzu, dass möglicherweise die ersten christlichen Missionare bis nach Tibet vorgedrungen seien.

Einer anderen Auffassung nach, die ebenfalls verkündet wurde, waren die erhabenen Lehren, die in den heiligen Büchern Indiens gefunden wurden, das Werk des Heiligen Geistes, der die Menschheit auf diese Weise auf die ‘größeren Dinge als diese’, die später kommen sollten, vorbereitete. Dabei ging man davon aus, dass das aufkommende Christentum damit gemeint sei.

Diese mehr oder weniger starre Haltung in Bezug auf den einzigartigen Charakter des Christentums und der Bibel als der absoluten, von Gott diktierten Wahrheit kommt langsam etwas in Bewegung.

All das ist die Folge von Wachstum und der Evolution der Menschheit, dem die Religionen sich anschließen müssen, damit sie nicht als Bremse wirken. Das bedeutet nicht, dass wir religiöse Wahrheiten verwerfen und in Unglauben, Atheismus oder Materialismus zurückfallen müssen. Wir sollten den Inhalt nicht mit den veralteten Formen zusammen verwerfen. Ein religiöses System – mit seiner Glaubenslehre, seinem vorgeschriebenen Ritual, seiner kirchlichen Organisation – ist eine Verkörperung von geistigen Werten; und genauso wie es für jeden Organismus zutrifft, sind es die Formen, die sich dauernd Veränderungen unterziehen müssen, obschon der innere Geist stets derselbe bleiben kann. Das sind Tatsachen, welche die Geschichte oder die allgemeinen Gesetze von Wachstum und Evolution uns lehren können.

Aber es kann natürlich nur eine Wahrheit geben. Religion an sich – abgesehen von Lehrsätzen und Kirchen – bedeutet die Anerkennung und Befolgung der grundlegenden Gesetze des Universums. Diese sind auch dem Menschen selbst inhärent, so dass die ewige und universale Religion sich auf Tatsachen in der menschlichen Natur gründet; daher muss sie dieselbe bleiben, solange der Mensch ein Mensch ist. Die essenzielle Wahrheit besagt, dass der Mensch ein göttliches Wesen ist, das in einem tierischen Körper lebt; dass seine Rettung darin besteht, seine niedere Natur mittels der höheren anzuheben; und dass die erhabenste Tugend des Menschen in der Befolgung der ‘Goldenen Regel’ liegt, die man in den vielen Religionen und Philosophien findet und die im Christentum folgendermaßen zum Ausdruck gebracht wird: „Alles, was du willst, dass dir die Menschen tun, sollst du ihnen auch tun, denn das ist das Gesetz und die Propheten.“

Es ist notwendig, kurz auf bestimmte theosophische Lehren hinzuweisen, die an anderer Stelle ausführlicher behandelt werden. Eine davon ist die Lehre von der Existenz der Weisheitsreligion oder Geheimlehre, das heißt die Kenntnis von den tiefsten Mysterien der Natur und des Menschen, die aber im heutigen Zyklus der menschlichen Evolution im Allgemeinen unbekannt ist. Sie wird von den Meistern der Weisheit oder der großen Loge der Initiierten gehütet, deren Aufgabe es ist, die heilige Kenntnis zu bewahren und sie – wenn die Zeit dafür reif ist – der Welt weiterzugeben. Sie erfüllen diese Aufgabe auf verschiedene Weise. Eine Möglichkeit ist, einen Boten aus ihrer Mitte auszusenden, der in der Welt erscheint, einen Kreis von Jüngern um sich versammelt, eine esoterische Schule gründet, wo er vertraulich unterrichtet und exoterische Lehren an die Massen weitergibt.

Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen. Zu den anderen Menschen aber wird nur in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen.

Lukas 8,10

Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.

Markus 4,33-34

Sobald sich der Lehrer aber zurückgezogen hat, kommen die Veränderungen und die von ihm gegründete Bewegung zerfällt. Sie gerät in den Einfluss weltlicher Motive und Kräfte, nimmt feste Formen an, zerfällt in Schulen und Sekten und organisiert sich in Kirchen mit einem Priestertum und Glaubensbekenntnissen. Im Allgemeinen können wir diesen Prozess in der Geschichte der Religionen zurückverfolgen, auch im Christentum, so dass das heutige Christentum nicht das ursprüngliche Evangelium ist, das sein Stifter überbrachte.

Es ist hilfreich, einige Worte zur Einstellung gegenüber den Christen zu sagen, die wir hier einnehmen. Diese Einstellung ist freundlich, und zwar nicht nur als Empfindung, sondern vielmehr durch Wissen.

Der Autor wurde selbst in der Kirche von England erzogen, in einer freundlicheren Atmosphäre, als sie in den engeren Sekten vorherrscht. Da er in seinen jüngeren Tagen ein ernsthafter Christ war, kann er mit mehr Verständnis und Symphatie darüber sprechen als manche, die das Christentum nur von außen kennen. Darüber hinaus wird er vermutlich nicht in den üblichen Fehler verfallen, die Überzeugungen des anderen in ein schiefes Licht zu rücken und auf diese Weise die Theosophie mit dem Schlechtesten aus dem Christentum zu vergleichen, Strohmänner anzugreifen oder alte Dinge auszugraben.

Es ist überhaupt nicht die Absicht, den Frieden derer zu stören, die im Christentum – so wie sie es kennen – alles finden, was sie brauchen, vor allem nicht jener, die in ihrem Glauben die Inspiration zu einem edlen Leben finden. Aber es gibt eine große und wachsende Anzahl von Suchern, welche die Botschaft der Theosophie willkommen heißen. Die Kirchen gestehen, dass sie ihren Einfluss verlieren. Es gibt heute mehr Menschen als je zuvor, die das, was ihnen gelehrt wurde, in keiner Weise akzeptieren und dennoch die Religion nicht über Bord werfen können. Diese Menschen bitten in gewissem Sinne um Hilfe; vielleicht finden sie eine eigene Lösung oder bilden die eine oder andere Organisation; aber meistens fehlt ihnen eine wirkliche Basis, die ihnen die Möglichkeiten bietet, ihre Probleme zu lösen. Die Theosophie kann für eine solche Basis einen wichtigen Anteil liefern, weil sie über Mittel verfügt, den ursprünglichen und wahrhaftigen Kern der christlichen Religion von dem zu unterscheiden, was im Laufe der Jahrhunderte hinzugefügt oder verändert wurde und so die Wahrheit verdunkelte.

Wir werden aufzeigen, was die essenziellen Wahrheiten der Religion sind, die sich nicht mit den Zeiten verändern, keinen Konflikt zwischen Lehrsätzen und Sekten verursachen und im Herzen der Menschen verwurzelt sind; wir werden diese Wahrheiten im Christentum ausfindig machen – in den Lehren, Formen und Schriften des Christentums. Wir werden beweisen, dass das Christentum mit den anderen großen Religionen und mit den größten philosophischen Systemen verwandt ist und dass genügend Beweismaterial vorliegt um zu zeigen, dass es eine aus der großen Quelle der Weisheitsreligion hervorgehende Strömung ist. Wir werden versuchen, das Christentum von seinem Anfang an durch die verschiedenen Veränderungen bis zu seinen heutigen Formen – so weit das mit unvollkommener Kenntnis und in gedrängter Form möglich ist – zu verfolgen. Die wichtigsten Dogmen, Glaubensbekenntnisse und Riten müssen betrachtet werden, und deren wirkliche Bedeutung muss anhand von Vergleichen mit übereinstimmenden Elementen in anderen Religionen, Philosophien und Mythologien aufgezeigt werden. Man wird erkennen, dass die Lehren in den Evangelien, die Jesus zugeschrieben werden, und auch einzelne in den Briefen der Apostel enthaltene Lehren in einem neuen Licht erscheinen, sobald wir den zu ihrer Interpretation notwendigen Schlüssel besitzen. Wieviel von diesen Lehren ist im Dunklen geblieben, weil wir nicht über diesen Schlüssel verfügten!

Alle Religionen haben hinter ihrer exoterischen Form eine esoterische Basis; und diese Basis ist zum größten Teil verloren gegangen. Die Religionen, wie sie heute existieren, entsprechen nicht den Bedürfnissen menschlicher Bestrebungen, denn sie lassen einen wichtigen Teil aus, der für den Menschen lebenswichtig ist. Sie beschränken sich hauptsächlich auf ethische Prinzipien, sagen uns aber nichts über die Natur des Kosmos oder des Menschen. Auf diese Weise gerieten sie mit der Zeit ins Hintertreffen und ließen konkurrierende Einflüsse entstehen, wie zum Beispiel die Naturwissenschaften und abstrakte Philosphien. Die Folge dieser Entwicklung ist, dass der Bereich der Erkenntnis, der eine Einheit bilden sollte, durch verschiedene, voneinander unabhängige und in Widerstreit stehende Sparten vertreten wird.

Die falsche Gegenüberstellung von Sittenlehre und Wissen, Religion und Wissenschaft, Tugend und Kultur hat das Denken der Menschheit sehr nachteilig beeinflusst. Eine Synthese dieser verschiedenen Sparten ist dringend nötig; ein einheitliches Gesetz, nach dem gelebt wird; eine solide Basis für Ethik, Sittenlehre und Verhalten anstelle von Dogmen, Kulten und Ideologien, die wir nicht glauben können. Die wahre Religion des Menschen ist diejenige, nach er lebt, nicht diejenige, zu der er sich bekennt.

Deshalb wird eine wirkliche Vereinigung der Religionen nicht durch das Forcieren einer äußerlichen Vereinigung oder durch das Eliminieren von Unterschieden entstehen – wobei nur ein kläglicher Rest übrig bleibt –, sondern durch eine Rückkehr zu ihrer esoterischen Grundlage und durch ein Aufzeigen ihrer gemeinsamen Herkunft – kurz durch die Wiederbelebung des Wissens der alten Weisheitsreligion.


Historischer Überblick

Der ‘heidnische’ Ursprung des Christentums

In diesem Kapitel wollen wir zeigen, dass das Christentum nicht eine ganz neue Religion war, sondern aus etwas hervorging, was bereits vorher existierte. Seine Hauptlehren sind auch Bestandteil älterer Religionen, und viele Riten und Dogmen wurden vom sogenannten heidnischen Glauben übernommen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts entstand in den Vereinigten Staaten eine Bewegung, die sich Fundamentalismus nannte, welcher die Unfehlbarkeit der Bibel lehrte, sich gegen den Liberalismus zur Wehr setzte und zum wahrhaftigen alten Evangelium zurückkehren wollte. Aber wie weit sollte man da zurückgehen und welchen Moment in der Geschichte könnte man als den Anfang betrachten? Einige Aussagen frühchristlicher Autoren sind hier angebracht. Augustinus, der von 354-430 n. Chr. lebte, schrieb:

Das, was jetzt als die christliche Religion bezeichnet wird, war tatsächlich den Alten bekannt, von Anfang an fehlte sie nie in der menschlichen Rasse – bis zu der Zeit, da Christus im Fleisch erschien; danach begann man, die wahre Religion, die voher existierte, christlich zu nennen. Das ist in unseren Tagen die christliche Religion – nicht weil sie in vergangenen Zeiten fehlte, sondern weil sie in späteren Zeiten diesen Namen bekam.

Augustini Opera, I, 12

Eusebius von Caesarea, christlicher Theologe und Historiker, der kurz vor Augustinus lebte und ein feuriger Verteidiger der neuen Religion war, fühlte sich dennoch gezwungen zuzugestehen, dass die christliche Religion weder neu, noch fremd und den Alten bekannt war (Kirchengeschichte, Buch I, Kapitel iv).

Justin der Märtyrer (100-163? n. Chr.), Kirchenhistoriker und Philosoph, der Kaiser Hadrian gegenüber das Christentum verteidigte, gab sich viel Mühe, um dessen Identität mit dem Heidentum zu zeigen:

Indem wir erklären, dass das Wort (Logos), der erstgeborene Sohn Gottes, unser Herr Jesus Christus, von einer Jungfrau geboren wurde, ohne eine einzige menschliche Vermischung, gekreuzigt wurde und starb und später auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, sagen wir nicht mehr als Sie über jene sagen, die Sie die Söhne Jupiters nennen. …Was den Einwand anbelangt, dass unser Herr Jesus gekreuzigt wurde, sage ich, dass Leiden in den Leben aller erwähnten Söhne Jupiters vorkam, nur dass sie einen anderen Tod starben. … Was das Heilen der Lahmen, Gebrechlichen und Kranken anbelangt – das ist kaum mehr, als was Sie von Ihrem Äskulap erzählen.

Apologia, I, Kapitel xxi, xxii

Ammonius Saccas, der große alexandrinische Lehrer und Sohn christlicher Eltern, der ungefähr 150 Jahre vor Augustinus lebte, sagte:

Das Christentum und das Heidentum – vorausgesetzt sie werden gut verstanden – unterscheiden sich nicht in wesentlichen Punkten, denn sie haben einen gemeinsamen Ursprung und sind tatsächliche ein und dieselbe Sache.

Das folgende Zitat betrifft die Kontroverse zwischen H. P. Blavatsky und dem Abbé Roca, die im April 1888 in der französischen Zeitschrift Le Lotus veröffentlicht wurde:

Jesus Christus – das heißt der Mensch-Gott der Christen, eine Kopie der Avatāras aller Länder, sowohl des hinduistischen Krishna wie des ägyptischen Horus – war für mich nie eine historische Person. Er ist die vergöttlichte Personifikation des verherrlichten Vorbilds der großen Hierophanten der Tempel, und seine Geschichte, so wie sie im Neuen Testament erzählt wird, ist eine Allegorie, die gewiss tiefe esoterische Wahrheiten enthält – aber eine Allegorie. … Die Legende, von der ich spreche, gründet sich … auf die Existenz einer Person Jehoshu genannt (woraus der Name ‘Jesus’ hervorging), der ungefähr 120 Jahre vor der modernen Zeitrechnung in Lud oder Lydda geboren wurde. … Wenn wir das Zeugnis der ‘Evangelisten’ – also unbekannter Männer, deren Identität nie festgestellt wurde –, der Kirchenväter und interessierter Fanatiker beiseite lassen, können wir sagen, dass trotz jahrhundertelanger, verzweifelter Untersuchungen weder die Geschichte, noch die allgemeine Überlieferung, noch offizielle Dokumente, noch die Zeitgenossen des sogenannten Dramas einen einzigen seriösen Beweis in den Jahren 1 bis 33 für die historische und tatsächliche Existenz liefern konnten – keinen für den Mensch-Gott und auch nicht für den Jesus von Nazareth genannten Menschen. Alles ist dunkel und still.

Philo Judaeus, der vor der christlichen Zeitrechnung geboren wurde, … machte mehrere Reisen nach Jerusalem. Er ging dorthin, um über die Geschichte der religiösen Sekten seiner Zeit in Palästina zu schreiben. Kein Geschichtsschreiber ist in seinen Beschreibungen gewissenhafter und mehr auf der Hut, nichts zu vergessen, keine Gemeinde, keine Bruderschaft, nicht einmal das Unbedeutendste entging ihm. Weshalb spricht er nicht von den Nazarenern? Weshalb macht er nicht die geringste Anspielung auf die Apostel, auf den göttlichen Galiläer, auf die Kreuzigung? Die Antwort ist einfach. Weil die Biografie von Jesus nach dem ersten Jahrhundert aufgeschrieben wurde und niemand in Jerusalem mehr wusste als Philo selbst.

Diese Passagen, die nur wenige Beispiele für das darstellen, was angeführt werden könnte, zeigen, dass das Christentum als eine Fortsetzung einer jahrhundertealten Lehre gesehen wurde. In Bezug auf die äußere Form wurden Änderungen vorgenommen, welche durch die sich ändernden Zeiten notwendig geworden waren.

Die Geschichte des Christentums beweist, dass es von einer gewaltigen Kraft inspiriert wurde – einer alles besiegenden Vitalität, die es ihm ermöglichte, sich über Jahrhunderte zu behaupten und so einen großen Teil der Welt zu beherrschen. Und trotzdem können wir, wenn wir nach dem Ursprung suchen, bis auf äußerst magere Nachweise nichts weiter finden.

Die Geschichte Jesu ist sehr zweifelhaft; seine Mission, so wie sie in den Evangelien wiedergegeben ist, beschränkt sich auf einige wenige Monate und wird von den heidnischen Historikern ignoriert. Das Christentum ist eine Wiederbelebung der Weisheitsreligion und verdankt seine Entstehung einem großen Boten der Loge, über den keine Aufzeichnungen vorliegen. Die Figur aus den Evangelien ist fiktiv; die Evangelien wurden lange nach der Zeit geschrieben, auf die sie sich angeblich beziehen. Und nach den Briefen des Paulus zu urteilen, scheinen sie ihm völlig unbekannt gewesen zu sein.

Es gibt eine jüdische Erzählung über einen gewissen Syrier mit Namen Jeshua oder Jehoshua ben Panthera, der ungefähr 100 Jahre vor Christus unter der Regierung des jüdischen Königs Alexander Jannaeus lebte; manche meinen, dass der Name Jesus daher kommt. Von diesem Mann stammen die Lehren zweier Sekten jüdischer Christen, die vor der christlichen Zeitrechnung lebten, die Ebioniten und die Nazarener. Sie vertreten die reinste Form des Christentums und lehrten, dass Christus in allen Menschen ist. Sie vertraten auch die Lehre von den Äonen oder göttlichen Emanationen, die zeigen, dass der Mensch selbst von den höchsten Gottheiten abstammt. Die Lehre der christlichen Gnostiker und Neuplatoniker war gleichlautend.

Ursprünglich war das Christentum offenbar eine Form der Weisheitsreligion. Es lehrte, dass der Mensch in seiner Essenz ein göttliches Wesen und Christus einfach der göttliche Geist im Menschen ist; dass der Mensch seine Erlösung selbst erarbeiten muss, indem er sich seiner eigenen göttlichen Natur bewusst wird und an sie appelliert. Später wurde diese erhabene und alte Wahrheit zu einem Glauben an einen persönlichen Gott – getrennt von Mensch und Natur – und zu der Lehre des stellvertretenden Sühneopfers umgewandelt. Dieser Prozess der Umwandlung ging jedoch allmählich vor sich.

Frühe Formen des Christentums

Das Gebiet um das Mittelmeer war zu Beginn der christlichen Ära das Zentrum der Zivilisation, die Bühne für eine erstaunliche Mischung miteinander wetteifernder Glaubensformen unter der allgemeinen Herrschaft des römischen Kaiserreichs. Es gab verschiedene Zentren, in welchen die alten Mysterien aufbewahrt, gelehrt und praktiziert wurden: Alexandria, Antiochia und in weiteren Städten Kleinasiens. Diese standen in Verbindung mit Indien und Persien. Das frühe Christentum nahm die Lehren dieser Schulen an, und es wurde üblich, diese Formen des Christentums als Ketzerei zu betrachten, weil sie angeblich von heidnischen Quellen beschmutzt waren, womit man die Angelegenheit ins genaue Gegenteil verkehrte. Das war das Urchristentum, während die späteren Formen das Christentum nur in sehr beschränktem Maß wiedergeben. Unsere Aufmerksamkeit beschränkte sich so stark auf die schließlich überlebende Art der Darstellung unserer Religion, dass wir viele andere Formen, die jahrhundertelang miteinander wetteiferten, ignorierten; das hatte zur Folge, dass wir dem fortschreitenden Materialismus jener Zeit verfielen.

Marcion, der ungefähr von 86 bis 165 nach Christus lebte, gründete die Kirche der Marcioniten, die bis zum fünften Jahrhundert existierte. Er versuchte, das Christentum von verderblichen Einflüssen zu reinigen. Er stimmte mit den Erzählungen über Christus in den Evangelien nicht überein und sagte, dass diese Geschichten ‘verweltlichte’ Darstellungen metaphysischer Allegorien und Entartungen der wahrhaft spirituellen Idee seien. Er beschuldigte die Kirchenväter, dass sie ihre Lehre dem Auffassungsvermögen ihrer Zuhörer anpassten – ‘blinde Dinge für die Blinden, ihrer Blindheit entsprechend, für die Dummen ihrer Dummheit entsprechend.’

Der Manichäismus war ein gefürchteter Konkurrent der Kirche. Fast alle römischen Kaiser versuchten ihn zu unterdrücken, während Päpste ihn mit dem Bann belegten. Trotzdem übte der Manichäismus ungefähr tausend Jahre lang seinen Einfluss aus, der bei den Albigensern in Südfrankreich, welche einigen seiner Lehren anhingen, sogar bis in das dreizehnte Jahrhundert spürbar war. Der Gründer des Manichäismus, Mani, war iranischer Herkunft und wurde in Babylonien geboren. Im Jahre 242 n. Chr. ernannte er sich selbst zum Boten einer neuen Religion, sandte Apostel aus und gründete Gemeinden in ganz Kleinasien.

Über ihn schreibt Dr. G. de Purucker in The Esoteric Tradition, Seite 1101:

Die Manichäer, eine Vereinigung von tief mystischen und in einigen Punkten sogar esoterischen Denkern, waren nicht nur weit über das Römische Reich, sondern auch im Nahen Osten verbreitet. Sie hielten an gewissen Glaubenssätzen fest, die sie mit den mehr mystischen Ideen des frühen Christentums verbanden. So sagten sie, dass die göttliche Sonne die Quelle des individuellen Christos-Geistes im Menschen und dieser letztere ein Strahl jenes kosmischen Christos sei. Die Kirchenväter Theodoret und Cyril von Jerusalem bezeugen diese Tatsache manichäischen Glaubens; und im 5. Jahrhundert sagt Papst Leo, der Große, in seinem Sermon Nr. IV über die Epiphania, dass die Manichäer den Christos der Menschen in die leuchtende Substanz der unsichtbaren Sonne versetzten – mit anderen Worten in ihre göttliche, beseelende Energie. Solche bezeichnenden Ideen waren … zur Zeit der ersten Entstehung des christlichen Glaubens und des kirchlichen Systems in der Welt weit verbreitet.

Clemens von Alexandrien, kirchlicher Autor, wurde ungefähr in der Mitte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. geboren – vermutlich in Athen. Er unternahm ausgedehnte Reisen durch Italien, Palästina, Ägypten und Syrien und übernahm später in Alexandrien die Leitung der sogenannten Katechetenschule von Pantanaeus. Er strebte danach, das Christentum ‘durch die tiefe Spiritualität des Platonismus’ zu bereichern und ‘befürwortete ein Christentum, das auf freiem Forschen basiert’ – und nicht allein auf Glauben.

In seiner ‘Ermahnung an die Heiden’ sagt er:

… der Mensch ist ein zusammengesetztes Wesen aus Körper und Seele, ein Kosmos im Kleinen.

Das ist eine typisch theosophische Lehre, hier von jemandem geäußert, der von der christlichen Kirche heilig gesprochen wurde.

Der Nachfolger von Clemens war Origines, der im Jahre 185 n. Chr. geboren wurde und den man den größten christlichen Fürsprecher der frühen theologischen Schule nennen kann. Er hatte einen Schüler mit Namen Celsus, dem er den Rat gab, sich als ein vorbereitendes Studium zur christlichen Philosophie der griechischen Philosophie zu widmen. Celsus schrieb sein Buch Das wahre Wort in den Jahren 177 bis 200. Was wir über dieses Buch und den Autor wissen, verdanken wir einem Werk von Origines, Contra Celsum, das sich dagegen wendet. Nach Celsus ist das Christentum orientalischen Ursprungs, seine ethischen Lehren nicht neu und viele seiner Zeremonien den heidnischen Religionen ähnlich. Er fragte sich, warum der eine Gott, den sowohl die Christen als auch die Heiden anerkennen, nicht unter verschiedenen Namen verehrt werden könne – wie Zeus, Serapis und so weiter. Warum sollte Jehova der einzige Name sein, an dem man die Gottheit erkennen kann? Warum kam Jesus so spät, um die Menschheit zu retten?

Im oben erwähnten Buch Contra Celsum schreibt Origines:

In Ägypten haben die Philosophen eine sehr edle und geheime Weisheit über die Art des Göttlichen. Und diese Weisheit wird dem Volk nur in der Form von Allegorien und Fabeln enthüllt. …

Alle orientalischen Völker – die Perser, die Indier, die Syrier – verbergen geheime Mysterien im Gewand religiöser Erzählungen und Allegorien; die wahren Weisen (Initiierten) aller Völker verstehen deren Bedeutung; aber die nicht unterrichteten Massen sehen nur die Symbole und das verhüllende Gewand.

Origines war Neuplatoniker und sowohl er als auch Plotin wurden in der Schule von Ammonius Saccas ausgebildet. Sein Erscheinen bedeutet einen weiteren Schritt in der Entwicklung des Christentums – von seinem liberalen und erhabenen Ursprung zu seiner beschränkten und dogmatisch kirchlichen Form. Trotzdem hing er vielen Lehren an, die seitdem als Ketzerei verurteilt wurden, wie zum Beispiel der Gedanke, dass alle Seelen eine wirkliche Einheit mit Gott bilden und nicht nur die Seele Jesu. Weiter, dass das sichtbare Universum die Manifestation einer höher spirituellen ursächlichen Welt ist. Wie Paulus kannte er die Lehre von den Hierarchien göttlicher Wesen zwischen Gott und Mensch (‘Throne, Herrschaften, Obrigkeiten, Mächte’ und so weiter). Das Universum hat einen Anfang und muss also auch ein Ende haben; ihm aber werden andere Universen – seine Kinder – folgen, was eine rein theosophische Lehre ist.

Die Gnostiker der ersten drei Jahrhunderte lehrten die Gnosis oder Erkenntnis des Göttlichen. Zu ihnen gehörten unter anderem Valentinus, Basilides, Marcion und Simon Magus. Sie vertraten ihre Ansichten zu einer Zeit, als das Christentum noch Lehren über die Natur von Universum und Mensch enthielt; als jedoch die Religion zum Gemeingut wurde, wurden diese Lehren als Ketzerei verurteilt.

Obschon anerkannt wird, dass bereits vor Anfang unserer Zeitrechnung gnostische Gemeinden existierten, bezeichnete man den Gnostizismus manchmal dennoch als eine christliche Ketzerei. Der Gnostizismus war nicht ausschließlich mit einer bestimmten Religion verbunden, denn seine Gnosis beruhte auf esoterischer Weisheit, die das Herz aller Religionen war, so wie sie von den ursprünglichen Gründern und manchmal von ihren unmittelbaren Nachfolgern verkündigt wurde.

Ein wichtiger Fund wurde im Jahre 1945 in Nag-Hammadi in Ägypten gemacht: eine große Anzahl christlich-gnostischer Schriften. Diese Schriften enthüllen, dass von den Gnostikern ein bedeutender Beitrag zu jener Strömung geleistet worden war, die schließlich zum Christentum wurde.

Die wichtigsten Lehren der Gnostiker können wie folgt zusammengefasst werden:

1. Der Gegensatz zwischen Geist und Stoff.

2. Die allegorische Interpretation der Erzählungen des Alten Testaments.

3. Der erhabenste Gott war nicht jener Gott, der die Welt erschuf; die Welt wurde von einem niedrigeren Äon namens Demiurgos erschaffen.

4. Jesus war nicht der Sohn von Josef und Maria; aber er war herabgestiegen aus der Höhe; er war eigentlich der höchste der Äonen, der unmittelbar aus dem Göttlichen hervorging; er war der Erlöser – nicht nur der Menschen, sondern auch der Welt; und er erschien, um der ursprünglichen alten Gnosis wieder den ihr gebührenden Platz zu verleihen.

5. Der Glaube an Karma und Reinkarnation.

Dass im Allgemeinen so wenig über diese Dinge bekannt ist, ist einfach eine Folge der Tatsache, dass die Verurteilung durch die Kirchen den Menschen daran hinderte, diese Dinge zu studieren. Wenn wir einmal wissen, dass solche Informationen zur Verfügung stehen, können wir uns leicht selbst ein Bild davon machen. Es ist unser Ziel zu zeigen, dass das Christentum edleren Ursprungs war und uns in einer sehr geänderten und verarmten Form überliefert wurde.

Die Entfaltung des Christentums

Die Geschichte der ersten Christen, wie sie uns von den Chronisten der römischen Welt jener Tage überliefert wurde, ist dem Leser im Allgemeinen besser vertraut. Zu Anfang sehen wir eine Art kommunaler Sekte, deren Verhalten hohe Ideale aufweist. Da die Sekte wächst, wird sie umorganisiert und in Orden unterteilt, was wir als den Anfang einer kirchlichen Hierarchie betrachten können. Die kaiserlichen Behörden waren in Bezug auf den religiösen Glauben tolerant, aber äußerst eifersüchtig auf jede Organisation, die zu einer Bedrohung der kaiserlichen Macht werden könnte. Kaiser Trajan (53?-117 n. Chr.) erlaubte aus diesem Grund nicht einmal die Bildung einer bürgerlichen Feuerwehr, obschon er an sich ein verständnisvoller Mann war.

Dass die Christen mit der etablierten Macht in Konflikt gerieten, hatte folgende Gründe. Sie lehnten es ab, sich am alltäglichen Leben der Gemeinschaft zu beteiligen, an Opfern und den üblichen Zeremonien teilzunehmen oder als Soldaten zu dienen. Damit sonderten sie sich als eine mehr oder weniger gefährliche Sekte ab und setzten sich Verfolgungen aus. Wie wir wissen, wurden sie gerade durch diese Verfolgungen gestärkt, bis sich die weltlichen Autoritäten schließlich gezwungen sahen, mit den kirchlichen Autoritäten zu einem Kompromiss zu gelangen – Clovis im Westen, die römischen Kaiser weiter östlich. Zwei große Gruppen – die Anhänger des Athanasius und die Arianer – beherrschten jahrhundertelang die Arena, während verschiedene Kaiser der einen oder anderen Richtung anhingen, bis schließlich die Lehre des Athanasius im Westen und die arianische im Osten dominierte. Das Christentum wurde von den nördlichen Eroberern Roms angenommen und mit einigen Modifikationen zur Religion des nördlichen Europa.

Der Kirchenlehrer Athanasius, den man den ‘Vater der Orthodoxie’ nennt, hat seine Lehre in De Incarnatione verbi festgelegt. Kurz zusammengefasst besagt seine Lehre, dass der Logos (Sohn) im Wesen mit seinem Vater eins ist. Sein Gegner, Arius, lehrte, dass nur Gott unerschaffen und die Ursache von allem sei. Der Sohn wird nach Arius von Gott erschaffen; und obschon er ihm gleicht, ist er dem Wesen nach nicht eins mit ihm. Die jahrhundertelange Geschichte zu verfolgen ist überflüssig: Der lange und erbitterte Kampf der Reformation, als beide Parteien ihren Glauben sehr ernst nahmen und die weltliche Macht der damaligen Zeit sich von der geistigen nicht unterschied, ist hinreichend bekannt. Die eine Seite beruft sich auf die in gerader Linie von den Aposteln überlieferte Autorität, die andere auf die Bibel. Der Geist des römischen despotischen Kaiserreichs lebte noch und rang mit der Freiheit des Denkens um die Macht. Mittlerweile hat jedoch die Uneinigkeit abgenommen, denn die Menschheit sucht ihre Inspiration in der ewigen Quelle – dem göttlichen Funken im menschlichen Herzen.

Valentin war der berühmteste christliche Lehrer des zweiten Jahrhunderts. Er war der Lehrmeister der Kirchenväter Origines und Clemens. Nach den christlichen Apologeten hat er versucht, griechische, neugriechische, jüdische und christliche Elemente zusammenzuschmieden, wobei er eine bewundernswerte Tüchtigkeit und Originalität an den Tag legte. Aber ein Vergleich seiner Lehren mit denen aus anderen Systemen zeigt unmittelbar, dass es die Lehren der Alten Weisheit waren, die er den damals existerierenden esoterischen Schulen in Ägypten und anderen Teilen der Welt rund um das Mittelmeer entlehnt haben muss. Seine Schule, der Valentinianismus, war lange Zeit sehr einflussreich und weit verbreitet, mit wichtigen Zweigen in Italien, Kleinasien und verschiedenen kleineren Städten. Sein Einfluss auf das spätere Denken war sehr groß. Er behauptete, dass die Apostel nicht alles, was sie wussten, öffentlich bekannt gemacht hätten, sondern dass sie im Besitz esoterischer Lehren gewesen seien. Er lehrte, dass die Erste Ursache, die er Bythos (die Tiefe) nannte, sich als Pleroma (Fülle) manifestierte – als Gesamtheit des geoffenbarten Universums. Weiter lehrte er die Lehre der göttlichen Hierarchien. Dieser Lehre gemäß emanierte die erhabene Gottheit aus sich selbst heraus aufeinanderfolgende Ordnungen göttlicher Wesen, die teilweise als Erzengel, Engel, Obrigkeiten, Mächte und so weiter bezeichnet werden, bis wir beim Menschen selbst ankommen, der also unmittelbar von der höchsten Gottheit abstammt und deshalb alle göttlichen Fähigkeiten in sich trägt, die zum größten Teil latent sind, deren man sich jedoch bewusst werden kann. Die Welt, in der wir leben, war nicht von der höchsten Gottheit erschaffen, sondern von einzelnen der niedrigeren Emanationen, und dies erklärt ihre Unvollkommenheiten, die oft so schwierig mit unserem Glauben an göttliche Weisheit zu versöhnen sind. Valentin lehrte die wahre Bedeutung von Christus als der göttlichen Inkarnation in jedem Menschen und der Erlösung, sobald sich der Mensch seines Wissens über die eigene essenzielle Göttlichkeit wieder bewusst wird.

Das gibt ein ungefähres Bild darüber, was das Christentum in Wirklichkeit ist und dass die Menschen einmal wussten, wer sie in Wirklichkeit sind. Aber als das Christentum hauptsächlich zu einem politischen Faktor wurde und man es für nötig hielt, es den Bedürfnissen so vieler verschiedener Völker anzupassen – Römer, Griechen, Asiaten und Teutonen – hatte die Notwendigkeit der Uniformität und einer etablierten Kirche mit festen Lehrsätzen zur Folge, dass die erhabeneren Lehren abgeschafft wurden.


Die Bibel – I

Wo liegt die Wahrheit zwischen der extremen Auffassung, die Bibel buchstäblich als das Wort Gottes zu betrachten, und der Meinung, sie sei eine Sammlung ziemlich merkwürdiger folkloristischer Erzählungen? Die Bibel ist eine esoterische Schrift, und wenn sie in der richtigen Weise interpretiert und neben anderen, der Welt bekannten heiligen Schriften studiert wird, wird der tiefe Sinn deutlich, der sich hinter vielen Erzählungen verbirgt, die jedoch nur wenig sagen, wenn man sie buchstäblich auffasst.

Das Alte Testament ist eine Sammlung alter jüdischer Schriften, die – nachdem die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren – von dem Schriftgelehrten Ezra gesammelt wurden. Er sammelte so viele alte Bücher wie möglich und erstellte damit den jüdischen Kanon. Nach Änderungen und Auslassungen wurde schließlich aus dieser Quelle das christlische Alte Testament zusammengestellt. Die Juden haben ihre eigenen Interpretationen in ihren kabbalistischen Büchern, wie dem Zohar, dem Sepher Jezirah und in einem großen Schatz von Kommentaren; aber die Christen halten sich im Allgemeinen buchstabengetreu an den Text. Das hat dem Charakter des Christentums nicht gut getan, denn einige dieser Bücher enthalten, wenn sie buchstäblich interpretiert werden, viel Grausamkeit, Betrug, Grobheit und Kriegsgewalt.

Der Pentateuch oder die ersten fünf Bücher des Alten Testaments nehmen eine sehr wichtige Position ein. Obschon man lange Zeit annahm, dass sie das Werk von Moses wären, hat eine kritische Untersuchung gezeigt, dass er nicht der Autor gewesen sein kann. Manche sind der Meinung, sie seien größtenteils das Werk von Ezra. Scheinbar enthalten diese Bücher die Geschichte über die Schöpfung und die Sintflut, die Abstammung des hebräischen Volkes, seine Wanderungen, seine schließliche Niederlassung und das Gesetz des Moses. Der Versuch, mit anderen historischen Informationen einen gewissen Zusammenhang herzustellen und dort die Geschichten einzufügen, ist für Bibelkritiker ein Problem. Das ist kein Wunder, denn das Alte Testament ist eine Sammlung allegorischer Legenden, die mit dem Hauptziel zusammengetragen wurden, die esoterische Bedeutung weiterzureichen. Wenn man sie aber esoterisch im Licht des Zohar und anderer heiliger Bücher liest, dann enthüllen sie einen Schatz okkulter Wahrheiten.

Das Alte Testament enthält auch die Bücher der Propheten, und bei Ezechiel und Daniel finden wir leicht erkennbare okkulte Symbolik. Von denjenigen, die darin Prophezeiungen über die Wiederkunft Christi und das Ende der Welt sehen wollten, wurde in dieser okkulten Symbolik ziemlich viel entstellt. Wir finden dort auch die poetischen und fantasievollen Teile – wie die Bücher der Lehrweisheit und die Psalmen, darunter das Buch Hiob – eine sehr alte Allegorie über die Prüfungen eines Initianden.

Das Neue Testament

Zum heutigen Kanon ist man infolge einer Reihe von Entscheidungen gekommen, er ist eine Auswahl aus einer größeren Anzahl von Büchern, von denen manche unter dem Namen das ‘Apokryphe Neue Testament’ veröffentlicht wurden. Es gab mehr als die vier bekannten Evangelien, und Kritiker konnten nachweisen, dass die heutigen Evangelien offenbar älteren Evangelien entnommen wurden. Wir geben hier einzelne Zitate aus The Esoteric Character of the Gospels von H. P. Blavatsky wieder, die in ihrer Zeitschrift Lucifer im November 1887 veröffentlicht wurden:

… Daher ist die Bibel nicht das ‘Wort Gottes’, sondern sie enthält bestenfalls die Worte fehlbarer Menschen und unvollkommener Lehrer. Wenn sie aber esoterisch gelesen wird, dann enthält sie – wenn auch nicht die ganze Wahrheit – so doch ‘nichts als die Wahrheit’, einerlei unter welchem allegorischen Gewande. …

… Die Bibel kann so wenig wie irgendeine andere Schrift der großen Weltreligionen von jener Klasse allegorischer und symbolischer Schriften ausgenommen werden, die seit vorgeschichtlichen Zeiten in mehr oder weniger verhüllter Form Behälter für die geheimen Lehren der Einweihungsmysterien gewesen sind. Die ersten Schreiber der ‘Logia’ (jetzt die Evangelien) kannten bestimmt die Wahrheit, und zwar die ganze Wahrheit; aber ihre Nachfolger hatten – ebenso bestimmt – nur Dogma und Form, welche im innersten Kern eher zu hierarchischer Macht führte, als in den Geist der Lehren des sogenannten Christus. Daher auch die allmähliche Verdrehung. …

… Er weiß auch, dass der christliche Kanon, besonders die ‘Evangelien’, die ‘Apostelgeschichte’ und die ‘Briefe’ aus Fragmenten gnostischen Wissens zusammengestellt worden sind, deren Fundament vorchristlich ist und auf den MYSTERIEN der Initiation basiert. …

… Denn je mehr man alte religiöse Texte studiert, desto klarer erkennt man, dass die Quelle des ‘Neuen Testaments’ dieselbe ist, wie das Fundament der ‘Veden’, der ägyptischen Theogonie und der mazedonischen Allegorien. …

Man kann sagen, dass die Evangelien symbolische Erzählungen sind, heilige Schriften, die von unbekannten Autoren aus dem Gedächtnis oder anhand von Notizen niedergeschrieben wurden. Später wurden sie zu einer kanonischen Sammlung zusammengetragen und als buchstäbliche anstatt als symbolische Wahrheit angenommen. Aber über dieses Thema können wir mehr sagen, wenn wir auf die einzelnen Lehren eingehen.

Was die Briefe des Paulus anbelangt, ist klar, dass er das lehrte, was jetzt als das Christentum angesehen wird. Für ihn ist Christus der allen Menschen innewohnende Geist. Er spricht wie ein Initiierter, der die Menschen mahnt, das alte, körperbetonte Leben abzulegen und das neue Leben zu wählen, durch das sie sich des innewohnenden Christus bewusst werden und zum Leben erwachen. Was Paulus beschäftigt ist die Vollendung und die Errettung in diesem Leben, nicht in einem zukünftigen. Als initiierter Lehrmeister, der er offensichtlich ist, kann er nicht sein gesamtes Wissen weitergeben, schon gar nicht in öffentlichen Briefen. Er bemüht sich jedoch, seine Botschaft den Möglichkeiten der verschiedenen Gemeinden anzupassen, an die er sich wendet.

Die Schöpfung

Die Schöpfung des Universums und des Menschen nimmt in allen Kosmogonien einen sehr wichtigen Platz ein und stellt eigentlich das erste Kapitel in den Lehren der alten Weisheitsreligion dar. Es wäre von Vorteil, wenn im Christentum anstatt von ‘Schöpfung’ von ‘Evolution’ gesprochen würde, da das Wort ‘Schöpfung’ mit der Auffassung von einem persönlichen Gott verbunden ist, der das Universum aus dem Nichts erschaffen hat. Wir werden uns hier im Rahmen der christlichen Schriften ausschließlich mit dem Thema Evolution beschäftigen.

In den ersten Kapiteln der Genesis (in der Bedeutung von ‘entstehen’ oder ‘werden’) finden wir eine ziemlich verwirrende und verkürzte Version dessen, was in älteren Schriften in einer vollständigeren und genaueren Form gefunden werden kann. Sie ist direkt den chaldäischen Schriften früheren Datums entnommen. Einige dieser Schriften wurden von Archäologen entdeckt. Es gibt jedoch noch ältere Spuren in den heiligen Schriften des alten Persien und Indien. Gleichartige Abhandlungen finden wir ebenso in China, in der Mythologie des alten Skandinavien und sogar im Alten Amerika. Wir nennen hier zwar nur einige Quellen, aber ohne Übertreibung kann man sagen, dass überall auf der ganzen Erde dieselben Überlieferungen vom Beginn der Welten und von der Evolution des Menschen gefunden werden können.

Das Wort ‘Gott’ ist im Hebräischen Elohim. Dies ist ein Plural und bedeutet ‘Götter’ oder ‘Geister’; es bezieht sich auf die schöpferischen Kräfte. Zuerst existierte nichts als Chaos, Leere, oft angedeutet durch die Wasser oder die Große Tiefe. Die schöpferischen Geister schwebten über den Wassern, und als erstes wurde das Licht geschaffen. Aus diesem Licht kommen die Welten und alle lebendigen Geschöpfe hervor. Bezüglich der Schöpfung des Menschen lesen wir:

Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

Genesis 2,7

Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er ihn.

Genesis 1, 26-27

Im Allgemeinen gibt es zwei Bedeutungen der Schöpfung des Menschen. Er wurde erstens als eine lebendige Seele (oder besser als eine animalische Seele) erschaffen, und zweitens wurde er göttlich. Diese beiden Bedeutungen hat man in der Bibel umgestellt. Aus theosophischer Sicht allerdings ist die Schöpfung des irdischen Menschen eher dreifältig: zuerst der Träger aus dem Staub der Erde; dann wird dieser mit dem Atem des Lebens beseelt; schließlich wird diese animalische Seele mit göttlichen Fähigkeiten begabt – erschaffen nach dem Bild der Götter (Elohim). Die Pluralform Elohim wurde aus einem unerfindlichen Grund mit Gott oder Gott der Herr übersetzt; es bedeutet schöpfende Geister, göttliche Wesen. Die Lehre über die zweifältige Schöpfung des Menschen hat ihre Berechtigung, denn sie verweist auf die duale Natur des Menschen und wodurch er sich von der animalischen Schöpfung unterscheidet. Die ersten Menschen waren ‘vernunftlos’, nicht selbstbewusst; und in einem gewissen Stadium der Evolution des Menschen wurde sein innerer Gott von den Manasaputras oder Söhnen des Denkens, welche in die werdende menschliche Rasse inkarnierten und ein selbstbewusstes, verantwortliches Wesen aus dem Menschen machten, zum Leben erweckt.

Die Geschichte wird in der Legende vom Garten Eden fortgesetzt. Dieser Garten stellt den Zustand des Menschen dar, bevor er selbstbewusst wurde; er war ohne Sünde, aber auch ohne die Fähigkeit sich weiterzuentwickeln, denn er konnte nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Dann begegnet dem Menschen das, was man die Verführung nennt. Eine Schlange, die als sehr weise beschrieben wird, erscheint ihm und überredet ihn, seinen freien Willen anzuwenden und sich gegen Gott aufzulehnen. Um diesen freien Willen zu erwerben, muss er vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen. Er tut das und verliert damit den Zustand des unschuldigen Glückes, wird selbstbewusst und kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Er wird aus dem Garten Eden vertrieben und beginnt in der äußeren Welt ein mühevolles Leben.

Diese Lehre ist von der Theologie zu einem Fluch und Sündenfall verstümmelt worden. Adam wurde als Sünder dargestellt und übertrug seine Sünde auf all seine Nachkommen. Alle Menschen sind somit in Sünde geboren und bedürfen eines besonderen göttlichen Opfers, um gerettet zu werden. Aber in der ursprünglichen Lehre sind dieser sogenannte Sündenfall und das Auf-die-Probe-Stellen ein notwendiges Stadium in der Evolution des Menschen. Die Schlange (die von der Theologie zu einem Teufel gemacht wurde) ist nichts anderes als Gott, wenn auch in anderer Form; denn dieser Gott, der Herr, ist nicht die allerhöchste Gottheit, sondern die schöpfenden Geister (Elohim,) welche die ersten, nicht erleuchteten Menschen schufen. Die Schlange ist nicht der Teufel, sondern stellt die Söhne des Denkens dar, die – wie gesagt wurde – die Menschheit erleuchteten und sie lehrten, wie sie an der Frucht der Erkenntnis Teil haben und ‘wie die Götter werden’ könnten. Wir finden dieses Mysterium in der griechischen Mythologie, in der Geschichte des Prometheus, der sich gegen Zeus auflehnt und das Feuer aus dem Himmel zur Erleuchtung der Menschen bringt. Prometheus und die Schlange aus dem Garten Eden sind eins mit Luzifer, dem Lichtbringer. Auch er wurde von der Theologie in einen Teufel verwandelt.

Satan oder der Rote Feurige Drache, der ‘Herr des Phosphors’, und Luzifer oder der ‘Lichtträger’ sind in uns: Er ist unser Denkvermögen – unser Versucher und Erlöser, unser intelligenter Befreier und Retter aus dem rein Animalischen. Ohne dieses Prinzip – der Emanation aus der eigentlichen Essenz des rein göttlichen Prinzips Mahat (Intelligenz), welches unmittelbar aus dem Göttlichen Denkvermögen ausstrahlt – würden wir sicherlich nicht besser sein als die Tiere. Der erste Mensch Adam war nur zu einer lebendigen Seele (Nephesch) gemacht, der letzte Adam war zu einem beseelten Geist gemacht – sagt Paulus, dessen Worte sich auf die Bildung oder Schöpfung des Menschen beziehen.

The Secret Doctrine, II:513

Weil diese wunderschöne Wahrheit nicht mehr verstanden und falsch ausgelegt wurde, fing man an, die menschliche Natur herabzusetzen. So begann der Mensch, sich selbst als verdorben zu betrachten. Er glaubte, dass zwischen ihm und seiner eigenen Natur Feindschaft bestünde. Er misstraute seiner eigenen Intelligenz und Freiheit des Denkens, und er verfluchte sich selbst für die Ausübung der einfachen und natürlichen Handlung des Denkens, was jedoch nur im Falle des Missbrauchs als Sünde angesehen werden kann oder wenn der menschliche Geist selbst es mit Schuld und Unreinheit verbindet.

Diese Erzählung von der Schöpfung des Menschen und seinem sogenannten Sündenfall steht in natürlichem Zusammenhang mit der Geschichte von der Erlösung, welche ebenfalls eine großartige Lehre darstellt, jedoch im Laufe von jahrhundertelanger Verdunklung verloren ging und zu einer ganz anderen Geschichte wurde.

Die Sintflut

Auch dies ist eine heilige Allegorie, die alle Völker gemeinsam haben. Die Geschichte von der universalen Sintflut ist wohlbekannt, und man begegnet ihr überall. Sie wird als eine Überlieferung der Überschwemmungen betrachtet, die auf Teilen der nördlichen Halbkugel der letzten Eiszeit folgten. Und wenn es auch völlig richtig ist, dass eine wirkliche Sintflut stattfand – eine von den vielen, wie Geologen einräumen –, verbirgt sich dennoch in der Legende viel mehr als nur ein materieller Aspekt. In seinem Buch Myths of the New World hat Daniel Brinton bei verschiedenen Stämmen Nord-, Mittel- und Südamerikas verschiedene Erzählungen von Überschwemmungen zusammengetragen. Bemerkenswert ist die große Ähnlichkeit von Besonderheiten wie der Arche, das Stranden auf einem Berg und dass Vögel ausgesendet werden.

Im sumerischen Schöpfungsepos, das tausend Jahre älter ist als die Genesis, geht die Sintflut dem Sündenfall voraus. Erzählungen über Sintfluten mit Archen und anderem findet man im alten Indien, der nordischen Edda, der finnischen Kalevala, dem mexikanischen Popul Vuh, bei afrikanischen Stämmen und bei den Polynesiern. Auch die griechische Geschichte über Deukalion und Pyrrha, die der Sintflut entkamen und die Erde aufs Neue bevölkerten, indem sie Steine hinter sich warfen, ist den Lesern der Klassiker wohlbekannt. Solche Überlieferungen sind immer mit einer Reinigung der Erde durch die Vernichtung der verdorbenen Menschen verbunden; und immer gibt es da eine Arche oder ein heiliges Fahrzeug, in dem sich einige Menschen für die Gründung einer neuen Rasse retten können.

Ist das ausschließlich materiell und historisch oder ist es allegorisch? Beides, denn dem allgemeinen Muster entsprechend reflektieren physische Geschehnisse die spirituellen. Tatsächlich haben periodisch Veränderungen der Erdkruste stattgefunden, die mit dem Versinken von altem und dem Auftauchen von neuem Land zusammentrafen, was die Geologie bestätigt hat. Aber diese Ereignisse waren nur die äußeren Begleiterscheinungen von großen moralischen Veränderungen. Sie traten auf, als große Rassen sich ihrem Ende näherten und neue Menschenrassen mit ihrer Entwicklung begannen. Mit Rasse meinen wir hier eine der großen Wurzelrassen, von denen jede mehrere Millionen Jahre besteht. Das ist die allgemeine Bedeutung der Flut, aber die zahlreichen, von uns angesprochenen Erzählungen beziehen sich gewöhnlich vor allem auf die letzte große Sintflut, die zum Untergang von Antlantis oder dem zuletzt davon übrig gebliebenen Festland führte. Atlantis war die Heimat der vierten Wurzelrasse, welcher die gegenwärtige fünfte folgte. Als die atlantische Rasse das Ende ihres Zyklus erreicht hatte, waren viele dem groben Materialismus verfallen und zu Schwarzmagiern geworden; sie hatten die Gestalt von Riesen, die Bibelgeschichte erzählt davon; und sie bildeten den Ursprung für die universale Überlieferung der schlechten Riesen. Der Untergang dieser verdorbenen Menschen war eine Notwendigkeit, und die Guten sollten überleben, um den Samen für die kommende Rasse zu bilden. Die griechische Mythologie kennt viele Erzählungen über halbgöttliche Gründer von Städten und Zivilisationszentren; hier wird berichtet, dass diese Gründer aus dem fernen Westen von „hinter den Säulen des Herkules“ einwanderten; und oft wird davon berichtet, dass Länder, in denen sich die Einwanderer niederließen, in den Ozean versinken und andere auftauchen.

Dass solche Erzählungen über Sintfluten überall zu finden sind und weitgehend mit denen der Bibel in Übereinstimmung stehen, wurde lange Zeit kaum in Erwägung gezogen, weil damit die Bibelgeschichte als etwas Einzigartiges und besonders Wichtiges dargestellt werden sollte. Wie jedoch bereits weiter oben erwähnt, ist das Alte Testament nichts weiter als eine Sammlung alter heiliger Schriften, die von den Juden aus den noch älteren Quellen entnommen und aufbewahrt wurden.

Erlösung und Rettung

Die Evolution von Welten oder Menschen beinhaltet den Abstieg des Spirituellen in die Materie und den Aufstieg der Materie zum Spirituellen. Ursprünglich war der Mensch ein spirituelles, aber vernunftloses und unentwickeltes Wesen, das in einem ‘Goldenen Zeitalter’ lebte, dargestellt als Garten Eden. Dann wurde in ihm von bereits selbstbewussten Wesen das Selbstbewusstsein erweckt. Der Sündenfall des Menschen ist in gewissem Sinn ein Fall, in einem anderen Sinn jedoch ist er ein wichtiger Schritt in seiner Evolution. Er verliert während einiger Zeit den Kontakt mit dem Spirituellen, um mittels der Inkarnation in dieser Welt die nötigen Erfahrungen zu sammeln. Die neue Fähigkeit des freien Willens wird nicht immer richtig angewendet. Der Missbrauch desselben ist die Ursache von Leiden und Schwierigkeiten, die ihm begegnen und manchmal ‘schlechtes Karma’ genannt werden. In Wirklichkeit jedoch sind das die Mittel, um seine Unzulänglichkeiten zu überwinden und seinen freien Willen in den Dienst des höheren Menschen zu stellen. Schließlich wird, durch die Kenntnis und Weisheit, die er aufgrund seiner Erfahrungen erworben hat, das Göttliche in ihm siegen, und er wird dann als ein größeres und vollkommeneres Wesen erscheinen. Dieser Vorgang bedeutet die wirkliche Rettung und Erlösung der gesamten Menschheit – jeder einzelnen Rasse und jedes individuellen Menschen. Im letzten Fall müssen wir natürlich berücksichtigen, dass der Mensch viele Male auf der Erde inkarniert.

Die großen Weltenlehrer sind oft auf Erden erschienen, um erneut die frohe Botschaft zu bringen oder besser gesagt, um den Menschen an sein in die Vergessenheit versunkenes Geburtsrecht zu erinnern. Denn der Mensch ist wie ein Märchenprinz, der unter dem einfachen Volk aufgewachsen ist und sich seiner königlichen Herkunft nicht bewusst ist. Selbst in den dunkelsten Jahrhunderten gab es immer einzelne Mystiker und intuitive Menschen, welche die Wahrheit erkannten. Der Große Weise (wer er auch gewesen sein mag), der das Christentum ins Dasein rief, war einer dieser Lehrer. Sogar aus den verstümmelten Fragmenten seiner uns überlieferten Lehren können wir schließen, dass er diese alte Wahrheit verkündigte. Und wir sehen, was Jahrhunderte spiritueller Verdunklung daraus gemacht haben! Während der Lehrer die Göttlichkeit des Menschen lehrte und seine Hörer auf den uralten Weg der Erlösung hinwies, erzählt uns die Bibel, dass wir im Grunde verdorben sind und es sinnlos ist, sich auf die eigene Kraft zu verlassen – wir, die nach Gottes Ebenbild erschaffen sind! Es ist die Aufgabe der Theosophie, den Christos wieder aus seinem Grab auferstehen zu lassen, in das ihn seine Jünger gelegt hatten. Denn sie ist – zweitausend Jahre nach der Entstehung des Christentums – eine neue Offenbarung derselben Weisheitsreligion. Das, was Jesus über die Pharisäer seiner Tage sagte, ist auf vieles anwendbar, was jetzt unter dem Namen von Religion angeboten wird.

Die Versöhnung oder ‘Wie Eines’ machen – theologisch als eine Versöhnung zwischen Gott und Menschen durch das Sühneopfer seines Sohnes angesehen – bekommt im Licht des vorher Gesagten einen tieferen Sinn. Es bedeutet die Vereinigung des menschlichen mit dem spirituellen Ego – mit dem eingeborenen Christos, wobei der Mensch sich bewusst wird, dass nicht sein persöhnliches Ego, sondern sein spirituelles Ego sein wahres Selbst ist.

Die Sakramente: Das Abendmahl

Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

Lukas 22, 19-20

Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleich des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn aufwecken am letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm.

Johannes 6, 53-56

Das Sakrament des Heiligen Abendmahls bedeutet für diejenigen, welche sich hingebungsvoll daran beteiligen, sehr viel; aber es könnte wesentlich mehr bedeuten. Es verdankt seine Heiligkeit und Kraft dem erhabenen Ursprung in einem der schönsten Riten in den Mysterienschulen der Vergangenheit. Dass sein Einfluss zum Guten in der Welt nicht größer ist und dass es allmählich zu einer Quelle der Uneinigkeit wurde, ist eine Folge der Tatsache, dass es uns in einer entstellten und falsch verstandenen Form überliefert wurde. Das Studium der alten Mysterien macht deutlich, dass Brot und Wein eine wichtige Rolle im Initiationsritual und ebenso in den kleineren Mysterien spielen, die für das Publikum dargestellt wurden. In den größeren Mysterien werden die Kandidaten in das eingeweiht, was Jesus das Königreich Gottes oder das Himmelreich nannte. Oft wird von Wein oder Blut gesprochen und beide Worte stehen für das spirituelle Leben. In diesem Sinne werden sie auch im Neuen Testament gebraucht. Ebenso finden wir im Neuen Testament auch die Begriffe Brot und Getreide oder Fleisch. Diese beziehen sich auf das irdische, sterbliche Leben. Gemeinsam deuten sie auf die höhere und niedere Natur des Menschen hin.

Es handelt sich hier um Symbole, die in den alten Mysterien gebraucht wurden, wobei eine zweifache Einweihung stattfand – symbolisiert durch Brot und Wein oder durch Fleisch und Blut. Der Körper und die niedrigeren Prinzipien des Kandidaten mussten rein sein, bevor er die Taufe mit dem Blut oder dem Wein des Geistes empfangen konnte. Diese Tatsachen aus den griechischen und anderen Mysterien können anhand jeder Enzyklopädie oder jedes Buches über dieses Thema verifiziert werden. In der Bibel finden wir häufig Hinweise. Wir wollen hier noch ein Zitat anführen, diesmal aus dem Gespräch mit Nikodemus (Johannes 3, 3-5):

… Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus entgegnete: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden. Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

Hier haben wir die zwei Geburten, die erste aus Fleich und die zweite aus Wasser und Geist. Diese Lehre über die zweite Geburt ist das Hauptthema bei Paulus. Es ist überraschend, dass man ihr nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat. Man hat höchstens an eine Geistes- oder Gemütsverfassung gedacht, die von reiner Selbstzufriedenheit bis zu wahrhaftiger Heiligkeit des Charakters schwankt. Aber durch den Glauben an die Erbsünde und das stellvertretende Sühneopfer und das Nichtwissen über Reinkarnation wurde die wirkliche Bedeutung verdunkelt und ging verloren.

Diese alten Lehren sind dennoch unsterblich. Deshalb überdauern sie die Jahrhunderte, wenngleich nur als Ritual. Die Zeit wird kommen, in der sie wieder zu Ehren gelangen. Das Abendmahl wird immer noch gefeiert, um göttliche Gnade zu bitten und auch als eine Erinnerung. Manche legen großen Wert auf den Glauben an die wunderbare Wandlung von Brot und Wein in das wirkliche Fleisch und Blut Christi.

Die Sakramente: die Taufe

Auch die Taufe ist ein Ritus, der den alten Mysterien entnommen ist. Es war die äußere und sichtbare Form eines Reinigungsprozesses, dem sich der Kandidat vor seiner Einweihung unterziehen musste. Jeder Kult kannte diese Einweihungswaschungen. Im Christentum bedeutet es die Zulassung zur Kirche und wird als eine Reinigung von Sünden, eine Verbindung mit Gott und als eine Gabe des Geistes betrachtet.

Die Sakramente werden im Katechismus als die äußeren und sichtbaren Zeichen einer inneren und spirituellen Gnade umschrieben; sie wiederholen körperlich, was spirituell bereits stattgefunden hat, sonst wäre die Zeremonie nicht mehr als eine leere Form. Die Taufe kann auf zwei Arten stattfinden: durch Wasser oder durch Feuer – in Übereinstimmung mit den beiden Formen des Abendmahls, die bereits erwähnt wurden. Der Kandidat für die Taufe sollte eigentlich in einem Alter sein, in dem er die Bedeutung der Zeremonie völlig verstehen kann. In der heutigen Zeit, in der sich unser Wissen über die Natur so sehr auf Äußerlichkeiten beschränkt, haben wir das innere Wissen über die Natur, über den Menschen und seine Verbindung zu ihr verloren, Wissen, das der Mensch in alten Zeiten besaß. Die Riten und Gebräuche, über die wir in der griechischen und römischen Geschichte lesen oder die bei alten und orientalischen Rassen üblich waren, kommen uns wie Aberglauben vor, weil wir die wahre Bedeutung nicht verstehen. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass die Griechen und Römer selbst in späteren Zeiten die Bedeutung aus den Augen verloren hatten und die Zeremonien einfach fortsetzten, weil es der Brauch war. Aber ein tiefergehendes Studium zeigt, dass sie ihren Ursprung in den Lehren der Alten Weisheit haben. Es ist merkwürdig, dass wir diese alten Rituale noch immer pflegen. Die Ursache liegt in dem unsterblichen Leben, das hinter Zeremonien verborgen liegt und so über die Zeitalter hindurch erhalten blieb – gleich einem Samen, der vom Schnee verdeckt ist –, bis für sie die Zeit anbricht, zu neuem Leben erweckt zu werden.


Die Bibel – II

Reinkarnation

Weil die Lehren von Reinkarnation und Karma einen so wichtigen Teil der alten Weisheit ausmachen, aus der alle Religionen hervorgegangen sind, ist es wichtig, der Frage nachzugehen, weshalb so wenig davon im Christentum zu finden ist – aus dem einfachen Grund, weil sie gestrichen wurden. Der verstorbene Professor F. S. Darrow schrieb:

Eine kritische Geschichte der Lehren über Präexistenz und Reinkarnation wurde noch nie geschrieben. Das verfügbare Material für solch eine Geschichtsschreibung ist jedoch sehr umfangreich. Ich habe in meiner Bibliothek – ohne die geringste Übertreibung – buchstäblich hunderte von Büchern, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Viele davon behandeln ausschließlich diese Themen.

… Die theosophischen Lehren in Bezug auf die Präexistenz und die Wiedergeburt der menschlichen Seele wurden deutlich und immer wieder in der Christlichen Welt verkündet – von den Anfängen des Christentums an bis heute. Aber die Anerkennung dieser Wahrheiten unter bekennenden Christen war von Zeit zu Zeit sehr unterschiedlich, dem Ausmaß an Veröffentlichungen entsprechend, die in wechselnden Perioden möglich erschienen.

Derselbe Autor teilt das Thema chronologisch in drei Teile ein. Erstens die Periode des frühen Christentums bis zur Synode von Konstantinopel im Jahr 553, als die Lehren des Kirchenvaters Origenes offiziell als ‘ketzerisch’ verurteilt wurden.1 Dann die Periode von 553 bis 1438, als Gregorius Gemistus Florenz besuchte und die Philosophie von Plato neu belebte. Und schließlich die Periode von 1438 bis zu unserer Zeit.

Die Ursache, weshalb von diesem Wissen über Präexistenz und Reinkarnation nichts mehr zu hören ist, liegt darin, dass auf dieses Thema nicht mehr eingegangen wurde. Es gibt einen Überfluss an Literatur, aber da sie als ketzerisch verbannt wurde, geriet sie in Vergessenheit. Der Grund für diese Verbannung ist leicht zu erkennen. Diese Lehren zuzulassen, würde die Türe zu vielen Dingen öffnen, die mit dem kirchlichen Christentum unvereinbar sind. Und so ist uns die absurde Lehre geblieben, dass eine Seele in einem bestimmten Augenblick geschaffen wird und danach für ewig weiterexistiert. Sie überdauert zwar den Körper, kennt aber keine Präexistenz. Und die Lehre räumt uns eine Lebensdauer von circa 70 Jahren ein, die im Vergleich zum Meer der Ewigkeit, in dem wir uns befinden, zu einem Nichts wird.

Die christliche Lehre, so wie sie im Allgemeinen verkündet wird, gibt keine andere Erklärung für die Ungleichheiten und Unvollkommenheiten des menschlichen Lebens, als sie dem unerforschlichen Willen eines persönlichen Gottes zuzuschreiben. Das steht im Widerspruch zu dem Forschungsdrang und Durst nach Erkenntnis, den jeder freie Mensch besitzt. Sein angeborenes Gefühl für Gerechtigkeit lehnt sich dagegen auf, was er zu glauben gezwungen wird; sein Studium von der Natur verschafft ihm Einsicht in die Existenz von Gesetz und Ordnung, aber sein Religionsunterricht läuft dieser Auffassung zuwider anstatt sie zu bestätigen – was dem Gedanken Nahrung gibt, dass ihm seine Religion in verstümmelter Form überliefert wurde. Anstatt aus diesem Grund die Religion abzulehnen wäre es jedoch besser zu versuchen, den Schaden wieder gut zu machen und das Wahre vom Falschen zu unterscheiden.

Oft wird die Frage gestellt, ob Jesus selbst jemals die Reinkarnation lehrte. In seinem Buch Studies in Occult Philosophy schreibt Dr. G. de Purucker Folgendes darüber:

Ich wüsste nicht, dass es außerhalb der Evangelien eine Aufzeichnung gibt. Dort sind nur unbestimmte Anspielungen von rein mystischem Charakter zu finden, so wie die Frage des Nikodemus oder wie die Erklärung: „Dies ist der wiedergekommene Elias.“ Wir müssen immer an die allgemeine Tatsache der Geschichte denken, dass die Lehre der Reinkarnation in der einen oder anderen Form als Lehre bekannt war und von den Pharisäern in Judäa in der Zeit, in der Jesus vermutlich erschienen war, akzeptiert wurde. Sie war allgemein bekannt und wurde allgemein akzeptiert, tatsächlich in einem viel größeren Maße als heute in der Welt. …

Es gibt vier oder fünf solcher Anspielungen, aber keine direkten und spezifischen Erklärungen. Doch lautet die Frage: Lehrte Jesus die Reinkarnation?, dann ist die richtige Antwort: Ich bin vollkommen überzeugt, dass er es tat, denn die Reinkarnation war eine so allgemeine Lehre, und sie wurde zu seiner Zeit von den größten Denkern so vollständig akzeptiert, dass ein Mensch, der sie nicht akzeptiert hätte, als ein Mensch mit wenig Einsicht und Erziehung betrachtet worden wäre. Doch es gibt absolut keine authentische Aufzeichnung darüber, dass Jesus sie lehrte. Die Evangelien selbst wurden von Männern geschrieben, die irgendwann zwischen fünfzig und zweihundertfünfzig Jahre nach Jesu Tod lebten.

Reinkarnation war also eine der allgemeinen Glaubensüberzeugungen im Römischen Reich, das praktisch die ganze damalige zivilisierte europäische Welt außerhalb des Parthischen Reiches und des Orients einschloss. Das Römische Reich umfasste praktisch ganz Kleinasien und Ägypten, Italien, Griechenland, Gallien, Spanien, Teile Germaniens, den größten Teil Britanniens und kleine Teile Irlands. Alle germanischen Völker glaubten an Reinkarnation, alle keltischen Völker nahmen sie als eine Selbstverständlichkeit an. Sie war eine der druidischen Lehren, sie war eine der intellektuellen Grundüberzeugungen jener Zeit.

– S. 547, 548

Heute wird die Lehre über Reinkarnation von sehr vielen – auch im Westen – akzeptiert und sogar in kirchlichen Kreisen ist sie ein Gesprächsthema. Viele von ihnen bekennen sich öffentlich zu Reinkarnation und sehen darin keinen Widerspruch zu den Lehren Jesu. Diese Entwicklung gibt Anlass zu der Hoffnung, dass sich die Idee verbreiten wird und dass Probleme unserer Zeit, mit denen die Menschen zu kämpfen haben und worüber die Meinungen auseinander gehen, in einem anderen Licht betrachtet werden können. Wenn man erkennt, dass der Mensch sowohl eine Prä- als auch ein Postexistenz hat und immer wieder inkarniert, wird man versuchen, Probleme wie Abtreibung, Euthanasie und ähnliche mehr von einem ganz anderen Standpunkt aus zu betrachten. Diese Möglichkeit besteht nicht, wenn der Mensch als ein bei der Geburt neu erschaffenes Wesen angesehen wird, das nur eine kurze Existenz auf Erden hat, um danach entweder gänzlich zu verschwinden oder für ewig in einem himmlichen Zustand zu verweilen.

Die Lehre von der Dreieinigkeit

Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist – drei Personen und doch nur ein Gott. Das ist die christliche Dreieinigkeit. Es hat einen erbitterten Kampf über das wahre Wesen dieses dreieinigen Gottes und das wahre Wesen der Beziehung der drei Personen zueinander gegeben. Während der römischen Zeit war die gesamte christliche Welt uneinig hinsichtlich der Frage, ob der Sohn im Wesen mit dem Vater eins oder ihm ähnlich ist. Ist der Sohn ebenso ewig wie der Vater, oder ging er aus ihm hervor? Die streitenden Parteien werden oft beschuldigt, um Nichtigkeiten ein großes Aufheben zu machen. Aber das ist nicht gerecht, weil sehr kleine Details in der Symbolik oft von großer Bedeutung sein können. Dieser Glaubensunterschied war das Unterscheidungsmerkmal zweier Gruppen von Christen, die sich im Allgemeinen feindselig gegenüber standen.

Warum wurde die Gottheit als dreieinig dargestellt? Die Lehre ist im Neuen Testament nicht in formeller Form niedergelegt. Sie wurde von kirchlichen Konzilien erstellt, die der Lehre eine Form gaben. Die gewählten Worte sind nicht biblisch. Sobald die Lehre formuliert war, konnte sie verteidigt werden, indem man auf das Neue Testament verwies.

Es ist eine Tatsache, dass eine dreieinige Gottheit an der Spitze aller Theogonien und Kosmogonien gefunden werden kann; und im Allgemeinen beginnen philosophische Systeme mit etwas Ähnlichem. Gleich zu Beginn der Bibel wird sie als der Geist Gottes dargestellt, der über den Wassern des Raumes oder Chaos schwebt und das Universum hervorbringt. Das ist die große schöpferische Dreieinigkeit an der Spitze der Kosmogonien: ein universaler Geist, der Vater von allem; dann kommt das Chaos oder die Große Tiefe oder die Wasser des Raumes, welche oft die Große Mutter genannt werden. Aus diesen beiden geht der Sohn hervor, der das Universum darstellt. Diese philosophische Dreieinigkeit, die tatsächlich eine logische Notwendigkeit ist, wurde natürlich von der Kirche übernommen; dies brachte sie in Harmonie mit allen anderen Religionen und Philosophien, ganz besonders mit dem griechischen Denken und den verschiedenen orientalischen Systemen, die es in Kleinasien gab. Die Personen dieser Dreieinigkeit konnten dann leicht im Neuen Testament gefunden werden, denn Jesus spricht oft über den Vater und den Sohn und über den Heiligen Geist, den er senden wird. Aber diese Dreieinigkeit ist unvollkommen, denn es gibt zwar einen Vater und einen Sohn, aber keine Mutter. In der Kirche wird dies durch die Jungfrau ergänzt, auch wenn sie kein Teil der Dreieinigkeit ist. Die Jungfrau ist der Magna Mater oder Großen Mutter entlehnt, die in vielen asiatischen Religionen, die in Teilen des römischen Reiches vorherrschten, so sehr verehrt wurde. Tatsächlich gibt es immer eine Große Mutter, die als die Gemahlin des Vaters gesehen wird, sei es Hera, die Gemahlin des Zeus, Juno, die Gemahlin des Jupiter, Isis, die Gemahlin des Osiris und Mutter des Horus oder wer auch immer.

Im gewöhnlichen christlichen Glauben sind der Vater und der Sohn personifiziert, und der Heilige Geist ist ein ziemlich vager Begriff. Was man Inspiration nennt, ist in vielen Fällen nur rein emotionale Verzückung, mit ziemlich katastrophalen Auswirkungen. Es hat jedoch immer christliche Mystiker gegeben, die eine höhere Form der Inspiration verwirklicht haben. Wir sind uns bewusst, dass manche Leser hier auf den edlen Charakter und erhabenen Lebensstil von vielen hingebungsvollen und ernsthaften Christen hinweisen wollen, aber wir würden das gerne dem inneren Adel der menschlichen Natur zuschreiben, der diese Menschen befähigt, den wahren Geist ihrer Religion trotz deren Mängel in sich aufzunehmen. Mit einem besseren Verständnis des Christentums gäbe es mehr solche Menschen.

Das Kreuz

Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf Hebräisch Golgota heißt. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus.

Johannes 19, 17-18

Denn das Wort des Kreuzes ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.

– 1 Korinther 1, 18

Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

Matthäus 16, 24

Das sind typische Beispiele für die Anwendung des Wortes ‘Kreuz’ im Neuen Testament; es stellt den Balken dar, der bei der Kreuzigung verwendet wurde, oder die christliche Lehre oder eine Last oder ein Opfer. Dieses heilige Symbol des Christentums ist eine bleibende Erinnerung an die wichtigste Lehre, dass Christus für unsere Sünden starb, wodurch wir gerettet wurden. Wir verwenden es auch für die Mühen, die wir auf uns nehmen, wenn wir unseren persönlichen Willen unserem Glauben opfern.

Das Kreuz ist jedoch ein universales religiöses und philosophisches Symbol. Wir begegnen ihm zum Beispiel in Mexiko, Indien und Tibet. In der ägyptischen und hinduistischen Symbolik ist es ebenfalls allgemein bekannt. Das Kreuz ist ein Symbol, das in den heiligen Mysterien des alten Griechenland Verwendung fand. Dr. Lundy erklärt in seinem Buch Monumental Christianity, dass ‘selbst die Juden dieses Zeichen der Rettung anerkannten, bis sie Christus verwarfen’. Und er spricht von einer antiken hinduistischen Statue, einer menschlichen Figur an einem Kreuz, mit Nagelnarben an Händen und Füßen – tatsächlich ein prächristliches Kruzifix.

Die Theosophie zeigt, dass die Lehren der Alten Weisheit in einer universalen symbolischen Sprache bewahrt wurden, welche die wichtigsten Lehren überlieferte. Und das Kreuz ist eines dieser Symbole. Das ist der Grund, weshalb man ihm überall begegnet. Die Sonne, der Mond und das Kreuz bilden eine Dreieinigkeit von Symbolen, die jeweils den Vater, die Mutter und den Sohn andeuten; kosmischer Geist, kosmischer Stoff und das Universum, welches durch die Wechselwirkung von Vater-Mutter geboren wird. Im Falle des Menschen, der eine Kopie des Universums im Kleinen ist, deutet das Kreuz auf das hin, was Johannes das Fleisch gewordene Wort nennt – den Sohn, den Christus, der in jedem Menschen ist und den spirituellen Teil seiner Natur bildet.

Um die Idee, weshalb dieses Symbol gewählt wurde, vollständig zu erklären, müssten wir tiefer darauf eingehen, als es hier möglich ist. Wir können jedoch sehr wohl sagen, dass die zwei Linien des Kreuzes (ganz besonders denken wir hier an das griechische Kreuz, mit vier Armen gleicher Länge) Geist und Stoff darstellen und dass die Kreuzung dieser beiden Linien die Vereinigung oder Wechselwirkung beider Elemente bedeutet, um das geoffenbarte Universum zu bilden. Die spirituelle Monade des Menschen wurde gekreuzigt – hervorgerufen durch den Aufenthalt in einem animalischen Körper, mit dem er ein Kreuz formt – dieser Kreuzigung folgt mit Sicherheit eine Wiederauferstehung.

Dazu ist noch zu bemerken, dass eine wirkliche Kreuzigungszeremonie für Einweihungskandidaten in die heiligen Mysterien stattfand. In manchen Teilen des römischen Reiches bestanden diese noch in der christlichen Ära. Die Kandidaten wurden in einem bestimmten Stadium ihrer Einweihung an ein Kreuz oder an eine kreuzförmige Bank gebunden, wo sie zwei Tage in Trance liegen blieben, während ihre befreite Seele unerlässliche Erfahrungen durchlebte und am dritten Tag wieder zum Leben erwachte. Es ist möglich, dass die Überlieferung in den Evangelien darauf basiert. Wie dem auch sei, die Christen haben das Kreuz übernommen und es später als ihr Symbol gewählt. Die beiden anderen – Sonne und Mond – findet man in den Symbolen Japans und im Islam.

Aber diese Bedeutung des Kreuzes hat man mit jenem Kreuz verwechselt, das im alten Rom zur Vollstreckung der Todesstrafe verwendet wurde – einem Marterpfahl, meistens mit einem Querbalken an der Spitze, an dem der Verbrecher festgemacht wurde. Ob es tatsächlich einen Lehrer gegeben hat, der nach einem sehr kurzen Auftritt gefangen genommen, verurteilt und in dieser Weise hingerichtet wurde, ist zu bezweifeln. Es gibt kein einziges historisches Zeugnis, das dies bestätigen würde.

Die Kreuzigung Christi ist der symbolische Name für eine der wichtigsten Lehren der Alten Weisheit, wurde jedoch in eine Erzählung über die tatsächliche Kreuzigung Jesu durch Pontius Pilatus unter der Regierung von Tiberius materialisiert. Kritiker, die an der Authentizität dieser Überlieferung zweifeln oder – wenn die Geschichte authentisch ist – an deren Bedeutung, sind mit ihren Bedenken zu weit gegangen, indem sie das Christentum selbst oder manchmal sogar alle Religionen verwarfen. Das beweist, wie wichtig es ist, das Wahre vom Falschen zu trennen und Vorsorge zu treffen, dass spirituelle Wahrheiten, die in symbolische Sprache gekleidet sind, nicht buchstäblich und auf materialistische Weise interpretiert werden.

Das Zeichen des Kreuzes ist ein heiliges Symbol geworden, ein Zeichen, das seinen Wert in einer Kombination von Ideen findet. Fromme und mystische Menschen verwenden es als ein wirksames Mittel zur Anrufung geistiger Hilfe, obschon es manchmal auch als Kriegsbanner diente. All dem kann noch hinzugefügt werden, dass das Kreuz ein besseres Symbol ist, wenn es innerhalb eines Kreises gezeichnet wird oder an den oberen Balken ein Kreis angefügt wird. Der Kreis steht für den Geist, das Kreuz allein hingegen bedeutet das Materielle. Das kann als charakteristisch für die durch das Christentum dominierten Zeiten betrachtet werden. Diese sind – wie bereits weiter oben dargestellt – von einer buchstäblichen Interpretation mystischer Symbole gekennzeichnet.

Die Mysterien

Im alten Griechenland gab es die Mysterien von Eleusis und andere, weniger bekannte Mysterienschulen, in denen Kandidaten zur Initiation aufgenommen wurden. Solche Schulen gab es auch in Ägypten, Indien und verschiedenen anderen Ländern. Man hat festgestellt, dass zwischen den Schulen in verschiedenen Städten Beziehungen unterhalten wurden und dass sie eine einheitliche Lehre vermittelten. Das war die Geheimlehre oder die Weisheitsreligion, deren moderner Vertreter die Theosophie ist. Da der Mensch essenziell göttlich und durch die Evolution ein direkter Nachkomme göttlicher Wesen ist, hat er die Fähigkeit, die latenten spirituellen Kräfte in sich zu erwecken. Dies nennt man den Pfad der Weisheit und er ist eigentlich im wahren Sinne des Wortes die Erlösung. Die Evangelien enthalten ausreichende Hinweise, dass der Lehrer, dessen Worte dort zum Ausdruck gebracht werden, sich der Existenz dieses Pfades bewusst war. Er wollte, dass seine Jünger diesem folgen und nennt ihn das Königreich Gottes. Es wird auch berichtet, dass er neben dem, was er die Menge lehrte, im Verborgenen zu seinen Jüngern sprach.

In Ägypten und Teilen Asiens existierten in der christlichen Ära noch einzelne dieser Mysterienschulen, und ihr Einfluss zeigt sich deutlich in den Lehren der Gnostiker, der Neuplatoniker und anderer, mit denen zusammen sich das Christentum entwickelte. Der Prozess der Auswahl und des Sammelns, der in den kanonischen Evangelien resultierte, führte dazu, dass einige Auszüge aus diesen Lehren dem Lehrer – genannt Jesus – in den Mund gelegt wurden.

Paulus, der seine Briefe anscheinend vor der Geschichte der Evangelien abgefasst hatte, interpretiert die christlichen Lehren wesentlich esoterischer. Der Art seiner Sprache nach zu urteilen war er selbst initiiert, wenigstens in einem gewissen Grad; aber es ist deutlich, dass er seine Lehren dem beschränkten Fassungsvermögen seiner verschiedenen Zuhörer anpassen musste und sich oft der Bildersprache bediente, deren wahre Bedeutung nur von wenigen verstanden werden konnte.

Die Wiederkehr Christi

Aus den Erzählungen der Evangelien und aus dem, was die Geschichte uns berichtet, können wir schließen, dass sehr viele der ersten Christen sehr zuversichtlich glaubten, Christus würde wirklich physisch wiederkehren – und zwar recht bald, um das Böse zu vernichten und ein Reich der Gerechten auf Erden zu gründen. Dieser Gedanke war mit dem Verfall des römischen Reiches verbunden, welches als die böse Gesellschaft galt, die Christus umstürzen sollte, und es ist kein Wunder, dass diese Christen die Missgunst der römischen Herrscher erregten.

Auch die Juden, aus denen so viele Christen hervorgingen und deren Einfluss auf die christlichen Ideen groß war, hatten ihre eigenen Prophezeiungen über die Wiederkehr des einen oder anderen ihrer eigenen Propheten als der ‘Messias’; und dieser Gedanke hat offenbar viel zu dem Glauben an die Wiederkehr Christi beigetragen. Einige Bibelkritiker sind davon überzeugt, dass Jesus selbst, jedenfalls zu einer bestimmten Zeit, daran glaubte. Wir müssen aber im Auge behalten, dass die uns überlieferten Evangelien zum größten Teil angepasst sind.

Ein ziemlich unbestrittenes Beispiel dafür kann im Evangelium nach Matthäus 24, 3 gefunden werden, das in der Authorisierten Fassung ziemlich falsch aus dem Griechischen übersetzt wurde. In der von einer Gruppe von Theologen und Schülern im Jahre 1881 angefertigten Überarbeiteten Fassung wurde es jedoch richtig übersetzt. Ein Vergleich der beiden Auslegungen zeigt, dass die früheren Übersetzer das griechische Original in eine Bestätigung ihrer Ansichten über die Rückkehr verdrehten. Die Abschnitte lesen sich wie folgt:

Authorisierte Fassung: Als er auf dem Ölberg saß, wandten sich die Jünger, die mit ihm allein waren, an ihn und fragten: Sag uns, wann wird das geschehen, und was ist das Zeichen für deine Ankunft und das Ende der Welt?

Überarbeitete Fassung: … das Zeichen Deiner Gegenwart und für die Vollendung der Zeitalter?

Wir haben hier eine Anspielung auf die Lehre von den Zyklen, von der Aufeinanderfolge der großen Wurzelrassen. Die ‘Vollendung der Welt’ findet statt, wenn die heutige Wurzelrasse ihren Zyklus vollendet hat. Die Menschheit wird sich teilen: in diejenigen, die weit genug fortgeschritten sind, um den Kern der folgenden großen Rasse zu bilden, und diejenigen, die zurückbleiben. Symbolisch wird das in der Allegorie von der Sintflut und der Arche dargestellt. Die Zivilisation einer Rasse geht unter, die Samen bleiben erhalten. Jesus sagt in seiner Antwort, dass das Ende noch nicht da ist, dass Kriege kommen werden und dass es viele falsche Propheten geben werde. Die Wiederkunft Christi bedeutet, dass der Christosgeist aufs Neue in der Menschheit oder in all denjenigen, die ihn empfangen können, erweckt wird.

Unter den Christen von heute, die noch immer eine tatsächliche physische Wiederkunft Christi erwarten, sind die Adventisten; es gibt auch Christen, welche die Bücher von Daniel, Ezechiel und die Offenbarung in diesem Sinne erklären. Doch obwohl diese Prophezeiungen mit großen zyklischen Veränderungen verbunden sind und obwohl die Adventisten sich solcher bevorstehender Veränderungen intuitiv bewusst sind, sind ihre Interpretationen zu buchstäblich und zu materialistisch.

Die Goldene Regel

Diese Regel wird oft als typisch für das Christentum bezeichnet, aber es ist bekannt, dass sie in allen anderen Religionen vorkommt. Um hier einige Beispiel anzuführen, wo wir überall auf diese Regel stoßen, möchten wir einige Zitatstellen aus James Alan Longs Buch Bewusstsein ohne Grenzen anführen:

Indianer Amerikas – Großer Geist, gewähre, dass ich meinen Nächsten nicht kritisiere, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins zurückgelegt habe.

Buddhismus – Auf fünffache Weise sollte ein Sippenangehöriger seinen Freunden und Verwandten dienen – durch Großzügigkeit, Höflichkeit, Wohlwollen, indem er sie so behandelt, wie sich selbst und indem er treu zu seinem Wort steht.

Christentum – Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das sollt ihr ihnen tun, denn das ist das Gesetz und die Propheten.

Konfuzianismus – „Gibt es ein einzelnes Wort“, fragte Tsu kung, „das für das ganze Leben als eine gültige Regel angenommen werden kann?“ Der Meister antwortete: „Heißt dieses Wort nicht Sympathie? Füge anderen nicht zu, was du selbst nicht lieben würdest.“

Griechische Philosophie – Füge anderen nicht zu, was du selbst nicht erleiden möchtest.

– ISOCRATES

Behandle deine Freunde so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.

– ARISTOTELES

Hinduismus – Benimm dich gegen andere nicht in der Weise, die dir selbst widerwärtig ist. Das ist die Essenz der Pflicht (Dharma). Alles andere entstammt egoistischem Verlangen.

Islam – Keiner von euch ist gläubig, ehe er nicht für seinen Bruder schätzt, was er für sich selbst schätzt.

Judentum – Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Zoroastrismus – Nur jenes Wesen ist gut, das einem anderen nichts zufügt, was ihm selbst schaden würde.

Für einen Theosophen ist die Goldene Regel mehr als ein rein moralisches Gebot. Sie ist ein notwendiges Gesetz der menschlichen Natur. Denn der Mensch, der essenziell göttlich ist, hat sich von seiner eigenen inneren Natur entfernt und muss sie wieder zurückgewinnen. Sein größtes Hindernis ist Selbstliebe; deshalb kann er sein verlorenes Königreich nur zurückgewinnen, indem er diese Eigenliebe überwindet. Er muss lernen, unpersönlich zu handeln. Damit wird deutlich, dass Gedanken an den eigenen Fortschritt, an das Erwerben okkulter Kräfte für sich selbst oder sogar der Wunsch nach Spiritualität niemals ausreichen. Denn wenn wir solchen Wünschen nachgeben, stärken wir nur den Feind, den wir besiegen wollen. Eine schwache Persönlichkeit durch eine stärkere zu ersetzen, kann nicht die Antwort sein. Ein großer Teil unseres täglichen Lebens wird von Handlungen in Anspruch genommen, bei denen von Eigenliebe nicht die Rede ist – selbstlose Verrichtungen, die von einem aufrichtigen Wunsch geleitet werden, jemand anderen zu dienen.

Vielleicht haben wir erlebt, wie wir einem anderen durch die eine oder andere egoistische Tat Leid zugefügt haben. Wir haben uns in einem Gefühl der Reue vorgenommen, so etwas in Zukunft nicht wieder zu tun. Diese Entscheidung entsprang keinem eigennützigen Gedanken, sondern ausschließlich dem Wunsch, anderen kein Unrecht mehr anzutun.

Das Motiv, das in diesen Fällen wirkt, ist Liebe – keine Liebe, die mit Leidenschaft verbunden ist, sondern reine, unpersönliche Liebe. Sie ist eine kosmische Kraft. Sie wirkt auch in der Tierwelt, denn das, was wir so herabsetzend ‘Instinkt’ nennen, ist tatsächlich die reine und einfache Manifestation einer großen kosmischen Kraft, die das Tier dazu bringt, sich für seine Jungen aufzuopfern und den Hund dazu, ohne Zögern für seinen Herrn zu sterben. Der Lehrer aus den Evangelien achtet das Einfache – die Vögel, die anderen Tiere, die Lilien auf dem Felde und die Kinder. Auch wir fühlen uns oft dazu geneigt, wenn wir Erfahrungen mit menschlichem Egoismus gemacht haben.

Wenn also der Lehrer die Goldene Regel verkündet, weist er für diejenigen, die danach streben, die wahre Bestimmung des Menschen zu erfüllen, auf das Gesetz des spirituellen Lebens hin, auf das himmlische Königreich, das Harmonie ist und nicht Streit. Es ist ein Pfad, den der Mensch immer betreten kann und dem die gesamte Menschheit einmal folgen muss, selbst wenn es immer Menschen geben wird, die dieses Ideal nicht erreichen, in einem Zyklus ihre Gelegenheit versäumen und auf die nächste Chance zu Fortschritt warten müssen. Es wird behauptet, die Bergpredigt wäre nicht anwendbar und hätte die Auflösung der Gesellschaft zur Folge. Sie hält uns jedoch ein Ideal vor Augen, und es ist gerade der Besitz eines solchen Ideals, der verhindert, dass der Mensch unter der Last seiner Probleme zusammenbricht. Wenn wir damit anfangen, unsere eigenen Angelegenheiten zu ordnen, erwerben wir vielleicht für uns die Vision und die Kraft, die für eine Umgestaltung der Gesellschaft nötig sind.

Die Goldene Regel zeigt uns den Weg zur Verwirklichung der Einheit aller Lebewesen. Und das wird hauptsächlich in dem Gebot zum Ausdruck gebracht, dass wir unseren Nächsten verzeihen müssen. Wenn dies allerdings nur bedeutet, dass wir unseren Ärger ihm gegenüber unterdrücken und uns auch weiterhin als sein Opfer betrachten, haben wir die wahre Gesinnung der Vergebung noch nicht erreicht. In einem größeren Lebensbild – das wir erstreben und auf dessen Weg uns der Lehrer hinweist – werden wir entdecken, dass unser Nächster tatsächlich ein Teil unseres eigenen Selbst ist. Dann werden alle Gefühle von Ablehnung oder Kampf absurd. In der Finsternis, in der wir uns jetzt befinden, haben wir zu Unrecht die Einheit in zwei Teile gespalten, wobei sich immer einer davon benachteiligt fühlt. Die eigentliche Gesinnung des Vergebens besteht in der Aufhebung dieser Illusion.

Diese Regel ist die wichtigste Vorschrift für den Schüler in jeder Religion oder Philosophie, welche die Selbstverwirklichung als Ziel hat und den Aspiranten auf den Pfad von Weisheit und Wachstum hinweist. Es kann auch nicht anders sein, denn es ist Selbstsucht, die den Menschen an die Illusionen und Frustrationen des irdischen Lebens bindet. Um dem zu entkommen, ist es nötig, zugunsten eines höheren Gesetzes von der Selbstsucht Abstand zu nehmen. Es ist vielleicht angebracht hinzuzufügen, dass die strikte Befolgung eines Gesetzes – wie zum Beispiel die Bergpredigt – von einem Durchschnittsmenschen zu viel fordert. Aber auch wenn wir vielleicht die hohen Gipfel den wenigen überlassen müssen, die stark genug sind, um sie zu erklimmen, steht jeder Mensch jeden Augenblick vor der Wahl zwischen selbstsüchtigem und selbstlosem Verhalten. Er muss sich entscheiden. Wenn er das Ideal vor Augen hat und den Sinn dahinter erkennt, wird er imstande sein, die richtige Wahl zu treffen. Damit bereitet er sich auf die Zukunft vor. Denn für jeden muss einmal der Tag kommen, an dem ein Ausweichen nicht länger möglich ist und er sich endgültig entschließen muss, welchen Weg er einschlagen wird. Niemals war die Ausübung von Selbstlosigkeit notwendiger als heute; und die Menschen würden Selbstlosigkeit leichter erreichen, wären sie nicht von materialistischen Formen von Religion und Wissenschaft behindert, die den niederen Aspekt der menschlichen Natur betonen. Religion und Wissenschaft sind sich noch kaum der Tatsache bewusst, dass jeder Mensch in seinem eigenen tiefsten Wesen alle Möglichkeiten besitzt, um über das kleine Menschliche zum wahrhaftig Menschlichen hinauszuwachsen und – wenn er den Weg beschreiten will – zum Göttlichen.

Der innewohnende Christus

Damit ist jener Christus gemeint, der in jedem menschlichen Herzen wohnt, nicht der Mann Christus, der angeblich gekreuzigt wurde. Die Lehre des immanenten Christus wird in den Evangelien und in den Briefen des Paulus gelehrt. Sie kann also von allen Suchenden in der Bibel gefunden werden. Diejenigen, welche die vermenschlichte kirchliche Lehre der Kreuzigung eines bestimmten Menschen vorziehen, können die biblischen Lehren nur in einem bildlichen Sinne auffassen. Trotzdem wäre es falsch, das Christentum nach seinen gröbsten Formen zu beurteilen. Viele aufgeklärte und freidenkende Geistliche akzeptieren diese Lehre des innewohnenden Christus. Viele hingebungsvolle Christen nähern sich diesem Gedankenbild mehr oder weniger. Für viele bedeutet das Leben Christi, wie es in den Evangelien beschrieben wird, ein Ideal und ein Muster, nach dem sie ihr Leben zu gestalten versuchen. Heilige und Mystiker haben sich diesem Gedankenbild durch Nachsinnen über dieses Ideal bis zu einem gewissen Grad angenähert. Aber das ist nicht genug. Noch zu oft herrscht der Gedanke vor, dass der Mensch schwach ist, in Sünde geboren, und dass er auf die Erlösung nach dem Tod wartet. Für sie wäre der Versuch, Christus nachzufolgen, eine Anmaßung ihm gegenüber. Ursprünglich jedoch ist Christus der Göttlichen Geist, der im Herzen unseres Wesens wohnt – der Christus, der geopfert und begraben ist und in uns wieder auferstehen soll. Bestimmte große Lehrer können in gewissem Sinne Christusse genannt werden, weil sie einen Zustand der Selbstverwirklichung erreicht haben, von dem bei der Mehrheit überhaupt noch keine Rede ist. Aber sie stellen sich nicht als der einzige Sohn Gottes dar, sondern führen uns durch ihr Leben ein Beispiel vor Augen, dem wir nachfolgen können. Wir alle sind Söhne Gottes, so wie Jesus das war; und wir können tatsächlich erreichen, was er erreichte, so wie er es verspricht:

Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.

Johannes 14, 12

Dieser immanente Christus wird der ‘Sohn’ genannt und der göttliche Geist oder ‘Vater’.

… niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.

Matthäus 11, 27

An dieser Stelle wollen wir ein Zitat aus The Esoteric Character of the Gospels [Collected Writings, Band viii, S. 172-217] von H. P. Blavatsky anführen:

Der erste Schlüssel, den man braucht, um die dunklen Geheimnisse zu entwirren, welche in dem mystischen Namen Christus stecken, ist der Schlüssel, der die Tür zu den alten Mysterien der frühen Āryaner, Sabäer und Ägypter erschloss. Die Gnosis, die durch das christliche Schema verdrängt wurde, war universal. Sie war das Echo der ursprünglichen Weisheitsreligion, die einst das Erbe der ganzen Menschheit gewesen war; und darum kann man mit Recht sagen, dass der Christus-Geist (der göttliche Logos) in seinem rein metaphysischen Aspekt von ihren Anfängen an in der Menschheit gegenwärtig war. Der Verfasser der Homilien des Clemens hat recht. Das Christus-Mysterium, von dem man jetzt annimmt, dass Jesus von Nazareth es gelehrt habe, „war identisch“ mit dem, was von Anfang an „denjenigen, die würdig waren, mitgeteilt wurde“, … .

… und die Worte wenden sich an diejenigen, welche, ohne Eingeweihte zu sein, danach streben und es durch persönliche Anstrengungen erreichen, das Leben zu leben und die sich daraus naturgemäß ergebende spirituelle Erleuchtung erhalten, indem sie ihre Persönlichkeit – den ‘Sohn’ – mit dem ‘Vater’ vereinigen, ihrem individuellen göttlichen Geist, dem Gott in ihnen.

Dazu ein Vergleich mit der Bibel selbst:

Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein. Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Römer 6, 3-8

Der Erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde; der Zweite Mensch stammt vom Himmel.

Korinther 15, 47

Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

Korinther 15, 22

Adam bedeutet im Hebräischen ‘irdisch’ und stellt die irdische Natur des Menschen dar; aber man hat die Allegorie buchstäblich aufgefasst und einen Menschen daraus gemacht. Paulus wendet das Wort aber hier in der richtigen symbolischen Bedeutung an. Demgegenüber steht der himmliche Mensch – Christus –, der spirituelle Teil der menschlichen Natur. Der eine ist sterblich, der andere unsterblich. Aber bezieht sich das auf einen Zustand der Vollendung nach dem Tod? Keineswegs, denn gemäß dieser Lehre können wir ihn erreichen, während wir auf Erden sind. Die Erde ist der Ort, wo der Mensch arbeitet; hier lernt er seine Lektionen und muss die irdischen Kräfte besiegen. Den Zustand, in welchem wir das erreicht haben und aufhören, in unserer irdischen Natur tot zu sein und mit Christus lebendig werden, nennt man die zweite Geburt.

Im Evangelium nach Matthäus (3, 11) sagt Johannes der Täufer:

Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

Wenden wir uns jetzt zu Johannes, wo ein Rabbiner insgeheim zu Jesus kommt und fragt, was mit der Redensart gemeint ist, dass ein Mensch aufs Neue geboren werden muss, und folgende Antwort bekommt:

Jesus antwortet ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Johannes 3, 3

Kann jemand dann zum zweiten Male in den Mutterschoß eingehen, fragt Nicodemus; und er bekommt zur Antwort:

Jesus antwortet: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.

Johannes 3, 5-6

Es hat keinen Sinn, dieses kleine Buch mit Zitaten zu überfrachten, denn die vielen Hinweise auf das Königreich Gottes (oder des Himmels) sind genügend bekannt. Es ist klar, dass dieser Ausdruck auf einen Zustand zielt, der für den Menschen während seines Aufenthalts auf Erden erreichbar ist, und dass die Redensarten in den Evangelien, wo sie ursprünglich herkommen, Aussagen eines Lehrers der Alten Weisheit sind. Sie wurden so zurechtgebogen, als würden sie sich auf einen segensreichen Zustand nach dem Tod beziehen, was viele Menschen nicht sehr anspricht und nicht in das allgemeine Schema passt, welches wir aus unserer Kenntnis über die Natur und das Leben ableiten.


Christentum und Moral

Wenn das Christentum (so wie es üblicherweise aufgefasst wird) abgelehnt wird, könnte man sich fragen, ob damit die Grundlage für sittliches Benehmen verloren geht und allgemein ein Niedergang in Zügellosigkeiten jeglicher Art einsetzen würde. Das ist eine ernste Frage, die man nicht einfach mit kühnen Behauptungen abtun kann. Manche Menschen behaupten, dass die Quelle für gutes Benehmen in der menschlichen Intelligenz und in menschlichen Instinkten zu finden sei, sie meinen, dass die Religion eher ein Hindernis als eine Hilfe sei und dass diese Quelle ausreichen würde. Das Gegenargument könnte sein, dass diese Menschen vom Kapital der guten Gewohnheiten, das über Jahrhunderte durch den religiösen Einfluss angesammelt wurde, profitieren, dass dieses Kapital sich schnell erschöpfen könnte, und dass die menschliche Intelligenz und menschlichen Instinkte zu dessen Erneuerung nicht ausreichen würde.

Hier liegt tatsächlich der Schwachpunkt in der Argumentation. Was dieser Philosophie fehlt, ist eine Grundlage. Wenn die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, versteckt man sich leicht hinter Agnostizismus – der Auffassung, dass diese fundamentalen Fragen außerhalb des Bereiches der Untersuchung liegen und der Versuch sinnlos wäre, sie zu durchschauen. Vielleicht müssen wir hier die Frage stellen, ob Sittlichkeit eine Ursache ist oder eine Folge. Wenn wir sagen, dass Moral aus Intelligenz und Instinkt hervorgeht, weichen wir der Schwierigkeit eigentlich nur aus.

Wir müssen etwas über die geheimnisvollen Kräfte im Menschen wissen. Aus welcher Quelle stammen sie? Sollen wir sie als eine Art erleuchtetes Selbst-Interesse bezeichnen? In diesem Falle unterstützen wir die Meinung, dass Sittlichkeit auf Selbst-Interesse beruht und Selbst-Interesse die Grundlage menschlichen Verhaltens ist. Die das Materielle beherrschenden Kräfte müssen selbst immateriell sein, denn sonst drehen wir uns im Kreis und behaupten, dass die Dampfmaschine ihren eigenen Dampf erzeugt oder ein Motor und ein Dynamo sich gegenseitig in Bewegung halten. Das trifft auch auf unser Problem zu. Das menschliche Sozialverhalten kann man sich nicht als einen Mechanismus vorstellen, der unentwegt aus eigener Kraft in Bewegung bleibt; ein solcher Mechanismus könnte sich niemals selbst veredeln und würde höchstwahrscheinlich mit der Zeit verfallen. Seine wahre Quelle ist das ‘Unerkennbare’, dessen Existenz man zwar anerkennt, aber meist nicht einer Untersuchung wert erachtet.

Hier kommt die Religion ins Spiel. Man hat das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Es ist der Geist der Religion, die Religion selbst, welche die ewige Vitalität der menschlichen Rasse am Leben erhält, Gehorsam gegenüber den essenziellen Gesetzen sittlicher Gesundheit erzwingt und den aus reiner Selbstsucht resultierenden totalen Zusammenbruch verhindert.

Und diese wahre Religion hat ihren Altar im menschlichen Herzen. Eine fromme, hingebungsvolle, emotionale Haltung genügt aber nicht, um das Feuer in einer Zeit lebendig zu halten, in welcher der Intellekt so in den Vordergrund gestellt wird. Dieser Intellekt hat sich zur Selbstsucht gesellt – mit allen von uns befürchteten Folgen. Wir werden moralisch bankrott gehen, wenn die Reichweite des Intellekts nicht so erweitert werden kann, dass wir auch jene Anteile der menschlichen Natur, die unter der Oberfläche liegen, erforschen und kennen lernen können. Um im körperlichen Sinne gesund zu leben, müssen wir die Gesetze der Hygiene und Gesundheit kennen; wir können uns nicht auf blinden Glauben und Vermutungen verlassen. Und es ist die Religion, die eine tiefere Erkenntnis des Lebens geben kann und muss.

Dass das Christentum in dieser Hinsicht oft ziemlich versagt hat, ist auf eine Vermischung des ‘Weizens mit der Spreu’ zurückzuführen. In früheren Abschnitten haben wir versucht, die essenziellen Wahrheiten des Christentums hervorzubringen und so zu erklären, dass sie auf das menschliche Leben eine größere Kraft und Wirkung ausstrahlen. Wir haben den Menschen nichts weggenommen, was sie zu ihrer Unterstützung brauchen. Alles, was man zu Gunsten des christlichen Einflusses sagen könnte, könnte mit mehr Überzeugung durch eine theosophische Interpretation des Christentums vorgebracht werden. Wir haben ausdrücklich erklärt, dass wir denjenigen, die in ihrer Religion das finden, was sie brauchen und nichts weiter suchen, nichts wegnehmen wollen. Unser Ziel ist es, denjenigen zu helfen, denen das nicht genügt, und die ernsthaft nach der wahren Grundlage für menschliches Wohlergehen suchen.

Eine Religion, die lehrt, dass der Mensch im Grunde seines Wesens göttlich ist, kann in ihrem Einfluss nicht unmoralischer sein als eine Religion, die lehrt, dass er ein armer Sünder ist. Gemäß der theosophischen Interpretation des Christentums ist das Sittengesetz das essenzielle Gesetz des menschlichen Verhaltens. Nur dadurch kann der Mensch Glück, Selbstverwirklichung und ein Leben in Harmonie mit seinen Mitmenschen finden. Es ist allein diese Interpretation, die das Leben vereint und Intellekt und Herz in Harmonie bringt, damit all unsere Fähigkeiten zusammenarbeiten können, um Vollkommenheit zu erlangen.

Gott

Gott ist nicht eine Person, die außerhalb des Universums existiert. Er ist auch nicht getrennt vom Menschen. Gott ist überall; es gibt nichts, das nicht Gott ist. Gott ist das Essenzielle, die Wurzel aller Existenz, die spirituelle Grundlage von allem, was ist. Viele Philosophen sind zu dieser Vorstellung von Gott gekommen und sich bewusst, dass der theologische Gott ein vermenschlichtes Ideal ist. Gott, Universum und Mensch sind untrennbar und bilden eine Einheit. Wir können uns Gott nur nähern, indem wir die Tiefen unseres eigenen Wesens ergründen, denn der Mensch selbst ist eine Offenbarung der Gottheit. Was er durch Selbsterkenntnis erreichen kann, ist grenzenlos.

Die vielen Vorbehalte gegen den Gedanken eines persönlichen und außerkosmischen Gottes sind hinreichend bekannt und müssen hier nicht erwähnt werden. Ein solcher Gott scheint wenig Interesse an menschlichen Angelegenheiten zu haben und von der Natur getrennt zu sein, die eine Art sekundäre Gottheit geworden ist. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass viele Menschen sich nicht mehr mit dem Gedanken an Gott beschäftigen, obwohl der Sinn aller Dinge unverständlich bleibt. Dieses Bild von Gott aufzugeben bedeutet nicht, sich das Universum als eine auf gut Glück arbeitende Maschine vorzustellen.

Die Lehre des extremen Materialismus hat keine Grundlage. Agnostizismus ist ein Bekenntnis der Unwissenheit und Hilflosigkeit. Wir könnten uns Humanisten nennen und den Menschen zum Mittelpunkt aller Dinge machen. Aber was ist denn dieser Mensch? Jeder, der die Wunder seines eigenen bewussten Seins studiert, weiß, dass hinter den Grenzen des Denkens ein tiefes Mysterium liegt. Wenn wir annehmen, dass das Mysterium völlig unerklärlich ist, machen wir aus dem ganzen Universum und dem menschlichen Leben eine grausame Komödie.

Es hat immer christliche Mystiker gegeben, die lehrten, dass eine Offenbarung die Folge von Selbstreflexion ist. Das ist der einzige Weg, um Gott zu erfahren. Wie bereits erwähnt, hat Jesus den Weg aufgezeigt, wie diese Erkenntnis gewonnen werden kann. Im Menschen liegen latente Fähigkeiten, die den Intellekt, so wie wir ihn jetzt kennen, übersteigen – die ihn nicht beiseite schieben oder auflösen, sondern ergänzen. Der Mensch kennt die Erhabenheit seiner eigenen Natur wenig, auch wenn einige von uns in seltenen Augenblicken einen Schimmer davon erhaschen. Wir wollen nach dem Höchsten streben, das wir erreichen können, und wir wollen unsere Vision durch die Vorstellung eines persönlichen Gottes – das wahrlich ein Götzenbild wäre – nicht länger einengen.

Das Gebet

Wenn wir zu einem persönlichen Gott beten, suchen wir an der falschen Stelle nach Hilfe. Das würde bedeuten, dass göttliche Güte und Weisheit unsere Gebete als Stütze benötigen. Ein extremes Beispiel davon ist, wenn feindliche Armeen den eigenen Sieg erbitten. Das beinhaltet, dass ein persönlicher Gott eigentlich Partei ergreift und mit einer bestimmten Gegend und mit einem bestimmten Volk verbunden ist. Wenn jedes Volk seine eigene spezielle Gottheit hätte – wie manche Völker meinen –, hätten derartige Anrufe ein wenig Sinn. Es ist aber eine ganz andere Sache, wenn solche gegensätzlichen Gebete an ein und denselben Gott gerichtet sind.

Wahres Gebet bedeutet Kontemplation, begleitet von hohen Aspirationen, und es sollte im Geist von ‘Nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe’ stattfinden. Für bestimmte Zwecke zu beten, ist nicht gut, weil wir nicht wissen, was für uns das Beste ist. Wahres Gebet bedeutet Gemeinschaft mit dem Vater im Himmel durch den Sohn, das Streben nach dem Höchsten und Besten in uns selbst. Persönliche Wünsche müssen beiseite gestellt werden und sollten zu einem möglichst umfassenden Bild der Einheit gelangen.

Das Problem von Gut und Böse

Im Laufe der Geschichte wurde schon oft die Frage gestellt, wie ein guter Gott das Böse zulassen kann. Das Böse ist Unvollkommenheit, und diese Welt ist nur eine unvollkommene Offenbarung der Gottheit – des Unfehlbaren. Wir finden überall Kontraste und Gegensätze. Es sind notwendige Bedingungen für Wachstum und Erfahrung. Das Böse wurde auch als der Schatten Gottes beschrieben. Der Versuch, das Gute und Böse philosophisch zu definieren, hat nur wenig mit menschlichem Verhalten und mit Pflichterfüllung zu tun, und oft werden die Menschen nur verwirrt. Im täglichen Leben ist der Unterschied zwischen Gut und Böse, so wie zwischen einem guten und einem faulen Ei. Jeder Mensch besitzt Unterscheidungsvermögen.

Die Worte Gut und Böse sind sehr vage, und da sie in unterschiedlichem Sinne angewendet werden, stiften sie Verwirrung. Man kann sagen, dass sie angenehm und unangenehm bedeuten, aber das ist offensichtlich eine Geschmackssache und als Kriterium unzuverlässig. Was unangenehm ist, kann sehr wohl gut für uns sein; und was angenehm ist, ist vielleicht schlecht für uns. Man kann sagen, dass sie Gut und Schlecht bedeuten, aber auch hier können sie sich auf moralische, gesellschaftliche oder bürgerliche Gesetze beziehen.

Ein wahrer Philosoph kann einen Zustand erreichen, in dem er sich bewusst ist, dass ihm nichts Schlechtes widerfahren kann, weil er akzeptiert, dass jedes Ereignis Teil seines Schicksals ist – die stoische Philosophie. Wir können also erkennen, dass die Worte Gut und Böse in diesem Fall einen Kontrast bedeuten, den wir in unserem eigenen Denken hervorbringen, indem wir Erfahrungen als angenehm oder unangenehm klassifizieren und von einem guten oder bösen Schicksal sprechen.

Solange ein Mensch persönliches Vergnügen als Ziel hat, wird er sich ohne Zweifel Leid zufügen – Leid, das nach demselben Gesetz wie übermäßiges Essen und Alkoholmissbrauch zu Krankheit führt. Der Versuch, das eigene Ich zu befriedigen, zerstört das moralische Gleichgewicht; und die Natur stellt durch eine entsprechende entgegengesetzte Erfahrung das Gleichgewicht wieder her. Aber wie ist es mit unserem Benehmen anderen gegenüber? Menschen mit Herz und Gewissen sollten sich vor allem um das Wohl anderer kümmern. Und es wäre besser, sich über das Glück oder Unglück, das gute oder schlechte Schicksal anderer Gedanken zu machen. Dadurch wird die eigene Person unwichtiger.

Alles, was einem Menschen passiert, ist gewiss sein Karma. Wenn jemand allerdings auf Grund dieser Regel der Meinung ist, sein Benehmen habe auf seine Mitmenschen keinen Einfluss und dieses Argument als Entschuldigung für sein Fehlverhalten anwendet, ist das eine bedauernswerte Haltung, die auf einer falschen Auffassung beruht. Es ist eine rein verstandesmäßige Argumentation, die vollkommen in Widerspruch zu jedem menschlichen, ethischen Bewusstsein steht – getrennt von jeder Religion oder Philosophie, zu der er sich bekennt.

Wenn wir die Gottheit zu einem persönlichen Gott machen, bringt das die Notwendigkeit mit sich, einen persönlichen Satan als Gegenpol zu schaffen. Aber wie bereits vorher erwähnt, war die Schlange aus dem Garten Eden der Lehrmeister des Menschen, sie erweckte in ihm die Intelligenz. Sie ist deshalb kein Teufel, sondern eher eine Mitarbeiterin, die bei der Evolution des Menschen eine wichtige Rolle spielt. Es gibt keinen Teufel mit Hörnern und Hufen, der uns im Leben bedroht und dessen Absicht es ist, uns nach dem Tode zu quälen. Es ist leider wahr, dass die menschlichen Leidenschaften in Verbindung mit dem Intellekt eine Art bösartiges Selbst hervorbringen können, das zu unserem Feind wird – diesen müssen wir besiegen.

Schluss

Die ausführliche Behandlung unserer sehr umfangreichen Thematik mussten wir notwendigerweise etwas einschränken. Sie enthält jedoch genügend Stoff, um den interessierten Leser zu einem weiteren Studium dieses Themas zu ermutigen. Theosophie und Christentum stehen einander nicht wie zwei unterschiedliche Mächte gegenüber. Das Christentum war anfänglich eine Offenbarung oder Wiedergabe der alten Weisheit, die universal ist und in unserer Zeit unter dem Namen Theosophie der Welt aufs Neue gebracht wurde.

Es ist zu hoffen und zu erwarten, dass man in dem Maße, in dem großzügigeres Denken die Oberhand gewinnt, auch in der Religion lernen wird, die alten universalen Ideen des Christentums davon zu unterscheiden, was fast zwei Jahrtausende kirchlicher Autorität und Theologie diesen zugefügt, daran verändert und verschleiert haben.

Alle Religionen lehrten ursprünglich die göttliche Natur des Menschen. Später verlor man diese Lehre aus den Augen, und wir bekamen ein Glaubenssystem unter der Leitung einer Hierarchie, die für die Erlösung die Bedingung aufstellte, dass bestimmte Lehren so angenommen werden müssen, wie die Kirche sie lehrt. Eine gewisse Organisation ist unvermeidlich und notwendig, auch das Geistige benötigt eine Verkörperung in der einen oder anderen Form. Aber so wie der physische Körper einer Pflanze ihr Wachstum oder ihre Veränderung nicht aufhalten kann, so sollte sich die äußere Form einer Religion von Jahrhundert zu Jahrhundert ändern, um sich den wachsenden Bedürfnissen der Menschheit anzupassen.

Fußnoten

1. Origenes lehrte unter anderem, dass das ganze Universum lebt, dass sogar die Sterne Lebewesen sind und eine Seele besitzen. Weiter sagte er, dass verkörperte Seelen sowohl eine Prä- als auch eine Postexistenz haben müssen. Die Seelen haben vor der Geburt gelebt, werden aufs Neue leben und sich in verschiedenen Völkern verkörpern. So wie er sich ausdrückte, werden sie das eine Mal ein Ägypter, ein anderes Mal ein Jude sein. Diese Auffassungen von Origenes, nebst einer Anzahl anderer, wurden bei der Synode von Konstantinopel für ketzerisch erklärt. [back]