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Sonnenglanz

Hinter den Menschen, hinter allen Dingen, schwebt der ewige Geist des Mitleids.

- Katherine Tingley

 

 

 

Diese Jahreszeit bringt vielerlei Gedanken mit sich, einige fröhliche, einige sentimentale; und ein besonderer Glanz durchdringt die Welt. Wir sind glücklich, daß dies in jedem Jahr so ist. Es erweckt in unseren Herzen, trotz aller äußeren Vorkommnisse, ein immerwährendes Vertrauen in das im höchsten Sinne Gute und in die spirituelle Verheißung des Menschengeschlechts. Ganz gleich wie unterschiedlich die Überlieferungen des Brauchtums der verschiedenen Völker auch sein mögen, etwas Großes, Starkes durchdringt die gesamte Menschheit, das sie zu einer engeren Bruderschaft der echten Anteilnahme verbindet, und brüderliche Gefühle in den inneren Bereich unserer Seele eindringen läßt. In den wunderbaren Augenblicken dieser heiligen Zeit werden wir, ganz gleich wo wir uns befinden, inmitten einer Familiengemeinschaft, in einer ruhigen Gedankenpause, oder unter den Sternen in einer klaren, kalten Nacht, von etwas Mystischem berührt, von einem Raunen von Etwas, das viel größer ist, als daß es unser Geist fassen könnte, und dem wir uns unwiderstehlich verbunden fühlen.

Diese Sonnenwende-Geburtszeit schafft günstige Voraussetzungen dafür, uns selbst gegenüberzustehen, und sie ermahnt uns, sich über das Kleinliche, Durchschnittliche und Oberflächliche zu den "großen, grundlegenden Maßstäben des Universums und des Lebens" zu erheben. Wir sind wahrhaftig Teilnehmer an einem kosmischen Drama, in dem die Sonne und ihre Planetenfamilie und alle himmlischen Scharen mitspielen. Wir feiern nicht nur, weil wir sicher sind, daß unser Tagesgestirn uns auf seiner Reise nach Norden abermals seine lebenspendende Wärme schenkt, sondern deshalb, weil wir die Versicherung haben, daß die wahre Sonne, die das Herz der sichtbaren Sonne ist, konstant bleibt. Der Frohsinn bei den alten Mittwinterfesten, bei denen Freudenfeuer angezündet wurden, ist daher nicht verwunderlich. Diese Feuer waren nicht nur Symbole für die sich wiederbelebende Sonnenkraft, sondern auch für das ewige, göttliche Leben.

Im Altertum waren heilige Tage mit den vier jahreszeitlich bedingten Kreuzungspunkten des Jahres verbunden, und mit den Festlichkeiten war beabsichtigt, das innere Bewußtsein zu beleben und das Gefühl der Verwandtschaft mit der gesamten Natur zu erwecken. Von diesen Feiern ist die Wintersonnenwende die Krönung des Jahres geblieben. Durch ihre Verbindung mit der Geburt von Errettern und dem Hervorbringen des Gottes in jedem Menschen, bezeugt sie, daß das Licht des Mitleids über das Dunkel der Unwissenheit und der Selbstsucht siegt. Sie erinnert uns daran, daß sonnenbeschienene Gipfel über den schattigen Tälern der Lebenserfahrung ragen, und daß das göttliche Feuer in jedem menschlichen Herzen, als Mittelpunkt allen Lebens, eine beständige Quelle der Inspiration und der Stärke ist.

Hymnen an diese Erhabenheit der Sonne haben seit Urzeiten die Völker begeistert und folgender Lobgesang wurde der Christ-Sonne in den ersten Jahrhunderten von den Christen dargebracht.

O Du, wahre Sonne,

Die Du scheinst mit ewigem Licht,

Erfülle uns!

Erhabenheit des heiligen (kosmischen) Geistes

Durchdringe unseren Geist!

Jeder von uns ist als ein untrennbarer Teil des universalen Lebens im Innersten dieser Weg, der zum Herzen der Sonne führt, und jeder von uns wird eines Tages ein "Sohn der Sonne" werden, wie die Heilande der Menschheit durch die Jahrtausende hindurch genannt worden sind - jene Großen, wie zum Beispiel Christus und Buddha, die nach der mithraischen oder der römischen Überlieferung mit dem Glanz des Sol Invictus oder der Unbesiegbaren Sonne durchflutet waren.

Die Bräuche der verschiedenen Völker widerspiegeln die Kenntnis von diesem alles durchdringenden göttlichen Strahlenglanz aus längst vergangenen Zeiten, obgleich ihre eigentliche Bedeutung heute verdunkelt ist. Wir erkennen, daß der echte mystische Geist der Weihnacht nicht nur in der Verehrung des Sternes und der Erlöser besteht, oder in der phantasievollen, aber überall vorkommenden Gestalt des heiligen Nikolaus, der Freude und Wohlwollen verkörpert, sondern in den einfachen Dingen des täglichen Lebens, in der Hingabe an das Alltägliche.

Ich habe dabei an das Heim gedacht, das in dieser Jahreszeit in ein Zentrum des Lichtes und der Wärme verwandelt wird und die Familie näher zusammenbringt, und wo die Gefühle der Liebe und der gegenseitigen Anerkennung gepflegt und geteilt werden. Wenn wir zusammen beim Feuer sitzen, erfreuen wir uns eines alten Brauches, der die Kunde von unserem kosmischen Erbe überliefert; denn vor vielen Jahrhunderten glaubte man, und vielleicht nimmt man es heute noch in einigen ländlichen Gegenden an, daß das brennende Julscheit tatsächlich eingefangenes Sonnenlicht freigibt und für das kommende Jahr die Segnung der Sonne ins Haus bringen wird - wenn die Flamme in dieser Nacht nicht erlischt! Das Herdfeuer war als Mittelpunkt des Familienlebens heilig, und wenn jedes Jahr an diesem Festtag das Scheit am Feuer des Vorjahres wieder angezündet wurde, so garantierte es, daß der Geist, der ewige, strahlende Glanz weiterhin das Haus gegen schlechte Einflüsse schützen werde.

Es herrscht wirklich in jedem Haus eine gewisse Atmosphäre, es herrscht ein bestimmter Geist, der durch jedes Familienmitglied hervorgerufen wird. Wer aber könnte sagen, welchen mächtigen Einfluß zum Guten in der Welt das Heim haben kann, wenn das innere Herzenslicht brennend gehalten wird? Wenn wir in das neue Jahr eintreten, dann sollten wir uns wünschen, daß ein Teil des Weihnachtszaubers durch unzählige Gesten des Guten Willens und durch Taten, die das Beste in uns ausdrücken, unvermindert anhalten möge. So wie die Sonne ihr Licht an jedem neuen Tag ausstrahlt, so können auch wir Erleuchtung, innere Stärke und Freude finden, indem wir zuversichtlich unser göttliches Ziel und unsere Einheit mit dem mitleidsvollen Herzen der Natur zu erreichen versuchen.