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Erweiterung des Bewusstseins

Bereits als Kind von fünf Jahren war ich ein Rebell und kämpfte gegen menschliche Tabus und gegen den toten Buchstaben; und das dauerte bis zu meinem vierzigsten Lebensjahr. Im gleichen Maße stand ich auch unter dem inneren Druck von Impulsen, die mich in der Mühle harter Erfahrungen zermahlten, bis ich schließlich nach langem physischen und psychischen Umherirren Kalifornien verließ und nach Arizona ging. Dort wollte ich während meiner zweiwöchigen Ferien die Canyons und Mesas (Tafelländer) der wilden Nord- und Ostgebiete erforschen. Ich suchte etwas, aber ich wußte nicht was. Mit meiner Campingausrüstung wanderte ich zu Fuß durch die Felsenhöhlen und durch die alten Ruinen, die von den Indianern schon längst verlassen waren. Ich muß auf hundert oder mehr Felszeichnungen gestoßen sein, die mich faszinierten. Gewöhnlich waren es Tiergestalten, Vögel, Eidechsen, Schildkröten, Rotwild und Schlangen. Sogar ein Dromedar war darunter. Auch geometrische Muster waren dargestellt, Kreise und Kreuze, einfache und mehrfache Vierecke. Es gab Spiralen, strahlenförmige Symbole, die wie Photographien von Milchstraßen aussahen. Es gab Wellenlinien, Sterne und die vertrauten Zeichnungen von Sonne, Mond und Erde zu sehen und auch Entwürfe, die anscheinend für Bauwerke gedacht waren.

Erst 1947 fand ich den Gegenstand meines rastlosen Suchens. Es war ein Symbol, ein heiliges Zeichen, das nicht durch einen Fluch aus alter Zeit geschützt war, sondern durch die Natur - und durch das Gewissen eines jeden menschlichen Betrachters. Niemand weiß, wer diese alte Felszeichnung ritzte oder wieviele Jahrhunderte oder Jahrtausende sie den verwitternden Elementen1 ausgesetzt war. Ich kann nur sagen, daß, als ich sie an der flachen Wand eines Canyons sah, eingeritzt in den Lavafluß einer Mesa, da war mir in meinem tiefsten Innern bewußt, daß ich auf heiligem Grund stand. Ich hatte nur eine Boxkamera bei mir, aber die Photographie ist der Beweis.

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bild_sunrise_41980_s213_2Für mich stellt dieses Symbol die Ausdehnung des Bewußtseins in allen seinen Phasen dar: Das große Abwärtssteigen oder die Verkörperung des Geistes in und durch die materiellen Ebenen und seine progressive Evolution oder seinen Aufstieg durch die Naturreiche, vom untersten bis hinauf zu den höchstentwickelten - ein siebenfaches, vielmehr ein zwölffaches Universum, das aus dem Unmanifestierten in das Manifestierte emaniert. Man beachte den Kreis (oder die Pfeilspitze) oben, der den Uranfänglichen Punkt, den Laya- oder den Auflösungspunkt der Energien darstellt, die in den Raum eintreten oder ihn verlassen, und der Monaden oder Lebensfunken, die die geoffenbarte Welt betreten oder verlassen. Der Kreis erinnert auch an die Regenten oder Wächter, "deren Auge niemals schläft", und die in beschützendem Schweigen auf ihre wandernden Kinder warten, auf daß sie ihre lange Pilgerfahrt zurück zum Ursprung vollenden.

Und nun betrachte man die Querbalken, die sieben unteren, deren Arme abwärts gerichtet sind, dann den achten mit den Armen nach oben, drei folgen mit abwärts gerichteten Armen, und der zwölfte und oberste streckt seine Arme dem Grenzenlosen entgegen. Die sieben unteren stellen bestimmt die sieben manifestierten Sphären unserer Erde dar, von der ätherischsten bis zur materiellsten, denn die Erde ist ein Organismus, ein Lebewesen; und so wie der Mensch mindestens sieben Aspekte hat, die vom Göttlichen, Spirituellen und Intellektuellen hinab durch das Emotionale, Vitale und Astrale zum Physischen reichen, so hat wohl auch unsere Mutter Erde ihre entsprechenden sieben Attribute. Wir stellen uns vor, daß wir und unser Planet nur siebenfach sind, während die Zeichnung darauf hinweist, daß der Mensch und die Erde zehn- oder gar zwölffach sind. Das ist sehr interessant, weil die alten Überlieferungen vieler Völker andeuten, daß "formlose" oder "unmanifestierte" Reiche oder Welten über den irdischen existieren. Deshalb können wir die Steinzeichnung als eine Darstellung sowohl des sich entwickelnden Menschen als auch der Erde ansehen: Die fünf obersten Querbalken im Schweigen des Unergründlichen sind unsere Verbindung mit dem Unendlichen, das über allem ist und alles umgibt; die sieben unteren Balken stellen jene Eigenschaften des Geistes dar, die fähig sind, sich in und durch die materiellen Sphären auszudrücken, unser Globus eingeschlossen.

"Wie oben so unten; wie unten, so oben" - dieser zuverlässige und erprobte Grundsatz erinnert uns daran, daß jeder Schlüssel wenigstens siebenmal umgedreht werden muß. Hier ist die zeitlose Lehre in der Sprache der Symbole, die vieles bestätigt, was H. P. Blavatsky schrieb. Sie warnte ihre Leser jedoch, sich zu hüten, ihre Lehren zu verdogmatisieren. Sie gab nur einen kleinen Teil des Wissens weiter, das der Mensch erhalten könnte. Jahrelang habe ich mich bemüht, diese symbolische Figur in Übereinstimmung mit den alten indianischen, buddhistischen, ägyptischen und theosophischen Vorstellungen zu analysieren und zu deuten. Je mehr Diagramme ich jedoch gemacht habe, desto sicherer wurde ich, daß jeder selbst die Bedeutung finden muß, die für ihn wichtig ist. Deshalb bin ich der Meinung, daß man Einzelheiten vergessen und die eine grundlegende Tatsache in den Mittelpunkt stellen sollte, daß wir alle im Herzen Brüder sind im unaufhörlichen Auf und Ab auf der Leiter des Wachstums. Das müssen die Menschen im innersten Mark spüren, damit sie die Wahnsinnsfahrt in die moralische und physische Zerstörung aufhalten können. Wir sollten wissen, daß wir ein Teil der vorwärtsgerichteten evolutionären Strömung der Natur sind, daß es im zeitlosen All bestimmte Perioden gibt, in denen alle Wesen, in jedem Stadium ihrer Entwicklung - seien es Sonnen, Menschen, Tiere, Blumen und Felsen oder auch die elementalen Lebewesen in Äther, Feuer, Luft, Wasser und Erde - ihre Gelegenheit haben, sich weiterzuentwickeln und die Geheimnisse des Lebens zu lernen.

Man lehrte uns, daß wir an dem, was gut ist, festhalten sollen. Vielleicht können Sie nun besser verstehen, warum ich als Achtundachtzigjähriger, der bald diese Erde verlassen wird, unbedingt nochmals etwas über dieses universelle Symbol sagen wollte, das in die Lavawand geritzt wurde und das mir viel bedeutet, weil diese geheimnisvollen Linien etwas von den wunderbaren Lehren über den Menschen und die Natur erzählen.2 Von Zeit zu Zeit hinterlassen die Weisen der Erde ihre Zeichen für spätere Zivilisationen, damit diese sie finden und daraus lernen können. Im Umkreis von vierzehn Meilen ist diese Steinzeichnung ein Geheimnis gewesen. Hoffentlich ist es auch heute noch so, denn die Eingeborenen Amerikas hatten eine Reihe spiritueller Lehrer oder Heiler, die in geheimen Zeremonien ihr überliefertes Wissen an Würdige weitergaben. Sie wurden Medizinmänner genannt, weil sie Geist, Seele und Körper heilten. Da sie die enge Beziehung zwischen den geistigen und den astralen mit den physischen Welten kannten, wußten sie wie und wann sie jemandem helfen mußten, um dessen in Unordnung geratenes emotionelles und physisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Nicht bekannt ist die Tatsache, daß diese gründlich ausgebildeten Medizinmänner ihre heilige Aufgabe nicht hätten erfüllen können und es auch jetzt nicht könnten, ohne ihre stillen Ergänzungen - die Mütter und Großmütter, in biologischer und in anderer Hinsicht -, die die Wege der Natur kannten.

Unter den indianischen Medizinmännern gab es auch Künstler, die die symbolischen Figuren in die Felsen ritzten oder malten oder die Arbeit jüngerer Handwerker beaufsichtigten. Jahrelange Ausbildung in diesen Fertigkeiten und Gedächtnisschulung sind notwendig, denn die genaue innere Bedeutung der einzelnen Symbole mußte der Nachwelt überliefert werden. Ich glaube, die meisten Menschen wären überrascht, wenn sie wüßten, wie verbreitet die Felszeichnungen und die Felsenmalereien einst waren. Sie waren über das ganze Land und über ganz Kanada verbreitet, doch heute sind viele der schönsten Zeichnungen völlig zerstört oder so verdorben, daß sie nicht wiederhergestellt werden können.

Wie lange diese "Leiter" als Felszeichnung in dem Lava-Canyon noch unberührt bleiben wird, kann man nicht sagen, denn jetzt ist der Teil der Wildnis, in dem die betreffende Mesa liegt, an Spekulanten verkauft worden, und Wege für Jeeps führen dorthin. In den letzten beiden Jahren sind Leute gesehen worden, die keine Jäger waren. Sie kamen mit kleinen Lieferwagen voller Gerätschaften. Auf der kahlen Mesa gab es keine Bauwerke, also müssen sie einige kleine Höhlen und Wohnungen, die halb im Felsen versteckt waren, geplündert haben und zu den Ruinen längs des Main Verde und in das zerklüftete, mit Buschwerk und Bäumen bedeckte Gebiet im nördlichen und mittleren Teil des Mazatzal Range vorgedrungen sein.

Ich versuche das Unvermeidliche zu akzeptieren und bin mir bewußt, daß wenn dieses heilige Symbol auch vernichtet wird, wenigstens die Photographie übrig bleibt, um künftige Generationen an die lebendige Wahrheit der Überzeugung des schöpferischen Steinzeichners zu erinnern: Daß alles eins ist und daß die einzige wirkliche "Sünde" Getrenntsein ist. Es lehrt mehr, viel, viel mehr. Jene, die verstehen, werden wissen, denn sie werden das verborgene Geheimnis intuitiv erkennen.

Fußnoten

1. Der Name und der genaue Standort sind der Sicherung wegen weggelassen. [back]

2. Siehe "Sermons in Stone", SUNRISE, June 1966, S. 286. [back]