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Pythagoras – der Weise von Kroton

Mit Erlaubnis aus Great Images nachgedruckt.

 

 

 

Zwischen Kleinasien und Griechenland liegt das inselreiche Ägäische Meer. Eine dieser kleinen Inseln, die in der Nähe der türkischen Küste liegt, heißt Samos, wo vor ca. 600 Jahren v. Chr. Pythagoras geboren wurde.

Die Welt war damals ganz anders, obgleich in verschiedenen Ländern ein spiritueller Gärungsprozeß stattfand. In Indien versammelte Gautama Buddha Schüler um sich, als er durch das Land wanderte; Lao-Tse verkündete seine paradoxe Philosophie in China, und Konfuzius gewann viele Herzen durch seine ethischen Lehren; in Palästina ermahnte Jeremias seine Landsleute, das Götzentum aufzugeben und auf dem Pfad der Rechtschaffenheit zu wandeln; und in Italien bewegte der große, weise Pythagoras die Herzen und Gemüter der Menschen mit göttlicher Philosophie.

Nach den heutigen Normen waren die Lebensbedingungen vor zweieinhalbtausend Jahren ziemlich primitiv. Bücher, wie wir sie heute besitzen, waren unbekannt. Das Maschinenzeitalter hatte noch nicht begonnen. Kleine Segelboote durchpflügten die See, denn der moderne Dampfer war noch nicht erfunden. Die Annehmlichkeiten des Lebens, die wir als selbstverständlich voraussetzen, waren noch nicht erdacht.

Die großen Philosophen Griechenlands waren noch nicht da. Plato, Sokrates, Aristoteles, Parmenides und Heraklit waren noch nicht in der Arena des Lebens tätig; und die großen Schauspieldichter, wie Äschylus, Sophokles und Euripides, hatten ihre Namen noch nicht in die Annalen der Geschichte eingetragen. Auch das Christentum hatte der westlichen Welt seinen Stempel noch nicht aufgeprägt.

Konnte ein Mensch in dieser alten Zivilisation so viel Verständnis und Einsicht gewinnen, die ihm einen Platz in der Avantgarde der Menschheit einräumten? Daß diese Frage positiv beantwortet werden kann, ist ein Zeichen dafür, daß die inneren Quellen des Menschen ihm die Stärke geben, über die einengenden Faktoren der Umgebung zu triumphieren.

Zu jeder Zeit in der Geschichte hat - wie es scheint - die Möglichkeit bestanden, heroische Leistungen zu vollbringen. Die echten Sucher der Wahrheit fanden, was sie suchten; der inbrünstige Wunsch zu wissen, trug Früchte; das intensive spirituelle Streben wurde stets belohnt. Von der Insel Samos aber konnte man wohl am wenigsten annehmen, daß sie ein Platz für die Geburt eines Weisen sein konnte, dessen Worte 25 Jahrhunderte nach seinem Tod noch mit am bedeutungsvollsten und spirituell am höchsten stehend sein würden.

Der Nebel der Jahrhunderte hat den genauen Überblick auf das Leben des Pythagoras verdunkelt. Man sagt, er sei 582 v. Chr. geboren und 500 v. Chr. gestorben, aber diese Daten sind nicht nachprüfbar. Über seine Jugend ist verhältnismäßig wenig bekannt. Nachdem er die Jahre der Reife erreicht hatte, reiste er in viele Länder. In Ägypten wurde er anscheinend von den Priestern in der Geheimlehre unterwiesen, die diese jahrhundertelang verwahrt hatten. Im Nahen Osten stand er mit den chaldäischen Weisen, den Phöniziern und den Magiern in Verbindung; ob er in das ferne Indien reiste und die Metaphysik der Wedanta studierte, ist unbekannt. Die Flamme des Willens zur Erkenntnis brannte jedoch so hell in ihm, daß er Unbequemlichkeiten und Beschwernisse gern ertrug, wenn es galt Weisheit zu erringen. Als die Priester Ägyptens ihm schwierige Aufgaben auferlegten, um ihn auf die Probe zu stellen, führte er diese bereitwillig und verständig aus, wodurch er ihren Respekt und ihre Anerkennung erwarb.

Durch diszipliniertes Studium und weite Reisen gereift, kehrte Pythagoras auf die Insel Samos zurück. Hier mußte er jedoch feststellen, daß inzwischen der Tyrann Polykrates mit eiserner Hand regierte. Da er aber die autokratische Macht, die dieser Herrscher ausübte, verabscheute und innerlich spürte, daß er anderswo wirkungsvoller dienen konnte, verließ Pythagoras Samos und ging nach Italien. Er ließ sich in Kroton nieder, einer Hafenstadt an der Spitze des italienischen Stiefels.

Der große, würdevolle Fremdling, dessen Worte das Siegel der Weisheit trugen, imponierte den Bewohnern Krotons sehr. So sehr wurden sie durch seine vertrauenerweckende Erscheinung und seinen hervorragenden Rat beeindruckt, daß er Tausende von begeisterten Anhängern gewann. Pythagoras wies auf das täglich sich wiederholende Ritual am Himmel hin, das eine Bestätigung der atemberaubenden und dennoch geordneten Schönheit der großen Schöpfung ist. Er machte auf den Ablauf der Welten aufmerksam, die sich in mathematischer Folge durch die ungeheure Weite des Raumes, des Kosmos, bewegen - ein Begriff, der sowohl die Majestät des unwandelbaren Gesetzes als auch die leuchtende Schönheit der Darstellung vermittelte.

Der ihm zuteil gewordene herzliche Empfang veranlaßte Pythagoras, in Kroton zu bleiben und sich der Aufgabe zu widmen, eine Schule der Philosophie zu gründen. Viele Menschen, die sehr schnell erkannten, daß er ein Mann von überragender Größe und bemerkenswerter Weisheit war, baten darum, seine Schüler zu werden. Die Schule, die er errichtete, wurde zu einem Instrument von großem Wert für das Gute und beeinflußte trotz ihres tragischen Endes die Haltung nachfolgender Generationen weiter. Es wird behauptet, daß Plato sein Wissen über die Lehren des Pythagoras von jemandem hatte, der bei ihm studiert hatte.

Bei den verschiedenen Begebenheiten, die über diesen außergewöhnlichen Lehrer erzählt wurden, sind Wirklichkeit und Phantasie schwer zu unterscheiden. Gerüchte besagen, daß er mehr war als ein Mensch, und daß er, obwohl er auf zwei Beinen ging, sich von der menschlichen Gattung weit unterschieden hätte. Es hieß, er stamme von Apollo ab. Nannten die Leute ihn einen weisen Mann, so wandte er ein, daß man ihn lieber einen 'Freund der Weisheit' nennen sollte. Somit wurde der Begriff Philosoph geprägt, denn dieser ist aus den zwei Worten 'Freund' und 'Weisheit' zusammengesetzt, die das Ideal eines Weisen genauer definieren. Abstraktes Wissen allein sollte nicht das Ziel des Philosophen sein, sondern die Anwendung der Weisheit in den Angelegenheiten des praktischen Lebens. Wenn der Mensch nach Weisheit strebt, kann er die Leidenschaften überwinden, die die Seele an den Körper heften, und somit kann er sein Gemüt über die eiserne Hand der Macht des Schicksals erheben.

Für Musik hatte Pythagoras besonderes Interesse. Er glaubte, es wäre gut, die Götter durch Gesang zu verehren. Er selbst war ein vorzüglicher Musiker und spielte die Leier. Er erkannte, daß Melodien auf die Menschen große Macht ausübten, daß durch bestimmte Melodien Stimmungen geändert und sogar Krankheiten geheilt werden. Depressionen und Melancholie, Leidenschaften, die Ärger und Wut vor sich hertreiben, könnten, so meinte er, durch geeignete Melodien unter Kontrolle gebracht werden und vergehen.

Sein starkes Empfindungsvermögen für Töne brachte der Wissenschaft und der Kunst einen unschätzbaren Beitrag. Wie die Legende berichtet, soll es sich folgendermaßen zugetragen haben: Eines Tages kam der Weise zufällig an der Werkstatt eines Hufschmieds vorbei. Die Töne, die durch den kräftigen Schlag auf den Amboß erzeugt wurden, wenn die Schmiede versuchten, dem widerstrebenden Eisen die gewünschte Form zu geben, fesselten ihn. Die Hämmer verursachten beim Fallen Töne verschiedener Höhe. Da Pythagoras mit seinem Verstand allen Dingen nachging, wollte er die Ursache wissen, woher die verschiedenen Tonhöhen kamen. Er betrat die Werkstatt und fing an zu forschen. Die Stärke der Schläge hatte keinen Einfluß auf die Änderungen in der Tonhöhe, auch nicht die Länge und Größe der benutzten Hämmer. Das Gewicht der Hämmer schien die allein bestimmende Ursache zu sein.

Als er nach Hause kam, hing er vier Saiten, die aus demselben Material bestanden, an die Wand seines Zimmers und band an jede verschiedene Gewichte. Durch Anschlagen dieser Saiten wurden verschiedene Töne hervorgebracht. Danach bestimmte er die durch verschiedene Gewichte erzeugten musikalischen Intervalle und baute damit die erste, systematisch erfundene Tonleiter - ein Ereignis von beispielloser Bedeutung für die Geschichte der Musik und der Wissenschaft der Töne. Daher kann Pythagoras in gewisser Beziehung als Vater der Musik bezeichnet werden.

Er errichtete nicht nur eine berühmte Schule und schuf einen Orden, wie er seinesgleichen in der Geschichte kaum bekannt sein dürfte, sondern er betätigte sich auch aktiv in der Gemeinschaft. Durch seine Leitung wurden die Krotoner zu anerkannten Führern in einem großen Gebiet Süditaliens. Es wird berichtet, daß hunderttausend Krotoner unter der Leitung von Pythagoras und eines Athleten, Milo genannt, eine Armee von dreihunderttausend Sybariten in die Flucht schlugen. Damit zeigte der Weise von Kroton, daß er sich zu den Höhen der abstrakten Philosophie emporschwingen konnte, aber andererseits mit gleicher Leichtigkeit eine wirkungsvolle Rolle im praktischen Leben spielen konnte.

Der Ruhm und der Einfluß des Pythagoras hatten sich weit und breit herumgesprochen, als eine tragische Begebenheit die hochherzigen Bemühungen von Jahrzehnten, wenigstens teilweise, zunichte machte. Ein junger Mann namens Cylon bewarb sich um Aufnahme in die Schule. Er kam aus einem wohlhabenden Hause, war aber selbstgefällig und voller ungezügelter Gewohnheiten. Pythagoras, der mit seinem Scharfsinn seine wahre Natur sofort erkannt hatte, lehnte ihn ab. Die sich daraus ergebenden Ereignisse zeigten, daß der Weise diesen Menschen richtig eingeschätzt hatte. Wütend, weil man ihn in den Orden nicht aufnahm, wurde Cylon ein leidenschaftlicher Feind. Wo immer er nur konnte stand der abgelehnte Kandidat in Opposition zu dem Weisen und griff ihn und alle seine Anhänger immer heftiger an. Aus einem bestimmten Anlaß war Pythagoras mit seinen engsten Schülern im Hause des Milo. Er war mitten im Gespräch, als eine aufrührerische Menge sich vor dem Hause ansammelte. Kurz darauf bemerkte man Brandgeruch. Man mußte feststellen, daß das ganze Haus brannte. Wie es heißt, sind dabei alle anwesenden Schüler des Pythagoras, außer zweien, in den Flammen umgekommen. Wenn Pythagoras selbst damals entkam, so muß er kurz darauf gestorben sein. Einige meinen dagegen, er habe so streng gefastet, daß er es nicht überlebte.

Über seine Lehren und Lehrmethoden sind uns nur stückweise verschiedene Angaben übermittelt worden. Wer jedoch bei ihm um Aufnahme ersuchte, mußte erst verschiedene Prüfungen bestehen. Nach der Aufnahme überließ man die Studenten für einen Zeitraum von drei Jahren sich selbst, um festzustellen, ob ihr Interesse am Lernen stark genug war; ob sie imstande waren, das Verlangen nach Ehre und den Drang der Selbstgefälligkeit zu überwinden. Wenn Pythagoras überzeugt war, daß es ihnen mit ihrem Bestreben, Weisheit zu erlangen, ernst war, legte er ihnen eine fünf Jahre dauernde Schweigeperiode auf, während welcher der Student wenig Verbindung mit dem Weisen hatte. Erst wenn er überzeugt war, daß der Betreffende in seiner Natur bestimmte Charaktereigenschaften verankert hatte, wurde die Verbindung zwischen dem Lehrer und dem Studenten enger und vertrauter. Man unterschied zwischen zwei Arten von Mitgliedern - Zuhörern und Studenten. Zuhörer nahmen die Lehren auf und richteten ihr Leben dementsprechend aus, Studenten wurden Esoteriker genannt und widmeten sich den tiefergehenden Studien der Schule.

Die Kunst der Selbstüberprüfung wurde durch eine Vorschrift angeregt, die sehr interessant ist. Vor dem Schlafengehen überprüften die Schüler des Pythagoras die Ereignisse des Tages: "Worin habe ich geirrt?", fragten sie sich. "Welche Pflicht habe ich vernachlässigt?" Was falsch gemacht worden war, wurde bei der Selbstprüfung zum Anlaß genommen, Wege zu finden, um Fehler zu berichtigen; Handlungen, die der kritischen Betrachtung standhielten, wurden unterstützt, so daß eine positive Einstellung anspornend wirken mußte.

Pythagoras war davon überzeugt, daß sich die Tätigkeit der Seele zyklisch vollzieht. Die auf Erden verbrachte Zeitperiode war demnach nur ein Teil des Daseinskreises, Geburt und Tod nur Stufen in ihrer Äonen dauernden Entwicklung. Tod bedeutet keine Unterbrechung für die Aktivität der Seele; er umschreibt lediglich einen anderen Daseinszustand. In ihrer eigenen Natur ist die Seele eine Wesenheit, die die Schönheit der Sterne andeutet; mit dem Körper vereinigt ist sie begrenzt, eingeengt und eingekerkert. Die Leidenschaften des Körpers kämpfen gegen den erhabenen Zweck der Seele. Wer sich durch seine irrationalen Leidenschaften beherrschen läßt, macht dadurch seinen göttlichen Teil dem gröberen, sterblichen Element untertan. Dadurch wird die Seele noch stärker an den Körper geheftet, wie, bildlich gesprochen, ein Obstkern mit einer unreifen Frucht verbunden ist. Der weise Mensch trachtet danach, sich mit der Seele zu identifizieren und sich so über die Wechselfälle der irdischen Triebe zu erheben. Er würde dann, um mit den Worten des Weisen zu sprechen, "eine Wahl treffen, um stärker in der Seele als im Körper zu sein."

Das Leben der Seele ist wirklich real, während das Leben des Körpers ein ganz unzureichendes Hineinschielen in die Ewigkeit ist. Daher erklärt sich die rätselhafte Feststellung des Pythagoras so: "Was auch immer wir im wachen Zustand sehen, es ist tot, während des Schlafens aber ist es ein Traum." Jenseits des allgemeinen wachen Zustandes oder der Wahrnehmung im Traum befindet sich eine größere Dimension des Bewußtseins, die das Leben der Seele kennzeichnet. Diese Dimension kommt viel mehr an die Wirklichkeit heran. Den Leidenschaften freien Lauf zu lassen, zieht schwere Strafe nach sich, denn es führt zu Unempfindlichkeit den weiteren Bereichen der Seele gegenüber.

Nicht allein nur in diesem begrenzten Erdenleben erfüllt die Seele ihre hohe Bestimmung. Unter den gewöhnlich vorherrschenden Bedingungen ist das Erdendasein nur eine Phase ihrer Pilgerreise. Dem Gesetz folgend bewohnt die Seele zyklisch ein Tabernakel aus Fleisch, speichert dabei die Schätze, die ihr durch diese Begrenzung der Form zufließen, und kehrt dann zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Pythagoras nannte diesen zyklischen Prozeß "Seelenwanderung" oder den Übergang der Seele in einen anderen Körper. Wenn ein Mensch die Lektionen gelernt hat, die in der Verkörperung erreicht werden können, dann wird er von der Notwendigkeit der Wiederkehr befreit. Der Tod wäre dann nicht mehr als notwendiges Übel oder unvermeidbares Unglück anzusehen. Er wäre nichts weiter als die Rückkehr der Seele zu der hohen Ebene, von der sie gekommen war.

Pythagoras überlegte wohl und war bemüht, ein Verhaltensprinzip oder eine Lebensregel in wenige, sorgfältig ausgesuchte Worte zu kleiden: "Sage nicht Weniges in vielen Worten, sondern Vieles in wenigen Worten", soll er angeblich gesagt haben. Manchmal waren die Feststellungen paradox und mußten sorgfältig geprüft werden, bevor sie ihre Bedeutung erkennen ließen. "Schüre nicht das Feuer mit dem Schwert" bedeutete, daß zornige und streitsüchtige Menschen nicht noch mehr entflammt oder erregt werden sollten. "Esse nicht das Herz" bedeutete, daß die Sorgen und Enttäuschungen des Lebens eine gute Charakteranlage nicht zerstören sollen. "Schlafe nicht auf einem Grabe" ermahnt uns, die ererbten Anlagen nicht ungenützt zu lassen. Diese markanten Anweisungen faßten in knapper Form grundlegende, ethische Regeln zusammen, so daß man sich leicht daran erinnern konnte und dennoch regen sie den Hörer an, seine eigene Unterscheidungskraft anzuwenden.

Die Pythagoräische Gemeinschaft war ein bemerkenswertes Experiment menschlicher Beziehungen. Ein enges Band vereinte die Glieder. "Ein Freund ist ein anderes Selbst", lehrte Pythagoras. Das Band der Freundschaft, das die vereinte, die zur Bruderschaft gehörten, wurde als heilig angesehen. Es war jedoch wichtig, die Kunst der Freundschaft zu lernen, denn fehlendes Verstehen ist eine wesentliche Ursache, die zu Meinungsverschiedenheiten beiträgt. Vor allem ist krampfhaftes Festhalten an Besitz eine soziale Kraft, die ganz gewaltige Meinungsunterschiede und Konflikte hervorruft. Den Pythagoräern gehörte alles gemeinsam; für sie war es edler, ihren Besitz zu teilen, als so viele weltliche Güter wie nur möglich für sich selbst anzuhäufen. Die destruktive Haltung, immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, wird so mit Nachdruck, zur Förderung des Wohles aller beizutragen, ersetzt. Die Umwandlung der sozialen Ordnung geht schrittweise mit der Entwicklung des inneren Lebens vor sich. Ideen sind Stützen, auf denen sich Gewohnheiten begründen. So wie sich das Bild der äußeren Umstände ändert, wandeln sich auch in direktem Verhältnis dazu die wechselnden Begriffe in den Gemütern der Menschen.

Pythagoras versuchte, einen neuen Menschentyp zu schaffen - eine Persönlichkeit mit aufrechtem Charakter, hochherzigen Impulsen und überlegter Einstellung, mit forschendem Geist, praktischem Verstehen und aufgeschlossen für spirituelle Dinge. Nur eine solche Art von Persönlichkeit wäre imstande, die menschlichen Verhältnisse zu ändern. Man kann natürlich mit Recht fragen, wie man es anstellen soll, um Persönlichkeiten von dieser Größenordnung zu prägen. In seinen "Goldenen Versen" beschreibt Pythagoras das Konzept für die Umwandlung und die Möglichkeiten der Schulung für die Reinigung, mit der solche Ergebnisse erzielt werden könnten.

Vor allem schrieb seine Philosophie vor, an jene führenden Kräfte des Universums zu glauben, die als Götter bezeichnet wurden. Es ist interessant, daraus zu ersehen, daß er Sterne und Planeten als Verkörperungen großer Lebewesen betrachtete - Wesen, deren Bewußtseinsbereiche unendlich viel größer waren als der Menschenverstand erfassen konnte.

Seinen ethischen Regeln sollte das unermüdliche Streben nach Erkenntnis hinzugefügt werden, der dauerhafte Wille nach Wissen. Pythagoras selbst arbeitete so hartnäckig an der Vervollkommnung dieses Willens, daß die Welt ihm für seine wissenschaftlichen Entdeckungen Dank schuldet. In der Mathematik errang er dadurch unsterblichen Ruhm, daß er die Beziehung zwischen den Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks nachwies, d. h. das Hypotenusenquadrat ist gleich der Summe der Quadrate der anderen beiden Seiten. Die eindeutige Methode zum Beweis, die noch heute in Lehrbüchern der Geometrie zu finden ist, wurde von dem Weisen aus Kroton zuerst ausgedacht. Kopernikus bestätigte, daß es die Hypothesen des Pythagoras waren, die ihn veranlaßt hatten, seine epochemachende Theorie zu entwickeln, daß nämlich die Planeten um die Sonne kreisen. Außerdem lehrte Pythagoras, daß die Erde eine Kugel ist - eine Annahme, die etwa zweitausend Jahre später Columbus zu einer kühnen Tat antrieb.

Großer Nachdruck wurde auf Arithmetik und die charakteristische Eigenart der Zahlen gelegt. Diese waren Gegenstand philosophischer Spekulationen. Die Zahl, so sagte man, ist das Wesen aller Dinge. Wie ist das zu verstehen? Alle getrennten Gegenstände können numeriert werden; Getrenntsein ist daher für Einzeldinge charakteristisch. Genauso wie alle Zahlen aus der Einheit oder aus der Eins entstehen, so stammt der Mensch aus dem Ursprung oder der Quelle von allem, also von Gott. Das kann die Erklärung dafür sein, warum Gott als die Zahl der Zahlen bezeichnet worden war. Ton und Licht können in zahlenmäßigen Begriffen zum Ausdruck gebracht werden; Schwingungswerte bestimmen musikalische Töne und Farbwirkungen. Die Proportionen jedes Körpers und die daraus folgernde Form, die alle Dinge annehmen, können in Zahlenbegriffen beschrieben werden. Doch die Zahl selbst ist eine Abstraktion - eine Idee, welche die Dinge charakterisiert, aber ihnen nicht innewohnt. Solche Ideen sind ursächliche Kräfte, die in der Welt der Dinge ihren Ausdruck finden.

Die Eins als der Ursprung der Form wurde die Monade genannt. Vielleicht ist die Seele selbst eine Zahl in dem Leben dieser Wesenheit. Während die Planeten in ihren Bahnen kreisen, bringen sie durch Zahlen erfaßbare Schwingungen hervor, welche die himmlische Symphonie, die Sphärenmusik bilden. Pythagoras nannte die Plejaden "die Lyra des Himmels." Der Mensch ist ein Mikrokosmos und die Zahlen des großartigen Universums sind in seiner Seele aufgezeichnet. Die Zeit wird mit Zahlen bezeichnet; die Ewigkeit verlöscht diese hinzukommenden Bruchteile in einer Einheit, einer Eins. Der Raum ist die große Null, die das Feld abgibt, in der die Zahl tätig sein kann. Feuer vernichtet die Form und löst daher alle Dinge auf und bringt sie auf die ursprüngliche Einheit zurück; es ist daher ein Symbol für die Rückkehr des Menschen zur Quelle, der Zahl der Zahlen.

Die ersten vier Zahlen ergeben bei der Addition zehn, das Symbol der Perfektion. Auf eins, dem Ursprung, folgt zwei - eine Dualität; die Einheit hat sich in Verschiedenheit ausgedrückt. Dieser Gegensatz ergibt drei, die Triade, die die Gegensätze wieder überbrückt. Vier vervollständigt den Prozeß, und das vierfache Quadrat der Materie steht daher in Relation zur dreifachen Seele. Der Mensch als Quadrat ist mit dem Dreieck des Geistes verbunden und deshalb kommt es zum Prozeß der Evolution. Vielleicht waren es Spekulationen dieser Art, die die Pythagoräer veranlaßten, Zahlen zu verehren, und die Summierung der ersten vier Zahlen die heilige Tetraktys zu nennen. Für sie stellten Zahlen Ideen dar. Die Zahl zehn wurde zum Beispiel für heilig gehalten, weil diese Zahl aus der Einheit und der Null besteht, dem Beginn und Ende aller Dinge, dem Alpha und dem Omega, dem ersten Prinzip und seinem Kreis von Manifestationen.

Von Null laufen die Zahlen bis zur Unendlichkeit. Die endlosen Zahlenreihen setzen sich fort und erstrecken sich bis in Bereiche, die jenseits des begrenzten Verstandes liegen. Die Hierarchie der Zahlen entspricht sogar der Hierarchie der Wesenheiten, die zu immer größerem Glanz und größerer Glorie aufsteigen; die Vorstellungskraft wird durch die Betrachtung der erhabenen Majestät der endlosen Aufeinanderfolge, die sich in höheren Bereichen im überirdischen Licht verliert, weit überschritten.

Während Pythagoras, der Inspirierte, die Menschen im alten Griechenland auf das geistige Leben hinlenkte, begeisterte Gautama Buddha, der Erleuchtete, die Herzen der Menschen in Indien - und beide entzündeten eine Flamme, die sich spontan an der Wirkung neu entzündete, als der Gesalbte, als Christus bekannt, unter den Menschen wandelte.