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Aus eingegangenen Briefen – Caulfield

Caulfield, Vic., Australien, 16. November 1969

 

Es ist ein erstaunliches Phänomen, wenn nach einer arbeitsreichen Zeit plötzlich diese Tätigkeit aufhört und viel Freizeit vorhanden ist. Ich denke dabei an den Abschluß der Examen, die gestern zu Ende gingen. Es war ein bis aufs äußerste ausgefülltes Jahr, und dennoch glaube ich, daß ich von all meiner Tätigkeit in den vergangenen Monaten am meisten die Zeit genoß, die ich mir für die Universität buchstäblich absparte. Doch vermutlich genießen wir solch reinen Luxus immer am meisten.

Wie Sie wissen, fasziniert mich schon seit Jahren die Verbindung zwischen universaler Philosophie und Religion. Da ich diese Interessen vertrete, ist es mir unmöglich, irgendwelche Dogmen zu akzeptieren, denn wenn man ein wenig tiefer gräbt, haben sie kein Fundament und lösen sich auf. Ich wünschte nur, mehr Menschen könnten ähnliche Kombinationen von Vorlesungen besuchen, so wie ich es getan habe. Die Philosophie des Mittelalters und altindische Anschauungen ergänzen einander so mannigfach, daß es oft unglaublich erscheint, daß weder Anselmus noch Thomas von Aquin jemals etwas vom Rig-Veda gehört haben sollen. Die Suche nach dem höchsten Wesen im Rig-Veda gleicht der Suche nach der ersten Ursache, wie sie im Schöpfungsgesang ausgedrückt wird, und man erhält den Eindruck, als ob Anselmus und Thomas von Aquin die älteren Ideen wieder echoartig zum Ausdruck gebracht hätten. Wie weise waren die Alten, und welch schreckliche Entstellungen haben die Zivilisationen jahrhundertelang aus ihren glasklaren Ideen gemacht.

Es war das eroberte Indien, das einen Mann wie Ramohan Roy hervorbrachte, der versuchte, alle späteren Hinzufügungen auszumerzen und zu den reinen Begriffen zurückzukehren, wie sie nicht nur im Hinduismus, sondern in allen Religionen der Welt enthalten sind. In seinem eigenen Land war sein Kampf nicht allzu erfolgreich, da Nationalismus und Materialismus seine Ideen vereitelten. Irgendwie haben sie dennoch die turbulenten Jahre überlebt und Wurzeln geschlagen, zugegebenermaßen schwache Wurzeln, aber dennoch Wurzeln.

So kommt es mir wie eine Offenbarung vor, wenn man mit jungen Leuten redet. Was wir und die letzten Generationen ihnen angetan haben, ist eine schwere Belastung. Ihre Tragödie ist, zu revoltieren und oft nicht zu wissen, warum sie revoltieren. Sie vermuten auch, daß ihre Generation die durchschlagenden Änderungen, nach denen sie trachten, nicht erreichen wird. Zu viele von ihnen werden im späteren Leben dem äußeren Druck unterliegen. Aber vielleicht helfen sie, uns einen Schritt vorwärtszubringen, wieder auf unsere innere Stimme zu lauschen und das, was wertvoll für uns ist, aus der direkten Quelle zu bekommen. Es macht mir Sorgen, daß nur allein den Umständen die Schuld gegeben wird und die Tatsache nicht erkannt wird, daß "Nationen und Völker nichts ohne das Individuum" sind. Mir scheint, das ist der sicherste Weg zur Zerstörung.

Wir verfolgten von hier aus über den Satelliten ganz genau die erste Mondfahrt. Sie brachte mir ein Buch mit Kurzgeschichten, die ich als Kind gern hatte, in Erinnerung. Es war eine Art Zukunftsroman. In meinen frühen Jugendjahren liebte ich es so sehr, daß ich es als eines der wenigen Bücher mit nach Australien brachte. Seltsamerweise entdeckte ich es nach dem Tod meines Vaters, vor ungefähr 13 Jahren, in der Wohnung und nahm es mit nach Melbourne. Ich holte es jetzt erneut hervor und las die Erzählung, die eine Reise zum Mond schildert. Das Buch war 1927 gedruckt worden und es ist erstaunlich, wie genau die Einzelheiten der Erzählung auf die Ereignisse heute im Jahre 1969 zutreffen. Sogar die Raumanzüge der Menschen auf der Oberfläche des Mondes, die in einer Zeichnung dargestellt werden, sind ähnlich und keinesfalls "ungewöhnlich."

Gestern startete der zweite Flug zum Mond, und es ist doch eigenartig, wie schnell wir Dinge als selbstverständlich hinnehmen und sie als alltägliche Routineerscheinungen ansehen. Seltsam ist es auch, daß wir zuerst mit einem toten Planeten des Universums bekannt werden, aber wahrscheinlich sind wir im Augenblick für nichts weiter geeignet. Was tot ist, können wir nicht zerstören.

Das Leben geht hier seinen normalen Gang. Danke fürs Zuhören. Ab und zu muß ich meine Gedanken niederschreiben. Wenn ich es getan habe, so bin ich froh, daß ich meine Ideen mitgeteilt habe - wieviel oder wie wenig sie auch von Nutzen sein mögen.