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Die Leuchte Asiens

Erstes Buch

Dies Buch spricht von dem Heiland aller Welt,
Von Buddha – Prinz Siddārtha 1  sonst genannt –,
In Himmel, Erd’ und Höll’ ohn’ Gleichen er,
Allweise, allgerecht, erbarmungsreich,
Der uns Nirvāṇa und die Pflicht gelehrt.

So ward der Menschheit er einst neu geborn.

Vier Herrscher thronen nah dem höchsten Kreis,
Der Welt Regierer 2; tiefer, doch noch hoch
Ist ein Bereich, wo heil’ger Geister Schar
Dreimal zehntausend Jahr’ im Tode harrt,
Bis sie zum Leben wiederum erstehn;
In diesem Himmel harrte Buddha auch,
Bis einst, zu unserem Heile, er empfing
Die fünf gewissen Zeichen 3 der Geburt;
Die Devas 4, die die Zeichen sahn, sprachen:
»Buddha zieht wieder hin und hilft der Welt.«
»Ja!« sprach Er, »Hilfe bring’ ich jetzt der Welt
Zum letzten Mal; denn enden soll hinfort
Geburt und Tod für mich und alles Volk,
Das meine Lehre hört und mein Gesetz.
Hinabgehn will ich zu den Śākyas 5
Wo südwärts unter Himalayas Schnee
Ein guter König lebt, ein fromm Geschlecht.«

Es träumt’ in jener Nacht die Königin
Maya 6, des Königs Suddhōdanas 7 Weib,
Als an der Seite ihres Herrn sie schlief,
Ein seltsam Traumgesicht: Vom Himmel schoss
Hin durch die Luft ein Stern von ros’gem Glanz
Sechsstrahlig, – doch als Zeichen war darauf
Ein Elefant 8 so weiß wie Milch von Kamadhuk 9
Und sechsgezähnt – tief in ihr Innres schien
Der ros’ge Strahl und füllte ihren Schoß,
Von rechtsher nahend. Als sie nun erwacht,
Schwellt’ ihr ein übermenschlich Mutterglück
Die Brust; am Horizont ein lieblich Licht
Den Morgen kündet’, es erzitterten
Der Berge Häupter, eingeschläfert sank
Der Wellen Spiel zurück, und hervor,
Als wär’ es heller Mittag, kamen all
Die Blumen, die im Licht des Tages blühn.
Bis zu der Hölle 10 tiefsten Schlünden drang
Der Kön’gin Glück, wie wenn der warme Strahl
Der Sonn’ ins Waldesdunkel goldig dringt;
Geheimnisvoll durch alle Tiefen ging
Ein leises Raunen: »Heil euch allen«, sprach’s,
»Ihr Toten, denen neues Leben winkt,
Und ihr Lebend’gen, die ihr sterben sollt,
Steht auf und hört und hofft! Buddha ist da!«
Drauf senkte sich in Höllen ohne Zahl
Ein tiefer Frieden, und das Herz der Welt
Tat höheren Schlag, und über Land und See
Blies wunderbar erquickend kühler Wind.
Als nun der Morgen tagt’ und alles dies
Bekannt ward, sprach die altersgraue Schar
Der Traumausleger: »Gut ist dieser Traum!
Die Sonne in des Krebses Zeichen steht 11;
Die Kön’gin wird gebären einen Sohn,
Ein heilig Kind, von sond’rer Weisheit voll.
Heilbringend allen Menschen; denn er wird
Entweder sie befreien von blindem Wahn,
Oder ihr Herr sein, – wenn ihm dies genehm.«

So ward der heilige Buddha geboren.

Um Mittag stand, als sich die Zeit erfüllt,
Die Kön’gin Maya in des Schlosses Park;
Es wölbt’ sich über ihr ein Balsabaum 12,
Ein stolzer Schaft, wie Tempelsäulen schlank,
Gekrönt von Blätterglanz und Blütenduft;
Und da er wusste, dass es nun die Zeit,
Denn alle Erdenwesen wussten dies,
So neigt’ er dienstbereit die Zweig’ herab
Als eine Laube für die Königin.
Aufsprießen ließ die Erde alsobald
Zahllose Blumen, als ihres Lagers Statt;
Dass auch ein Bad nicht fehle, tat der Fels
Sich auf daneben, und ein klarer Strom
Entfloss ihm mit kristall’ner Flut. So ward
Das Kindlein gebor’n, ohn’ Pein – er hatte
Auf dem wohlgeformten Körper sein
Die Zeichen, zweiunddreißig an der Zahl,
Die zeigten die gesegnete Geburt 13;
Schnell kam die frohe Botschaft in das Schloss,
Doch als, den Knaben heimzuholen, man
Die bunte Sänfte brachte, nahten sich
Als Träger die vier Weltregierer selbst,
Herabgestiegen vom Sumeruberg 14, –
Sie, die des Menschen gut’ und böse Tat
Auf eh’rne Tafeln schreiben: aus dem Ost
Der Engel, dessen Tross im Silberkleid
Perlmutterschilde trug; der aus dem Süd,
Mit Reitern, den Kumbhāṇḍas 15, hoch zu Pferd
Auf blauen Rossen, – Saphir war ihr Schild;
Des Westens Engel, von Nāgas gefolgt,
Auf Rossen hinjagend, so rot wie Blut,
Korallenschilde trugen sie; doch der
Engel des Nordens war von Yakshas rings
Umgeben, all’ in Gold, und golden war
Ihr Schild, und ihre Rosse waren gelb.
Mit unsichtbarer Pracht stiegen sie nun
herab und fassten selbst der Stangen Griff,
Von Ansehn und an Kleidern Trägern gleich,
Und doch gewalt’ge Götter; diesen Tag
Verkehrten frei mit Menschen Götter, ob
Auch unbekannt den Menschen; denn erfüllt
Mit Freude war der Himmel für die Welt,
Weil Buddha, unser Herr, erschienen war.

König Suddhōdana war’s nicht bekannt;
Den König ängstigte der Zeichen Wink,
Bis seine Traumwahrsager kündeten,
Gesegnet werde sein mit ird’scher Macht
Der Prinz, ein Chakravartīn 16, wie er in
Eintausend Jahren einmal nur ersteht.
Dies künden sieben Zeichen, die er hat 17:
Der Götterdiskus Chakra-Ratna; dann
Der Edelstein, das stolze Ross dazu –
Das Aswa-Ratna, das auf Wolken eilt;
Der Hasti-Ratna dann, ein Elefant,
Schneeweiß, den König selbst zu tragen wert;
Der list’ge Staatsmann, und der Feldherr, nie
Besiegt; und, wunderbarer Anmut voll,
Ein Weib, die Istri-Ratna, lieblicher
Als Morgenröte. Wie der König nun
Die Zeichen an dem Wunderknaben sah,
Befahl er, dass die Stadt im Festesglanz
Erstrahlen sollte; also fegte man
Die Straßen, sprengte Rosendüfte und
Behing mit Fahnen und mit Lichtern rings
Die Bäume, während froher Gaffer Schar
Schwerttänzer, Gaukler staunend sich beschaut,
Jongleure, Zaub’rer, Künstler auf dem Seil,
Tanzmädchen auch in ihrem Flitterkleid,
Mit Glöckchen, die an ihrem flinken Fuß
Wie helles Lachen klingeln; und im Fell
Von Bär und Reh vermummten Maskentross.
Tigerbändiger und Wachtelkämpfer,
Ringer, Trommler und Saitenklang, all das
dem Volk zur Lust auf des König's Geheiß.
Von ferne kam manch reicher Handelsmann,
Da von dem Knaben Kunde er vernahm,
Und bracht’ in goldner Truhe Gaben dar,
Angorafell, Räucherwerk und Türkis,
Gefärbt wie Abendhimmel, und so fein
Gewebte Schleier, dass zwölf Lagen nicht
Ein schamhaft Antlitz hüllen; Stoffe auch
Mit Perlen dicht besät, und Sandelholz,
Als seiner Stadt geziemenden Tribut.
Drum ward Savārthasiddh der Prinz genannt.
»Der Allbeglückte«, kurz Siddārtha auch.

Inmitten dieser fremden Pilger kam
Ein Heil’ger, Asita 18, des Haar ergraut,
Sein Ohr schon längst sich dieser Welt verschloss.
Der hatte unter seinem Bodhibaum 19
Vernommen Himmelsklänge beim Gebet,
Den Sang der Devas bei des Herrn Geburt.
Des Fastens und seines Alters Kraft ihm
brachten wundersame Weisheit hervor;
Und als er näher trat, ausstrahlend sein
Ehrwürd’ges Ansehn, grüßt’ der König ihn,
Und Kön’gin Maya nahm ihr Kind und legt’
Es nieder vor die heil’gen Füße ihm.
Doch als er sah den Prinzen, rief er aus:
»O Königin, nicht so!« berührte drauf
Achtmal den Staub mit seinem Angesicht
Und sprach: »O Kind! Anbet’ ich! Du bist Er!
Ich seh’ das ros’ge Licht, die Zeichen auch
An deiner Sohle, seh’ der Swastika 20
Zierlich gelockte Ranke, seh die zwei
Und dreißig Zeichen all’ fürnehmster Art,
Die achtzig niedern auch. Buddha bist du,
Wirst künden das Gesetz, und alles Fleisch
Erlösen, wer nur lernet das Gesetz.
Ich hör’ es nicht, mir kommt der Tod zu schnell,
Der ich doch längst zu sterben mich gesehnt.
Doch hab’ ich wenigstens gesehen dich.
Vernimm, o König! Dies ist an dem Baum
Der Menschheit jene Blüte, die sich nur
Einmal in vielen tausend Jahr’n öffnet –
füllet dann die Welt mit der Weisheit Duft,
Und der Liebe Honigtropfen; es sprießt
Aus deinem Stamm ein Himmelslotos auf!
O glücklich Haus, – und doch nicht allbeglückt!
Ein Schwert soll dir durchbohren deinen Leib
Um dieses Knaben willen – denn du selbst,
O süße Königin! Den Göttern und
Den Menschen teuer wegen dieses Kinds,
Du bist hinfort zu heilig für mehr Weh;
Leben ist Weh, in sieben Tagen drum
Wird schmerzlos dir der Schmerzen Ende nah’n.«

Und so geschah’s; am siebten Abend schlief
Die Kön’gin lächelnd ein zum ew’gen Schlaf
Und ging in Trayastrinshas Himmel 21 ein,
Wo Devas ohne Zahl ihr dienen, und
Verehr’n des Mutterhauptes Glorienschein.
Bald fand sich eine Amme für das Kind,
Prinzess Mahāprajāpati; mit Milch
Nährt’ ihre edle Brust die Lippen Ihm,
Von dessen Lippen Trost empfängt die Welt.

Doch als das achte Jahr vorüber war,
Gedacht’ der König sorglich seinen Sohn
Zu lehren alles, wes ein Prinz bedarf.
Denn ehrfurchtsvoll noch scheut’ er, was zuvor,
Fast allzuviel, die Zeichen kündeten
Die Leiden eines Buddha und den Ruhm.
Drum fragt’ er also seiner Räte Schar:
»Wer ist, sagt an, ihr Herrn, der Weiseste,
Zu lehren meinen Prinzen alles, wes
Ein Prinz bedarf?« Sie gaben allsogleich
einmütiglich die Antwort drauf: »O Herr!
Nur Viswamitra 22 ist der Weiseste,
Die heil’gen Schriften er am tiefsten kennt,
Der best’ an Wissen und Geschicklichkeit.«
So rief denn Viswamitra man herbei;
Und eines Tags begab sich’s, dass der Prinz
Die Tafel von rotbraunem Sandelholz
Ergriff, mit edelsteinbesetztem Rand,
Und sorglich glatt gemacht mit Schmirgelstaub.
Die fasst’ er und den Schreibstift, und stand da
Gesenkten Auges vor dem Weisen, der
Sprach: »Kind, schreib diesen Spruch«,
und langsam ihm
den Vers vorsprach, den man Gāyatri23 nennt,
Und den ein Hochgeborner nur vernimmt:

Oṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ
Tát savitúr váreṇ(i)yaṃ
Bhárgo devásya dhīmahi
Dhíyo yó naḥ pracodáyāt.
24
»Ācārya 25, ich schreibe«, erwiderte

Der Prinz voll Sanftmut, und mit rascher Hand
schrieb er der Tafel seine Zeichen ein,
Doch nicht in einer Schrift, in mancherlei
Schriftzeichen 26, in Nagri und Dakshin, Nī,
Mangal, Parusha, Yava, Tirthi, Uk,
Darad, Sikhyani, Mana, Madhyachar,
Der Zeichensprache und der Bilderschrift,
Der Hügelmenschen Runen und des Volks,
Das an der Küste wohnt, und derer auch,
Die Schlangen dienen in der Felsenkluft,
Und die zur Flamme beten, und zum Kreis
Der Sonne, und der Magier, und die
Auf Pfählen sich ihr schwebend Heim erbaut;
All dieser Völker fremde Zeichen schrieb
Der Knabe sicher mit dem Griffel hin
Und las den Vers in jeder Sprache vor;
Und Viswamitra sprach: »Es ist genug,
Lass uns nun rechnen.

Sprich die Zahlen nach,
Bis in der Zählung wir zu Lakh 27 gelangt,
Eins, zwei, drei, vier bis zehn, die Zehner dann,
Bis hundert, tausend.« Und das Kind benannt’
Ihm folgend Fünfer, Zehner, Hundert, ruhte nicht,
Wie er zu Lakh kam, sondern murmelt fort;
»Darauf kommt 28 Kōti, Nahut, Ninnahut,
Kamba, Viskhamba, Abab, Attata,
Bis Kumuds, Gundhikas und Utpalas,
Durch Pundarīkas bis zu Padumas, –
Mit diesem zählt man Hastagiris 29 Korn,
Wenn es gemahlen ist zu feinstem Staub;
Doch drüber noch hinaus ist eine Zahl,
Das Kātha, das die Sterne zählt der Nacht;
Das Kōti-Kātha, das im Ozean
Die Tropfen, Ingga, das des Kreises Rund
Beziffert, Sarvanikchepa, das uns
Berechnet Gangas 30 Sand, und endlich kommt
Dann Antah-Kalpas, darin wird genannt
Der Sand von tausend Millionen Gangas.
Sucht eine Zahl man, die noch mehr umfasst,
So steigt die Zählung zu Asankya;
Das ist die Summe aller Tropfen, die
In aller Welt durch steten Regenguss
In zehntausend Jahren fallen; dann
Zu Mahā-Kalpas, und damit zählen
die Götter Zukunft und Vergangenheit.«

»’S ist gut!« rief hier der Weise, »Edler Prinz,
Wenn dies du weißt, ist’s nötig, dass ich dich
Erst lehre, wie der Länge Maße sind?«
Bescheiden sprach der Knab’: »Ācārya!
So hör’ mich, bitte 31. Paramānus zehn
Ein Parasukshma sind; von diesen zehn
Ein Trasarene, sieben Trasarenen dann
Ein Sonnenstäubchen; sieben dieser misst
Die Bartspitz’ einer Maus, von diesen zehn
ein Likhya; Likhyas zehn ein Yuka, zehn
Yukas ein Gerstenherz 32, dies siebenmal
Misst eine Wespentaille; so geht’s fort
Zum Mischkorn, Senfkorn, Gerstenkorn.
Davon sind zehn ein Fingerglied, und zwölf
Gelenke eine Spanne, dann gelangt
Zur Elle man, zum Stab, zur Bogenläng’
Und zu des Speeres Länge; aber zwölf
Speerlängen messen einen Atemzug,
Soweit ein Mann mag schreiten, bis die Lung’
Zum zweitenmal er füllen muss; ein Gow
Sind vierzig Atemlängen, viermal dies
Ein Jojana; und, Meister, wenn Ihr wollt,
So sag’ ich, wie viel Sonnenstäubchen sind
Von End’ zu End’ in einem Yōjana.«
Drauf nannte, raschen Sinns, der kleine Prinz
Die richt’ge Anzahl der Atome ihm.
Doch Viswamitra hört’s, warf sich nieder
Auf's Antlitz vor dem Knaben; »Du«, rief er,
»Bist Lehrer deiner Lehrer, – du, nicht ich,
Bist Guru 33. Holder Prinz, dich bet’ ich an!
Du kamst zu mir nur, um zu zeigen klar,
Dass ohne Bücher alles dir bekannt,
Vor allem doch Bescheidenheit.«

Und dies
Hielt Buddha fest in allem Unterricht,
War auch den Lehrern weniger als ihm
Bekannt; und ob auch weise, war er doch
In seinem Wort gefällig; zwar ein Prinz
An Würde, doch im äußer’n Wesen sanft;
Bescheiden, willig, zärtlichen Gemüts,
Und doch furchtlosen Sinns; kein Reiter war
Im Kreis der Jugend kecker, wenn es galt
Auf furchtsame Gazellen lust’ge Jagd;
Gewandter lenkte keiner das Gespann
Bei edlem Wettstreit in des Schlosses Hof;
Doch oftmals hielt im Spiel er mitten ein,
Und ließ das Wild entfliehn; oft gab er preis
Den halberrung’nen Sieg, weil mühevoll
Des Wagens Rosse keuchten, oder weil
Sein Sieg die Mitgespielen traurig macht’,
Wohl auch wenn träumerisch, bedeutungsvoll
Ihm durch die Sinne ein Gedanke fuhr.
So wuchs von Jahr zu Jahr in unserm Herrn
ein mitleidsvoll Erbarmen, wie ein Baum,
Der aus zwei zarten Blättern mächtig sprießt
Und weithin Schatten spendet; nichts jedoch
Von Sorgen, Not und Tränen wusst’ er noch,
Als dass es fremde Worte sei’n für Dinge, die
Ein König nimmer fühlt noch fühlen soll.
Doch einst geschah’s an einem Frühlingstag,
Dass, nordwärts reisend, wilder Schwäne Zug
Hin übers Schloss des Königs und den Park
Zu nisten eilt’ an Himalayas Brust.
Es regten leuchtend sich, vom Liebessang
Beflügelt, ihre Schwingen, Liebe war Pilot, –
Als Devadatta 34, Buddhas Vetter, rasch
Den Bogen spannend, seinen Pfeil verschoss.
Der traf die breite Schwing’ des Vordersten,
Weit ausgespannt zum Flug auf blauem Pfad,
So dass er stürzt’, den argen Pfeil darin,
Und scharlachrotes Blut besudelte
Das reine Federkleid. Als dies der Prinz
Siddārtha sah, hob er den Vogel auf
Liebreich und bettet’ ihn in seinen Schoß,
Die Beine kreuzend, wie ein Buddha sitzt 35.
Und, zart besänftigend des Tieres Furcht,
Legt’ die zerzausten Federn er zurecht,
Beruhigte sein angstvoll klopfend Herz.
Und koste mit der sanften, milden Hand, –
So weich wie der Platane zartes Blatt,
Das eben aufgerollt, – den Schwan zur Ruh;
Und wie er mit der linken Hand ihn hielt,
Zog mit der Rechten er den scharfen Stahl
Gewandt heraus und legte kühles Laub
Und heilungskräft’gen Honig auf den Schmerz.
Jedoch so wenig kannte noch die Pein
Der Knabe, dass in kind’scher Neugier er
Den Pfeil sich selber drückte ins Gelenk
Und scheu zurückfuhr, von dem Stich erschreckt,
Aufs Neu’ mit Tränen zu dem Schwan gewandt!

Dann kam ein Diener: »Einen Schwan hat hier
Mein Herr erlegt, der in die Rosen fiel;
Ich soll um ihn Euch bitten. Gebt Ihr ihn?«
»Ja«, rief Siddārtha, »wär’ der Vogel tot,
So sendet’ ich ihn seinem Mörder wohl,
Allein es lebt der Schwan; mein Vetter hat
Die göttergleiche Flugkraft nur zerstört,
Die in der weißen Schwing’ sich einst geregt!«
Dagegen Devadatta: »Dem gehört
Das Tier, lebendig oder tot, der es
Mit seinem raschen Pfeil zu Fall gebracht;
Frei war’s in Lüften, doch gestürzt ist’s mein.
Gib mir die Beute, lieber Vetter.« Doch
Da drückt’ der Prinz des Vogels Hals sich an
Die zarte Wange, und entgegnet’ ernst:
»Nicht doch, mein Freund! Der Schwan gehöret mir,
Als erstes aller Wesen ungezählt,
Die mein sein werden durch ein größer Recht,
Der Gnade Recht, der Liebe Herrschermacht.
Denn jetzt erkenn’ ich, wie in mir sich’s regt,
Dass ich Erbarmen lehren soll die Welt,
Fürsprecher sein der stummen Kreatur,
Zu lindern jene unermess’ne Flut
Von Weh, die nicht den Menschen nur umspült.
Doch wenn sein Anrecht geltend macht der Prinz,
So legt die Frage weisen Männern vor.
Und ihr Gericht entscheide.« So geschah’s;
Verhandelt ward die Sache im Divan 36,
Und mancher meinte dies und mancher das,
Bis sich ein Priester, allen unbekannt,
Vernehmen ließ: »Wenn Leben etwas ist,
So muss dem, der es rettet, ein Geschöpf
Gehören und nicht dem, der es versucht
Zu morden, – Mord vernichtet und zerstört,
Doch wer beschützt, erhält; gebt ihm den Schwan.«
Dies Urteil fanden alle recht; doch als
Der König mit dem Blick den Weisen sucht’,
Um ihn zu ehren, war verschwunden er,
Und eine Schlange sahen einige
Von dannen gleiten, – oftmals kommen so
Die Götter! So begann Buddha, der Herr,
Sein Werk der Gnade.

Doch noch war bekannt
Kein ander Leid als jenes Vogels ihm,
Der froh, geheilt, zu seinesgleichen flog.
Doch eines andern Tages sprach der Fürst:
»Komm, lieber Sohn, zu schaun die Zaubermacht
Des Lenzes, wie die Erd’, an Früchten reich,
Umworben wird, dass sie dem Schnitter böt’
Von ihren Schätzen; wie mein Königreich –
Einst dein, wenn mir der Scheiterhaufen flammt, –
Sich reichlich nährt und seines Königs Truh’
Gefüllt erhält. Schön ist die Jahreszeit,
Mit neuen Blättern, bunter Blüten Pracht,
Und grünem Gras, wenn man des Pflügers Ruf
Vernimmt.« So ritten sie ins Land hinein,
Wo Quellen rings und Gärten, wo der Stier
Wohl auf und ab auf fettem, rotem Lehm
Mit harten Schultern in des Jochs Geknarr
Sich müht’, den Pflug zu ziehn; es türmte sich
Das fette Land, und von dem Pflug zurück
Rollt’ es in langem, glatten Wellenstrich:
Der Pflüger stellte beide Füße auf
Die Pflugschar, wie sie sprang, die Furche tief
Zu machen; zwischen Palmen murmelnd klang
Das Plätschern eines Bachs geschwätzig hell,
Und wo er rann, schmückt’ ihn die Erde froh
Mit Balsam und mit grünen Halmen aus.
Sämänner schritten dort säend voran;
Der ganze Dschungel 37 klang vom Vogelsang,
Viel kleines Leben raschelte im Busch,
Eidechsen, Bienen, Käfer und Gewürm,
Alle lockt’ der Frühling; Honigsauger
aus Mangozweigen 38 blitzen; und allein
In grüner Schmiede laut an seinem Werk
Der Kupferschmied; der Bienenfresser 39 macht’
Auf purpurrote Schmetterlinge Jagd;
Gestreifte Hörnchen huschten auf dem Grund,
Die Drosseln hüpften prahlerisch dahin,
Die Beos munter suchten nach der Speis'
Die sieben braunen Schwestern 40 schnatterten
Im Dornbusch, und es lauerte am Teich
Der scheck’ge Königsfischer; 41 stolz einher
Schritt auch der Reiher zwischen Büffeln, und
Die Weihen kreisten in der goldnen Luft;
Um den bemalten Tempel flogen Pfau’n,
An jeder Quelle girrt’ ein Taubenpaar;
Vom Dorfe fern lud lust’ger Trommelklang
Zu einer Hochzeit; jedes Ding sprach laut
Von Frieden und von Fülle, und der Prinz
Vernahms mit Lust. Doch wie er tiefer blickt’,
Sah er die Dornen, die am Rosenstrauch
Des Lebens wachsen: wie um seinen Lohn
Der schwarze Landmann schwitzt, und mühevoll
Ums liebe Leben ringt, und wie er quält
Im Sonnenbrand das großgeäugte Paar
Der Ochsen, geißelnd ihrer Flanken Samt.
Dann bemerkt’ er auch, wie von der Ameis’
Die Eidechs’, und hinwiederum von ihr
Die Schlange, und von beiden wieder sich
Die Weihe nährt, und wie der Fischadler
Selbst den Reiher seiner Beute beraubt.
Der Würger jagt die Nachtigall, und die
Den bunten Schmetterling; bis überall
Jedwedes Wesen einen Mörder schlug
Und zur Vergeltung selbst erschlagen ward,
vom Tod sich Leben nährt. Der holde Schein
Verhüllt ein weites, wildes, grausiges
Verschwörungswerk zu gegenseit’gem Mord,
Das von dem Wurme bis zum Menschen auf,
Der seinen Bruder schlägt, das All beherrscht.
Dies sah Siddārtha, sah den Ackersmann,
Der hungrig seinen Ochs zur Arbeit treibt,
Ob auch die Wampen ihm das harte Joch
Aufscheuert; sah, wie alles, was da lebt
Im Drang zu leben, bitter’n Kampf besteht, –
Da seufzt’ er tief: »Ist dies die heitre Welt«,
Sprach er, »die man zu zeigen mir versprach?
Wie ist mit Schweiß gewürzt des Landmanns Brot!
Wie hart der Ochsen Knechtschaft! Im Gebüsch
Wie wild der Krieg entbrannt von Starken und
Von Schwachen! In der Luft welch grimmer Streit!
Im Wasser selbst nicht Frieden! Geht beiseit’
Ein wenig, lasst mich sinnen über das,
Was meinen Augen heute ihr gezeigt!«
So redend setzte Buddha sich, der Herr,
Im Schatten eines Jambulbaums 42, gekreuzt
Die Beine, wie ein heilig Götterbild,
Und ob dem Weh, woran das Leben krankt,
Begann zu grübeln er, woher es kommt,
Und wo das Mittel, es zu heilen, sei.
So endlos Mitgefühl erfüllte ihn,
So weite Liebe für alles was lebt,
So sehnt’ er sich zu heilen alle Not,
Dass der Empfindung Glut sein fürstlich Herz
Begeistert über Sinn und Selbst erhob,
Und, rein und frei von allem Irdischen,
Der Knabe sich Dhyāna 43 so errang,
Die erste Stufe seines heil’gen Pfads.

Es schwebten vorüber
In dieser Stunde hoch zu Haupte ihm
Fünf heil’ge Wesen 44. Als dem Baum sie sich
genaht, ihre Schwingen erzitterten.
»Welch hohe Macht hemmt uns den schnellen Flug?«,
So fragten sie, – denn jede Götterkraft
Wird Geistern offenbar, und ihr Gefühl
Zeigt ihnen an des Reinen Gegenwart.
Herniederblickend sahn sie Buddha dort,
Von ros’gem Glorienschein das Haupt umflammt,
In heilige Gedanken tief versenkt.
Doch aus der Tiefe eine Stimme scholl:
»Der ist’s, ihr Rishis 45, der die Welt erlöst,
Schwebt nieder, anzubeten!« Und herab
Gesenkten Fluges kam die Geisterschar,
Und sang dem Herrn zum Preis ein jubelnd Lied;
Dann zog sie weiter mit beschwingtem Flug,
Und tat den Göttern frohe Botschaft kund.

Doch einer, der vom König hingesandt
Den Prinz zu suchen kam, fand ihn noch dort
In tiefem Sinnen, ob auch längst vorbei
Der Mittag war, und sich die Sonne schon
Die Berg’ im Westen zu erreichen eilt’.
Allein, wie auch die Schatten rückten vor:
Stets unbewegt blieb der des Jambulbaums
Gebreitet über Buddhas heil’ges Haupt,
Und schützt’ ihn vor der Sonne schrägem Strahl;
Und der dies sah, hört’ einer Stimme Ruf,
Der aus den Rosenapfelblüten klang:
»Nicht störe jetzo deines Königs Sohn!
Von seinem Haupt weicht nicht mein Schatten, bis
Der Schatten aus der Seele ihm entwich.«