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Der Papyrus des Ani – Einweihung und das Leben nach dem Tod

Die Idee, daß der Mensch einen unsterblichen spirituellen Teil hat, oder zumindest einen Ätherkörper, der den Tod überdauert, wurde Jahrhunderte hindurch auf vielerlei Weise zum Ausdruck gebracht. Eine wichtige Folgerung aus dieser Vorstellung ist die Existenz einer Reihe von Ebenen oder Welten, die ihren Ursprung im Geistigen haben, und dann an Dichtigkeit zunehmen, bis unsere Erde, die niederste und kompakteste Ebene, erreicht ist. Daraus kann man folgern, daß der Mensch auch eine Reihe feinstofflicher Körper hat, die diesen Ebenen entsprechen: einen physischen Körper auf der physischen Ebene, einen mentalen Körper auf der mentalen Ebene, usw. 

Das Bewußtsein überdauert den Tod und macht Erfahrungen in den entsprechenden nachtodlichen Zuständen, die die Auswirkungen von Karma sind, das im Leben verursacht wurde. Um für diese nachtodlichen Erfahrungen gewappnet zu sein, ohne zu sterben, wurden Vorbereitungen entwickelt, die als Einweihung bekannt sind. In der antiken Welt wurden sie offensichtlich in Form eines "Dramas" gezeigt. Der Kandidat für die Einweihung in die Mysterien mußte sich einer Reihe von Begegnungen psychischer und spiritueller Art stellen. Geschichten und Zeichnungen von Menschen, die durch die Unterwelt geführt werden, gehören zu den Schriften über die Einweihungszeremonien. G. de Purucker erklärt dazu: 

Die Einweihung ist eine Art zeitweiser "Tod" des gesamten niederen Menschen, ein "Schlaf" des niederen psychischen Teiles und ein magisches Erwachen zu einem intensiveren Gewahrwerden des höheren psychischen Teils, auf den dann das innere Licht des monadischen Bewußtseins des Menschen strahlt. 

- Fountain-Source of Occultism, S. 608-609 

Die Einweihung ist demnach ein Weg, wodurch uns die inneren Ebenen der Welten bewußt werden, in die wir nachts im Schlaf und im Tod, periodisch wiederkehrend, eintreten. Kurz gesagt, der Prozeß der Initiation wird mit vollem Bewußtsein erlebt und im Gedächtnis behalten, während er im übrigen dem Tod und dem Schlaf gleichartig ist. 

Eine der wohl bekanntesten Schilderungen der Zustände nach dem Tode, ist die der alten Ägypter. Sie glaubten, daß über jeden an einem Ort namens Âmentet geurteilt wurde. Im Papyrus des Ani, zum Beispiel, wird der Schreiber Ani gezeigt, wie er in seinem Ätherkörper (ka) Âmentet betritt. Hier hält der schakalköpfige Gott Anubis, der Sohn von Osiris und Nephthys, eine große Waage, auf der das Herz des Ani, das seine vergangenen Gedanken und Taten symbolisiert, gegen eine Feder aufgewogen wird. Diese Bewertung muß vorgenommen werden, bevor er in den höheren Ebenen ein "göttliches Herz" empfangen kann. Die Feder versinnbildlicht Gerechtigkeit und Wahrheit, personifiziert durch die Göttin Maât, die Karma in seinem universalen (makrokosmischen) und persönlichen (mikrokosmischen) Aspekt entspricht. Beide sind in dem Ausdruck maâti inbegriffen. Das Herz (âb) steht für die Persönlichkeit, die die Emotionen des ka mit den Gedanken des ba (Seele oder höheres Manas) verbindet.1 

Über Ani und der Waage befindet sich das Präsidium der Götter, die diese Bewertung beaufsichtigen, während auf der anderen Seite der Waage der ibisköpfige Thoth das Ergebnis aufzeichnet. Thoth ist der Gott der Weisheit, der Begleiter der Göttin Maât. Hinter Thoth wartet ein außergewöhnliches Geschöpf, Âmemit genannt, das "gewaltsam die Herrschaft" über den Verstorbenen gewinnen möchte. Âmemit hat das Vorderteil eines Krokodils, in der Mitte ist er ein Löwe und hinten ein Flußpferd. Sein Name kann bedeuten: "der Hunger des Toten", die Verkörperung unersättlichen Verlangens. Diesem Ungeheuer, das aus den eigenen Ängsten und Leidenschaften des Verstorbenen besteht, muß er entgegentreten und das Ungeheuer besiegen, oder es wird ihn bestimmt bezwingen.

Diese Szene veranschaulicht nicht nur die Erfahrungen, die der verstorbene Schreiber Ani in Âmentet machte, sie symbolisiert auch die Einweihung. In diesem Ritual muß der Bewerber zeitweise seinen physischen Körper (khat) verlassen und in seinem ätherischen Körper (ka) nach Âmentet reisen, wo er sich dem Bewertungsprozeß unterziehen muß. Wenn er besteht, wird er eins mit Osiris, der Gottheit, die über den Zyklus der Wiedergeburt herrscht. (Diese Eigenschaft ist in der Bedeutung des Ausdrucks âsâr inbegriffen, von dem der Name Osiris abgeleitet ist.) Ani wird wie Osiris auf diese Weise bewußt wiedergeboren. 

Der Text neben Ani lautet: 

Dieser muß von dem von Osiris erleuchteten Ani gesprochen werden: 

Mein Herz (âb), meine Mutter, mein Herz, meine Mutter,

Mein äußeres Herz (hâti-âb), das ich umgewandelt habe;

Steige empor für mich in Form von innerer Kraft.

Kehre zurück zu mir vor die göttlichen Herrscher (Tchatchau).2

Bürde mir keine Last auf in Gegenwart des Hüters der Waage (Anubis).

Du bist mein ka, das in meinem Körper wohnt und die Bestandteile meines Körpers in Stärke vereinigt.

Mögest du hervorkommen zu dem Ort der Schönheit und Harmonie ohne Hindernis, in meinem Namen von Shenit,3

Daß ich Gespräche pflegen möge mit dem Gott der Schönheit und der Harmonie.

Mögest du dies hören.

- Pert em Hru,4 Kap. XXXB 

Das Gericht in Âmentet ist eine Vorbedingung, um weitergehen zu können. Nur der, dessen Herz rein ist wie die Wahrheit (maât), kann über diese Stufe hinaus in höhere Ebenen oder Welten gehen. 

Thoth, der Schriftführer, steht Ani gegenüber und schreibt das Ergebnis auf. Die Inschrift neben ihm lautet:

Das muß von Thoth, dem Eröffner der Wahrheit, an die große Gemeinschaft der Götter, in Gegenwart von Osiris, gesprochen werden:

Möget ihr diese in Wahrheit bestehenden Worte über die Bewertung des Herzens des Osiris Gewordenen, hören: 

Seine Seele (ba) erhob sich in Form von innerer Kraft (Zeugnis) für ihn zur Zeit der Wahrheit auf der Großen Waage. 

Es erwies sich, daß er keinerlei Übel ausgeübt hatte. 

Keine unerfüllten Wünsche nährten ihn. 

Seine Quelle des Lichts ist nicht zerstört worden. 

Durch den Übergang wurde er nicht berührt. 

Er wird euch untergeben sein, bis er als ein Meister auf Erden bestehen kann. 

Das Herz (âb) des Kandidaten ist als rein befunden worden, und der karmische Rest seines Lebens kann über sein ka zu seinem ba aufsteigen. Wären Unreinheiten vorhanden gewesen, dann wäre der karmische Rest (Möglichkeiten für weitere Erfahrung) zu schwer gewesen, um sich zu erheben, und die Waagschale hätte sich in die verkehrte Richtung geneigt. 

Bei der Waage sitzt der hundsköpfige Affe von Thoth. Weil Thoth göttliche Intelligenz ist, stellt sein "Affe" das verzerrte Bild der göttlichen Intelligenz dar, die menschliche Intelligenz, die Logik und die Vernunft des menschlichen Geistes. 

Die Gemeinschaft der Götter legt dann übereinstimmend die folgende Erklärung vor Thoth ab: 

Das, was aus deinem Munde kam, ist wahr. Das, was die innere Kraft des von Osiris erleuchteten Schreibers Ani betrifft, der die Wahrheit spricht, ist wahr. 

Er hat kein Unrecht getan. 

Er hat keinen Verstoß gegen uns begangen. 

Er hat es nicht zugelassen, daß Âmemit ihn hier gewaltsam überwältigt. 

Möge er ernährt werden, und es ihm gewährt werden, weiter in das Reich von Osiris vorzudringen, das als Sekhet-Hetepet ("Bereiche des Friedens und der Nahrung") erbaut worden ist, wie es den Nachfolgern des Horus zukommt. 

Dieser Ausspruch der Göttergemeinschaft erlaubt es dem Bewerber, sich der nächsten Stufe zu nähern, der Konfrontation mit Osiris, dem Herrn von Âmentet. Der Gott Horus, Sohn von Osiris und Isis, führt Ani jetzt zum Thron des Osiris. Horus wendet sich an seinen Vater und sagt, daß das Wiegen des Herzens nach dem göttlichen Gesetz geschehen sei, und daß der Bewerber ohne Sünde befunden wurde. An dieser Stelle muß der erleuchtete Ani für sich selbst sprechen. Er sagt zu Osiris: 

Mögest du mir gestatten, in deiner Gegenwart zu sein, o göttlicher Herr von Âmentet. 

Weder an meinem Körper noch in meiner Rede sind Mängel [die mich daran hindern], volles Bewußtsein zu erlangen. 

Nicht einer! Nicht einer! 

Möge mir ein Dasein gegeben werden wie das der Bevorzugten, die bei dir wohnen, o Osiris. 

Möge ich das Wohlwollen des bewundernswerten Gottes erlangen, und von dem Herrn der Zwei Reiche geliebt werden.

Zusammenfassend kann man sagen, die alten Ägypter glaubten an die Wiedergeburt (Osiris) und an Karma (Maât) und an ein Gericht nach dem Tode (Anubis) über das, was über ein Leben aufgezeichnet worden war (Thoth); danach folgte die Assimilation der Persönlichkeit (âb). Sie glaubten, daß das Bewußtsein, wenn es beim Tod den Körper (khat) in einem subtilen Körper (ka) verließ, seinen eigenen unerfüllten Wünschen (Âmemit) gegenübergestellt wurde. Sie behaupteten, daß der Zustand nach dem Tode (Neter-khert) durch starke Kräfte der Auflösung (Set) und der Zusammenhangslosigkeit (Âpep) gekennzeichnet sei; diese würden jedoch durch ergänzende Kohäsions- und Schöpfungskräfte im Gleichgewicht gehalten (Isis). Sich selbst überlassen, würden die meisten Menschen diesen Kräften erliegen und das Bewußtsein verlieren. Der gesamte Zustand nach dem Tode, der seiner Natur nach völlig karmisch ist, würde so in traumartiger Ohnmacht verlaufen, und die Wiedergeburt fände ohne die geringste Erinnerung an das vergangene Leben statt. Aber sie glaubten auch, daß der Verstorbene diesen Vorgang nicht allein durchstehen müsse. Wenn er würdig ist, könne er Hilfe erfahren durch telepathische Verbindung mit einem Kher-heb Priester, der noch auf der Erde ist und ihn an sein wahres spirituelles Wesen (Horus) erinnert, an den höheren Teil seines Selbst, der nicht stirbt (Osiris), und der den furchteinflößenden Kräften, die ihn jetzt umgeben (Nephthys), nicht unterworfen ist. Das Ziel, das nur von den am weitesten Fortgeschrittenen erreicht werden kann, besteht darin, während des ganzen Vorganges ein ununterbrochenes Bewußtsein zu behalten und mit klarer Erinnerung an das vergangene Leben wiedergeboren zu werden. Wer das erfolgreich vollbrachte, wurde ein "Meister der Erde" genannt. 

Obwohl es heute kaum Menschen gibt, die sich Gedanken darüber machen, ob sie Göttern oder Ungeheuern begegnen könnten, sind die Lehren der Ägypter vielleicht doch nicht so veraltet, wie sie zunächst erscheinen mögen. Die alte Überlieferung besagt, daß Schlaf und Tod Brüder sind. Wenn dem so ist, dann hat die Begegnung mit Âmemit sein Gegenstück in der Erscheinung des Alpdrückens; und das Wiegen des Herzens durch Anubis hat seine Entsprechung in dem nächtlichen Wirken des menschlichen Gewissens, wobei Thoth die Form unseres Gedächtnisses annimmt, und der Affe von Thoth als unsere Unterordnung unter die Vernunft erscheint. 

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Bildtext: Anis Herz wird auf der Waage gewogen

In Gesellschaft der Götter betreten Ani und seine Frau den Gerichtssaal. Auf den Pylonen sind Aspekte von Anis Seele zu sehen. Anubis prüft die Waage und Thoth schreibt das Ergebnis des Wiegens auf, den Stand der Waagschale mit dem Herzen von Ani gegen die Schale mit der Feder der Wahrheit. Hinter Thoth wartet das Ungeheuer Âmemit.

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Bildtext: Der verstorbene Ani wird von Horus zu Osiris geführt. Er kniet vor dem Heiligtum, wo Osiris auf dem Thron sitzt. Hinter ihm stehen Isis und Nephthys. Die vier Söhne von Horus oben auf der Lotusblüte stellen die vier Himmelsrichtungen dar.

(Aus dem Papyrus des Ani; Britisches Museum, Nr. 10, 470; Blatt 3 und 4.)

Nach Ansicht der Ägypter besteht die einzige Möglichkeit, die furchterregenden Vorgänge sicher durchzustehen, darin, daß man sich während des ganzen Lebens darauf vorbereitet. Die Einweihung, wie sie für Ani dargestellt wurde, war ein wesentlicher Teil der ägyptischen Kultur, und die Erkenntnisse, die gewonnen wurden, trugen zur langen Lebensdauer dieses Volkes bei. Diese Erkenntnisse waren nicht nur Ansammlungen äußerer Einzelheiten, sondern vielmehr das bewußte zum Ausdruckbringen des göttlichen Potentials. Eine Einweihung darf nicht unbesonnen unternommen werden, denn es erfordert lange Jahre der Vorbereitung, gewöhnlich mehrere Leben, bevor man auch nur die vorbereitenden Prüfungen erfolgreich bestehen kann. Nur jemand, dessen Seele gänzlich rein ist, kann Osiris werden. Es ist das erhabene Ziel des Kandidaten, eines Tages ein Meister der Erde zu werden, damit er seinerseits wieder anderen helfen kann, sich der Gemeinschaft der Götter anzuschließen.

Fußnoten

1. Ka entspricht kâma-rûpa, dem Begierdenkörper der Theosophie; âb entspricht kâma-manas, dem Wunschdenken; und ba entspricht buddhi-manas, dem erleuchteten Geist. [back]
2. E. A. Wallis Budge Übersetzung: "Möge es vor dem Gericht keinen Widerstand gegen mich geben. / Mögen mich die göttlichen Herrscher nicht zurückweisen." The Egyptian Book of the Dead, S. 11. [back]
3. Die Shenit waren besondere Diener des Königs. Nach Budge waren sie die "Beamten am Hof von Osiris" (Osiris and the Egyptian Resurrection, Bd. 1, S. 333). Aus den Hieroglyphen kann jedoch auf eine tiefere Bedeutung geschlossen werden, denn shenit enthält shen (Zyklus) und ser (Fürst oder großer Mann). Die Hieroglyphe kann also bedeuten: "Zyklen des Fürsten", wobei Fürst, wie Mutter, ein Symbol für das reinkarnierende Ego ist. [back]
4. Wörtlich "Heraustreten in das Tageslicht" (Der Titel Totenbuch wurde dieser Papyrustext-Sammlung von modernen Ägyptologen gegeben). [back]