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Der Monster-Töter – eine Navajo-Legende

 Vater, gib mir das Licht Deines Geistes 

auf daß mein Geist stark sein möge. 

Gib mir etwas von Deiner Stärke, 

auf daß mein Arm stark sein möge. 

Und gib mir Deine Strahlen, 

auf daß Mais und andere Pflanzen wachsen mögen.

- Navajo-Gebet an die Sonne1

 

 

 

bild sunrise 21983 s61 1Es gibt viele Geschichten über die Suche des Menschen nach Wahrheit, und jede ist auf ihre Art tief ergreifend. Die Darstellung der Navajos darüber ist erstaunlich. Ihre Wesensmerkmale und die Landschaft, in der sich alles abspielt, sind durch und durch indianisch und entwickeln auch heute noch die Macht, diejenigen, die an ihrer Dramatisierung teilnehmen, zu heilen und zu beschützen. Durch die Verbindung von heiliger Überlieferung mit einem Ritual sowie mit Zeichnungen in trockenem Sand, nimmt ihre "Suche" die Form einer Zeremonie an, die ursprünglich neun Tage und neun Nächte dauerte. Man nennt sie: "Wo die Zwei zu ihrem Vater kamen".2 Dieser feierliche Ritus wurde im Jahre 1885 zufällig von James Stevenson "entdeckt", der unerwartet im Reservat von Arizona eintraf, als die Navajos gerade dabei waren, mit der Ausführung zu beginnen, um einem zum Stamme Gehörenden zu helfen, dessen Sehkraft durch eine Augenentzündung nachgelassen hatte. Der Bericht, den Mr. Stevenson später an das Amt für Völkerkunde der Vereinigten Staaten sandte, verriet, wie tiefgreifend und kompliziert das Ereignis war, das er und die 1200 Indianer, die dort versammelt waren, erlebt hatten. 

Eine andere Version3 der Legende erhielt die amerikanische Künstlerin Maud Oakes in der Zeit von 1942-1943 von Jeff King, einem 75 Jahre alten Navajo-Medizinmann aus New Mexico, der die Gesänge und Zeremonien in seiner Kindheit von dem berühmten Sänger Hosteen Hozone erlernt hatte. "Man braucht vier Jahre", sagte er, "aber ich lerne immer noch." Seine Sandzeichnungen basieren auf seiner Erinnerung an Bilder, die er vor langer Zeit in einer Höhle gesehen (oder visionär? erhalten) hatte. Heute werden diese symbolischen Bilder nach vorgeschriebenen Mustern "gemalt"; dabei werden zwischen Daumen und Zeigefinger Ingredientien verstreut, die oft sehr schwer zu beschaffen sind. Dazu gehören verschiedenfarbiger Sand von den vier Heiligen Bergen, Blütenstaub, Blütenblätter von Bodenblühern und Maismehl - die Nahrung der Götter und der Menschen auf Erden, worin Kraft und Medizin miteinander verbunden sind. 

Während der Kontext der Dramatisierung an den Anfang der Erde und an die ersten Kämpfe zwischen den gegnerischen Kräften des Kosmos erinnert, bezieht sich die Anwendung immer auf Umstände des täglichen Lebens. Diese Zeremonie wird ausgeführt, um Krieger vor Gefahren zu schützen - zum Beispiel während der Auseinandersetzungen mit den Truppen Colonel Kit Carsons vom Fort Sumner während der Jahre 1863-1868, und später im Vietnamkrieg. Andere Zeremonien werden gegen Hunger, Unglücksfälle und Krankheiten des Körpers und auch des Geistes durchgeführt. Übereinstimmend berichten die Menschen, die an den Ritualen teilnehmen oder ihnen zuschauen, von einem Erhobensein und von einer fast greifbaren Kraft, die in ihren Seelen erweckt wurde. Das wird offensichtlich dadurch erreicht, daß sie sich mit den heroischen oder spirituellen Kräften identifizieren, die der Gesang des Priester-Künstlers und seiner Assistenten in ihnen durch die Darstellungen und durch die rhythmische Wiederholung bestimmter Klänge, Farben und Bewegungen erweckt. Diese Rhythmen versetzen die Patienten und die Zuschauer in einen Zustand, in dem sie innerlich und äußerlich eine Verbundenheit mit der Stärke und Schönheit ihrer eigenen höheren Natur empfinden. Durch dieses sich Eins-fühlen werden sie tief beruhigt. Die Harmonie und damit die Gesundheit ist wieder hergestellt, und sie sind nun vor den "Ungeheuern" geschützt, die Angst und negative Gefühle erzeugt haben. 

Wo die zwei zu ihrem Vater kamen ist ein klassisches Beispiel für die Erlösergeschichte, für die Suche des Menschen nach spirituellem Wissen. Hier wird der Held in Gestalt von Zwillingen dargestellt - ein kluger Hinweis darauf, daß Fortschritt auf dem Zusammenwirken unseres Verstandes und unseres Herzens beruht. Die wichtigste Geschichte in diesem Epos schildert die Abenteuer der beiden Kinder der "sich ändernden Frau". Das ältere wurde auf wunderbare Weise von der Sonne erzeugt, als die Frau im Mittagslicht der Sonne schlief; das jüngere wurde empfangen, als sie in einem Teich badete und Wasser auf sie herabtropfte. 

Schon als Kinder, so berichtet die Legende, waren die beiden - sie werden auf verschiedene Weise erwähnt, als Einzelwesen, als Brüder, als männliche und weibliche Zwillinge - mit ungewöhnlichen Kräften ausgestattet. Als sie vier Tage alt waren, konnten sie bereits laufen, und genauso wie der Mais wurden auch sie alle vier Tage größer. Allerdings war ihre Sicherheit bedroht. Ein Riese, der Navajo-Herodes, entdeckte kleine Fußabdrücke rund um den Hogan [erdbedeckte Balkenhütte der Navajoindianer] der "sich ändernden Frau", und wollte die Kinder umbringen. Sie aber versteckte sie unter ihrer Bettdecke und sagte, sie hätte die Spuren selbst gemacht, indem sie ihre Hand auf die Erde gedrückt habe. Danach wurden die Zwillinge zwischen den vier Hügeln dicht am Haus verborgen gehalten, damit die Ungeheuer, die den Menschen Verdruß bereiten, sie nicht töten konnten. 

Als sie zwölf Jahre alt waren, fragten sie nach ihrem Vater. Obwohl sie davor gewarnt worden waren, diese Frage zu stellen, und obwohl man ihnen gesagt hatte, es sei völlig unmöglich, ihn zu finden, beschlossen sie, es zu versuchen. Sie machten sich auf den Weg und kamen zuerst zu zwei blauen Kreuzen, dann zu den Wolken und schließlich zu dem Regenbogen, der sie zu einem entfernten Ort brachte, an dem Treibsand war. Hier trafen sie das Dünensand-Monster, das die Vorübergehenden umbrachte, indem es sie unter den Sand zog. Doch die Helden begannen Lieder zu singen und zu ihm zu beten, und weil so etwas dem Ungeheuer noch nie zuvor widerfahren war, erlaubte es den beiden, ihre Reise unversehrt fortzusetzen. 

Als Nächstes trafen sie eine alte Frau, die nach Westen wanderte. Sie fragte die Kinder, wohin sie gehen wollten? "Wir sind unterwegs zu unserem Vater, der Sonne", sagten sie. "Das ist sehr weit", erwiderte die Frau. "Auch wenn ihr euch als junge Männer aufmacht, werdet ihr sicherlich sterben, bevor ihr ankommt." Da sie jedoch sah, wie fest entschlossen die beiden waren, gab sie ihnen eine Warnung mit auf den Weg: "Tut was ihr wollt, aber lauft mir nicht nach!" Die Jungen dankten ihr und brachen auf, sorgfältig die Spuren der alten Frau meidend. Doch nach einiger Zeit vergaßen sie es und wurden sogleich sehr müde und alt. Glücklicherweise sah das die alte Frau aus der Ferne, und als die beiden sie baten, ihnen ihre Jugend wiederzugeben, tat sie es, indem sie in die vier Himmelsrichtungen sang. 

Später trafen die Kinder die Heiligen Leute, die Dämmerung, die Dunkelheit und auch die Spinnenfrau. Diese war die Freundlichkeit selbst, als sie ihr sagten, daß sie auf dem Weg zu ihrem Vater seien, um ihn zu bitten, ihnen zu helfen, die Ungeheuer zu töten, die den Menschen damals so großes Leid zufügten. Sie lud sie ein, die viersprossige Leiter in ihr Haus unter der Erde (Hades?) hinabzusteigen, und gab ihnen zu essen aus Körben, die, obgleich es schien als seien sie nicht voll, nie leer wurden, ganz gleich, wieviel sie auch aßen. Dem Älteren gab sie einen Türkis und dem Jüngeren eine weiße Muschel, die sie verschlucken mußten, um Mut zu bekommen, und jedem gab sie zum Schutz eine Adlerfeder, die sie der Sonne gestohlen hatte. "Was ihr auch immer tut, zeigt sie niemandem", sagte sie zu ihnen, "versteckt sie an eurem Herzen. Sie wird euch beschützen und euch helfen, wenn ihr in Not seid." Diese Gaben ermöglichten es den Zwillingen, unbeschadet eine Reihe von Abenteuern zu bestehen: das mit dem Schilfrohr, das geschnitten werden mußte, das mit den Felsen, die zusammenstoßen, das mit den stechenden Katzenschwänzen und das mit dem Wasserwanzen-Volk. 

Als sie jedoch an ein großes Wasser kamen, das sich bis zum Himmel erstreckte und mit ihm verschmolz, wußten sie nicht, wie oder wohin sie gehen sollten. Aber sie wußten, was sie tun mußten. Jeder stellte sich auf seine Feder, und der Regenbogen kam und trug sie über das Meer. "Wir werden wissen, wohin wir gehen müssen, wenn wir dort sind", sagten sie zuversichtlich. Und so war es auch, denn in der Ferne sahen sie das Haus der Sonne, von Wächtern umgeben: von vier großen Bären, vier großen Schlangen, vier starken Winden und vier starken Donnern. Als sie näherkamen, trafen sie die Tochter der Sonne, die sehr erschrak, als sie hörte, daß die Kinder von der Erde kamen, denn sie fürchtete, die Sonne würde sie umbringen, wenn sie zurückkam. Um das zu verhindern, rollte sie den älteren Zwilling in eine schwarze Wolke und den jüngeren in eine blaue, und versteckte beide in Nischen unter dem Dach - jeder hielt seine Feder dicht am Herzen. Als die Sonne bald danach heimkam, entdeckte sie die beiden, aber anstatt sie zu töten, beschloß sie, die Kinder einer Reihe von Prüfungen zu unterziehen, um herauszufinden, ob sie Heilige Leute seien, die auf irgendeine Weise Eintritt in ihr Haus erlangt hatten. 

Eine der Prüfungen bestand darin, daß sie sich ausziehen und ohne ihre Federn eine Schwitzhütte betreten mußten, in der es so heiß war, daß kein irdisches Wesen darin überleben konnte. Doch die immer einfallsreiche Tochter sagte den Zwillingen, sie sollten in die zwei seitlichen Hohlräume kriechen und sich mit Steinen zudecken. Später kamen sie trotz der ungeheuren Hitze, trotz des Dampfes, des kochenden Wassers und des Getöses unbeschädigt wieder heraus. Eine weitere Probe bestand darin, daß sie Maismehl essen mußten, dem Gift hinzugefügt war. Die Brüder überlebten, weil sie die Warnung einer buckeligen Spannerlarve befolgten, den Korb mit dem Mehl einfach umzudrehen und nur die eine Hälfte zu essen. Die Sonne, überrascht, daß die beiden noch lebten, führte sie als nächstes mit ungewöhnlichen und wundersamen Gaben aller Art in Versuchung. Aber sie unterlagen nicht, sondern erwiderten nur gleichgültig: "Das können wir später einmal brauchen, nicht jetzt." Schließlich war die Sonne überzeugt, daß sie ihre Kinder waren; nur ihre eigenen Angehörigen konnten so erfolgreich jede Prüfung überstehen, die sie sich ausgedacht hatte. 

Nun, da die Zwillinge unversehrt heranwuchsen und strahlend wurden und ihre göttliche Gestalt und Größe erreichten, nahm sie ihr Vater mit in einen Raum seines Hauses, der voller funkelnder, farbenprächtiger Gegenstände war, daß sie kaum hinsehen konnten. Hier bekleidete er sie in Gegenwart der Donnerleute, von Blitz, Regenbogen und Sonnenstrahlen mit den Kleidern der Unverletzbarkeit: mit Schuhen, Mützen, Waffen und Feuersteinmessern (Feuerstein ist auf Erden das Abbild der Sonne)! Er machte sie unbesiegbar und ihm ebenbürtig, indem er im Älteren ein "kleines Männchen aus Kohle" und im Jüngeren eine Figur aus Türkis anbrachte. Schließlich gab er ihnen noch ihren Namen. Den Erstgeborenen, seinen Sohn, nannte er Monster-Töter und den Zweitgeborenen, seinen Enkel, Kind-aus-Wasser-geboren. Bis zum heutigen Tag hält mancher Navajo seinen eigenen Namen für so heilig und schützend, daß er ihn nur in größter Not preisgibt. Später zeigt die Geschichte, daß die Kenntnis der verschiedenen Namen der Monster für den Monster-Töter eine der Waffen war, die ihm halfen, diese Ungeheuer zu "vernichten", das bedeutet, er kannte ihre Kraft und assimilierte sie. 

 

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Bildtext: Die große Donner-Malerei

In dieser Sandmalerei, die den Himmel darstellt, sehen wir das Haus der Sonne von vier Großen Donnern bewacht. Während der Zeremonie betritt der Patient (oder Initiand) im Osten (links) das Haus - das große Viereck, das das Universum der Navajos darstellt. Während Gebete gesprochen werden, steht er auf dem ersten Kreuz, das einen Stern darstellt, dann geht er zum zweiten Kreuz, wobei noch mehr Gebete gesagt werden, dann steht er mit dem Gesicht nach Osten mit je einem Fuß auf den beiden anderen Kreuzen. Die vier Halbkreise hinter ihm symbolisieren die Stärke, die von den Sternen kommt. In diesem Augenblick überreicht ihm der Sänger den Zeremonienkorb, weitere Gebete werden gesprochen und Lieder gesungen

Die Kreise mit den Kreuzzeichen auf dem Korb sind vielsagend; unter anderem stellen sie die Reisen des Sängers zum Zeremonien-Hogan dar; die Verabreichung der Medizin an den Patienten und die Rückkehr zu seinem Heim. Die Öffnung des Korbes zeigt auf der Darstellung immer nach Osten, damit der Geist eintreten und wieder austreten kann

(Aus: Where the Two Came to Their Father, Seite 37, 42, Bild XVII).

 

Nachdem sie ihrem Vater für seine Gaben gedankt hatten, wollten Monster-Töter und Kind-aus-Wasser-geboren aufbrechen, aber er hielt sie zurück bis zum Neumond im Mai, wenn die gesamte Natur voller Kraft ist. "Ich werde euch meine Weisheit geben, bevor ihr hinuntergeht. Ihr müßt sie immer gebrauchen und an andere weitergeben, so daß meine Weisheit allzeit auf Erden sein wird." Zur Besiegelung seiner Anerkennung gab er ihnen eine Feder, "sie war aber nicht wie jene, die ihnen die Spinnenfrau gegeben hatte", und die sie auf der Reise zu ihrem Vater beschützt hatte. Diese neue Feder war nicht nur ein Zeichen ihrer überlegenen Kenntnisse, sie war auch ein Zeichen dafür, daß ihr Auftrag als Abgesandte der Sonne auf Erden begann. 

Durch diese Gaben gestärkt, mit leuchtenden Speeren und Pfeilen versehen, kehrten die Brüder zur Erde zurück und begannen damit, die Ungeheuer auszurotten: Das Felsenungeheuer, Das Die Menschen hinabstößt; Das Ungeheuer, Das Mit Seinen Augen Tötet; Das Ungeheuer Wandernder Fels und all die anderen großen und kleinen Riesen und Ungeheuer, die Unglück erzeugen und die Menschen töten. Als das getan war, gingen sie zum Navajo-Berg zurück und übermittelten ihrem Volk die Lehren, die die Macht und Weisheit der Sonne verewigen sollten. Dann, von ihren Anstrengungen schwach und müde geworden, erwarteten sie den Tod, aber der sollte nicht kommen. Die Zwölf Heiligen kamen und leiteten die gesamte Zeremonie "Wo die zwei zu ihrem Vater kamen", und die Zwillings-Heiligen erhielten neues Leben; und sie leben noch. Ihre Gesänge und Gebete bringen Gesundheit und Glück allen, die mit ihrem Herzen zuhören. 

Aus dieser kurzen Darstellung kann man leicht erkennen, wie übereinstimmend die Details dieser Indianer-Mythe, oder des "Weges", wie es manche Menschen lieber nennen, mit anderen gleichartigen Geschichten von der Suche sind: Es ist der Weg der Erfahrung und Entwicklung, den ein Krieger oder ein Initiand oder eine menschliche Heldenseele gehen muß, anfangs in dieser Tag-Welt der Konflikte und Herausforderungen, dann geht der Weg nach innen durch die schattenhaften Regionen der Dämmerung und der Dunkelheit, wo sich verborgene Fähigkeiten entwickeln, und schließlich führt er in das strahlende Haus der Sonne. Für jeden, der bereit ist, wird diese Reise zu einer freudvollen Befreiung von den Täuschungen des irdischen Daseins. Die Gefahren, Prüfungen, Ungeheuer und Ratgeber veranschaulichen Kräfte, die ihm beim Vorwärtsgehen helfen. Die hilfreichen Mächte, die immer da sind, wenn sie gebraucht werden, sind die Bestätigungen aus dem Inneren, daß der Suchende bereits die Kraft hat, voranzuschreiten. Die drohenden Gefahren und Ungeheuer sind jene disharmonischen und unbeherrschten Elemente in der Natur und in ihm selbst, die, wenn sie erst einmal überwunden und in Harmonie gebracht worden sind, ihn mit ihrer Energie stärken. Nach dem Glauben der Navajo sind gute und schlechte Wesen und Umstände relativ. Was feindlich und verwirrend erscheint, wird segensreich, wenn es "in Ordnung gebracht ist", das heißt, wenn es unter Kontrolle gebracht wird. Durch solche Umwandlungen, bei denen die Helden das Ungeheuer der Sanddüne und die anderen so behandelten, wie noch nie zuvor mit ihnen umgegangen wurde, entgingen die Helden dem Schicksal, gefressen zu werden, und konnten den Großen Ozean überqueren - ein Symbol dafür, daß ein höheres Ziel erreicht wurde. Diese und andere Prüfungen wurden verlangt, um die Kraft der Zwillinge zu erproben, nicht, um sie zu vernichten. Genauso wie die Herausforderungen, die uns täglich begegnen, waren es Gelegenheiten, um Wissen und Stärke zu entwickeln, bis sie schließlich ihre volle Größe erreichten und mehr als menschlich wurden, heroisch, und sich dann mit ihrer spirituellen Quelle vereinigten. Von nun an übernahmen die beiden die Verantwortung für den Schutz, für das Wohlergehen und die Belehrung ihres Volkes. 

Über die verschiedenartigen Charakterisierungen hinaus, hat jede Einzelheit - Farbe, Klang, Geruch und Material -, die zu dieser vielfältigen und sorgsam ausgearbeiten Zeremonie verwendet wird, ihre besondere Bedeutung und Kraft. Selbst etwas so Kleines wie der Blütenstaub, der zu den Zeichnungen im Sand verwendet wird, ist wichtig. Er ist ein Sinnbild des Lichtes, denn "er sendet Licht aus in alle Richtungen, er leuchtet zwischen allen anderen." Er gibt auch Frieden, Wohlstand und Fortbestand des Lebens, und Sicherheit. Farben haben ihre besondere Bedeutung, zum Beispiel Kohle (schwarz) ist die Farbe für das Abbild der Sonne im Monster-Töter und für die Wolke, die ihn verbarg, als er das Haus seines Vaters betrat. Diese Farbe stellt die geheimnisvolle Macht dar, die Unsichtbarkeit und Schutz verleiht, sie stellt auch den Ort dar, von dem alle Dinge ausgehen und von wo sie ihren Ursprung haben. Türkis (blau) andererseits, die Farbe des Seelen-Männleins Kind-aus-Wasser-geboren, bedeutet Friede, Glück und Erfolg, sowohl in irdischen als auch in geistigen Bestrebungen. In einer Andeutung auf die Anfänge wird Türkis als das "Feuer" der Ersten Frau beschrieben, was daran erinnert, daß die Maya-Indianer das Feuer als das erste und das edelste aller Elemente betrachteten. 

Der typisch indianische und amerikanische Charakter dieser zeremoniellen Legende liegt in der Betonung der mitleidsvollen Kreativität. Mitleid, die sternenhelle Eigenschaft des Herzens, wird als Feingefühl, Respekt und Verantwortung für die eigene Verwandtschaft gezeigt, was nicht nur die menschliche Familie einschließt, sondern auch die seltsamen Felsblöcke in den Canyons, den Treibsand, den Donner, den Blitz, die Spinnen, die Kojoten, die weißen Muscheln und die Türkise. Sie alle sind, so glauben die Indianer "Menschen", die sich von den Menschen nur dadurch unterscheiden, daß sie Kleider aus anderem Material tragen. Kreativität ist die dynamische Verschmelzung eines fragenden, untersuchenden Verstandes, eines beharrlichen Willens und einer Vorstellungskraft, die in dieser und anderen indianischen Geschichten den Menschen befähigen, Hindernisse auf jeder Stufe des Bemühens zu überwinden. Die "sich ändernde Frau" errettete ihre Kinder vor dem Riesen, indem sie leugnete, daß sie da seien, und vorgab, daß sie die Spuren um ihre Hütte mit ihrer geschlossenen Hand gemacht hätte. Dies als reine Täuschung anzusehen - ein Verhalten, das in vielen Kulturen als verabscheuungswürdig gilt - ist kurzsichtig. Die Spinnenfrau gab den Zwillingen Schutz durch die Federn - dem Sinnbild für eine erwachte und aktive spirituelle Seele, der Buddhi im Menschen -, die sie von der Sonne gestohlen hatte. In anderen Legenden stahl der Kojote das Feuer von den Göttern, und der griechische Held Prometheus tat das gleiche, um den Geist der Menschen zu erleuchten. Die nacheinander erfolgten Siege des Monster-Töters und des Kind-aus-Wasser-geboren wurden durch ihren Mut, ihre Urteilsfähigkeit und ihre Initiative errungen. Da die Indianer außerdem glauben, daß diese Welt eine Widerspiegelung des Göttlichen ist, und daß ihr scheinbar solides Aussehen eine Vorspiegelung ist, eine Illusion, die aufgelöst werden muß, wenn wir die Wahrheit in ihrer Schönheit und Fülle sehen wollen, so bewundern sie auch diese Art "Verschlagenheit" sehr. 

Der Gesamteindruck von Wo die zwei zu ihrem Vater kamen rückt jene höhere Dimension in den Blickpunkt, die wir sonst nur selten sehen - eine Dimension, die das Ziel der spirituellen Suche aller Menschen ist und war. Wird sie erreicht, wird das Leben erweitert. Von da an, sagt der Navajo, geht der Mensch weiter, mit Schönheit vor sich, mit Schönheit hinter sich und mit Schönheit überall um ihn herum. 

Fußnoten

1. Eighth Annual Report of the Bureau of Ethnology to the Smithsonian Institution, 1886-'87, J. W. Powell, Director, Government Printing Office, Washington, 1891; S. 277. [back]
2. Ebenda, S. 229-285. [back]
3. Where the Two Came to Their Father, A Navaho War Ceremonial, erzählt von Jeff King; Text und Zeichnungen von Maud Oakes; Kommentar von Joseph Campbell; Bollingen Series I, Pantheon Books, Inec., New York, 1943. [back]