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Die aufrechtstehenden Steine

Ein einsamer Ort auf der Insel Lewis, der nördlichsten Insel der Äußeren Hebriden, deren nächste Nachbarn im Norden Island, im Süden Irland, und im Westen der weite Atlantische Ozean sind. Der Ort heißt Callanish. In der Nähe befindet sich das aus ein paar Häusern bestehende gleichnamige Dorf und dahinter das glitzernde Wasser eines Meeresarmes. Darüberhinaus gibt es nichts weiter als die baumlosen Hügel, die mit Torf bedeckt sind.

Und da sind sie, scharf und dunkel heben sie sich gegen den hellgrauen Himmel ab, ein großer Kreis aufgerichteter Steine, mit Steinreihen, die sich von diesem Kreis in die vier Himmelsrichtungen des Kompaß erstrecken, wobei die nach Norden stehende Reihe viel länger ist als die anderen drei, und in zwei Reihen wie eine eindrucksvolle Allee dasteht. In der sie umgebenden Stille vermitteln diese Steine etwas von der fernen, unbekannten Vergangenheit, in der sie errichtet wurden. Wie sie so dastehen geben sie dem menschlichen Geist Kunde von einer Zeit, die viele, viele Jahrtausende zurückliegt, von Gedanken, die majestätische Richtlinien gehabt haben müssen. Riesige Steine wurden für ein gigantisches Projekt gebraucht: Innerhalb eines Radius von vier Kilometern wurden nicht weniger als zwölf Ruinen megalithischer Bauwerke gefunden.

Wer waren die Erbauer? Die Geschichte gibt keine Antwort. Die Legende berichtet, daß die Steine auf vielen Schiffen nach Lewis gebracht wurden, begleitet von einem großen Priesterkönig, ihm untergeordneten Priestern und einer Schar von "schwarzen Männern", die die Steine aufstellten. Als das Bauwerk fertig war, fuhren die "schwarzen Männer" und einige Priester fort. Der Oberpriester und seine zurückgebliebenen Assistenten errichteten bei den Steinen eine Kultstätte. Die Priester trugen Umhänge aus farbigen Federn, und der Oberpriester erschien mit Zaunkönigen, die ihn umflogen.1 Diese Geschichte erinnert an die Mythen über Quetzalcoatl, den Gott-Priester der Tolteken, dessen Name "gefiederte Schlange" bedeutet. Die Schlange ist ein allgemeines Symbol für einen Weisen oder Initiierten.

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Bildtext: Die aufrechtstehenden Steine von Callanish.

Wenn, wie diese Legende andeutet, Callanish unter der Leitung eines Eingeweihten erbaut wurde, dann kann die Größe, die der megalithischen Struktur zugrundeliegt, erklärt werden, denn sicher wurde das Gebiet von Callanish als Tempelanlage errichtet. Es kann auch als Observatorium gedient haben, denn obwohl die gegenwärtigen Forschungen noch nicht zu endgültigen Schlüssen geführt haben, deuten die Ergebnisse unmißverständlich auf kosmische Zwecke hin: Während der Tagundnachtgleichen kann von einer bestimmten Stelle innerhalb des Kreises der Aufgang und der Untergang der Sonne, wie auch des Mondes, genau festgestellt werden. Mit den anderen Steinaufstellungen in der Nachbarschaft können genaue Beobachtungen gemacht werden. Professor Alexander Thom hat bis jetzt elf dieser Stellen ausfindig gemacht, die möglicherweise Beobachtungsstellen waren und auch die Gelegenheit bieten, alle Zyklen des Mondes genaugenug zu beobachten, um die Eklipsen von Sonne und Mond vorhersagen zu können. Die Tatsache, daß der Mond alle 18 Jahre, 11 Tage und 8 Stunden eine Umlaufbahn beschreibt, scheint bekannt gewesen zu sein, obgleich der Mond in Callanish kaum über dem Horizont zu sehen ist. Das alles würde auf außerordentliche Kenntnisse über das Universum hinweisen, auch wenn die betreffenden Beweise noch nicht so gesichert sind wie im Fall von Stonehenge.

Unter den einheimischen Überlieferungen von Callanish sind einige, die auf einen Zusammenhang mit den Druiden hindeuten und auf die Verehrung des Sonnengottes Bel (Baal). Eine davon war noch am Anfang dieses Jahrhunderts allgemein bekannt:

Am ersten Tag des Mai (Beltane) wurden alle Feuer auf der Insel gelöscht. Die neuen wurden an einem Feuer entzündet, das von einem alten Priester entfacht wurde. Er wohnte an einem Ort, der jetzt ein Teil des Dorfes von Callanish ist, etwas nördlich der Steine, und ein Baum auf einem Feld soll angeblich der Platz gewesen sein, wo er das Feuer erhielt. Das Feuer wurde von dem Priester innerhalb des Steinkreises verteilt. ...

Vor etwa hundert Jahren gab es bestimmte Familien in Callanish, die als "zu den Steinen gehörend" bekannt waren, und obwohl die Geistlichen ausdrücklich andächtiges Pilgern zu den Steinen an den alten Festtagen untersagt hatten, wurden diese Besuche dennoch im geheimen unternommen, "denn es gehörte sich nicht, die Steine zu vernachlässigen." Man glaubte, "der Leuchtende" käme zur Sommersonnenwende bei Sonnenaufgang, vom Ruf eines Kuckucks angekündigt, den von Steinreihen gesäumten Weg herauf.

Es wird erzählt, daß der Kuckuck seinen Ruf auch erschallen ließ, um das Maifest der Druiden einzuberufen. Heute, so vermutet man, fliegt jeder Kuckuck, wenn er im Frühjahr in Lewis ankommt, zuerst nach Callanish und läßt seinen ersten Ruf von den aufgerichteten Steinen aus ertönen.2

Aus alledem kann man vermuten, daß Callanish seit undenklichen Zeiten ein heiliger Ort gewesen ist, der auch heute noch in Ehren gehalten wird, und daß er in Zeiten, die weit hinter dem liegen, was für uns Geschichte ist, ein Tempel und ein astronomisches Observatorium war. Ein Tempel ist stets ein Ort gewesen, an dem Menschen über die menschliche Natur belehrt wurden, über ihre Beziehung zum Universum und über ihre Bestimmung; ein Ort, an dem der Mensch sich des Einsseins mit göttlichen Kräften bewußt ist. Wenn wir uns den Menschen als einen Teil des Universums, das ihn umgibt, vorstellen, nicht als ein fremdes Element, sondern als ein lebendiges "Atom", das vollständig am Leben des Universums Teil hat, dann ist es eine ganz natürliche Angelegenheit, daß Tempel und Observatorium zwei Teile ein und derselben Sache sind, und der Mensch das Bindeglied ist. In Zeiten, in denen es mehr Erleuchtung gab als heute, glaubte man, daß die Unterweisung im Tempel für diejenigen gegeben wurde, die spirituell bereit waren, sich aktiv und bewußt auf den Pfaden einzusetzen, die unsere Erde mit der Sonne und darüberhinaus mit den Planeten verbinden - was Initiation bedeutet.

Die aufgestellten Steine, Zeugen aus der Zeit vor Tausenden vergangener Jahre, was haben sie gesehen? Während langer Zeitalter der Vergessenheit wuchs allmählich der sie umgebende Torf und bedeckte sie schließlich zur Hälfte, bis 1857 der Besitzer von Lewis aus Ehrerbietung vor der Vergangenheit den Torf beseitigen ließ. Doch vor langen Zeiten, in denen ein anderes Klima herrschte, und bevor der Torf sich ansammeln konnte, kamen da nicht Menschen wie wir für hohe kultische Zwecke hier zusammen? Denkt man darüber nach, dann steigt ein Gedanke aus dem tiefsten Innern auf: Jene weisen Menschen, die die vergangenen Zivilisationen inspirierten, müssen auch heute noch ein Teil der menschlichen Familie sein; es ist undenkbar, daß sie der Menschheit verloren sein können. Wenn sie aber noch immer ein Teil der Menschheit sind, könnten sie dann nicht vielleicht ebenso bereit sein, uns heute etwas von ihrem Wissen mitzuteilen, wenn wir nur in der richtigen Weise an der Tür ihres unsichtbaren Tempels anklopfen? Ihr schweigenden, aufrecht stehenden Steine, wie ihr in eurem feierlichen, geheimnisvollen Kreis unser Denken heute herausfordert!

Fußnoten

1. Otta Swire, The Outer Hebrides and Their Legends (Die Äußeren Hebriden und ihre Legenden). [back]
2. Gerald und Margaret Ponting, The Standing Stones of Callanish (Die aufrechtstehenden Steine von Callanish), (Pamphlet), 1977; Seite 12-13. [back]