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Gedanken über Zeit und Raum

Bisher sind die einzelnen wissenschaftlichen Gebiete streng abgegrenzt gewesen. Neuerdings kann man jedoch feststellen, daß man immer mehr bemüht ist, von dieser starren Trennung hinwegzukommen und Einigung über die verschiedenen Vorstellungen zu erzielen. Die Bestrebungen aufgeschlossener Forscher gehen in Grenzgebieten sozusagen ineinander über. Es ist, als würde eine neue Dimension hinzugefügt, die uns helfen soll, bestimmte Lebensprobleme, die Erde, überhaupt das gesamte Universum als ein Ganzes, zu betrachten. Den geläufigen Formulierungen uns vorangegangener Generationen fehlt die erforderliche Tiefe, um die fundamentalen Fragen über Dasein, Materie und Zeit beantworten zu können. Die größten Wissenschaftler stimmen nicht einmal darin überein, was Materie und Energie sind. Deshalb ist es schwierig, klare, anerkannte Auffassungen über "so weitreichende Begriffe wie Existenz, Substanz, Veränderung und Verursachung" zu erhalten.

Der neue Trend ist in wissenschaftlichen Arbeitsbereichen festzustellen, wie zum Beispiel auf dem Gebiet der Physik. Manche Forscher glauben, es sei erforderlich, als Erklärung für die Resultate ihrer Arbeit sich eine philosophische Betrachtungsweise oder vielmehr Untermauerung anzueignen. Auf Fritjof Capras hervorragendes Buch1 The Tao of Physics / Der kosmische Reigen folgte nun Mind Underlies Spacetime2 von Daniel A. Cowan, der zu beweisen versucht, "daß die physikalischen Ereignisse und ihre Raum-Zeit-Struktur nur Vorstellungen sind." Mit anderen Worten, er behauptet, daß das, was wir materielle Dinge und ihre zeitlichen Abläufe nennen, nur unsere eigenen mentalen Vorstellungen dessen sind, was sich ereignet.

Es gibt keinen Zweifel, daß es ein Universum gibt, und daß wir wesentliche Teile darin sind. Wenn wir über uns hinaufblicken und dabei Teleskope und das wunderbare Instrument, den menschlichen Verstand zu Hilfe nehmen, dann können wir das, was wir in einer unermeßlichen Weite wahrnehmen und was jede Beschreibung übertrifft, interpretieren. Blicken wir nach innen, dann stellen wir eine gleiche Ausdehnung fest, die für uns weit schwerer zu verstehen oder zu begreifen ist - es ist der Bereich des unendlich Kleinen. Unendlichkeit ist in Wirklichkeit jedoch weder groß noch klein. Diese Bezeichnungen sind relativ und können sich lediglich auf Teile des Grenzenlosen beziehen. Sie sind nur Formulierungen unserer Gedanken, die wir in bezug auf den Makrokosmos und den Mikrokosmos entwickelt haben. Dieser Zustand ist auch nicht auf Größe oder Ausdehnung beschränkt, denn dieselbe Relativität läßt sich auf den Zeitablauf anwenden, den wir in meßbare Teile aufzuspalten oder zu zergliedern versuchen.

Fixieren wir ein hartes Steinchen oder einen ähnlichen Gegenstand unter ein dementsprechend leistungsfähiges Mikroskop, dann können wir sehen, wie das scheinbar Kompakte in weite Flächen auseinanderfließt, und wie in großen Zwischenräumen sich kleine Partikel befinden, die ähnlich verstreut liegen wie die Planeten in unserem Sonnensystem, oder die wie die Milchstraße aussehen, die sich durch die scheinbar leeren Räume zwischen den Sternengruppen und den Supergalaxien hinzieht. Diese Beispiele liegen scheinbar ganz entgegengesetzt, sie sind aber maßgetreue Modelle für alles andere.

Unsere Sinneseindrücke vermitteln uns nicht alles, was wir über die Erde, über uns selbst oder über die Naturerscheinungen um uns, und auch nicht über das sonstige Leben, das vorhanden ist, erfahren können. Die Informationen, die wir durch unsere verschiedenen Organe erhalten, wie zum Beispiel durch Sehen und Hören, werden durch unsere Sinne vorgetäuscht oder interpretiert. Unser Denkorgan fügt jene Stücke zu einem kosmischen Puzzle zusammen, die aus den einzelnen, durcheinanderliegenden Teilen als zusammengehörend erkannt worden sind. Die anderen Stücke warten noch darauf, aufgenommen und in ihre richtigen Beziehungen eingeordnet zu werden:

Diese ganze Unermeßlichkeit - der Makrokosmos und der Mikrokosmos, die angesammelten Ewigkeiten und der millionste Teil eines Augenblicks - das alles vermag nicht außerhalb eines bestimmten Denkprozesses zu existieren, der vergänglichen Erfahrungen unterliegt. Auch wenn wir es nicht erkennen, wir sind "überall" in das gesamte Geschehen stark einbezogen. Diese Möglichkeit zu entdecken und zu verstehen, kann für den Menschen so nahe liegen, wie das Denken selbst.

Erstaunliche Veränderungen in unserem Verständnis für das Alltägliche kommen von allen Seiten auf uns zu. Die allgemeine Vorstellung, daß wir Bewohner eines großenteils unbewußten, doch zugleich erstaunlich dynamischen3 raum-zeitlichen Universums sind, wird zu der neuen und doch alten Idee führen, daß Raum und Zeit reale begriffliche Erfahrungen sind, - konstruierte Gebilde unseres unvollkommenen Bewußtseins.

- S. 3-4

Cowan fügt hinzu, daß Albert Einstein im Jahre 1955, anläßlich des Heimganges eines sehr engen Freundes, mit dem er über fünfzig Jahre korrespondiert hatte, auch diesen Gedanken gehabt haben könnte, wenn er sagte: "Für uns, die wir glauben Physiker zu sein, hat die Trennung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer Illusion, wenn auch eine recht beharrliche."

Das beliebte TV Programm Star Trek hat einige Gespräche dem wichtigen Thema des gegenseitigen Durchdringens der unterschiedlichen Wellenlängen von Energien gewidmet. Da Bewegung ohne Substanz - wie verfeinert sie auch sein mag - als bewegendes Objekt unvorstellbar ist, erscheint es völlig logisch, daß von der Unendlichkeit viele verschiedene substantielle Frequenzen durch unser eigenes kleines Spektrum passieren können. Das Zimmer, in dem wir uns gerade befinden, könnte das Innere eines Berges, eines Meeres oder eines Sees in einer anderen Weltordnung sein, die sich von der unseren in ihrem Wirkungsbereich unterscheidet und zu feinstofflich ist, um von uns wahrgenommen werden zu können.

Außerdem könnte man noch hinzufügen, daß die Unterschiede Variationen einer bekannten Struktur eines Musters sind, das grundlegender ist als das Thema, das die Variationen in einigen bekannten Beispielen der Musik verbindet.

Wie aber sollen wir dann das Universum betrachten? Cowan meint, daß es wohl beschrieben werden kann, "sobald die Vorstellung aufgegeben wird, daß unsere Beschreibung quantitative Messungen (wie Meter und Tausendstelsekunden) enthalten müßten."

Das Universum muß als andere Art von System erkannt werden - als unendliches System. Ein solches System setzt sich aus etwas zusammen, das die Philosophen als "Universalien" bezeichnen würden. Universalien, in dem Sinne wie ich es meine, sind die Attribute (Eigenschaften) einer einzigen, geistgleichen Substanz. Diese Attribute sind, einer Redeweise entsprechend, größer als das größte endliche Maß und kleiner als das kleinste. Da sie sowohl unendlich wie auch infinitesimal (unendlich klein) sind, können sie mit keinen endlichen Eindrücken verglichen werden. Und dennoch kann man endliche Eindrücke zu diesen Universalien in Beziehung bringen... Das alles dürfte ausreichen, um sagen zu können, daß diese Attribute - geistige Attribute, wenn Sie sie so nennen wollen - Elementen unseres eigenen Denkens verwandt sind, obgleich menschliche Gedanken weder ihre Ursache noch ihr Ursprung sind.

- S. 4-5

Was wir Materie nennen, existiert, auch wenn es nur unser unvollständiges Bild von dem ist, was wirklich existiert. Die Logiker in Indien haben zwei Beispiele für Illusion - mâyâ -, die im Westen bekannt geworden sind. In der schnell hereinbrechenden Dämmerung kann ein eingerolltes Tau wie eine giftige Schlange erscheinen oder die abstehenden Ohren eines Hasen können wie Hörner aussehen. Die mentalen Eindrücke sind ein Irrtum, ganz gleich wie deutlich sie sein mögen; und dennoch gab es weder eine Schlange noch einen gehörnten Hasen. Es waren andere Dinge. Die Illusion kam nicht etwa aus dem Nichts, sondern von der Deutung dessen, was da war.

Das menschliche Gehirn, so wie es jetzt ist, ist ein unvollkommenes Organ des Bewußtseins. Es ist in seiner innersten Substanz und in seinem innersten Bereich anders als das, was die Studien der westlichen Psychologen uns glauben machen wollen. Ihre Forschungen sind im Bereich der Neurologie oder bestenfalls der Psychoneurologie durchgeführt worden, anstatt in der wahren Psychologie, denn das griechische Wort psyche bedeutet die Seele, also mehr als die Tätigkeit der Gehirnmoleküle.

Paulus definierte den Menschen als ein zusammengesetztes Wesen, das aus Körper (soma), Seele (psyche) und Geist (pneuma) besteht. Außerdem sagte er noch, daß zwischen Seele und Geist ein Schwert gelegt werden könne.4 Das ist eine typische Ausdrucksweise der Gnostiker, um anzudeuten, daß die Worte nicht die gleiche Bedeutung haben und keine poetischen Variationen für ein und dieselbe Sache sind. Ein Londoner Chirurg sagte, das Gehirn könnte mit der Leitung eines großen Unternehmens verglichen werden. Der Verstand ist der Chef des Direktoriums, den niemand auf den unteren Stufen des Mitarbeiterstabes zu Gesicht bekommt.

Was ist nun Bewußtsein? Cowan setzt es dem Verstand gleich, während es Dr. de Purucker als Geist-Stoff bezeichnet "in all seinen Formen und vielgestaltigen Manifestationen." Kraft und Stoff oder Geist und Materie sind eins. In diesem Sinne

ist Bewußtsein die feinste und höchste Form der Energie, die Wurzel aller Dinge und von gleicher Ausdehnung wie der kosmische Raum. Daher ist es auch die Grundlage und die Essenz der Götter, der Monaden und der Atome - kosmisch gesprochen, die drei großen Stufen des Universums. Als natürliche Folge hiervon ist das Universum verkörpertes Bewußtsein; viel richtiger aber sollten wir es eine praktisch unendlich große Summe verkörperter Bewußtseinszentren nennen.

- Theosophisches Wörterbuch, S. 35

In der Weisheitstradition des Altertums, die einst der gesamten Menschheit zu eigen war (und nach der geistigen Blindheit des Mittelalters in Europa nur noch mühsam in der noch übriggebliebenen Literatur und den Lehren gefunden werden kann), war universaler Geist, in Sanskrit Mahat, eine von vielen Manifestationen des Bewußtseins. Von Mahat nahm man an, daß es das Grenzenlose mit seinen beiden Polen Geist und Materie ausfüllt, die in allen Bereichen des Universums die fundamentalen Dualitäten sind. Wenn Materie unentwickelter Geist ist, so kann deshalb noch nicht gesagt werden, sie sei nicht existent; und wenn Geist entfaltete Materie ist, so kann deshalb nicht gesagt werden, daß sie allein imstande sei, die unbegrenzten Eigenschaften, die das Wort Bewußtsein repräsentiert, auszudrücken. Jeder Bereich oder jedes Spektrum hat seine Geist-Materie-Polarität; andernfalls gäbe es keine Manifestation, genauso wie es keine elektrischen oder magnetischen Erscheinungen ohne ihre beiden dazugehörigen Pole geben kann.

Es scheint, als würden die Astrophysiker sich der alten Auffassung nähern, daß im Felde des Ewig-Unbegrenzten ständig zahllose Universen ins Dasein treten und wieder im Dunkel verschwinden. Dieses Feld ist von Bewußtsein durchdrungen, so daß, wie die Philosophen aller Zeiten gesagt haben, Göttlichkeit wie ein alles umfassender Kreis ist, dessen Zentrum überall und dessen Peripherie nirgends ist. Das bedeutet, daß jedes kleinste Partikel und jede gigantischste Anhäufung von Himmelskörpern gleicherweise mit einer göttlichen Eigenschaft durchdrungen sind, mit Bewußtsein. Aus einer solchen Quelle kommen die Lebenskraft, der dynamische Antrieb zu wachsen, das unaufhörliche Auftauchen von neuen Eigenschaften aus den unergründlichen, mächtigen Quellen des Raumes und eine ununterbrochene Höherentwicklung des Geistes und der Materie.

Hier müssen wir nach dem Grund für die Existenz, nach dem Sinn des Lebens und seiner mannigfaltigen Produktivität suchen. Der Drang zu immer größerer Entfaltung kommt aus irgendeinem Zentrum in jedem Wesen. Er kommt von den grenzenlosen, latenten Möglichkeiten, die auf die Umstände und die Gelegenheiten warten, um sich ausdrücken zu können. Es gibt keinen Zufall, denn die Folge von Ursache und Wirkung ist unabwendbar. Ermutigend ist, daß Wachstum und Entfaltung von besseren und immer besseren Fähigkeiten beständig weitergehen, nicht endend.

Fußnoten

1. Siehe Sunrise, deutsche Ausgabe, Heft 2/1980. [back]
2. Joseph Publishing Co., San Mateo, California, 1975; gebunden $ 7.00, kartoniert $ 4.00. [back]
3. Siehe die dynamische Ausdehnung des Universums und den ebenfalls dynamischen Zusammenbruch riesiger, ausgeglühter Sterne in "schwarze Löcher" (Cowan, S, 4), [back]
4. Hebräer, 4:12: "Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist..." (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift). [back]