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„Bis ich ein lebendiges Bewusstsein erwirkte...“

Aus dem Einen die Vielen; aus dem kosmischen Bewußtseinsfeuer ein Universum von Bewußtseinsfunken, jeder einzelne ein Leben, ein Bewußtsein, von der geheimnisvollen Kraft des Ausfließens und Zurückflutens bestimmt alten Erinnerungsspuren zu folgen und erneut seine früheren Essenzen aufzunehmen, um sich zum Zweck des Wachstums wieder eine neue Wohnung zu bauen - ein zukünftiges Universum, erfüllt mit Lebensenergien, die seine Familien und Reiche aus sich entwickelnden Wesenheiten beleben.

Bei der Vorbereitung der diesjährigen Sonderausgabe über "Das Denkvermögen - in Mensch und Kosmos", haben unsere Autoren aus verschiedenen Kulturen, wie auch aus theosophischen Quellen geschöpft. Der Vielfalt von Einzelheiten liegt dennoch eine einzigartige Einstimmigkeit des Themas zugrunde: daß der Mensch in der Gesamtheit seines Wesens unwiderruflich mit dem Schicksal der Götter, deren Abkömmling er ist, verbunden ist. Die gegenseitige Beeinflussung von kosmischem Bewußtsein und menschlichem Bewußtsein ist etwas, das so alt und so modern ist wie der Mensch, weil unsere Beziehung zum Denken und zu den unzähligen Gedanken, die unsere Gehirne durchlaufen - das eine Mal vom Licht des Geistes berührt und das andere Mal vom Rauch der Materie verdunkelt -, unser Leben formend beeinflußt. Wenn wir die Seiten der Geschichte, soweit es unsere Vorstellungskraft zuläßt, bis zu unserem mythologischen Ursprung hin zurückblättern, gewinnen wir vielleicht eine Perspektive von der Rolle und Funktion des Bewußtseins.

Nach der Überlieferung fand vor Millionen von Jahren ein Ereignis von titanischer Größe statt: Das Erwecken eines lebendigen Bewußtseins in der jungen Menschheit. Während wir vorher eine träumende Rasse und ohne Ziel gewesen waren, wurden wir nun geistig erweckt und mit der Kraft des Denkens versehen, mit eigener Entscheidung und dem Willen, sich zu entwickeln. Legenden und Mythen, Schriften und Tempel bewahren die Aufzeichnung und geben Kunde von diesem wunderbaren Übergang von der Unbewußtheit zur Selbstbewußtheit, von paradiesischer Unschuld zur Erkenntnis der persönlichen Verantwortung für die Gedanken und Taten. Alles geschah durch den Eingriff fortgeschrittener Wesen aus höheren Sphären, die in uns "ein lebendiges Bewußtsein ... und eine neue Herrschaft des Denkens" bewirkten.

In den indischen Purânas und auch in der Bhagavad-Gîtâ sowie in anderen Abschnitten der Mahâbhârata sind z. B. zahlreiche Hinweise auf unsere Ur-Vorfahren, die von den sieben oder zehn "geistgeborenen Söhnen des Brahmâ" abstammen, enthalten. Sie haben vielerlei Namen, sind jedoch alle Mânasa, "geistgeboren", "denkend" (von manas, Verstand, abgeleitet von man, denken). Gelegentlich werden sie als Mânasaputras, "Söhne des Geistes" bezeichnet, öfter jedoch als Agnishvâttas, "diejenigen, die vom Agni oder Feuer gekostet haben" oder als Barhishads, diejenigen, "die auf kusa Gras sitzen" (zur Meditation oder aus zeremoniellen Gründen). Man bezeichnet sie aber auch einfach als Pitris, "Väter" - einige Bezeichnungen unter vielen, die das Thema der solaren und lunaren Väter beleuchten, die den frühen Menschen mit Verstand und Lebenskraft begabten, damit er seiner weiteren Evolution mit Bewußtsein folgen konnte.

Das geistige Erwachen der gesamten Menschenrasse vollzog sich offensichtlich nicht in einem einzigen heroischen Akt. Es muß Hunderttausende, möglicherweise mehrere Millionen Jahre gedauert haben, bis das Ziel erreicht war, denn die Menschheit der Zeitperiode in grauer Vorzeit war wahrscheinlich ebenso unterschiedlich wie wir es heute sind, wobei es nur sehr wenige Erleuchtete gab. Die große Mehrheit der Menschheit befand sich im mittleren Bereich der Entwicklung, und die "Nachzügler" entfalteten sich nur langsam, weil sie nicht den erforderlichen Antrieb hatten, um ihr Potential zu aktivieren. Auch die Ankunft der Lichtträger war keineswegs nur ein Akt des Mitleids. Es war ebenso karmisch bedingt, auf Grund der Verbindungen mit der Menschheit, die aus vorangegangenen Weltzyklen bestand, wie die Purânas andeuten. Überdies war es unbedingt notwendig, daß Führer und Ratgeber oder Wegweiser vorhanden sein mußten, weil sich diese neue Kraft auf eine Menschheit ergoß, die in der Anwendung des Wissens noch nicht geschult war. Daher blieben diese höheren Wesen, lehrten und inspirierten und förderten das Streben und das intellektuelle Forschen, und prägten die Wahrheit über den Menschen und über den Kosmos tief in das Menschheitsgedächtnis ein, damit es für nachfolgende Zyklen als innerer Talisman dienen konnte. Zur gleichen Zeit vermittelten sie praktische Fertigkeiten in Navigation, Sternkunde, Metallbearbeitung, Ackerbau, Kräutermedizin, Spinnen, Weben und in Hygiene, und weckten auch die Liebe für das Schöne durch die Künste. In Der gefesselte Prometheus von Äschylus, dem größten griechischen Tragödiendichter, erzählt uns Äschylus einen Teil dieser Geschichte in unvergleichlicher Versform (siehe Seite 7).

Im Westen haben sich Dichter und Philosophen jahrhundertelang eingehend mit den Legenden über Prometheus befaßt, die Hesiod, der griechische Dichter des achten Jahrhunderts, aus sehr alten Quellen aufgezeichnet hat. Unter anderen haben Plato, Vergil, Ovid und in neuerer Zeit Shelley die vielseitigen Aspekte dieser Erzählung unsterblich gemacht. Plato deutet in seinen Dialogen oft an, welche Weisheit hinter den von ihm geschilderten Mythen liegt. Mehr als einmal weist er auf einen bewußten Zusammenhang zwischen Licht und Seele hin, um uns daran zu erinnern, daß wir, wenn wir "ein Wissen über das wahre Sein" gewinnen wollen, die Wahrheit in uns erforschen müssen, und welch besseren Weg würde es dazu geben, als "den Lichtstrahl der Seele nach dem allen Dingen Licht spendenden Urlicht"1 zu erheben. Unser unmittelbares Interesse gilt aber seinem Protagoras, denn in dieser Fassung der Prometheus-Erzählung finden wir die Konfrontation von Epimetheus (dem "Nachherdenker") mit seinem älteren Bruder Prometheus (dem "Vorherdenker"), die uns an die Herkunft und die Evolution des Menschen und der Tiere erinnert, wie sie in den Stanzen des Dzyan dargestellt werden, die von H. P. Blavatsky als Inspiration und Grundlage ihrer Geheimlehre verwendet wurden.

Epimetheus und Prometheus waren beauftragt worden, die Formen anzunehmen, die die Götter aus Feuer und Erde und den anderen Elementen gebildet hatten, und jeder Form "die ihr eigenen Eigenschaften" zu verleihen. Epimetheus bot an, die Hauptarbeit zu verrichten und die Überprüfung und Begutachtung dem Prometheus zu überlassen. Bei der Ausstattung der Tiere mit passenden Eigenschaften ging alles gut, aber leider entdeckte Epimetheus, daß er alles verbraucht hatte, "und als er zum Menschengeschlecht kam, das noch unversorgt war, wußte er nicht, was er tun sollte." Prometheus sah nur eine Möglichkeit, und die bestand darin, aus der "Werkstatt" der Athene, der Göttin aller Künste, und des Hephaistos, dem Gott des Feuers und der Kunstfertigkeit, dasjenige heimlich zu beschaffen, was erforderlich war, um den Menschen so auszustatten, daß er "aus der Erde ans Licht hervortreten" konnte. Er führte es auch durch, zahlte aber für sein Mitleid einen außerordentlich hohen Preis.

Zuerst lebte die jugendliche Menschheit in Frieden, aber allmählich verwendeten viele Menschen ihre Verstandeskraft für egoistische Zwecke und "taten einander Unrecht und Schaden an". Zeus, der ihre Lage erkannte, rief Hermes zu Hilfe und ermächtigte ihn, sich schnell auf die Erde zu begeben, um jedem Mann und jeder Frau "sittliche Scheu und Gerechtigkeit" einzuflößen, so daß alle und nicht nur einige wenige Begünstigte an den Tugenden teilhaben würden. (Protagoras, Bd. 1, S. 74 f, 321E-322D).

Wenn wir uns jetzt den Stanzen des Dzyan zuwenden, so steht dort: "Die Großen Chohans [Herren] riefen die Herren des Mondes, der luftigen Körper: >Bringt Menschen hervor, Menschen von eurer Natur. Gebt ihnen ihre inneren Formen. Sie [Mutter Erde] wird die äußeren Hüllen aufbauen. Männlich-weiblich werden sie sein. Herren der Flamme ebenfalls<." Und so geschah es, daß siebenmal sieben Geschöpfe geschaffen wurden, schattenhaft, und jedes in seiner eigenen Art. Aber die Herren der Flamme weigerten sich: "sie wollten nicht schaffen". Doch die mit Verstand begabten Wesen mußten noch gemacht werden. Daher versahen die Väter sie mit dem, was jeder von ihnen selbst besaß, dasselbe tat der Geist der Erde. Es war aber nicht genug. Der "Atem brauchte einen Verstand, um das Universum zu erfassen." "Wir können das nicht geben", sagten die Väter. "Ich hatte es nie", sagte der Geist der Erde. Und so blieb der Mensch am Anfang ein "leeres, sinnloses" Wesen.

"Wie handelten die Mânasa, die Söhne der Weisheit?" Sie wiesen die früheren Formen verächtlich als ungeeignet zurück; als aber die dritte Rasse hervorgebracht wurde, kamen sie herab und sagten: "Wir können wählen ..., wir haben Weisheit." Einige traten in die schattenhaften (astralen) Formen ein, andere "projizierten den Funken", wieder andere warteten ab und gingen erst in die vierte Rasse ein. Diejenigen, die vollständig eintraten, "wurden Arhats", erleuchtete Weise, die Führer und Lehrer der späteren Menschheit. Aber die Vernunftlosen, diejenigen, in denen der Funke nicht projiziert worden war oder in denen er nur schwach brannte, waren verantwortungslos. Sie paarten sich mit Tieren und erzeugten Ungeheuer. Die Söhne der Weisheit empfanden Reue: "Dies ist Karma", sagten sie, weil sie sich geweigert hatten, schöpferisch zu wirken. "Laßt uns in den anderen wohnen. Laßt uns diese besser belehren, damit nichts Schlimmeres geschehe. Sie taten es ... Dann wurden alle Menschen mit Manas [Verstand] begabt."

So erzeugte die dritte Rasse die vierte, deren Lebewesen "voll Stolz waren". Als der Evolutionszyklus sich schnell seinem untersten Punkt auf dem Bogen des materiellen Abstiegs näherte, nahmen die Versuchungen zu. Es wird berichtet, daß zwischen den Söhnen des Lichts und den Söhnen der Finsternis ein schrecklicher Kampf stattfand. "Die ersten großen Wasser kamen. Sie verschlangen die sieben großen Inseln." Die Söhne des Lichts wurden in der beginnenden fünften Rasse - unserer eigenen - geboren, um ihr den erforderlichen geistigen Anstoß zu vermitteln und "lehrten und unterwiesen sie."2

Was können wir daraus für uns Bedeutsames entnehmen? Wo liegt die Bedeutung dieser mythischen-mystischen "Tatsachen" über unsere uralten Selbste? Wir kommen wieder auf den Verstand (mind) und seine Rolle zurück und auf die Funktion, die er in unserem heutigen Leben spielt. Zu oft betrachten wir den Verstand lediglich als ein brillantes Instrument der Präzision und Logik, und wenn auch das Gehirn ein bemerkenswert verfeinerter Computer ist, der alles übertrifft, was wir hervorbringen können, so vergessen wir oft, daß der Verstand selbst göttlichen Ursprungs ist, ein Teilchen des kosmischen Geist-Feuers oder wie die Upanishaden und Purânas sagen, ein Kind des Universalen Geistes, von Mahat, dem "Großen".

Wahrlich, der Verstand, als ein Strahl von Mahat, ist der Schlüssel für das Wachstum der Seele, um deren natürliche Weisheit aktiv werden zu lassen. Das Wort Gemüt (mind) besagt genau dies: sein Ursprung ist angelsächsisch gemynd, was Erinnerung bedeutet und mit dem althochdeutschen Wort minna, Erinnerung und Liebe, sowie mit dem Sanskritwort manas, Denken, verwandt ist - offensichtlich besteht hier eine Verbindung mit Platos Lehre von der "Wiedererinnerung", daß die Seele die Kraft hat, wenn die Liebe zur Wahrheit stark genug ist, ihr angeborenes Wissen augenblicklich wieder hervorrufen zu können. Mit Erinnerung verbinden wir jedoch nicht das stumpfsinnige und uninspirierte Auswendiglernen von Fakten und Zahlen - obgleich die mit Verständnis und Ergebenheit des Herzens durchgeführte Wiederholung gewisser Formen der Wahrheit von Wert ist, wie die alten Weisen sehr gut wußten -, sondern wir verbinden damit vielmehr, daß die angeborene Weisheit, die in den Tiefen unseres innersten Selbst wohnt, aufmerksam hervorgeholt, oder besser noch, nach außen geführt wird.

Dieser Gedanke ist für uns von ungeheurer Kraft, denn unsere Schwierigkeiten entstehen nicht daraus, daß wir von Natur aus destruktiv oder böse sind, sondern gerade wegen des Lichtes in uns, das das dynamische Element hinter dem Verstand ist. Es erinnert uns beständig an unsere göttliche Herkunft und an unser gleicherweise göttliches Schicksal, daß wir eine "lebendige Seele" sind, die von einem gottähnlichen Wesen erweckt worden ist - von einem Wesen, das anders ist als wir und doch unser wahres Selbst ist -, ganz gleich, ob wir es Mânasaputra oder Luzifer, Prometheus, Coyote oder Loki nennen oder einen anderen der zahllosen Namen verwenden, die in der Mythologie vorkommen. Wir haben kaum damit begonnen, die Rolle des Verstandes und seine Funktion im Verein mit dem Herzen zu erfassen - der bessere Teil unseres Wesens liegt bis jetzt noch verborgen und wartet auf die magnetische Anziehung des Verlangens und des Willens, die Tore zur Wahrheit weit aufzustoßen, denn der Komplex Verstand-Herz im Menschen ist potentiell ein wundervoller, großartiger, lebendiger Kosmos.

Fußnoten

1. Vergleiche Phaidon, Absatz 66 D; Der Staat, VII, Absatz 540 D. Platon Sämtliche Werke, Verlag Lambert Schneider, Bd. 1, S. 742 f und Bd. 2, S. 286 f. [back]
2. Vergl. Die Geheimlehre, Bd. II Stanzen III-XII. [back]