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Wachstumskraft

Der Frühling ist seit frühestem Menschengedenken freudig begrüßt worden, denn er verheißt das erneute Emporquellen der spirituellen und physischen Lebenskräfte: ein Fest des Lebens nach der Verbannung winterlicher Dunkelheit. In dieser Zeit, verbunden mit Mondzyklen und Frühlingsanfang, feiern die Christen zu Ostern die Wiederauferstehung ihres Heilands und seinen glorreichen Aufstieg zu seinem Vater im Himmel; die Juden danken am Passah-Fest für das schonende Vorübergehen oder die Verschonung ihrer Erstgeburten durch göttliche Intervention [2. Moses 12:12,13] und für den Schutz ihres Erbes für die Nachwelt. Die Buddhisten feiern am Wesakfest, dem Vollmondtag im April/Mai, die Geburt Gautamas, ihres Herrn, und ehren seine Erleuchtung, seinen Verzicht und das sich anschließende Parinirvana [Nachdaseinszustand des auf Erden voll Erlösten und von jeder Wiedereinkörperung Befreiten], während Millionen andere Menschen in allen Ländern sich einfach freuen, daß der Frühling als ein Geschenk der Erneuerung wiedergekehrt ist, an dem die ganze Natur teilhat.

So folgt mit altgewohnter Stetigkeit Jahreszeit auf Jahreszeit: Der Frühling erfüllt die Hoffnung des Winters und verspricht mit seiner Blüte den Sommer. Die Erntezeit des Herbstes führt zum Rückzug der Säfte und zur Umwandlung der Frucht in Saat. So bereitet jede Jahreszeit den Weg für die nächstfolgende. Der Jahreszyklus wiederholt sich immer wieder. Es gleicht sich alles und ist doch nicht gleich, denn der Wachstumsprozeß verläuft spiralförmig und nicht im Kreis. Vom leuchtenden Sternenhaufen bis zur kleinsten Spore bewegen sich alle ununterbrochen in neue Gebiete des Raumes, mitgeführt von der Milchstraße, die sich um ihr eigenes Zentrum bewegt. Obwohl wir Menschen weit davon entfernt sind, ein galaktisches Bewußtsein zu besitzen, und uns selbst für unwichtig zu halten, werden wir doch in Wirklichkeit von den Magnetismen durchdrungen und beeinflußt, die das ganze Sonnensystem erfüllen und sich aus unserer Galaxis und darüber hinaus durch die Sonne zur Erde ergießen. Die Völker des Altertums erkannten diese engen Beziehungen zwischen dem Menschen und den solaren, kosmischen und zodiakalen Kräften. Sie spürten, daß es notwendig sei Opfer darzubieten, etwas von ihrem edleren Selbst, aus Dankbarkeit für den Schutz, den sie von den Göttern der Sonne, des Mondes, des Lichts und der Stürme erhielten. Dieser Brauch verlor später seinen Inhalt und entartete, indem man versuchte, eine Schar niederer Gottheiten günstig zu stimmen und jeden erdenklichen Nutzen von ihnen zu erbitten. Seit Jahrhunderten haben wir über solche Vorstellungen gespottet und sie als kindisch und als Aberglaube betrachtet. Zum Glück beginnt sich diese Einstellung grundlegend zu wandeln. Gleichzeitig wächst das Interesse, unser Denken und unser Handeln mehr mit den Methoden der Natur in Einklang zu bringen. Eine ganze Anzahl Menschen feiern jetzt die Jahreszeiten in besonderen Zusammenkünften. Außer den üblichen Menschenmassen in Stonehenge, die sich dort am 21. Juni versammeln, um den Sonnenaufgang über dem "Fersenstein" zu beobachten, will dieses Jahr eine Gruppe nach Ägypten reisen, um die Sommer-Sonnenwende am Fuße der Großen Pyramide zu feiern. All dies ist insoweit nützlich, als es darauf hinweist, daß ein stärkeres Interesse für die Natur unser Alltagsbewußtsein erweitert. Wir hoffen jedoch sehr, daß etwas von der inneren Bedeutung der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen begriffen wird, und daß die vierteljährlichen Feiern nicht zum Ritual werden, oder, noch schlimmer, zu einem weiteren indirekten Anziehungsmittel für die Leichtgläubigen, die stets nach der Schüssel Gold am Ende des "okkulten" Regenbogens suchen.

Noch nie wurden vielleicht authentische Leitfäden für das Mystische so sehr benötigt wie heute. Es ist jedoch schwer zu unterscheiden, was wirklich spirituell und was unecht ist; das liegt letztlich bei dem Suchenden. Trotzdem tragen bestimmte Grundwahrheiten den Klang der Echtheit, nachdem sie in der Praxis von den spirituellen Lehrern aller Zeitalter geprüft worden sind. Paulus' oft zitierten Worte an die Athener, daß "wir in ihm [dem Unbekannten Gott] leben, weben und sind", ist ein Beispiel dafür. Die philosophische Schlußfolgerung daraus bestätigt, daß der Mensch in der Tat ein untrennbarer Teil der ewig unbekannten Gottheit ist, in deren aurischer Atmosphäre nicht nur Sonnen und Planeten, Mond und Sterne, sondern auch jedes Atom im Raum ihre eigene Rolle in dem nicht endenden Drama der kosmischen Entfaltung spielen - analog sind diese Himmelskörper ebenso die Wohnungen göttlicher Wesen, wie der Mensch "der Tempel eines lebendigen Gottes" ist.

Es wird gesagt, daß größere göttliche Kräfte als gewöhnlich freigesetzt werden, wenn sich solare und terrestrische Zyklen überschneiden, was in periodischen Intervallen geschieht. William Q. Judge erklärte, daß "am Schnittpunkt der großen Zyklen dynamische Wirkungen in Erscheinung treten", und daß dann "Avatâras zum Wohl der Menschheit die großen Charaktere hervorbringen, die die Menschheit von Zeit zu Zeit profilieren."1

Was ist ein Avatâra und in welchem Verhältnis steht er zu einem Buddha oder Christus? Der Begriff ist durch die heute nicht exakte Anwendung verwischt worden, weil man ihn auf verschiedene Personen anwendete, die vorgaben, inspirierte Vermittler eines Messias oder Mahatmas zu sein. Dessen ungeachtet ist das Wort sehr schön und für das, was es wirklich beschreibt, gut gewählt. Avatâra ist ein Sanskritwort und bedeutet wörtlich "Übergang nach unten" oder "Abstieg" eines Gottes oder einer göttlichen Macht zur Erde, um eine hochentwickelte Seele für die Arbeit in einem reinen physischen Körper zu ergänzen. Es handelt sich um eine vorübergehende Verschmelzung göttlicher und menschlicher Energien für einen erhabenen Zweck: nämlich für die Erweckung menschlicher Seelen, die sich erheben und sich durch individuelle Bemühungen von den Ketten materieller und psychischer Wünsche befreien sollen. Die bekanntesten Avatâras sind Krishna und Sankarâchârya in Indien, und Jesus von Nazareth, der Christos oder "der Gesalbte". Ein Avatâra unterscheidet sich von einem Buddha darin, daß letzterer den "Aufstieg" selbst macht und als Höhepunkt von in vielen Leben schwer verdienten inneren Überwindungen eine dauernde Verbindung seiner Seele mit seinem eigenen inneren Gott schafft. Die Aufgabe der Buddhas und der Avatâras und Christusse ist jedoch die gleiche; sie entspringt aus dem gleichen mitleidsvollen Drang, die Samen der Selbstlosigkeit in ihren jüngeren Brüdern aufkeimen zu lassen.

Solche und ähnliche damit verbundene Ideen werden von Gottfried de Purucker in einem kleinen, soeben veröffentlichten Buch dargelegt. Der Titel lautet Die vier heiligen Jahreszeiten2. Darin wird gezeigt, was der Einweihungskandidat auf seiner Reise zur vollen Erleuchtung durchmacht. An den mystischen Kreuzungspunkten des Jahres, nämlich zu den Winter- und Sommer-Sonnenwenden und an den Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleichen, können bestimmte geistige und seelische Ereignisse auf der Erde stattfinden, wenn die Bedingungen karmisch günstig und die Einweihungskandidaten dessen würdig und darauf vorbereitet sind. Etwas von der Erhabenheit der "Geburt" des Christos, des inneren Buddha, zur Winter-Sonnenwende und etwas von unseren spirituellen und magnetischen Verbindungen mit den Planeten und der Sonne schimmert durch, wenn sich die Rolle der Avatâras während der Frühlings-Tagundnachtgleiche, und die der Buddhas zur Sommer-Sonnenwende in der Weise entfaltet, daß wir in die verfeinerte Atmosphäre einbezogen werden, die einen Lehrer von avatârischer oder buddhischer Gestalt hervorbringt, immer wenn die Not der Menschheit es erforderlich macht.

Es erscheint vielleicht unnütz und utopisch, über so erhabene und weit entfernte Ziele nachzusinnen. Es lohnt sich jedoch darüber nachzudenken, daß unsere meisten Enttäuschungen und Schwierigkeiten aus einer verzerrten Sicht erfolgen, weil die Auffassung von nur einem Leben unsere Wachstumsmöglichkeiten so verengt, daß die Seele kaum Raum hat, sich zu weiten. Seit langem wird eine Neuorientierung gefordert. Natürlich sind wir noch Menschen, aus Tier und Gott zusammengesetzt, mit dem Zug nach unten, aber auch mit göttlichen Vorstellungen und Hoffnungen. Um uns selbst erkennen zu können, müssen wir den Kosmos kennen, dem wir entsprangen und in dem wir uns zur Zeit entwickeln. Um diese Erkenntnis jedoch richtig und ganz zu erlangen, müssen wir direkte Erfahrungen in beiden Welten, den höheren und den niederen gewinnen. Diese Erfahrung, so erinnert uns Dr. de Purucker, erlangen wir durch die Initiation: Nachdem die materiellen Elemente in uns und in den niederen Regionen besiegt sind und wir die schreckliche schwere Prüfung erfolgreich bestanden haben, steigen wir im Bewußtsein zu den höheren Sphären, zu den Planeten auf, und treten schließlich - nachdem wir uns von allem befreit haben, was geringer als sonnenhaft ist - durch die Tore der Sonne -, um dann wieder den gleichen magnetischen Wegen entlang zur Erde zurückzukehren und in unseren in Trance befindlichen Körper einzutreten. Dieses Ereignis ist von einer solch spirituellen Großartigkeit, daß es von vielen Völkern in ihren heiligen Überlieferungen aufgezeichnet wurde: Weise und Rishis, Messiasse und Heilande erschienen ihren Mitmenschen in allen Zeitaltern vom Glanz der Sonne umhüllt. Zutreffend wurden sie in Ägypten "Söhne der Sonne" genannt.

Die Geschichte der Einweihung ist die Geschichte der Wachstumskraft, die der menschlichen Seele und tatsächlich dem Kern aller Lebensformen innewohnt, ob es ein Banyan [Ficus bengalesis] ist, der einen Wald bildet, oder der Same eines Löwenzahns. Wie in den Vier heiligen Jahreszeiten berichtet wird, ist es eine Vorschau auf das, was Sie und ich in irgendeinem zukünftigen Leben erleben können, wenn wir den Mut, den Willen und das Mitleid haben, jenem stillen und ruhigen Pfad zu folgen, der zum Herzen der Wahrheit im Innern führt. "Eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden", sagte ein erleuchteter Lehrer, und er sagte es vorsorglich, denn es gibt immer jene Unbesonnenen und Toren unter uns, die vorwärtsstürmen, wo Weisere warten, weil sie wissen, daß sie erst durch viele Leben der Disziplin und Selbstlosigkeit gründlich gefestigt werden müssen. Echte Initiation erfordert auch heute, was sie schon immer vorausgesetzt hat - das Opfer des niedrigeren Selbst für das höhere.

Wir können wirklich ein schönes und wundervolles Ideal verwirklichen, wenn wir unserer Wachstumskraft voll vertrauen. Es wird viel Zeit erfordern, viele Leben. Inzwischen hält die Natur Lektionen für uns bereit. Und wenn wir hier unsere Leben erfüllt vom Interesse für das Wohl all ihrer Kinder leben können und mit vertieftem Verständnis für unsere Mitmenschen, die sich gleich uns mühen zum Licht emporzuwachsen, dann werden wir entdecken, daß wir die edelste Odyssee, die den Menschen bekannt ist, bereits begonnen haben.

Fußnoten

1. Das Meer der Theosophie, Kapitel XIV. [back]
2. Theosophical University Press, Pasadena - Den Haag - München, 80 Seiten, DM 9.80. [back]