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Keltische Mysterien

Alte Weisheit aus Wales

 

Als das Christentum nach England kam, bestand für die Druiden kaum eine Schwierigkeit, diesen Glauben anzunehmen. Die ethischen Grundlagen, die Jesus verkündet hatte, sind universal, und sehr viele christliche Zeremonien scheinen aus derselben Quelle zu stammen wie die druidischen. Die Taufe ist ein Sakrament, das in beiden Systemen vorkommt. Anscheinend war sie eine Vorbereitung für die Teilnahme an den keltischen Mysterien, und von Taliesin heißt es, daß er ein getaufter Barde war. Robert Graves ist der Ansicht, daß der christliche Ritus von den "Hemero-Baptisten stammte, einer mysteriösen hebräischen Sekte, die für gewöhnlich als ein Zweig der Pythagoräischen Essener betrachtet wurde."1 Die Beziehung zwischen den Pythagoräern und den Druiden ist in einem früheren Artikel besprochen worden.

Im sechsten Jahrhundert gründete Cattwg der Weise, manchmal der Heilige Cattwg genannt, einen Lehrstuhl oder ein Lehrinstitut in Llancarvan, Glamorganshire, das er selbst leitete. Er war ein Verwandter von St. Illtyd, der ein Ritter von König Artus war und sieben Kirchen gegründet hat. Er war auch der Lehrer von Taliesin, dem größten Barden, der in der Geschichte bekannt ist. Einige von Cattwgs Lehren sind uns als Aphorismen und Fabeln überliefert.

Nur der ist besonnen, der selbst schlicht und einfach empfindet.

Nur der ist wissend, der sich selbst kennt.

Nur der ist mächtig, der sich selbst besiegt hat.

Nur der ist verständig, der sich seiner Mißverständnisse bewußt ist.

Nur der ist weise, der sein Unwissen kennt.

Nur der ist wachsam, der sich selbst in der Gewalt hat.

Nur der ist vorsichtig, der meidet, wonach sein Verlangen strebt.

Nur der ist blind, der seinen eigenen Fehler nicht sieht.

Nur der erkennt, der sein eigenes Versagen erkennt.

Nur der ist stark, der seine Schwäche überwindet.

- "Der Schrein der Weisheit", Winter 1928

"Gott wird helfen", sagte Cattwg der Weise, wie es auch bei Matthäus (6:25) steht, und man spürt, daß es keine Plattitüde war. Unter den vielen Fabeln, die man Cattwg zuschrieb, findet man die Geschichte vom Grashüpfer und der Ameise. In dieser Geschichte verbringt der Grashüpfer den Sommer lediglich mit Singen und sich zu erfreuen, während die Ameise Korn, Heu und Feuerholz sammelte. In der Walt-Disney-Darstellung dieser alten Fabel singt der Grashüpfer: "Die Welt schuldet mir ein Leben." Tatsache ist jedoch, wie Cattwg es wohl erkannt hatte, daß die Welt uns nichts schuldet. Im Gegenteil, wir schulden ihr alles. Unsere Körper stammen von der Erde und auch alle anderen Teile, aus denen wir zusammengesetzt sind, kommen aus den verschiedenen Daseinsbereichen. Um einen Menschen vollständig zu vernichten, müßte man, wie es dort treffend gesagt wurde, das Universum zerreißen. Möglicherweise hängt der Fortschritt davon ab, daß wir diese große Wahrheit verstehen: "Hilf der Natur und arbeite mit ihr zusammen, und die Natur wird Dich als einen ihrer Schöpfer betrachten und Dir gehorchen. Und sie wird die Pforten ihrer verborgenen Kammern vor Dir weit auftun."2 Nur das, "wonach ein Mensch trachtet", hindert ihn daran, alles zu bekommen, was er braucht.

Obwohl viele druidische und christliche Lehren anscheinend gleich sind, sollten wir nicht annehmen, daß die druidischen Riten so angenehm und sittsam waren, wie ein modernes National-Walisisches Eisteddfod (jährliches walisisches Sänger- und Dichterfest). Bei allem Respekt für diese alljährlich stattfindenden Feierlichkeiten und das Gute, das sie bewirken, indem sie die Musik und die Künste fördern, sollten wir doch - wenn wir in das alte Wales versetzt würden - erkennen, daß die Dinge "heidnischer" im Sinne von seltsam und fremd waren. Die Nachgestaltung eines der walisischen Mysterienspiele wird von Morien O. Morgan in seinem Buch The Royal Winged Son of Stonehenge and Avebury (Der königliche, geflügelte Sohn von Stonehenge und Avebury) dargeboten. Morien O. Morgan wurde in der Nähe von Pontypridd, in Südwales geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in dieser Gegend. Die Identität einiger Namen von Orten, Flüssen, Bergen, Feldern und Gütern mit den Beschreibungen oder den Ereignissen in den klassischen waliser Mythen fesselte ihn, weshalb er sie mit einer weithin bekannten Legende vom Kessel der Ceridwen in Verbindung brachte, in der die Reihenfolge der Ereignisse mit den Wahrzeichen in diesem Gebiet übereinzustimmen schienen - vom Rocking Stone (Schaukelstein) bei Pontypridd zu Craigwen, dem Heiligen Hügel, und zum Berg Dinas, dem Berg Zion in Südwales.

bild_sunrise_21980_s112_1Die Legende ist vollständig in Lady Charlotte Guests Übersetzung des Mabinogion enthalten. Nach der Deutung unserer Verfasserin bedeutet der Titel "Stories of the Babe Sun" (Geschichten des Sonnenkindes). Es ist Hanes Taliesin, die Fabel von Taliesin, und lautet folgendermaßen: Ceridwen

brachte den Kessel zum Kochen, der vom Beginn des Kochens ein Jahr und einen Tag immerfort kochen soll, bis drei gesegnete Tropfen die Gnade der Inspiration erlangen.

Und sie ließ Gwion Bach, den Sohn von Gwreang aus Llanfair in Caereinion, in Powys, den Kessel rühren und einen blinden Mann, namens Morda, das Feuer darunter schüren, und sie gab ihnen den Auftrag, den Kessel für die Zeit eines Jahres und eines Tages unaufhörlich kochen zu lassen.

Bildtext: Stein aus Trecastle, Wales (Britisches Museum).

Eines Tages flossen drei Tropfen der Zauberflüssigkeit aus dem Kessel und fielen auf den Finger von Gwion Bach, der seinen verbrühten Finger in den Mund steckte und augenblicklich "alles voraussehen konnte, was in der Zukunft lag", einschließlich der Qualen durch Ceridwen. Er floh in sein eigenes Land, verfolgt von Ceridwen. Er verwandelte sich in einen Hasen, und Ceridwen verfolgte ihn als eine Windhündin. Er verwandelte sich in einen Fisch, und sie verfolgte ihn als ein Otter. Er nahm die Form eines Vogels an, und Ceridwen verwandelte sich in einen Falken. Dann ließ er sich auf dem Boden einer Scheune in einem Haufen gedroschenen Getreides nieder und wurde zu einem der Körner. Ceridwen nahm die Form einer "schwarzen Schopf-Henne" an und verschluckte das Weizenkorn.

Dann war ich für neun Monate

Im Schoß der Hexe Ceridwen,

Ursprünglich war ich der kleine Gwion

Und nun bin ich Taliesin.

Taliesin wird übersetzt als der "mit strahlender Stirne", und die Geschichte von Gwion Bach, dem kleinen Gwion, der schließlich zu Taliesin wurde, ist offensichtlich eine Einweihung in den keltischen Mysterien. Ceridwen, manchmal Cariadwen (Heilige Liebe) genannt, ist ein Name für die Mutter Natur und hat viele Aspekte, wie zum Beispiel Kedwen (Heiliger Bewahrer), "der die Sintflut überdauerte, weil er Korn als Vorrat hatte"3; und auch Gwrach, die Hexe oder die Virago, die Zerstörerin / Erneuerin, die den kleinen Gwion wie Karma-Nemesis jagt, bis er sich in ihrem Schoß mit ihr vereint.

Nach Morien Morgan stellt der "Rocking Stone" (Schaukelstein) (Gwern y Kelwrn) in Pontypridd symbolhaft Ceridwens (Kedwen) Boot dar, das auf seinem steinernen Meer schwimmt. Es stellt den Kessel der Wiedergeburt dar, den der kleine Gwion erreichte, nachdem er von Pwyll Pen Annwn über den walisischen Styx, den Gwyllionwy, bei der Taff-Fähre hinübergesetzt wurde. Der Fluß Styx war natürlich, wie in der griechischen Sage, das Wasser, das die Lebenden von den Toten trennt.4 "Druiden mit lodernden Fackeln" säumten beide Seiten des Flusses Taff. Sie sind als "Gwylliaid: Kobolde und Satyre" verkleidet, und Morgan sagt: Das Schauspiel muß unheimlich gewesen sein und sollte wohl dem Zuschauer Ehrfurcht einflößen. Der kleine Gwion, vermutlich als Hase verkleidet, wird über das Pontypridd-Feld gejagt. Er stürzt sich in den Rhondda-Fluß, wo sich eine Farm befindet, "Gwaun" genannt, oder richtiger "Pwll Gwion", der See des Gwion. Er kommt wieder aus dem Fluß heraus und befindet sich "vor einem uralten, kreisförmigen Damm von ungeheuerer Größe", der, wie Morgan ausführt, "genau dem Gilgal in Palästina entspricht", wobei eine verborgene Verbindung mit dem Jordan-Fluß bei Beth-bârah angedeutet wird, dem "Haus an der Überfahrt", wo Jesus getauft wurde. Einer unserer Autoren erinnert sich, daß er in seiner Kindheit Geschichten über seltsame Gestalten gehört hatte, die hier aus den Wäldern herausgeflogen kamen. Bei der Aufführung dieses Mysterienspiels kommt Gwion als Vogel verkleidet und von Ceridwen als Falke gejagt, aus dem Wald heraus und durchquert das Gelli Gwyion (Gwion)-Tal, läuft über den Berghang und erreicht die Duw Lais-Höhle. Duw bedeutet "Gott" und Lais oder Llas bedeutet entweder "blau" oder "wurde erschlagen" (Pughs Wörterbuch).

In dieser Höhle "von Gott verlassen", bei der es sich anscheinend um einen weiteren Kessel der Ceridwen handelt, fand alljährlich Gwions Metamorphose in Taliesin statt. Er kam mit einem lauten, melodischen Geburtsschrei daraus hervor, auf seiner Stirn eine Krone von strahlendem, goldenen Glanz, wie die Sonne.

Was bedeutet das alles? Morgan ist der Meinung, daß die Reihenfolge des Mysterienspiels die entartete Form einer etwas älteren Darstellung sei. Für die Abweichungen macht er den Einfluß der Phönizier verantwortlich. Man könnte annehmen, daß das Drama andeutet, daß eine Wesenheit in den Kreislauf der Verkörperungen eintritt, sich in den niederen Reichen beseelt, das menschliche Reich betritt, und schließlich ein Gott wird. Selbstverständlich muß es noch andere und aufschlußreichere Deutungen geben. Es wurde gesagt, der Schlüssel kann siebenmal gedreht werden, wobei jede Drehung die Tür zu einem tieferen und größeren Verständnis öffnet. Man sagt auch, daß im alten Griechenland die Strafe für die Enthüllung der Mysterien Tod bedeutete. Diejenigen, die wissen, sagen nichts. Diejenigen, die etwas sagen, wissen ipso facto (gerade deshalb) nichts. Wenn wir jedoch einen Rückblick in das alte Griechenland, nach Palästina und vielleicht nach Ägypten werfen, finden wir einige Anhaltspunkte. Der kleine Gwion soll am Anfang der Dinge von Satyren und Kobolden umgeben gewesen sein. Ein Satyr ist halb Mensch halb Tier, und von den Kobolden nimmt man an, daß sie die Unterwelt bevölkern. Wie wir wissen, war auch Jesus in der Krippe oder Grotte von Tieren umgeben. Gwion erhielt aus dem Kessel drei Tropfen und "sah die Zukunft voraus". Jesus erhielt von den Weisen5 aus dem Morgenland drei Gaben, Gold, Weihrauch und Myrrhe. Gold ist ein Symbol für die "spirituellen Eigenschaften der buddhischen Ebene. Göttliche Weisheit; himmlische Wahrheit"; Weihrauch bedeutet Weisheit oder metaphysisches Wissen, das das Gemüt reinigt und es freundlich macht; Myrrhe bedeutet äußere Wahrheit.6 Wie wir bemerken konnten, hat Morgan Pwll Gwion mit dem Jordan-Fluß in Verbindung gebracht. Beide Gewässer mit ihren Fischen und die Luft mit ihren Vögeln haben doppelte Bedeutung. Wasser kann die astrale, emotionelle Natur darstellen, nur eine Widerspiegelung oder ein Abbild des wahren Geistes, oder als "vom Himmel kommender Regen" in der Bedeutung einer lebenspendenden Segnung. Die "Taufe" von Gwion kann man unterschiedlich auslegen. Gwion "flog" als Vogel in den luftigen Bereichen des Intellekts, als er aus dem Pwll Gwion herauskam. Als Taube würde er auch die Inspiration des Geistes gekannt haben, wie Jesus bei seiner Taufe.

Kenneth Morris erzählt, wie der "Oberste Barde" die edlen Familien lehrte, wie Menschen zu Menschen werden und sich zu Göttern entwickeln.7 Ist das nicht genau das, was Morien Morgans Mysterienspiel heute versucht? Morgans Identifizierung des Rocking Stone (Schaukelstein) mit dem Kessel ist glaubhaft. In dem Gedicht Preiddiau Annwn ("Die Beute von Annwn") reist Artus selbst in seinem "Schiff aus Glas" in die Unterwelt. Preiddiau Annwn kann sehr gut ein Bericht über den Teil der Einweihung darstellen, in dem der Kandidat in die Unterwelt hinabsteigen und seine eigenen niederen Selbste überwinden muß, wobei er von den Bewohnern dieser Unterwelt nicht beschmutzt wird. Wenn alles, dem er entgegentreten muß, ein Teil seines Wesens ist, dann ist der Kessel nichts anderes als er selbst, indem der Mensch ein Behältnis oder eine Arche, einen Mikrokosmos des Makrokosmos darstellt.

Jede Strophe von Preiddiau Annwn endet mit "ohne die sieben kehrte niemand aus Caer Sidi zurück" - der Name des Caer wechselt jedesmal. In der Übersetzung sind die Namen: Spiralschloß, Königsschloß, düsteres Schloß, Vier-Ecken-Schloß oder Vierfach-Umdrehungs-Schloß (Kenneth Morris' Pedryfan), Schloß der Vollkommenen, Schloß auf dem Abhang und Schloß auf der Höhe.8 Diese Beinamen beschreiben alle eine höhlenförmige Einweihungskammer, ganz gleich wo sie sich befindet, ob auf dem Cadair Idris, Snowdon oder Duw Lais in Glamorgan. Die sieben, die aus Caer Sidi (Spiralschloß) zurückkehren, sind gewiß die sieben Prinzipien des Kandidaten, sicher verwahrt im Kessel des eigenen Selbst. Robert Graves sagt: Die Spirale, die außerhalb des Felsentores bei New Grange, in Irland, zu sehen ist, ist doppelt. Sie windet sich zum Mittelpunkt und dann wieder spiralförmig nach außen. Seiner Meinung nach ist es das gleiche wie bei dem Labyrinth von Minos, in dem Theseus sein "Ungeheuer" töten mußte und danach seinen Ausgang mit Ariadnes Hilfe fand.

Zwischen Pwll Gwion und dem schmerzhaften Aufstieg zur Duw Lais-Höhle entfernen Zeit und Leben alle Schwächen und Unvollkommenheiten des Kandidaten. Er ist wie ein Weizenkorn, das bis zur Reinheit ausgesiebt wird. Er muß in der höchsten Einweihung sterben, damit daraus das goldene Korn wachsen kann und der Arhat geboren wird - Taliesin, der vom Strahlenglanz umgebene, der Initiierte, mit Sonnenlicht glorifiziert.

Fußnoten

1. Robert Graves, The White Goddess (Die weiße Göttin), Seiten 157, 135. [back]
2. H. P. Blavatsky, The Voice of the Silence (Die Stimme der Stille). S. 14. [back]
3. Edward Davies, Mythology and Rites of the British Druids (Mythologie und Riten der britischen Druiden), S. 432. [back]
4. Wenn wir als Bestätigung einen Beweis haben wollen, daß der Kessel des kleinen Gwion mit dem Fluß Styx direkt in Verbindung steht, wie Morien Morgan behauptet, dann müssen wir beachten, daß in der phantastischen Geschichte des Taliesin, nachdem die drei Tropfen aus dem Kessel gespritzt waren, der Rest der Flüssigkeit im Kessel giftig wurde, "so daß die Pferde des Gwyddno Garanhir, die aus der Rinne tranken, in die sich der Kessel entleert hatte, vergiftet wurden." (Literaturhinweis: Ebendort, S. 214.) Pausanias berichtet, daß nahe bei den Ruinen von Nonacris, der höchsten Klippe, die er kannte, das herunterstürzende Wasser das "Wasser des Styx" genannt wird," ... das für den Menschen und für jedes andere Lebewesen tödlich ist." (Literaturhinweis: Guide to Greece, (Führer für Griechenland) Buch VIII, § 1-4.) [back]
5. Sind die "drei Tropfen", die aus dem kochenden Kessel herausdestilliert wurden, möglicherweise eine "Verschleierung"? Könnten sie nicht (vielleicht unter anderem) den Status oder den Grad der Einweihung andeuten? G. de Purucker identifiziert die drei Weisen als Melchior - Venus, Kaspar - Merkur und Balthasar - Mond, womit angedeutet wird, daß die Christos-Einweihung stattfand, als diese drei Sternbilder in Konjunktion standen. (siehe The Esoteric Tradition, II, 1106-1107.) [back]
6. G. A. Gaskell, Dictionary of the Sacred Language of All Scriptures and Myths, (Wörterbuch der heiligen Sprache von allen religiösen Schriften und Mythen) Seiten 319, 293. [back]
7. Sunrise, January 1966, S. 123; deutsche 1966, S. 129. [back]
8. Graves, The White Goddess, (Die weiße Göttin) Kapitel 6. [back]