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Das Buch Gottes – Weisheit des Zoroaster, Teil 1

Vor mir liegt Der Desâtîr, den die Zoroastristen das Buch Gottes nennen, den Überbringer der Botschaft und den Erhalter, nicht nur für die Klügsten und Besten, sondern für jeden, dessen Seele aufnahmefähig ist. Es ist ein kleines Buch, so alt, so außergewöhnlich in seinen mystischen Allegorien über die menschliche Natur, über Gott und über die Beziehungen zwischen den Planeten und den Bewohnern der Erde, daß es jahrtausendelang von Völkern verschiedener Glaubensrichtungen geschätzt worden ist. Fünfhundert Jahre vor Christus wurde Der Desâtîr als "eine literarische Reliquie" der Vergangenheit angesehen und als das einzige noch vorhandene Exemplar in der archaischen, jetzt nicht mehr angewendeten mahabhadischen Sprache - eine Sprache, von der der Orientalist Baron von Hammer glaubte, daß sie die heutige germanische Sprache mit der vielleicht ältesten asiatischen Sprache verbindet, die vor langer Zeit im Nordosten des damals riesigen iranischen Reiches, in Sogdiana und Bamian, gesprochen wurde.

Zu bestimmten Zeiten, wenn "die Menschheit Übles tat" und die esoterischen Lehren des Desâtîr hätte falsch auslegen und mißbrauchen können, ging er "verloren" - möglicherweise wurde er über Generationen in einer entlegenen Bibliothek versteckt und von allen vergessen, außer von denen, die ihn behüteten und bewahrten. Die vor mir liegende Ausgabe1 ist eine Fotokopie der Neuauflage von 1888, die auf einer ersten englischen Übersetzung aus dem Persischen aus dem Jahre 1818 beruht und von dem persischen Gelehrten Mulla Firuz Bin Kaus' stammt. Seine Übersetzung, die unter den Forschern für orientalische Altertümer in Amerika, Europa und Indien großes Interesse für die Lehren des Zarathustra erweckte, stammte wiederum von einem sehr seltenen, alten Manuskript, das Mulla Kaus' Vater um 1778 in Isfahan entdeckt hatte.

Im Gegensatz zur Bhagavad-Gîtâ, die von Millionen geschätzt wird, ist Der Desâtîr heute verhältnismäßig unbekannt. Das ist bedauerlich, denn dieses kleine Buch enthält, zusammen mit dem Zend-Avesta und dem Dabistân, unschätzbare Quellen zoroastrischer Inspiration und Information. Das Zend-Avesta, jene erhaltenen Bruchstücke des heiligen Gesetzes, soll ursprünglich dem Propheten auf dem Berg Ushidarinna übergeben und später mit Gold auf die Häute von zwölftausend Ochsen geschrieben worden sein.

Der Reisende Moshan Fani, ein Moslem, der den Dabistân (etwa 1653) als eine Synopsis (vergleichende Übersicht) über zwölf große Religionen zusammenstellte, zitiert Lehren aus Der Desâtîr, die die zoroastrischen Lehren erklären; Lehren, die viele davon überzeugen, daß die zoroastrische Religion die älteste und edelste aller Religionen ist. Tatsächlich weisen mehrere Gelehrte darauf hin, daß der Symbolismus des Desâtîr, wenn man ihn einmal verstanden hat, ein reineres, weil weniger verändertes Bild der ursprünglichen arischen Überlieferung enthält, als die Veden. Aus diesem Grunde ist er zeitlos.

Es ist zum Beispiel bemerkenswert, daß man in jenen längstvergangenen Zeiten alle Lebewesen als ein gegliedertes Ganzes betrachtete, als eine physische - intellektuelle - spirituelle Familiengemeinschaft von Planeten und Sternen, von Menschen, Tieren, Pflanzen, Mineralien und elementalen Lebewesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde, wobei alle Teile beständig aufeinander einwirken und voneinander abhängen. Die Reichweite und Anwendung dieser Vorstellung machten diese Philosophie außerordentlich altruistisch und gleichzeitig erfreulich praktisch. Da die Anhänger Zoroasters alle anderen nicht nur als mit ihnen verwandt betrachteten, sondern als wirklichen Teil ihrer selbst, durch dessen gute oder üble Handlungen und Gedanken sie beeinflußt werden, waren sie unglaublich rücksichtsvoll und fügten niemandem vorsätzlich ein Leid zu, ganz gleich, ob es sich dabei um einen Menschen, ein Insekt oder einen dahinströmenden Fluß handelte. Sie hielten es für wesentlich Mäßigung zu üben, während sowohl Asketentum als auch übermäßiges Wohlleben als schädlich und entwürdigend galten. Ein gesunder, geschulter Körper war für sie das geeignete Instrument für einen gesunden, klaren Geist, der gebraucht wird, um die Aufgaben des spirituellen Selbst auszuführen. Sie wiesen ferner darauf hin, daß eine übermäßige Entwicklung des Verstandes zu Verschlagenheit und sein Fehlen zu Torheit führen kann; genauso führt übertriebener Mut zu Streit und sein Fehlen zu Feigheit. Nur der goldene Mittelweg zwischen diesen Extremen bringt Gerechtigkeit, Weisheit und Frieden. Diese Verhaltensregeln empfehlen also die Tugenden, die wir auch heute schätzen: Aufrichtigkeit, angestrengte Arbeit, Initiative, Ausdauer und Selbstbeschränkung, wenn es um das allgemeine Wohl geht. Es sind in der Tat dieselben Grundsätze, mit denen die Iranier (Perser) eines der ältesten und größten Reiche der Erde gründen und erhalten konnten, ein Reich, das den Wert und die Rechte des einzelnen anerkannte, unabhängig von Rasse, Hautfarbe oder Religion.

Zweifellos gab es damals wie auch heute Proteste, sowohl von den am Althergebrachten festhaltenden als auch von denen, die für noch weitere persönliche Freiheiten eintraten. Derartige Unzufriedenheit kann zersetzend sein, und dennoch ist sie anscheinend notwendig, damit unser Verantwortungsgefühl gegenüber allem, was lebt, wächst, wie es Der Desâtîr in der folgenden Fabel über die Rebellion der Tiere bringt.2

 

Vor langer Zeit, als die Erde noch neu war und Mazda, der Herrscher des Alls, jedem Wesen, von den himmlischen bis zu den Tieren, Pflanzen und Mineralien, seine besondere Beschaffenheit, seine Aufgabe, seinen Führer und Wächter zugeteilt hatte, entstand ein unerwarteter Streit. Die Tiere lehnten sich gegen die Vorherrschaft des Menschen auf! Alle sieben Klassen - die Harmlosen, die Gras fressen, die kriechen, fliegen und schwimmen; die Raubtiere, die Raubvögel und die Insekten - alle schickten Vertreter, um gegen die menschliche Herrschaft Einspruch zu erheben.

Zuerst sprach das Kamel: "O Prophet des Mazda, sage uns bitte, inwiefern ist der Mensch höherstehend, daß wir unter seiner Herrschaft stehen sollten?"

Ein Weiser des Herrn erklärte: "Der Mensch steht in mancher Beziehung höher: durch seine Sprache ..." Aber das Kamel wandte ein: "Wenn der Sinn der Sprache darin besteht, verstanden zu werden, so übertrifft die unsere zweifellos die des Menschen, die so unterschiedlich ist, daß die des einen Landes im anderen Land nicht verstanden werden kann."

Der Weise zögerte, doch er erwiderte: "Ihr seid zu unserem Dienst bestimmt worden." "Und ihr", sprach das Kamel bedächtig, "seid dazu bestimmt worden, uns Wasser, Getreide und Gras zu bringen."

Dann kroch eine Ameise herbei und fragte, worin denn die Vorzüge des Menschen noch bestünden. "Der Mensch zeichnet sich durch seine Gestalt und durch seine aufrechte Haltung aus." "Aber", erkundigte sich die Ameise, "kann sich ein Wesen wirklich nur wegen seiner äußeren Form rühmen, intelligent zu sein? Sind wir, was das Zusammenwirken unserer Glieder anbetrifft, nicht alle gleich? In der Tat, übertreffen wir Tiere den Menschen nicht auch in dieser Hinsicht? Vergleicht man nicht das, was man liebt, mit etwas Besserem? Bezeichnet der Mensch nicht seine Geliebte als rehäugig, anmutig wie ein Rebhuhn und prächtig wie ein Pfau?"

So ging es weiter. Die Tiere zählten Punkt für Punkt ihrer Liste von Beispielen auf und brachten Beispiele dafür, was der Mensch ihnen alles nimmt: ihre Federn und den Pelz für seine Kleidung und zu seinem Vergnügen, ihren Honig und ihre Eier, ihre Milch und ihr Fleisch für seine Speise. Als sie ihre Fertigkeiten in der Wissenschaft und in den Künsten aufzählten, fragten sie, ob irgendein Mensch ohne Webstuhl weben könne wie die Vögel, oder ob er wie die Bienen geometrische Bauwerke ohne Bauholz oder Ziegelsteine fertigen könne.

Ein Weiser nach dem anderen wurde verlegen. "Ja, das stimmt alles, aber während ihr nur die eine oder die andere dieser Eigenschaften besitzt, hat der Mensch sie alle und wird wie ein Engel, wie ein Gott in seiner Weisheit und in seinem Verhalten!"

"Ach wirklich, wie ein Engel?", riefen die Tiere im Chor. "Seine Gier und seine Grausamkeit sind schlimmer als die eines Tieres!"

Unbeirrt fuhr der Weise des Herrn fort: "Da überdies die gesamte Welt ein Körper ist, ist es notwendig, schädliche und böse Tiere zu töten, sonst würden sie, wie eine Krankheit, das große Tier umbringen, von dem wir alle Teile sind. Ich schlage daher vor, daß von heute an kein harmloses Tier jemals wieder mißhandelt oder getötet werden soll."

Das leuchtete den Tieren ein. Sie kamen überein, sich gegenseitig zu achten und "zu lieben", ein Gebot, dem sich der Wolf ebenso fügte wie der Widder, der Löwe und der Hirsch. Die Eintracht war hergestellt, die Gewaltherrschaft beendet - bis der Araber Desh-bireh den Vertrag brach, indem er nicht nur zum Vergnügen jagte, sondern auch seinen eigenen Vater ermordete. Daraufhin hielten auch andere ihr Versprechen nicht mehr. Nur die edlen Geschöpfe halten noch bis zum heutigen Tag den alten Friedensvertrag in Ehren.

 

Diese Fabel ist interessant. In welcher Hinsicht sind wir wirklich besser, daß uns die Herrschaft über die gesamte Schöpfung gegeben sein sollte - wie es auch in den alten hebräisch-christlichen und anderen Schriften steht? Warum spielen wir eine so armselige Rolle und würden noch schlechter abschneiden, wenn sich das Ganze heute ereignen würde? Warum gaben die Tiere so schnell auf, da doch alle Argumente zu ihren Gunsten sprechen? Und was ist das "große Geheimnis", das nach den Worten Zoroasters die Geschichte erklären soll?

Es ist eine ganz deutliche Bestätigung dafür, daß die Stimme der Seele gehört werden kann, sobald die Tiere - nicht unsere vierfüßigen Gefährten, sondern die tierischen Eigenschaften in uns selbst - nicht mehr lautstark fordern, sondern lauschen. Ihre Führung ist immer dieselbe: Um vorwärtsschreiten zu können, müssen die verschiedenen Einzelteile des zusammengesetzten Ganzen - des Menschen - "gezähmt" werden, damit das "Höhere", die menschliche Intelligenz, die Teile lenken und gebrauchen kann. Für einen Athleten ist das nur zu verständlich, denn sein Sieg hängt davon ab, daß seine durchtrainierten Muskeln und Nerven seinem Willen völlig gehorchen.

Selbstüberwindung ist jedoch nicht einfach. Die inneren Konflikte sind oft ungeheuer. Dies wird von den Zoroastristen in den heftigen Kämpfen dramatisch zum Ausdruck gebracht, die die Kräfte des Ahura Mazda, dem Herrn des Lichtes, der Güte und der Wahrheit, gegen Ahriman, den Herrn der Dunkelheit, der Entartung und der Lüge, führen müssen. Solche Kämpfe sind für den Mutigen, den "Rebellen", für den jeder kleine Fortschritt ein Erwachen, eine Prüfung und Stärkung bedeutet, sowie ein Ablegen dessen, was beschränkt und erniedrigt. Ausnahmslos bezwingen die Fortgeschrittenen, die ihren "Friedensvertrag" gehalten haben, aus freien Stücken ihre persönlichen Neigungen, um mit allen edlen Geschöpfen - die Kräfte des Guten - zusammenzuarbeiten, sie zu beschützen und in "Ehren zu halten".

Wie klug diese Geschichte die Grundzüge des sittlichen Verhaltens einprägt und uns daran erinnert, daß die erstaunlichen instinkthaften Fähigkeiten der niedrigeren Reiche durch unsere menschliche Intelligenz und spirituelle Unterscheidung in gottähnliche Fähigkeiten der Weisheit und der Liebe umgeformt werden können - oder wie schrecklich entstellt und zerstörend sie werden können. Es findet tatsächlich ein gegenseitiger Austausch zwischen uns und den Tieren statt, genauso wie er zwischen allen Wesen und Naturreichen besteht, wobei jeder gibt und nimmt und durch den anderen bereichert wird.

Warum vergleicht der Mensch diejenigen, die er liebt, mit dem Reh und dem Pfau? Vielleicht deshalb, weil es in der zoroastrischen "Familie" weder hoch noch niedrig gibt. Alle sind gleich, jedes Mitglied hat eine unabhängige, intelligente unsterbliche Seele - wenn es auch einige nicht wissen. "Alles, was es auf Erden gibt, ist das Abbild und der Schatten von etwas, das in der Sphäre des Himmels vorhanden ist. ... das dortige Licht ist der Schatten von etwas, das noch strahlender ist als es selbst. Und so geht es weiter aufwärts bis zu Mir, der ich das Licht der Lichter bin" (Der Desâtîr, S. 90).

Jedes Einzelwesen, so glauben die Zoroastristen, ist ein Mikrokosmos des Großen Menschen, der Unermeßlichen Welt, der die gleiche "Zusammenstellung von Teilen" enthält und durch die gleiche "Zusammenstellung von Teilen" hervorgebracht wurde, wie die große Welt. Aus der "ersten Intelligenz und der ersten Ursache [Logos]" entspringen: eine zweite Intelligenz oder ein Geist, eine Seele oder ein Gemüt, und ein Körper.3 Diese mehrfache Teilung wiederholt sich. Sie wird von der göttlichen Ebene oder Welt in die spirituelle und weiter hinab in die materielle widergespiegelt. Jede einzelne Teilung - die nicht geschaffen wurde, sondern von ihrer höheren "angeordnet und geformt" wurde - gestaltet die zu ihr gehörende niedrigere Welt. Im Menschen ist es seine bewußte Seele, die, zwischen seiner himmlischen Intelligenz und seiner materiellen Form stehend, Stärke aus der höheren Ebene bezieht, während sie in der und durch die niedere tätig ist.

Die vereinfachte Darstellung des Höheren als gut und des Niedereren als schlecht, bedeutet im zoroastrischen System nicht, daß sie Qualitäten an sich sind, sie werden nur nach ihrem veredelnden oder erniedrigenden Einfluß auf die Seele eingeschätzt. Gute Gedanken, Worte und Handlungen befähigen den Menschen, seine niedereren Aspekte so zu reinigen, daß sie das Höhere widerspiegeln, dessen Schatten sie sind. Auf diese Weise wächst er, erfüllt er seine göttlichen Möglichkeiten und vervielfacht die Segnungen des Guten.

Ist das also das "große Geheimnis" der Fabel? Die Perser waren immer bemüht, die spirituellen und die weltlichen Prioritäten miteinander in Einklang zu bringen, da sie glauben, daß Schönheit, Güte, Liebe und die Verantwortlichkeiten im normalen Leben Realisationen des göttlichen Gesetzes sind. Der Himmel und die himmlischen Heerscharen sind anscheinend für den iranischen Nomaden oder Bauern niemals weit weg. Die Sonne, die Planeten, der Weltraum und das göttliche Wesen sind immer gegenwärtig, sie sind die Essenz des Lebens und anscheinend der Anfang und das Ende von allem. "Die Person ist blind geboren, die sagt, daß Er nicht gesehen werden kann. Von Geburt an blind ist, wer das Selbst-Existierende in diesem, Seinem Glanze nicht wahrnehmen kann" (Der Desâtîr, S. 73).

Aber um Gott zu erkennen, so erklären sie, muß man sich selbst kennen. Indem man das Kleine erkennt, wird man das Große erkennen.

Wenn du das Auge deines Herzens öffnest, wirst du erkennen, daß der Himmel die Haut dieses großen Wesens ist. Kywân (Saturn) die Milz, Barjish (Jupiter) die Leber, Behrâm (Mars) die Galle, die Sonne das Herz, Nahîd (Venus) der Magen, Tîr (Merkur) das Gehirn, der Mond die Lungen, die Fixsterne und die Wohnungen der Planeten die Venen und Nerven, ...

- Der Desâtîr, S. 72

Derartige Hinweise tragen das Siegel der alten Gnosis, die nicht nur der innerste Kern der heiligen Lehren der Zoroastristen war, sondern der Kern der Lehren aller Völker des Nahen Ostens.

Die sieben Tierklassen des Desâtîr können auch die sieben Hauptteile oder Eigenschaften der menschlichen Natur darstellen, die das Avesta kurz in folgendem Vers aus dem Yasna, Kap. 54, zusammenfaßt:

Wir erklären und machen ausdrücklich bekannt, daß wir (unseren) ganzen Besitz - den Körper (das Selbst, bestehend aus) Knochen, Lebenskraft, Astralform, Erkenntnis, Bewußtsein, Seele und Geist den glücklichen, die Wahrheit besitzenden (und) reinen Gathas darbringen.

Technisch werden diese Hauptteile beschrieben als: (1) Tanwas, unser physischer Körper, der nach Ansicht der Zoroastristen für die Seele so notwendig ist, wie die Kleidung für den Körper; (2) Ushtanas, der vitale Geist oder die Vitalkraft, die Leben gibt und erhält; (3) Keherpas, unser Astralbild oder die Ätherform; (4) Tevishis, der Wille oder das empfindende Bewußtsein; (5) Baodhas, unsere Persönlichkeit, die in und durch die körperlichen und geistigen Gefühle und Wahrnehmungen, sowie durch die Instinkte, das Gedächtnis und die Einbildungskraft wirkt usw.; (6) Urvanem, unsere spirituelle Seele - der Herr, der über sich selbst, über seinen Körper, über die Lebenskraft, über Bewußtsein und Geist herrscht; (7) Fravashem, der erste Schatten Gottes, unser göttlicher Funke, der in der Gegenwart Ahuras weilt und uns zum Guten führt. Wenn der Fravashem aus irgendeinem Grund vom Körper getrennt wird, "wird der Körper geschwächt und bleibt inaktiv, so wie ein Haus zur Ruine wird, wenn keine Reparaturen vorgenommen werden."4

bild_sunrise_21980_s106_1Etwas leichter verständlich, aber gleichermaßen rätselhaft vergleicht das Avesta die menschlichen Prinzipien mit sieben Hunden, die in verschiedenen Farben wie blau, gelb, gefleckt usw., beschrieben werden; oder wie der Hund mit dem stacheligen Rücken (Igel), der Schäferhund, der Hofhund; oder es vergleicht sie mit den charakteristischen Eigenschaften eines Priesters, eines Kriegers oder eines Bauern, etc. Der Igel Vanghâpara, "die gute Wesenheit unter den Geschöpfen des Guten Geistes, die von Mitternacht bis Sonnenaufgang wach ist und Tausende der Geschöpfe des Bösen Geistes tötet" (Vendîdâd, Farg. XIII:I), stellt offensichtlich unser spirituelles Gewissen dar, das uns bewacht und beschützt, wenn wir von unserer kindlichen Unwissenheit zu spiritueller Erleuchtung fortschreiten. Man sagt, daß jeder der diesen Hund mit dem stachligen Rücken "tötet", unfähig sein wird, nach dem Tod den Weg über die Chinvat-Brücke ins Paradies zu finden. Der Hofhund und der Schäferhund entsprechen bildlich unseren spirituellen und intellektuellen Prinzipien; der eine bewacht unser "Haus" vor allem Übel und der andere den ausgedehnten Besitz unserer Gedanken. Es gibt auch den herrenlosen, streunenden Hund, den abgerichteten oder Jagdhund, den Wasserhund usw., die sich alle höchstwahrscheinlich auf charakterliche Eigenschaften unserer seelischen, vitalen, astralen und physischen Prinzipien beziehen.

Bildtext: Sitzender Hund (400-300 v. Chr.) Persepolis.

Als Oberkommandierender der materiellen Schöpfung ist es daher unsere Aufgabe im Leben, die Kräfte aller sieben Prinzipien zu ordnen und "die Lüge zu besiegen", denn die Feinde unseres Geistes, jene schädlichen Tiere Ahrimans - Falschheit, Habgier, Irrlehre, Zorn, Neid -, die unbarmherzig an unserem Körper und unserem Geist zehren, sind entschlossen, alles was gut ist, zu zerstören. Nur wir können sie daran hindern und damit andere erheben, denn wir sind ihre Vertreter und Beschützer. Die Überwindung unserer eigenen Schwäche verleiht allen Stärke, die nach dem Höchsten, Ahura Mazda, streben.

Wer gewohnt ist, sich vorzustellen, daß der Mensch lediglich aus Körper und Geist besteht, der findet vielleicht die Einteilung unserer Natur in so viele Teile oder "untergeordnete Engel", wie sie Der Desâtîr vornimmt, ungewöhnlich kompliziert. Werden jedoch einmal die besondere Funktion und der Charakter dieser verschiedenen Facetten unseres Wesens verstanden, dann werden viele Geheimnisse des Bewußtseins geklärt. Wir können zum Beispiel verstehen, wie unser Bewußtsein in Sekundenschnelle von den unmittelbaren Gegebenheiten dieser Welt zu entfernten Milchstraßen eilen kann, wie es in die Himmel der Liebe aufsteigen, in höllische Albträume versinken und die weiten Regionen des Schlafes überschreiten kann. Es erklärt auch, wie unsere "Teile", wenn sie zerrüttet werden, im psychotischen Verhalten verwirrt und durcheinandergebracht werden.

Doch der Mensch ist nicht das einzige aus mehreren Prinzipien bestehende Wesen; alle Formen des Lebens sind aus mehreren Prinzipien zusammengesetzt, auch die Erde. Diesen Dingen mißt das Avesta stärkere Bedeutung zu und bestätigt sowohl die Lehren der Veden als auch die der modernen Theosophie, wonach unsere Erde nicht nur aus diesem Globus, ihrem physischen Körper, besteht, sondern ein siebenfaches Wesen ist, das aus sieben Karshvars, Erden oder Welten, zusammengesetzt ist, von denen die eine von der anderen durch einen Ozean von Raum getrennt ist. Diese getrennten und für uns nicht wahrnehmbaren Karshvars, so sagen die Perser, passen konzentrisch zusammen. Sie gleichen einem Vogel, der sein Ei umschließt. Wir können uns diese Welten wie sechs aufeinanderfolgende konzentrische Bergketten vorstellen, die unseren materiellen Globus umgeben. Sie bestehen aus "Bergkristall" und liegen in drei kosmischen Bereichen: Die irdische Kette, die sich bis zur Region des Mondes erstreckt, die atmosphärische, die sich bis zu den Sternen ausdehnt und das himmlische Reich oder die Ebene, die sich über alle hinaus erstreckt.5

Eine solche metaphorische Beschreibung der drei- und siebenfachen Natur unserer Erde hat die Orientalisten jahrhundertelang vor ein Rätsel gestellt. Doch das wäre nicht nötig gewesen, wenn sie sich die Erde, wie einen Menschen als zusammengesetzte Wesenheit vorgestellt hätten. Metaphysisch können die sechs anderen Karshvars als die höheren Monaden unserer Erde betrachtet werden - eine Vorstellung, die deutlich in Ezechiels (oder Hesekiels) "Räder innerhalb von Rädern" zu finden ist, und ebenso in den kristallinischen Sphären der Griechen, weshalb viele davon überzeugt sind, daß die Verfasser der Bibel vieles unmittelbar von den persischen Mysterienlehren entlehnten, und einige Schriftsteller der Antike vermuten, daß Pythagoras ein Schüler Zoroasters war.

Die Zoroastristen glaubten, daß, analog gesehen, sich die Menschen von den Planeten kaum unterscheiden, denn da wir in einem Körper wohnen, der um ein Skelett herum gebaut ist - oder um Bergkristall -, sind wir deshalb nicht ein ähnlich abgegrenztes Konglomerat, das nicht nur aus den elementalen, mineralischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen Reichen besteht, sondern auch aus Gedanken, Wünschen und unzähligen, sich gegenseitig beeinflussenden Kräften, in denen wir als Mittelpunkt und Superior herrschen? Gelingt es uns nicht manchmal, mit der inneren Essenz Kontakt zu bekommen, die die heilsamen und harmonischen Vorgänge des Ganzen verbindet, belebt und anregt? Sie glauben, daß die sieben Karshvars mystisch genauso durch einen großen, der ganzen Welt segenspendenden Berg Hara verbunden sind, dessen Gipfel von einer wunderbaren "Sonne" umkreist wird, die alle Lebewesen in den Bereichen der sieben Karshvars wärmt, erleuchtet und ihnen den Tag bringt.

Jedoch hier in der materiellsten der offenbarten Welten ringt der Mensch um Rechtschaffenheit und Wahrheit, und mit der Zeit wird er den Himmlischen an Rang und Wissen gleich sein. Die Zoroastristen glauben, daß große Menschen und besonders die Propheten, die verschiedenen Teile ihrer Natur schon so gereinigt und miteinander in Einklang gebracht haben, daß sie die höchsten Intelligenzen über uns erreichen und verstehen können, wann immer sie es wollen. Obwohl die "Sprache Gottes nicht Atem ist, nicht Klang besitzt",6 wird sie sich doch als heilige Inspiration in ihre Herzen senken.

In dieser Weise, so sagt man, wurde Der Desâtîr offenbart und seine Propheten angewiesen, seine Wahrheiten in Sprache zu kleiden, die die Seelen der Menschen nähren würde.

Fußnoten

1. Wizards Bookshelf, Savage, Minn., 1975, $ 7.00. [back]
2. Mulla Firuz Bin Kaus, The Desatir, Wizards Bookshelf, 1975; S. 99-108. [back]
3. Ebenda, S. 3. [back]
4. "Theosophy and the Avesta", The Theosophist, IV, 20-22, Oktober 1882, R. C. Zaehner, The Dawn and Twilight of Zoroastrianism, Weidenfeld and Nicolson, 1961; S. 269-274. [back]
5. H. P. Blavatsky, The Secret Doctrine, 1888; Neudruck, Theosophical University Press, 1974; II, 607-611, 757-759. - Die Geheimlehre, II, 642-646, 800-802.

Mary Boyce, A History of Zoroastrianism, E. J. Brill, 1975; S. 78, 132-135.

The Zend-Avesta, Part. II, Sacred Books of the East, vol. XXIII, übersetzt von James Darmesteter, Clarendon Press, 1883; S. 123.

Zand-âkâsîh, Iranian or Greater Bundahisn, übers. Behramgore Tehmuras Anklesaria, Bombay, 1956; Kapitel XXI, A. S. 171. [back]
6. The Desâtîr, Seiten 24, 35. [back]