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Ein großes Licht, eine Kraft zum Guten

Euch Richtern aber will ich nun Rede darüber stehen, daß ich mit Grunde der Meinung bin, ein Mann, welcher wahrhaft philosophisch sein Leben vollbracht, müßte getrost sein, wenn er im Begriff ist zu sterben, und der frohen Hoffnung, daß er dort Gutes in vollem Maß erlangen werde, wann er gestorben ist.

- Plato, Phaidon, 64 A (Schleiermacher)

Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.

- Matthäus, 10:39

 

 

 

Es ist erwiesen, daß Zeitlosigkeit oft ein Kennzeichen für Weisheit ist. Das Wesentliche dessen, was dem ernsten Wahrheitssucher widerfährt, wenn er in seinem Streben auch nur etwas erfolgreich ist, kam in jeder Zeitepoche oder Zivilisation fast in der gleichen Form zum Ausdruck. Nur die Sprache und die Symbole unterscheiden sich; beide sind Produkte der Umgebung, in der sie zum Ausdruck gebracht wurden. Die folgenden Beschreibungen und die persönlichen Berichte über diese Zeitpunkte des Erwachens, über die damit verbundenen traditionellen Formen und Bräuche, die dazu dienten, dem Aspiranten zu helfen, stammen von den alten Zivilisationen des Mittelmeerraumes. Hier finden wir nicht nur den Einfluß der Verehrung für dieses philosophische Gedankengut, sondern auch andere Zeugnisse für die Richtigkeit des ewigen Weges. Sie sind, kurz gesagt, zeitlos.

Philosophie - ein griechisches Wort, das heute für viele ein Bild trockenen Intellektualismus darstellt - wurde ursprünglich in seiner buchstäblichen Bedeutung mit "Weisheitsliebe" bezeichnet. Jene, die die Quelle der ihr zugrundeliegenden Wahrheiten entdeckt hatten, erfuhren eine Alchimie der Seele, die sie für immer veränderte. Über diese Tatsache schrieb Plutarch in seiner Abhandlung "Fortschritt in Tugend":

... mit dem jungen Mann, der in der Philosophie wirklich fortschreiten wollte, galten stets die Worte der Sappho:

"Meine Zunge versagt, und plötzlich durchströmt eine heilige Flamme meinen Körper";

und dennoch sieht man in ein Auge, ungetrübt und heiter, und man hat das Verlangen, ihn sprechen zu hören. Genauso geht es den Menschen, die in die Mysterien eingeweiht werden; am Anfang drängen sie sich zusammen, reden laut und stoßen einander mitten im Getümmel an, doch wenn die heiligen Riten einsetzen und offenbart werden, sind sie sofort aufmerksam und schweigen in Ehrfurcht. So ist es auch zuerst bei der Philosophie: an ihren Portalen findet man viel Tumult, Gerede und kühne Worte, wenn einige plump und heftig versuchen, sich vorzudrängen, um damit Ruhm zu ernten. Wem es jedoch gelungen ist, nach innen vorzudrängen, und wenn er ein helles Licht gesehen hat, als wenn ein Schrein geöffnet würde, der verhält sich anders. In stiller Bewunderung "befaßt er sich in Demut und Sittsamkeit"1 mit der Vernunft [Logos], als wenn er einen Gott verehrte.

- Moralia, I, 81, 10 (Babbitt)

Eine Ahnung von der wahren Philosophie, ein großes Licht, Schweigen, Bewunderung, und, als wenn sie einer festbegründeten Kette von Ursache und Wirkung folgen würde, wird eine tiefe Demut in der Seele geboren. Der Wahrheitssucher erfährt eine grundsätzliche Umwandlung, die aus der Wahrnehmung von etwas so Großartigem und Edlem entsteht, deren Reichtum mit Worten nicht ermessen werden kann. Auch Plato konnte hierüber nicht direkt sprechen, obgleich er ungefähr dreißig Dialoge der Suche nach Wahrheit gewidmet hatte. Er erklärt es folgendermaßen:

Denn dieses Wissen ist nicht etwas, das, wie andere Wissenschaften, in Worte gefaßt werden kann, sondern es wird nach einem lange andauernden Umgang zwischen Lehrer und Schüler in der gemeinsamen Verfolgung dieses Themas, plötzlich in der Seele geboren, wie ein Licht, das aufblitzt, wenn ein Feuer entzündet wird und dann weiterhin Nahrung findet.

- Siebenter Brief, 341 D (Morrow)

Aus diesen Ausführungen können wir teilweise verstehen, warum Plato - wie auch andere - oft Gleichnisse und verschleierte Hinweise verwendete, wenn er auf diese Dinge hinwies. "Es gibt hierüber unter dem Namen Plato keine Schriften", so schrieb er einst an Dionysius, "und wird auch keine geben. Was jetzt unter diesem Namen existiert, gehört dem idealisierten und verjüngten Sokrates." (Zweiter Brief, 314 C). Daraus erkennen wir den bescheidenen Sokrates der Dialoge, den klassischen Philosophen, der sich selbst nicht als jemanden bezeichnete, der Wissen wie eine Ware anzubieten hat, die auf dem Markt feilgeboten wird, sondern als eine Hebamme für die Seelen der "Jugend" Athens, das heißt, für Menschen jeden Alters, deren Denken nicht durch eine starre Meinung fixiert war. Er versuchte durch Vernunft, durch Mythen und mit scheinbaren Widersprüchen jedem zu helfen, seine eigenen spirituell-intellektuellen Kinder zu gebären: die Wahrheiten, die in ihnen selbst sind und von ihnen stammen. Für Sokrates war das unkontrollierte Leben einfach nicht lebenswert.

Was sind das nun für Wahrheiten, die alle mit einem großen Licht und einer Kraft für das Gute verglichen werden? Wie entstehen sie? In den alten Zivilisationen des Mittelmeerraumes - in Griechenland, Ägypten, Syrien, Rom - bildeten sich Gruppen von Männern und Frauen aller Altersstufen, die den ursprünglichen Zielen der Philosophie anhingen, um einzelnen Menschen dabei zu helfen, die Antwort auf solche Fragen zu finden. Diese "Kollegien", ihre Tätigkeit und ihre Lehren werden in der klassischen und modernen Literatur als die Mysterien bezeichnet, vom griechischen Wort Mysterion mit der Bedeutung "geheime Dinge". Die in Griechenland am meisten bekannten Mysterien gab es in Eleusis bei Athen, die mindestens zweitausend Jahre lang abgehalten wurden.2 Pythagoras war, wie uns der Neuplatoniker Iamblichus berichtet, in die Mysterien von Byblus, Tyrus, Syrien, Phönizien, Babylon und Ägypten eingeweiht. Es besteht wenig Zweifel, daß die an diesen heiligen Stätten gelehrten Lehren auch in seiner philosophischen Gemeinschaft in Krotona, in Italien, mitgeteilt wurden. Von Plato wird auch berichtet, daß er nicht niedergeschriebene Lehren in der Akademie vorgetragen hat. Seine Philosophie wurde nach Aussage des Porphyrius, in den Mysterien erklärt. Die kabirischen Mysterien von Samothrake, von Isis und Osiris, sowie die Lehren der orphischen Gemeinschaften, trugen auch wesentlich zum spirituellen, intellektuellen und zum künstlerischen Leben der alten Welt bei.

Wie alle zusammengesetzten Dinge in der Natur waren die formell gegründeten Organisationen, die den Versuch unternahmen, die Mysterien zu vermitteln, den sich wiederholenden Zyklen von Geburt, Aufstieg, Abstieg, Verfall und dem Verschwinden aus der Öffentlichkeit unterworfen, wobei es bemerkenswerte Beispiele einer periodischen Erneuerung gab, wie die orphischen Wiederbelebungen des sechsten und der späteren Jahrhunderte vor Christi und der Neuplatonischen Schule von Alexandria im dritten und vierten Jahrhundert nach Christi. Jedoch, wenn auch die äußeren Formen schließlich noch sosehr entarteten, indem sie mehr Zeremoniell als Inhalt hatten, der innere Gehalt der Mysterien blieb doch so unsterblich wie die Wahrheiten, die über den menschlichen Geist gelehrt wurden - vielleicht weil dieser innere Gehalt wie es Cicero ausdrückte, "die Billigung der Universal-Religion" in sich barg (Tusculanische Streitgespräche, XIV, Yonge). Nachdem Justinian im sechsten Jahrhundert n. Chr. die letzte philosophische Schule in Athen schloß, sind viele inspirierte Menschen und auch kabbalistische, alchimistische, rosenkreuzerische und freimaurerische Organisationen in Erscheinung getreten, um die alte Theosophie, die die Mysterien beleuchtete, weiterhin unter Beweis zu stellen.

Es ist im allgemeinen kaum verstanden worden, woraus die philosophischen Mysterien wirklich bestanden. Der Grund hierfür liegt hauptsächlich darin, daß die tieferen Lehren nie bekanntgegeben wurden, außer jenen, die eingeweiht worden waren. Obgleich es erlaubt war, allgemeine Feststellungen über den Inhalt abzugehen - meist in symbolischer Form -, setzte die Einweihung (myesis "schließen") voraus, daß jeder einzelne sich unwiderruflich verpflichtete, die Schlüssel für die Bedeutung nie weiterzugeben, damit das erworbene Wissen von Leuten, denen es an moralischer und philosophischer Disziplin fehlt, nicht mißverstanden und womöglich mißbraucht würde. Wir wissen jedoch genau, daß die Mysterien auf die befähigteren und weithin bekannten Menschen jener Zeit einen tiefen Einfluß ausübten. Ruhm oder hoher Intellekt waren jedoch für die Zulassung keine Voraussetzung. In jener Zeit, als die Mysterien noch rein waren, war es vielmehr moralische Sauberkeit, die zählte. Initiation war damals eine Angelegenheit der eigenen Wahl dessen, der es ernst meinte. Unter denjenigen, die aufgrund der geschichtlichen Überlieferungen teilnahmen, befanden sich Solon, Perikles, Empedokles, Plato, Pythagoras, Sophokles, Äschylus, Herodot, Plutarch sowie die Kaiser Hadrian, Mark Aurel und Julian. Cicero, der in Eleusis eingeweiht wurde, schrieb:

Mir scheint, daß die Athener vieles hervorgebracht und unserem Leben hinzugefügt haben, was hervorragend und göttlich ist, aber nichts war besser als diese Mysterien, durch die wir aus einem rohen und wilden menschlichen Zustand geformt und geprägt wurden, und in der Tat erkennen wir in den Mysterien die wahren Prinzipien des Lebens und lernen nicht nur glücklich zu leben, sondern auch mit einer besseren Hoffnung zu sterben.

- Über die Gesetze, II, 14

Wenn man die unschätzbaren Werte, die Briefe, Essays, Dialoge und Gedankensplitter sichtet und liest, die uns von jenen überlassen wurden, die in der klassischen Zeit gelebt haben - besonders im Hinblick auf die grundlegenden Fragen, warum wir leben und warum wir sterben -, ist man beeindruckt, wie modern sie klingen. Trotz der technischen Fortschritte, die wir kollektiv als Zivilisation gemacht haben, und trotz des universaleren Überblicks, den wir dadurch erworben haben, bleiben doch im wesentlichen dieselben persönlichen Probleme: jeder einzelne muß noch die Antworten über die Bedeutung und den Zweck des Lebens und des Todes in sich selbst suchen und finden. Das erfordert Ausdauer, intensives Suchen und die Bereitschaft Meinungen beiseitezulegen, wenn sie sich als unrichtig erweisen. Von allen großen Lehrern wird uns gesagt, daß diese Dinge erfahren werden können, wenn der suchende Geist, der jedem Menschen innewohnt, nicht durch den Menschen selbst allzusehr behindert wird.

In Platos Mythe von der Höhle (Der Staat, Buch VII) ist eine der klarsten Darstellungen über diese Wahrheit zu finden: "Stelle dir nämlich Menschen vor in einer höhlenartigen Wohnung unter der Erde, die einen nach dem Lichte zu geöffneten und längs der ganzen Höhle hingehenden Eingang haben, Menschen, die von Jugend auf an Schenkeln und Hälsen in Fesseln eingeschmiedet sind, so daß sie dort unbeweglich sitzenbleiben und nur vorwärts schauen, aber links und rechts die Köpfe wegen der Fesselung nicht umzudrehen vermögen." Das Licht ist matt, hinten brennt ein Feuer, das deren tanzende Schatten auf eine ihnen gegenüberstehende Wand wirft. Diese Phantome sind das einzige, was die Bewohner der Höhle interessiert; und weil sie nichts anderes kennen, denken sie, das sind die "Wirklichkeiten" des Lebens.

Aber Plato fügte dieser Erzählung einen wesentlichen Punkt hinzu, nämlich, einer der Gefangenen wird von den Ketten befreit. Er steht auf, dreht sich um, geht herum und blickt in das Licht, das am Eingang der Höhle herunterscheint. Das Licht verursacht starke Schmerzen, und der grelle Schein beunruhigt ihn anfangs. Mit der Zeit überwindet er jedoch seine Verwirrung, und er beginnt den steilen und schwierigen Aufstieg, um die Quelle des Lichtes zu entdecken; allmählich gewöhnt er sich an die Helle. Und sobald er sich draußen befindet, sieht er, hier ist die wirkliche Welt, von einer großen Sonne beschienen. Wie konnte er je an die Trugbilder der Schatten glauben, die durch das kleine Feuer in der Höhle verursacht wurden? Dieser Gedanke erinnert ihn an seine früheren Freunde, die noch eingekerkert sind. Er wird von Mitleid überwältigt. Genauso wie in der Erzählung vom Erwachen des Buddha unter dem Bodhi-Baum, wird der nunmehr erleuchtete Mensch von dem Gedanken erfaßt, daß eine Rückkehr ihn der Lächerlichkeit, wenn nicht gar der Märtyrerschaft aussetzen würde. Die Bewohner der Höhle würden seltsame "Theorien" hören und sich vor dem Menschen fürchten, dessen Auge ein durchdringendes Licht besitzt. Trotzdem drängt es ihn zur Rückkehr, sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen, an den Mühsalen in der Höhle teilzunehmen, und, weil er "das Schöne, das Gerechte und das Gute in der Wirklichkeit gesehen hatte", seinen Mitmenschen dadurch zu helfen, indem er auf diese einen belebenden, spirituellen Einfluß ausübt.

In dieser Parabel können wir nicht nur das Musterbeispiel des Aufstiegs zur spirituell-intellektuellen Erleuchtung erkennen, sondern auch die vernunftmäßige Darlegung für die Existenz und den Zweck der Mysterien. Durch Mitleid und Notwendigkeit getrieben, kehren diejenigen, die den Pfad bereits bis zum Gipfel gegangen sind, zurück, um der Menschheit auf ihrer nach oben gerichteten evolutionären Reise beizustehen. Diese "weisen Menschen" bemühen sich unter anderem, Schulen, Zentren des Lichts in verschiedenen Teilen der Welt zu errichten, um denjenigen zu helfen, die nach der Wahrheit dürsten. Das bedeutet nicht, daß ein Mensch den Pfad "hinaufgetragen" wird; dadurch würde er geschwächt; es bedeutet vielmehr, daß ihm von denen, die arbeiten, durch eine "Hebamme" geholfen wird, wie Sokrates es tat. In diesem Zusammenhang wurde das Symbol der spirituellen Geburt verwendet... Unter der wachsamen Obhut seiner Ratgeber "arbeitete" sich der Kandidat durch verschiedene Grade der Einweihung zu immer größerer Intelligenz und Spiritualität, um ein besseres Verständnis für das "Große Mysterium" hervorzubringen.

Der Zyklus des Erwachens hat zwei grundlegende Phasen. Plotinus schreibt:

Für alle gibt zwei Stufen des Pfades, ... Der erste Grad besteht in der Umstellung vom niederen zum höheren Leben; der zweite - der von denjenigen eingenommen wird, die bereits zu der Sphäre der Intelligenzen vorgedrungen sind, die gleichsam dort bereits ihre Fußabdrücke hinterlassen haben, jedoch in dem Bereich weiter voranschreiten müssen - dauert an, bis sie die äußerste Stelle des Ortes erreichen, die Grenze, die erreicht wird, wenn die höchste Bergspitze ... bewältigt worden ist.

- Enneaden, 1.3.1 (MacKenna)

In Platos eben erwähnter Allegorie entsprechen diese Einteilungen zuerst dem Aufstieg innerhalb der Höhle und dann der Erforschung der Welt außerhalb der Höhle.

In den Eleusinischen Mysterien, über die wir vielleicht die meisten Angaben besitzen, wurde dieses zweifache Schema durch die Niederen und Höheren Mysterien beispielhaft dargestellt. Die Mikra oder "kleineren" Mysterien wurden jährlich in Agrae bei Athen abgehalten, und zwar zur Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche, sie stellten die Jugend dar. Die Riten bestanden hauptsächlich aus der Reinigung (Katharsis), und es ist wahrscheinlich, daß bestimmte Mythen, die innere Wahrheiten enthielten, öffentlich stattfanden. Das war ein Symbol für die erste spirituelle Geburt. Später, im selben Jahr, oder was wahrscheinlicher ist, in einem folgenden Jahr, versammelten sich in Athen zur Zeit der Herbst-Tagundnachtgleiche, der Zeit der Ernte und auch der neuen Aussaat, jene, die dafür geeignet waren, und wanderten auf der Straße nach dem ca. 14 Meilen entfernten Eleusis. Außerhalb der Stadt mündete die Straße in den Heiligen Weg, der zu dem Telesterion führte, in dem die Einweihung in die Größeren Riten (telete) begann. Hier wurde die Mythe von Demeter und Persephone, die für Eleusis heilig war, als Schauspiel mit viel Prunk in Szene gesetzt. Die Mythe selbst ist nach den Erzählungen des Sallust symbolhaft für den Abstieg der Seele vom Geist in die materielle Erfahrung und kann in der Homerischen Hymne an Demeter gefunden werden. Zusätzlich zu den Dromena, den Dramen, wurden Anweisungen erteilt und andere Vorbereitungen getroffen, um jeden Initianden für das Ziel der gesamten Feierlichkeit - der zweiten spirituellen Geburt - bereit zu machen. Das war die epoptische Offenbarung, die im Verlauf der Nacht durch den ersten Hierophanten ("Offenbarer der Geheimnisse") durchgeführt wurde. Da die Geheimnisse der Größeren Mysterien wohl bewahrt wurden, wissen wir nicht, was sich in Eleusis tatsächlich abspielte. Forschen wir jedoch in der mit den Mysterien verbundenen Philosophie nach, dann können wir einige Dinge entdecken, die sich auf die Art der Epopteia beziehen.

bild_sunrise_11980_s42_1Die Lehren des Platonismus und Orphizismus über den Menschen - die man in ähnlicher Form auch im Gnostischen Christentum, im Hinduismus und im Buddhismus findet - erklären, daß der Mensch ein zusammengesetztes Wesen ist. In Essenz ist er von göttlicher Beschaffenheit, ein Gott. Seine Seele ist ein göttliches Kind, das sich in einem Körper zum Ausdruck bringt. Pneuma, Psyche, Soma: Geist, Seele, Körper. Einem zwangsläufigen Zyklus folgend, "trennt" sich die Seele von ihren göttlichen Eltern, und nach ihrem Abstieg aus ihrer himmlischen Heimat, in der sie in einem Zustand der Unschuld, des Nichtselbstbewußtseins verharrt hatte, verkörpert sie sich auf Erden, mit dem Ziele, das zu erlernen, was sie braucht, um "aufzuwachen". Hier muß sie arbeiten, wie Herkules, um ihren eigenen Augias-Stall von der lästigen und ungesunden tierischen "Materie" zu reinigen (zum Beispiel von der Leidenschaft der Habgier, der Sinnlichkeit, des Neides, des Hasses, des Zorns usw.), die sie bei ihrem Abstieg angehäuft hatte. Dann, von der Spreu gereinigt und innerlich gestärkt, kann sie nun selbstbewußt zur Vereinigung mit ihren göttlichen Eltern, die "insgeheim" warten, wieder aufsteigen. Diese Lehre von Unschuld - Fall - Geburt in die Materie - Sünde - Erlösung - bewußtem Aufstieg - Wiedergeburt im Geist, ist ein universaler Mythos oder eine Erinnerung an den Zyklus des intelligenten Lebens. Sie läßt sich auf das menschliche Leben oder das größere Panorama anwenden, das die Entwicklung durch das Menschenreich umfaßt, und sogar auf noch größere Zyklen, die die Geburt, den Tod und die Wiederentstehung von Milchstraßensystemen und Universen beinhalten. Demeter und Persephone. Orpheus und Eurydike in der Unterwelt, Theseus ringend mit dem Minotaurus im Labyrinth, Christi Geburt und Leidensweg, die "Hymne der Perle" in den Apokryphischen Handlungen des Thomas, die Jâtaka-Erzählungen von den Leben Gautama Buddhas, Krishnas periodische avatârische Verkörperungen, die "Kreuzigung" des zweiten Gottes im Raume in Platos Timaios sind nur einige Variationen desselben transzendentalen Themas.

Bildtext: Das Große Relief in Eleusis: Demeter mit Zepter belehrt den eleusinischen Jüngling Triptolemus. Dahinter steht Demeters Tochter Persephone, die ihm die "Krone" der Mysterien aufsetzt. – Pentelisches Marmor-Relief, attisch, 450-440 v. Chr.

Es ist bedeutsam, daß der Erlösungs-Mythos in den ersten Graden der Mysterien gelehrt wurde. Mit einer entsprechenden Erklärung seiner tieferen philosophischen und wissenschaftlichen Bedeutungen diente er zweifellos als ein "Wegweiser" durch die inneren Universen des Menschen und des Kosmos und für die Wege, die durch die Unterwelten und die Himmel führen, die der Kandidat in den Größeren, den spirituellen "Durchgangsriten" einhalten mußte, die zu der tatsächlichen, nicht zu der symbolischen Epopteia gehören. Wir können annehmen, daß sich in den höheren Graden der Mysterien etwas mehr ereignete als durch äußere Riten gezeigt wurde, daß es sich dort um eine echte psycho-spirituelle Begebenheit handelte. Plutarch deutet in seinem theosophischen Essay Über Isis und Osiris darauf hin, wenn er schreibt, daß selbst der

Name ihres Tempels sowohl die Vermittlung als auch das Verständnis von dem, was ist, deutlich verheißt - denn man nennt diesen "Ision" ("der Eingang" im Griechischen) insofern als das was ist bekannt sein wird, wenn wir mit Verständnis und ergeben in die heiligen Riten der Gottheit eintreten.

- II (King)

Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß die tiefen Denker des klassischen Altertums sich bei dieser Verheißung nur mit symbolischen Lehren begnügt hätten. Im Gegenteil, aus ihren Reden ist etwas ganz anderes zu entnehmen. Philosophen wie Plato wußten sehr wohl, daß es nicht genügte, wenn die Wahrheit nur gesagt oder äußerlich gezeigt würde. Worte, Erklärungen und Phänomene waren an sich keine Realitäten, sondern nur Schatten der Realität. Die einzige Möglichkeit, die Wahrheit wirklich zu erkennen, lag vielmehr darin, zu dieser Wahrheit zu werden. Sobald das Gelübde abgelegt worden war, begann für den Schüler eine sehr lange Reifeperiode, in um das Licht, durch das diese Wahrheit erkannt werden konnte, auszustrahlen. Mit anderen Worten, was jeder Mensch von sich gab, wurde die Nahrung, von der das göttliche Feuer in ihm genährt und die mystische Vereinigung gestärkt wurde. Doch aus den alten Schriften können wir noch Andeutungen über Mysterien finden, die weit großartiger sind als die heiligen Visionen der Epopteia - Erkenntnisse, die aus dem Aspiranten eine universalere Weisheit und ein universaleres Mitleid hervorbrachten, die ihn in unseren Augen höher als einen Menschen erscheinen lassen.

Im alten Ägypten verlieh man den Erfolgreichen einer solchen Einweihung den Titel "Söhne der Sonne". In ein noch helleres Licht hineingeboren, erhob sich der wieder zum Leben erweckte Mensch vom Altar seiner spirituellen, mühevollen Geburt, verklärt durch die Glorie der Sonne. Doch, wovon konnte er sprechen? Worüber sollte er sprechen? Der zwingendste Grund für die Geheimhaltung in den Mysterien ist vielleicht - in jedem Grad - die Vertrautheit mit der göttlichen Vereinigung. Hierüber zu offen zu sprechen, würde be-

der er in sich moralische, intellektuelle und spirituelle Eigenschaften sammelte, die erforderlich waren, um sich in den schwierigen Prüfungen der epoptischen Erfahrung zu bewähren, seiner "Geburt" in die neue Welt dessen, was ist.

In den niedrigen Graden wurde jedem Kandidaten gelehrt, daß er selbst der Held des Erlösungs-Mythos ist. Er sei es gewesen, der "gefallen" war und seine "Rettung" - das Wissen um sein unsterbliches Selbst und das Primat des spirituellen Lebens - hingen von seinen eigenen Anstrengungen in der Entwicklung ab. Das Wissen um Göttlichkeit zwang ihn immer mehr, sich zu einer Gottheit zu entwickeln. Außer der Erfahrung aus erster Hand gab es keinen zufriedenstellenden Beweis. So lernte er den mystischen "Tod" kennen, um den Zyklus zu beenden. Nur mit der Stärke seiner inneren Befähigung würde er der Seelenreise nach dem Tode bis zu ihrem Höhepunkt folgen, bei der er, wenn er erfolgreich war, der "geheimnisvollen Präsenz" entgegentreten würde, die in ihrer eigenen himmlischen Sphäre beobachtend wartete. Über diese erhabene Heimkehr hat Plotinus offensichtlich voller Sehnsucht berichtet:

Daher müssen wir wieder zum Guten aufsteigen, zu dem, wonach jede Seele strebt. Jeder, der ES gesehen hat, weiß, was ich meine, wenn ich sage, daß es herrlich ist ... somit gibt es für diejenigen, die sich den heiligen Feiern der Mysterien nähern, festgelegte Reinigungen, und die Gewänder [von Körper und Persönlichkeit], die vorher getragen wurden, müssen abgelegt werden. In Nacktheit [der Seele] tritt jeder ein - bis auf dem Weg nach oben alles, was der Gottheit nicht gleicht, verschwindet. In der Einsamkeit seines Selbst wird er jene abgesondert verbleibende Existenz, das Getrennte, das Unvermischte, das Reine erblicken, das, von Dem alle Dinge abhängen, nach Dem alle blicken und für Das alle leben, arbeiten und verstehen wollen, die Quelle des Lebens, des Denkens und des Seins.

- Enneaden, 1, 6, 7 (MacKenna)

Was ist nun das "große Mysterium" des Menschen und seines Universums? Für jeden, der den Tempel seines eigenen Selbst betrat, war es eindeutig der innere Gott, die Sonne der Wahrheit, die "im Verborgenen" verblieb bis zu jenen erhabenen Augenblicken, wenn sich der Schleier hob. Dann durfte er mehr über sein spirituelles Erbe und die tiefere Bedeutung seines Opfers erfahren. Als er für seine niederen Elemente "gestorben" war, um die Wahrheit des Lebens finden zu können, "starb" der lebende Gott in ihm so weit,

deuten, daß die hierdurch vermittelten und erhaltenen Eigenschaften zunichte gemacht würden. Für jeden, der das Ziel seines Suchens gefunden hatte, war es somit besser zu schweigen, das Licht, das er erblickt hatte, mit Demut zu tragen und ohne Zeremoniell an den vor ihm liegenden Aufgaben in der Welt seiner Mitmenschen mitzuarbeiten.

Fußnoten

1. Plato, Die Gesetze, 716 A [back]
2. Siehe George Mylonas: Eleusis and the Eleusinian Mysteries (Eleusis und die Eleusinischen Mysterien), mit einer ausgezeichneten und detaillierten Zusammenfassung archäologischer und historischer Daten; auch Thomas Taylors Eleusinian and Bacchic Mysteries (Eleusinische und Bacchische Mysterien), vierte Ausgabe, mit Anmerkung von Alexander Wilder, M. D. Diese Dissertation, die in Thomas Taylor, the Platonist (Thomas Taylor, der Platoniker) nachgedruckt wurde, herausgegeben von Kathleen Raine und George M. Harper, stellt eine der besten philosophischen Interpretationen der Mysterien dar. [back]