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Die Suche: Vom reinen „Tor“ zum Ritter des Grals

Wo ist der schützende Hort, der uns reifen läßt, wo die Gelegenheit, weise zu werden?

- Matthew Arnold

 

 

 

In alten Zeiten bedeutete Einweihung ein Stadium des inneren Wachstums, wenn das, was im menschlichen Herzen verborgen gewesen war, zum Vorschein kam; es war der "Beginn" eines neuen Kapitels im Buch des Lebens. Von vielen Völkern sind uns Geschichten überliefert worden, die diese Art der Einweihung oder Einführung in die innere Bedeutung der Ereignisse im täglichen Leben symbolisch darstellen. Wie die Rituale oder Zeremonien, die einen solchen "Beginn" begleiteten, auch gewesen sein mögen, das wichtigste Merkmal lag effektiv in einer bewußten Anteilnahme an dem sich entfaltenden Drama der menschlichen Seele. Ein solcher Mythos war die Erzählung von Parzival - Parsifal, in der von Richard Wagner angenommenen persischen Fassung, in der Bedeutung des "reinen Tors" oder in der gallischen Fassung des Perlesvaus - Perceval oder Peredur, "Dem Ritter der Schale" oder des Kelches.

Es gibt verschiedene Erzählungen von Parzivals Suche nach dem Heiligen Gral; die vorliegende Studie basiert hauptsächlich auf der Darstellung von Wolfram von Eschenbach. Seine Dichtung ist von einer älteren, vorchristlichen Überlieferung mit orientalischem Einschlag abgeleitet, was daraus erkennbar ist, daß er östliche Begriffe und Bezeichnungen, oft auch Namen wie Babylon, Alexandria und andere Orte in Kleinasien und auch Indien erwähnt. Wolfram deutet selbst an, daß die Erzählung, aus der er übersetzte, von dem Provenzalen Kiot oder Kyot stammte, der Arabisch lernen mußte, um eine viel ältere Urkunde zu übersetzen, die wiederum eine neue Formulierung einer noch älteren Version war. Emile Burnouf, der bekannte französische Orientalist, erklärte:

Die einzige wahre Legende vom Heiligen Kelch [oder der heiligen Schale] ist die, die von der Gegenwart durch die Vergangenheit in den christlichen, griechischen, persischen und buddhistischen Heiligen Schriften bis zu den vedischen Hymnen zurückverfolgt werden kann, wo man die Bedeutung dieser Legende findet.1

Ihr Sinn ist die Erleuchtung der Seele durch ihre innewohnende Göttlichkeit, wobei das Gefäß das Mittel darstellt, die "Eins-Werdung" des "Kindes" oder des menschlichen Wesens mit seinem "Vater" oder mit der Quelle allen Daseins zu erreichen. Die Suche nach dem Gral ist das Verlangen bzw. das Streben nach der Reinigung, um die Verschmelzung mit der Quelle des eigenen Lebens zu erlangen. Das heißt, der ursprüngliche Parzival ist eine Erzählung über die Einweihung im besten Sinne des Wortes. Parzival ist demnach ein symbolisches Vorbild für jeden von uns, der bereit ist, den Schulungs-Weg zu gehen, der seiner Erzählung über die "Abenteuer" zugrunde liegt.

Das Wort "Gral" ist aus dem Wort Crāter hergeleitet, dem griechisch-lateinischen Begriff für ein Gefäß. Ein neueres Buch2 beweist überzeugend, daß Wolframs Parzival beinahe eine freie Wiedergabe von Abhandlungen des Corpus Hermeticum darstellt - einer Sammlung alter ägyptischer Begriffe, die in das neuplatonisch-griechische von Alexandria übersetzt worden war. Wolfram versetzte diese Handlung in das europäische Milieu des dreizehnten Jahrhunderts. Wir können das Grals-Thema vergleichen mit den Abschnitten in der Hermetica, die den Kratēr behandeln; und die Kapitel, die Parzivals spirituelle Wiedergeburt betreffen, mit denjenigen, die sich auf das "Wieder-ins-Dasein-treten" beziehen.

Jahre bevor Parzival geboren wurde, ist ein einzigartiger magischer Stein, der Heilige Gral genannt, von Titurel aus dem Osten mitgebracht worden. Er gründete eine Bruderschaft von Rittern, um den Heiligen Gral zu schützen und ihm zu dienen. In einer anderen Fassung reinigt er nur einen bereits bestehenden Grals-Orden und erfüllte ihn mit neuem Leben. Klingsor, ein Mann, der dem Orden beitreten wollte und bereits beträchtliche "psychische Kräfte" erworben hatte, wurde wegen seines Egoismus und seiner ehrgeizigen Ambitionen abgewiesen, weil diese Charakterzüge mit dem selbstlosen Mitleid, das vom Gralsdiener verlangt wurde, in direktem Widerspruch standen. Klingsors Verlangen schlug in Haß um, und er beschloß, den Orden zu unterminieren, wenn er ihn nicht zerstören konnte. Er errichtete ein gegnerisches Reich und konspirierte gegen die Gralsritter. In den Außenbezirken des Grals zog er durch seine Meisterschaft in den okkulten Künsten mit Beschwörungen die Diener für seine "Burg des Verderbens" an. Er unterjochte auch Kundry, das Symbol der Natur. Sie wurde gezwungen, ihm zu helfen, die Ritter zu besiegen, indem sie solche Waffen wie Schmeicheleien, Verführung und verschiedene andere Methoden anwendete, die auf die niederen Aspekte des menschlichen Charakters verlockend wirken.

Als Titurel älter wurde, übernahm sein Sohn Frimurtel die Herrschaft; dieser wurde jedoch bald darauf erschlagen, und der Nachfolger war dann Anfortas, Enkel und Sohn in direkter Linie. In diesem Zusammenhang haben die Begriffe "Sohn" und "Enkel" offensichtlich eine symbolische Bedeutung, die auf Schüler oder ihre Nachfolger anzuwenden sind. Der Priester-König des Grals, Anfortas, war auch als der "Fischer-König" bekannt - ein Name, der in der Artus-Sage vorkommt. Die Tafelrunde war ein "Spiegel" des Tierkreises auf Erden, wobei die Namen mit den Rittern verbunden waren, die die verschiedenen Grade des Fortschritts auf der Leiter der Einweihung darstellten.

Anfortas kam während seiner Amtszeit bald mit Klingsor in einen direkten Konflikt. Eine Fassung berichtet, daß er Kundrys Verführungskünsten unterlag, während er nach einer anderen Darstellung, die wahrscheinlicher ist, unklugerweise versuchte, Klingsor auf dessen eigenem Gebiet - der niederen menschlichen Natur - zu bekämpfen, um die Ritter seines Ordens zu schützen. In diesem Kampf entwand Klingsor Anfortas den Heiligen Speer, ein universales Symbol für den spirituellen Willen, und stieß diesen gegen Anfortas, wobei er ihn damit berührte. Die Wunde, die dadurch entstand, konnte nur durch das Berühren mit dem Speer geheilt werden, wenn dieser sich in den Händen des rechtmäßigen Besitzers befand. Dieser Teil der Erzählung hat anscheinend die gleiche Bedeutung wie das Freiwerden von materiellen Ketten des Prometheus - des Lichtbringers für die Menschheit, dem "titanischen Pionier der Zivilisation", der nur durch Herakles (Hercules), in der Bedeutung des vollkommenen menschlichen Wesens, gerettet werden konnte.

Zu den Ritualen in der Gralsburg gehörte das "Zeigen" des Heiligen Steins am Karfreitag; vielleicht eine Andeutung auf das Frühlings-Äquinoktium, eine Gelegenheit für eine besondere Einweihung eines Kandidaten auf dem spirituellen Pfad. Die Zeremonie des Grals oder "Kelches"3 bestand bei diesen Veranstaltungen darin, symbolisch zum Ausdruck zu bringen, daß die Seele eine Erfahrung durchmacht, um eine Vereinigung mit dem höheren Selbst zu erreichen.

Der Priester-König war der allen übergeordnete Diener des Grals, und als solcher führte er verschiedene Funktionen oder Pflichten aus. Die wichtigste bestand darin, das Gefäß unverhüllt zu zeigen, so daß es sein wohltätiges Licht der Weisheit ausstrahlen lassen konnte. Licht ist eines der Symbole, die das Transzendentale am besten offenbaren, und daraus stellte der Gral "Musik", "Früchte" und verschiedene andere "Nahrung" zur Verfügung - alle versinnbildlichen Eigenschaften der Seele -, die durch die Diener verwaltet wurden, die nicht nur in der Gemeinschaft an der Gabe Anteil hatten, sondern diese auch an die Menschheit weiterleiteten.

Nachdem Anfortas seine nie heilende Wunde erhalten hatte, verstärkten sich seine heftigen Schmerzen bei solchen Zeremonien; seine Unreinheit, verursacht durch eiterndes Gift, stand im Gegensatz zur Reinheit des Grals. Deshalb zögerte er immer mehr, bei der Enthüllung zu amtieren. Titurel lebte noch, schwach und in ätherischer Schönheit. Der Gral vermittelte ihm all das, was er zu seiner Erhaltung benötigte, obgleich er nicht danach gesucht hatte. Anfortas Zögern, seines Amtes zu walten, war nicht nur die Ursache, daß sein Großvater immer mehr Kraft verlor, sondern auch für die Mutlosigkeit unter den Rittern und eine Atmosphäre der Niedergeschlagenheit in der Burg. Aber es bestand auch eine Hoffnung aufgrund einer Prophezeiung. Als der verwundete Anfortas zurückgekehrt war, hatten die Gralsritter ausgerufen: "Wer wird nun unsere Mysterien bewachen?", worauf man ihnen gesagt hatte, daß ein "Retter" kommen würde, der den Speer wiederbringen, Anfortas von den Schmerzen befreien und dann das Amt übernehmen würde. Die Ritter durften jedoch nicht vorweg sagen, was das Geschehen in der Halle bedeutete, oder den Neuankömmling veranlassen, die entscheidende Frage zu stellen. Damit wird angedeutet, daß ein Buch oder ein angelerntes Wissen allein nicht ausreicht, um einen Kandidaten zu einem Eingeweihten werden zu lassen. Wir müssen den Stand erarbeiten, in den einzutreten wir die Möglichkeit haben.

Wir wenden uns nun der Erzählung von Parzival und dessen Abstammung zu, denn wir wollen hier nicht den Gral in den Vordergrund stellen, sondern Parzivals Bestreben, ihn zu finden, und seinen Mangel an Verständnis erklären, als er ihn das erste Mal sah. Gamuret, Prinz von Anjou, ein Symbol für das Bestreben des Göttlichen Geistes, sich auf unserer Lebensebene zu manifestieren, suchte ritterliche Abenteuer und verließ die Heimat. Er erreichte das Land der maurischen Königin Belkane und half, sie zu verteidigen. Nach seinem Sieg heiratete er sie. Sie hatten einen Sohn, der Feirifis hieß, dessen besonderes Kennzeichen die schwarz und weiß gefleckte Haut war, was die zweifache Eigenschaft des menschlichen Gemüts zum Ausdruck bringen sollte. Ein Pol war auf die Materie gerichtet, der andere auf das Geistige. Gamuret war bald des ruhigen Lebens am Hofe überdrüssig und suchte weitere Erlebnisse. Er kam zum Reiche der Herzeleide, Witwe eines Kaisers, die den Sieger eines Turniers heiraten mußte. Gamuret besiegte die anderen Mitkämpfer und heiratete Herzeleide. Ihr Sohn Parzival, die menschliche Seele, wurde geboren, nachdem Gamuret getötet worden war, als er an einer Barmherzigen Tat oder an einer Befreiung beteiligt war. Nach einem anderen Bericht kam er in einer Schlacht ums Leben, als er einem Freund half, der ihn um seine Hilfe gebeten hatte.4

Parzivals Mutter wurde "Königin von zwei Reichen" genannt. Vermutlich war es Nord- und Südwales, womit jedoch auch das geistige und materielle Leben gemeint sein konnte. (Dieser Gedanke wird, äußerlich betrachtet, im alten Ägypten in der Vereinigung von Ober- und Unterägypten zu einem Reich beispielhaft dargestellt; es wird darin aber auch sowohl das innere Gleichgewicht der subjektiven und objektiven Aspekte der Welt als auch des menschlichen Seins mystisch zum Ausdruck gebracht.) Wieder verwitwet, verließ Herzeleide ("bitterer Schmerz", "Verzweiflung" oder "Herzensängste") mit einem kleinen Sohn ihre Heimat und wohnte nun weit entfernt, in der Hütte eines Försters. Sie befürchtete, daß ihren Sohn ein ähnliches Schicksal wie Gamuret befallen könnte. Sie erzog ihn deshalb so, daß er nichts über die Ritterschaft oder deren Ehrenkodex erfuhr und weder seinen Namen noch seine Herkunft kannte. In früheren Zeitaltern soll es üblich gewesen sein, daß jeder einen "geheimen Namen" besaß, der nur seinem Höchsten Selbst bekannt war. Man sagt, der Betreffende als Person erfuhr diesen Namen erst in einer fortgeschritteneren Einweihung, wenn der Kandidat durch eine ungeheure Erfahrung mit seinem göttlichen Selbst konfrontiert wurde, eine Erfahrung, die eine große Reinheit des Charakters und des Motivs, aber auch Willensstärke und Weisheit erforderte.

Während der Jugendjahre, die er im Wald verbrachte, wuchs Parzival zu einem hübschen, starken, athletischen jungen Mann heran, aber seine Intelligenz blieb unentwickelt. Er wurde später "einfältig" oder ein "Ton" genannt - nicht weil er tatsächlich unintelligent war, sondern wegen seiner arglosen Unschuld, seiner einfältigen Auffassungsgabe und seines einfältigen Glaubens. In jener Zeit war er zufrieden, die schnellen Tiere zu überholen und mit den primitiven Waffen, die er selbst hergestellt hatte, zu jagen. Eines Tages brachte er einige Vögel nach Hause, die er mit seinem Bogen heruntergeschossen hatte. Plötzlich erkannte er, daß sie tot waren, und er weinte um sie. In Wagners Oper Parsifal wird diese Episode vom Komponisten so dargestellt, daß der Held in einer späteren Szene einen Schwan verwundet, wobei diese Erfahrung in ihm das Mitleid für die leidenden Tiere weckte. Wagner hat in dieser Erzählung das mitaufgenommen, was er in buddhistischen Schriften gelesen hatte. Dort wird eine Episode im Leben Gautama Buddhas so geschildert, daß dieser einem Schwan zu Hilfe kam, der von seinem Vetter Devadatta angeschossen worden war. Wagner verwendete den Schwan, um die Gralsritter symbolisch darzustellen, wie zum Beispiel in der Erzählung von Lohengrin, Parsifals Sohn. Diese Erzählung stammt ebenfalls von Wolfram - im letzten Teil des Gedichtes.

Die Wirkung dieser Erfahrung mit dem Tod könnte auch als Parzivals erstes Erwachen bezeichnet werden. Die zweite Erfahrung kam, als er einige Ritter in voller Rüstung traf. Hierdurch tief beeindruckt, begab er sich zum Anführer dieser Schar, um ihm seine Ehrerbietung zu erweisen. Er stellte kindliche Fragen über die Rüstung und ihre Ausstattung. Als man ihm sagte, sie seien Ritter, faßte er den Entschluß, auch einer zu werden. Er erzählte seiner Mutter davon und auch, daß es seine Absicht sei, sie zu verlassen, um ein Ritter zu werden. Aus Angst um seine Sicherheit gab sie ihm eine bäuerliche Kleidung. Sie dachte, er würde lächerlich wirken und dadurch veranlaßt, seine Absicht aufzugeben und zu ihr zurückzukehren.

In diesem Aufzug kam er an den Hof des Königs, wo man sich für ihn interessierte, ihn aber für ungebildet und äußerst unwissend hielt. Einer der Ritter spottete über ihn, und Parzival ging weg, obgleich es eine seltsame Prophezeiung über seine künftige führende Aufgabe gab. Bald darauf kam es zu einem Duell mit dem Roten Ritter. Diese Person ist in allen Fassungen, die wir besitzen, eine mysteriöse Erscheinung. In einer Erzählung wünschte sich Parzival die rote Rüstung, als er sie gesehen hatte, weil er die Farbe liebte, und er kämpfte mit dem Ritter, um in ihren Besitz zu gelangen. Wolfram identifiziert den Roten Ritter mit Parzivals Vetter Ither, der einen Groll gegen den König hegte. Später sagt Wolfram in der Erzählung jedoch, daß Parzival Ither in seiner roten Rüstung mit einem anderen Roten Ritter, dem bittersten Feind des Königs, verwechselt habe.

Aus dem Duell ging Parzival siegreich hervor und zog dem Ritter die Rüstung aus - was eine schwierige Aufgabe für ihn war, weil er sich technisch nicht auskannte - und zog sie über seine Beinkleider an. Wie später zum Ausdruck kommt, mußte Parzival die Folgen seines voreiligen Handelns und daß er Ither erschlagen hatte, büßen. Beachtet man jedoch, daß die Geschichte eine symbolische Seite hatte, dann wäre der "Rote Ritter" das, was sich ein Kommentator darunter vorstellte: Die rote Rüstung bedeutet eine hohe spirituelle Wahrheit, "das Wissen vom ewigen Leben." Möglicherweise bestehen auch Verbindungen zu der altägyptischen Verknüpfung der roten Farbe mit dem Sand der Wüste, betrachtet als Seth, der die materielle Seite des Lebens darstellt: roh, unerwacht und daher unfruchtbar.

Nach dem Duell begann Parzival seine Wanderungen und begegnete einer Dame - Kondwiramur -, die in Bedrängnis war; er rettete und heiratete sie dann. Wolframs Gedicht hat eine weitere tiefere Bedeutung, wenn wir voraussetzen, daß alle seine Charaktere nicht nur als Figuren zu betrachten sind, die bei Einweihungen bedeutsam sein können, sondern auch die Elemente verkörpern, aus denen ein normaler Mensch besteht, der nach Erleuchtung trachtet, denn dann erheben sich diese Elemente aus einem ruhenden latenten Zustand und werden aktiv. Kondwiramur bedeutet Mitleid, und sie begleitet nun Parzival, damit er sein Ziel erreichen kann. Wolframs Fassung ist bei diesem Mythos die einzige, die ich kenne, der dieses Motiv bestimmt zugrunde liegt.

Durch sein Suchen gedrängt, verließ Parzival Kondwiramur und erreichte nach verschiedenen Abenteuern das Gebiet der Gralsburg am Montsalvatsch. Dort traf er den leidenden Fischer-König Anfortas, der ihm den Weg wies, und auch den Obersten der dienenden Ritterschaft, Gurnemanz, der den vernunftmäßigen Teil des Gemüts symbolisch darstellt. Da er glaubte, Parzival könnte der "Retter" sein, den der Gralsorden erwartete, gab Gurnemanz ihm ritterliche Weisungen, einschließlich des Rates, bei Fragen zurückhaltend zu sein. Er ließ Parzival in die Halle ein, in der der Gral von der hiermit Beauftragten, Repanse de Schoie - "Freude des Lebens", sie war Anfortas Schwester -, in die Höhe gehalten und enthüllt wurde und seinen Glanz auf alle ergoß. Parzival sah flüchtig einen schönen alten Mann - Titurel - in undeutlichen grauen Umrissen und bemerkte das Leiden Anfortas, der auf einem Ruhebett lag. Da er sich jedoch an den Rat erinnerte, den ihm Gurnemanz gegeben hatte, verpaßte er die Gelegenheit und unterließ es, die entscheidende Frage zu stellen: "Wodurch ist dieses Leid entstanden?" Gurnemanz führte ihn dann fort. In einem anderen Bericht erwachte Parzival am nächsten Morgen in der Wildnis außerhalb der Burg.

Er ließ sich in der weiten Welt in zahlreiche Abenteuer ein, die alle latenten Eigenschaften in ihm zum Vorschein brachten. Er erwarb viele Kenntnisse und wurde ein Ritter, der sich durch seinen Mut, vor allem jedoch wegen seines Mitleids, das er anderen entgegenbrachte, auszeichnete. In sich selbst gewann er Kämpfe gegen viele seiner niederen Eigenschaften, wobei alle Aspekte als Widersacher personifiziert wurden, denen er gegenübertrat, die er überwand oder als Freunde und Helfer gewann, die ihm zur Seite standen. Zum Beispiel scheint der berühmte Ritter Gawain in der Wolfram-Fassung gleichbedeutend mit dem Gewissen zu sein.

Eines Tages erreichte Parzival eine Grotte, in der der Einsiedler Trivrezent oder Trevrezent lebte. Er wurde willkommen geheißen und dem Ritual entsprechend gereinigt, gesalbt und mit "Kräutern" erfrischt - ein Verfahren, das bei allen Einweihungsmythen üblich ist. Der Eremit begleitete ihn in eine Gruft. Hier können wir feststellen, daß im Altertum Höhlen und künstliche, von Menschenhand geschaffene, unter der Erde liegende Plätze, wie Gewölbe, Grüfte usw., oft als Einweihungsstätten für die Grade der spirituellen Erkenntnis gewählt wurden. Sie bedeuteten die Rückkehr des Kandidaten in den Schoß der Natur, um vom Seelen-Feuer wiedergeboren zu werden.

Dort wurde Parzival über den Abstieg Luzifers und seine Engelsgefährten, begleitet von "neutralen" höhergeistigen Wesen, belehrt, und über Adam und Eva, die an ihre Stelle traten. Das erinnert an die alte Darstellung über den "Fall": nicht selbstbewußte Gottesfunken "fallen" in die Materie, so daß die inneren Eigenschaften entwickelt und die unentwickelte Materie geläutert werden kann. Trevrezent erzählte Parzival auch vom Heiligen Gral und daß nur diejenigen, die ihm dienen, darüber Bescheid wissen dürfen und daß diese eine Bruderschaft hingebungsvoller Ritter bilden. Der Einsiedler gab zu erkennen, daß er selbst ein Bruder von Anfortas und auch von Herzeleide sei und daß der Gral ein Stein sei, "rein und kostbar, Lapis Exilis genannt" (Stein der Verbannung), mit heiligen katalysierenden Kräften, um die Menschen zu erleuchten. Er sei vom Himmel herabgekommen, um auf die "gefallenen" und "neutralen" Engel zu achten und sie an ihren Ursprung und an ihre innere Essenz zu erinnern.

Durch seine Magie wird der wundersame Vogel, der Phönix, zu Asche. Dem Stein entströmen jedoch so viele wertvolle Eigenschaften, daß er sich von neuem neu belebt, aus der Glut der Asche erhebt, und die Federn, die er vor der Mauser abgelegt hatte, sprießen hervor, jedoch schöner und heller denn je.

- Parzival, Wolfram, II, 628-630 (Weston)

Trevrezent erzählte, wie der magische Stein zum Berg Montsalvatsch gebracht worden war und wie der Orden von Titurel - dem Vater von Frimurtel und Großvater von Anfortas -, Parzivals Mutter Herzeleide und von ihm selbst ins Leben gerufen worden war. Am Karfreitag flog eine Taube herab und nahm an der Enthüllung des Grals teil, wodurch alle gesegnet wurden. Der heilige Vogel ließ eine Feder von sich zurück und flog dann wieder weg. Die Taube ist ein Symbol der kosmischen Einheit, die in ganz wenigen Fällen einen Teil von sich selbst projiziert, um den Kandidaten zu erleuchten.

Parzival rühmte sich dann all seiner Taten und äußerte den Wunsch, dem Gral zu dienen. Der Einsiedler warnte ihn aber, er solle sich vor der Hoffart wappnen und stattdessen der Tugend der Demut huldigen. Er berichtete Parzival von dem Schicksal, das Anfortas erlitten hatte und daß niemand wissen könne, wo der Gral zu finden sei, es sei denn, dieser rufe ihn. Vor Jahren sei jedoch jemand hier gewesen, ein "einfältiger Tor", der die Burg sündenbeladen verlassen hatte, weil er versäumte, seinen Gastgeber nach dem Grund seines Leidens zu fragen. Parzival erkannte jetzt, daß es ihm an Mitleid gemangelt hatte und daß sein Mißverständnis hinsichtlich des Rates, den ihm Gurnemanz gegeben hatte, darauf zurückzuführen war, daß er die Einheit allen Lebens nicht verstanden hatte. Wenn er sich dessen bewußt gewesen wäre, hätte er sicher gefragt, was seinem Bruder fehle. Er vertraute dem Einsiedler an, daß er jener "Tor" gewesen sei, und Trevrezent, der Prototyp eines Initiators,5 offenbarte Parzival seine früheren Gelegenheiten und sein Versagen - den Preis, den er für das Duell mit Ither zu zahlen hatte, eingeschlossen.

Der Besuch bei dem Einsiedler dauerte vierzehn Tage, und als er mit sich ins Reine gekommen war, ging er mit Trevrezents Segen fort: "Sei standhaft und tapferen Herzens!" Während seiner nächsten Reise hatte er ein Duell mit einem Ritter auszufechten, das unentschieden verlief. Mit aufgeklappten Visieren stellte Parzival fest, daß er gegen Feirifis gekämpft hatte, und jeder erkannte den anderen als Halbbruder. Später war Parzival noch einmal in der Nähe der Gralsburg. Er sah sie, aber jetzt umgeben mit den Trugbildern, die von Klingsor mit der erzwungenen Hilfe Kundrys erzeugt worden waren. Versuchungen bedrängten ihn, und die Prüfungen wurden ständig schwieriger. In einer Vision wurde ihm gezeigt, daß Herzeleide wegen seines gedankenlosen, gefühllosen Abschieds an Kummer gestorben war. Kundry bot sich als Ersatz an. Dies war wieder ein Moment des Erwachens für Parzival, weil das plötzlich erwachende Mitleid für seine Mutter ihn sofort auch an Anfortas Leid erinnerte, den er vor vier Jahren auf seiner Liegestatt gesehen hatte. Kundrys Versuche, ihn zu beherrschen, schlugen fehl.

Nachdem er Kundry zurückgewiesen hatte, wurde ihm bewußt, daß die gesamte Natur zweifach ist, denn Klingsor hatte die Meisterschaft nur über die niederen, materiellen Aspekte erringen können. Die höheren, göttlichen und spirituellen Bereiche des Lebens lagen jenseits der Macht des Zauberers. Kundrys "Seele" stieg gereinigt aus der Larve ihres toten niederen Selbst hervor, durch Parzivals innere Stärke erlöst. Doch schließlich mußte er Klingsor selbst gegenübertreten. In dem langen Duell, das folgte, wurde der Heilige Speer auf ihn geworfen und von ihm aufgefangen. Er verließ die unsauberen Hände und gelangte in die gereinigten. Dadurch verschwand Klingsors Zauber wie Rauch in dünner Luft.

Parzival wurde wiedergeboren; seine zweite Geburt war eine spirituelle. Bevor er jedoch die Gralsburg betreten konnte, mußte er einen Ritter haben, der ihm beistand; er wählte Feirifis. Kondwiramur erschien an seiner Seite, und, den Speer tragend, wurde Parzival mit seinen beiden Gefährten eingelassen. Seine erste Handlung bestand darin, Anfortas Wunde zu berühren und zu heilen. Dieser übertrug ihm daraufhin die Verantwortlichkeiten eines Priester-Königs als ersten Diener des Grals. Von einfaltiger Unschuld war Parzival zu tiefer Weisheit gereift.

Eine Prozession der Ritter und der vierundzwanzig Jungfrauen, die dem Gral dienten, betrat die Halle; nur Repanse de Schoie erhielt von dem Heiligtum die Erlaubnis, den Stein tragen zu dürfen. Die Diener waren in Gruppen eingeteilt: zuerst vier, dann acht, dann zwölf, letztere in zwei Gruppen zu je sechs unterteilt. Jede Gruppe trug die entsprechende Anzahl Lichter. Zuletzt kam die "Prinzessin" des Grals, die ein Licht trug. Diese Reihenfolge hat viele Kommentatoren verwirrt. Kahane und Kahane weisen jedoch auf die deutliche Ähnlichkeit mit der Hermetica hin, in der die Gruppen in derselben Ordnung "die vierundzwanzig Stationen der Reise kennzeichnen, die die Seele durchlaufen muß. Es sind 4 Elemente + 8 Sphären + 12 Zeichen des Tierkreises + 1, die Monade... Die Gralsprozession ist mit anderen Worten eine Darstellung der mystischen Reise der Seele zur Monade, durch den Gral symbolhaft dargestellt" (op. cit. Seite 105-106).

Das Ende der Gralssuche ist die Rückkehr zur Quelle des Lebens und eine Wiedergeburt in dieser Quelle als göttliche, selbstbewußte Wesenheiten, die durch Verwicklung in irdische Erfahrungen gereinigt worden sind und auch zum fortschreitenden Prozeß der kosmischen Evolution dadurch beigetragen haben, daß sie die von ihnen verwendeten Substanzen verfeinerten. Die große Lektion für Parzival - für uns alle, weil er unser Urbild ist - bestand darin, daß alle irdischen Wesenheiten untereinander verbunden sind und miteinander in Beziehung stehen. Die bindende Kraft einer Universalen Bruderschaft läßt erkennen, daß wir alle zusammengehören. Das Leiden eines Gliedes dieser Gemeinschaft schmerzt alle, und das Mitleid, das wir im Herzen tragen, drängt uns ständig die Frage auf: "Was fehlt unserem Bruder?".

Fußnoten

1. Le Vase Sacré et ce qu'il contient: dans l'Inde, la Perse, la Grèce, et dans l'Église Chrétienne; avec un appendice sur le Saint Graal, Paris, 1896. (Der Heilige Kelch und was er bedeutet: in Indien, Persien, Griechenland und in der Christlichen Kirche; mit einem Anhang über den Heiligen Gral, Paris 1896). [back]
2. The Krater and the Grail: Hermetic Sources of the Parzival, (Der Krater und der Gral: Hermetische Quellen des Parzivals) von Henry und Renée Kahane, unter der Mitwirkung von Angelina Pietrangeli, University of Illinois Press, 1965. [back]
3. In der Hermetica ist der Crater oder Kelch ein Sternbild zwischen Krebs und Löwe, und seine "Widerspiegelung" auf Erden war der Taufstein. Plato schreibt über den Crater in Timaios: "Er ist einer, und in ihm mischen sich alle Seelen." [back]
4. "Getötet" im Sinne des Verhaftetseins im materiellen Leben. In der ähnlichen, aber tiefer eindringenden ägyptischen Mythe über die "Ermordung" des Osiris wird die zerstückelte Gottheit weit und breit verstreut, wobei die "Teile" am Ende eines zeitlichen Zyklus, und dem Beginn eines neuen, zusammengesetzt und in eine höhere Form umgewandelt werden. [back]
5. Trevrezent ist eine transkribierte Fassung von "Trismegistus", "dem dreimal Großen", ein Titel, der Thoth-Hermes, dem erhabenen Initiator in der Hermetica, gegeben worden war, nach dem die Sammlung der Schriften benannt ist. Einzelheiten hierüber schlage man bei Kahane und Kahane, op. cit., nach. [back]