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Die vierundzwanzig „Buddhas“ des Jainismus

Der barfüßige Bettler, der durch Indien wandert und den Staub von seinem Weg hinwegfegt, damit er nicht unversehens einen Käfer oder einen Samen zertritt, kann durchaus ein kultivierter und hochintelligenter Mensch sein. Vielleicht ist er ein Anhänger der alten Religion des Jainismus; dessen Anhänger in dieser Lehre die logische und ermutigende Erklärung für den inneren Sinn allen Lebens finden - ob sie nun im Geschäftsleben stehen, in einer Regierungsstelle sind, an der Universität oder in einem Krankenhaus arbeiten. Durch diese Lehre ist es ihnen möglich, wie Millionen vor ihnen, buchstäblich und bewußt die Annehmlichkeiten der Familie und der Häuslichkeit aufzugeben und die härtesten Kasteiungen auf sich zu nehmen, um schon als Menschen "die Welt der Götter" zu erreichen.

Früher wäre es kaum glaubhaft erschienen, daß irgend jemand für "nichts" freiwillig alles aufgeben könnte - Reichtum, soziale Stellung und die üblichen Vergnügungen. Jetzt aber verstehen wir allmählich, daß alles, was sie aufgeben, nichts ist. Das Nichts ist alles. Es ist bewegtes, freudiges, transzendentes Leben. Der Entschluß kommt auch nicht plötzlich. Von Kindheit an, im Beruf, in der Ehe, immer war das Leben dieser Menschen auf das Ideal - die menschliche Vervollkommnung - gerichtet, das vor etwa 2.500 Jahren von Mahâvîra, dem letzten der vierundzwanzig Tîrthankaras oder "Buddhas" des Jainismus aufgestellt wurde.

Wer waren Mahâvîra und die Tîrthankaras, denen er nachfolgte? Die nördlichen Buddhisten sprechen von "Fünfunddreißig Buddhas des Bekenntnisses", die, wie H. P. Blavatsky erklärt, mit den jainistischen Tîrthankaras identisch sind. Diese Buddhas oder Tîrthankaras sind die göttlichen Lehrer und Könige in jeder Mythologie. Sie waren "einst lebende Menschen, große Adepten und Heilige, in denen die 'Söhne der Weisheit' sich inkarniert hatten und die daher sozusagen kleinere Avataras der himmlischen Wesen waren - nur elf gehören der atlantischen Rasse an, und vierundzwanzig der fünften Rasse, von ihrem Anbeginne an."1

Die Bezeichnung "Buddhas des Bekenntnisses" kennzeichnet jene "Erwachten", die sich zu bestimmten religiösen Prinzipien bekennen oder die ihre Zuversicht in diese Grundsätze setzen, wie sie im buddhistischen "Glaubensbekenntnis" festgelegt sind: Ich nehme Zuflucht zu Buddha; ich nehme Zuflucht zu dem Licht seiner Lehren; ich nehme Zuflucht zur Gemeinschaft der Heiligen. Bei den Jainisten sind es die Tîrthankaras, ihre Lehren und die Gemeinschaft der Edlen, die Tag und Nacht "eine Insel ... der sicheren Zuflucht sind."2

"Bekenntnis" wird nicht im christlichen Sinn der Sündenvergebung angewandt. Die Jainisten lehnen die Vorstellung eines persönlichen Gottes, der erschafft und vernichtet, vergibt und verdammt, entschieden ab. Am nächsten kommen sie dieser Vorstellung, wenn ein Anhänger über die Geschehnisse des Tages nachdenkt und dabei entdeckt, daß er möglicherweise unbeabsichtigt jemanden verletzt oder ihm Unannehmlichkeiten bereitet hat; dann gibt er das sich selbst gegenüber zu, bekennt sich zu der Tat und bemüht sich sofort, alle schlechten Gefühle, die seine Handlung in dem anderen Menschen oder in seinen eigenen seelischen Bereichen vielleicht verursacht hat, zu besänftigen. Wenn ein junger Bettelmönch seinem Guru irgendeine "Sünde" oder eine persönliche Schwäche eingesteht, so sucht er nicht Vergebung, sondern Einsicht und Stärke, um seine Seele "von den Dornen ... der Täuschung, falsch angewandten Kasteiungen und vom falschen Glauben zu befreien, die den Weg zur endgültigen Befreiung versperren und eine endlose Wanderung der Seele verursachen."3

Mahâvîra war, wie gesagt, der vierundzwanzigste Tîrthankara. Der Ausdruck, das mystische Gegenstück des buddhistischen Tathâgata, bedeutet einen "Furtenfinder, Furtenerrichter, Furtendurchquerer." Damit werden jene heldenhaften menschlichen Seelen bezeichnet, die auf dem Pfad der spirituellen Entwicklung vorausgeschritten sind, die den Fluß der Geburten und Tode überschritten haben und, nachdem sie das andere Ufer - Nirvana - erreichten, zurückgekehrt sind, um den Zurückgebliebenen den Weg zur Erlösung zu zeigen. In der östlichen Philosophie bedeutet "Erlösung" das Erlangen menschlicher Vollkommenheit oder göttlichen Bewußtseins und damit Befreiung von jeglicher Bindung und Zugehörigkeit zu dieser begrenzten Welt. Es bedeutet auch das Erlangen von Allwissenheit, eines so universalen Bewußtseins, daß das frühere, dieser Welt zugehörige persönliche Bewußtsein dagegen wie Blindheit ist.

Im Verlaufe jedes kosmischen Jahres oder Kalpas von "zweitausend Millionen Ozeanen von Jahren" kehren vierundzwanzig Tîrthankaras als "fleckenlose Sonnen" zurück, um "der ganzen Welt von lebenden Wesen Licht zu bringen." Graphisch stellen die Jainisten ein kosmisches Jahr als eine Umdrehung eines Rades mit zwölf Speichen dar, wobei jede Speiche ein Zeitalter bedeutet. Auf diese Weise befinden sich sechs Zeitalter auf einem absteigenden Bogen, wenn spirituelle Dunkelheit und allgemeine Entartung vorherrschen - und sechs auf einem aufsteigenden Bogen, wenn Wissen, Kultur und Glück zunehmen. Das Kalpa Sûtra und andere jainistische Texte geben derart ins einzelne gehende Beschreibungen des Lebens, der Lehren und der charakteristischen Erscheinung dieser erhabenen Männer, so daß ihre Abbilder in ganz Indien in unzähligen riesenhaften Statuen dargestellt worden sind.

Der erste Tîrthankara des gegenwärtigen kosmischen Zeitalters war Rishabhadeva, der Sohn des vierzehnten oder letzten der Manus - jener mythologischen halbgöttlichen Vorläufer und Herrscher der Menschheit. Er brachte - wie der olympische Prometheus - dem frühen Menschen Wissen, das göttliche Feuer.

Während seiner Regierung lehrte er zum Nutzen der Menschen die zweiundsiebzig Wissenschaften, von denen die Kunst des Schreibens die erste, Arithmetik die wichtigste und die Kenntnis der Vorzeichen (Omen) die letzte ist. Er lehrte auch die vierundsechzig Fertigkeiten der Frauen, die hundert Künste und die drei Beschäftigungen der Männer.

- Kalpa Sûtra, Seite 211

Mit diesem Wissen, das in den jainistischen Schriften vollständig erklärt wird, konnten die Menschen "die Nabelschnur durchschneiden" und unabhängig und selbstvertrauend werden. Obgleich es scheinen mag, als sei dieses Wissen in den Perioden der Dunkelheit vergessen worden, so wird es ins Gedächtnis zurückgerufen, denn die Jainisten glauben, daß das, was in der Seele der Rasse aufgespeichert ist, nicht verlorengeht, sondern später offenbar wird und in den Zeiten der Hochkultur wirken wird, wie die Lektionen, die man in der Kindheit gelernt hat.

Rishabhadeva war - nach den Sûtras - ein Mann von großer Schönheit und hohem Wuchs, der 8.400.000 Jahre lebte. Zuerst war er Prinz, König und Hausherr, dann "heimatlos", wobei er sich in einem Zustand nahe der Vollkommenheit befand, bis er schließlich ein Vollkommener war, der Nirvana erreicht hatte und zurückgekehrt war - "als sein ... Karma erschöpft war" -, um nun zu lehren. Seine Größe und sein langes Leben (die bei den nachfolgenden Tîrthankaras immer mehr abnehmen) entsprechen der Langlebigkeit der Riesen und Titanen in der Bibel und in anderen allegorischen Erzählungen.

bild_sunrise_21979_s91_1Seine Lehren und die seiner Nachfolger hinterließen einen beachtlichen Einfluß auf das Gedankenleben Indiens. Der Rig Veda (etwa 15. - 14. Jh. v. Chr.) könnte sich zum Beispiel gut auf die Jainisten beziehen, denn darin wird ein Orden der "Schweigsamen" erwähnt, die den Wind als Gürtel tragen und sich, erfüllt mit der Kraft ihres Schweigens, in die Luft erheben, um auf den Wegen der Götter zu fliegen. Sie protestierten sowohl gegen die nutzlose Grausamkeit des Tieropfers als auch gegen das wirkungslose, sich wiederholende Psalmodieren des religiösen Rituals. Die jainistischen Gelehrten verwarfen damals - wie auch heute noch - die Autorität der Veden und behaupteten nicht nur, daß diese von Râkshasas (Dämonen) geschrieben seien, sondern auch, daß die heiligen Lehren der Brahmanen ursprünglich aus ihren Geheimlehren stammen würden. Weiterhin weigerten sich die Jainisten, jemanden wegen seiner Kaste oder wegen seines Geschlechtes zu benachteiligen. Tatsächlich amtierten einige der Tîrthankaras neben ihren gleichberechtigten Frauen; der neunzehnte, Malli, war eine Prinzessin.

Bildtext: Pârsvanâtha, Mathurâ, 2. Jahrh. n. Chr.

"Seit der Zeit, als der Arhat Arishtanemi starb, ... sind vierundachtzigtausend Jahre vergangen", sagt das Kalpa Sûtra (183) vom zweiundzwanzigsten Tîrthankara. Spätere Gelehrte ordnen ihn jedoch in die Zeit der historischen Mahâbhârata-Kriege ein und machen ihn zum Zeitgenossen von Krishna (gestorben 3.102 v. Chr.), dessen 'Lebensbeschreibung' auffallende Ähnlichkeit mit der von Arishtanemi aufweist, wie die von Buddha mit der von Mahâvîra.

Pârsva, "der Liebling des Volkes", kam nur 250 Jahre vor Mahâvîra. Die Zahlen, die seine Körpergröße, die Dauer seines Lebens und die Zahl seiner Anhänger angeben, sind nach unseren Maßstäben ganz normal. Er wurde in Vârânasi (Benares) geboren, lebte 100 Jahre und gründete eine Gemeinschaft von - man beachte das Verhältnis - 16.000 Mönchen und 38.000 Nonnen. Von seinen Anhängern waren 164.000 männlich und 327.000 weiblich. Mehrere Tausend waren Weise, von denen 1.000 Männer und 2.000 Frauen die Vollkommenheit erreicht haben sollen. Seine Anhängerschaft, zu der Mahâvîras Eltern gehörten, ist noch immer zahlreich.

Mahâvîra4 selbst wurde 650 v. Chr., zu Beginn einer Periode des Niederganges, die 40.000 Jahre dauern wird, geboren.5 Er kam, um den Mächten des Verfalls entgegenzuwirken und der Menschheit etwas Licht zu bringen und sie zu unterstützen, die nach der alten jainistischen Überlieferung in diesem Zeitabschnitt nur die Größe von Pygmäen erreichen und nicht mehr als zwanzig Jahre in Höhlen geistiger Dunkelheit leben wird. Sein Leben gleicht dem seiner Vorgänger; es wird in den Âkârânga und in den Kalpa Sûtras beschrieben. Diese Sûtras berichten, wie "der verehrungswürdige Asket Mahâvîra" in einem geeigneten Augenblick die Welt der Götter verließ und "in dem Schoß von Devananda die Form eines Embryos annahm." Devananda war die Frau des Brahmanen Rishabhadatta. Weiterhin berichten die Sûtras, daß die Mutter in einem Traum die vierzehn glückverheißenden Visionen hatte, die die Geburt eines Großen ankündigen.

Am dreiundachtzigsten Tag ihrer Schwangerschaft griff jedoch Indra (in einigen Darstellungen Sakra), der König der Götter, ein. Während Devananda schlafend dalag, nahm er den Embryo aus ihrem Schoß und legte ihn in den Schoß von Trisâlâ, der Frau des Kshatriya Siddhârtha, gleichzeitig versetzte er den Fötus, der Trisâlâs Kind werden sollte, in den Schoß von Devananda.

Könnte es sein, daß dieser erstaunliche Vorgang - der auch in der puranischen Geschichte von Krishnas Geburt berichtet wird - andeuten soll, daß es für Mahâvîra, der eine "große Seele" war, wie schon sein Name besagt, und der aus der höchsten, der Priesterkaste stammte, als Tîrthankara notwendig war, als ein Kshatriya in der Kriegerkaste geboren zu werden, unter jenen, die dienen und gehorchen sollen? Der Jainismus ist in erster Linie eine Religion der "Eroberer"; der Name ist abgeleitet von , Jina und bedeutet jedoch nicht, wie jene furchtlos im Krieg zu sein, sondern wie Arjuna und die Helden vieler religiöser Allegorien widersetzen sich die Jainisten mit unerschütterlichem Willen den schleichenden inneren Feinden - Grausamkeit, Unwissenheit, Selbstsucht -, die den Unbedachten zu lebenslanger Pein verurteilen. In diesem Geiste heißen sie in ihrem Orden Neulinge aus jeder Schicht willkommen, die, durch Selbstzucht geschult, sich ihnen von nun an als Bewahrer des Gesetzes anschließen wollen, als Hüter und Schützer der Rechte von groß und klein - so, wie der Gute Hirte in Galiläa der Hüter und Beschützer seiner Herde ist.

Und sollte ein Mann auch Tausende und Abertausende von Tapferen (Feinden) besiegen, so ist sein Sieg doch größer, wenn er niemand weiter als sich selbst besiegt ...

Es ist besser, daß ich mein Selbst durch Selbstbeherrschung und Kasteiung zähme, als daß es von anderen unterjocht wird.

So wurde ich der Beschützer von mir selbst und auch von anderen, von allen lebenden Wesen, beweglichen oder unbeweglichen.

- Uttarâdbyayana Sûtra, IX, 34; I, 16; XX, 35

Mahâvîra wurde unter dem Frohlocken von Göttern, Göttinnen, Dämonen und Menschen geboren und von ihnen begrüßt. Er wuchs als Wunderkind auf, frühreif und von Wundern begleitet. Er wurde als Prinz erzogen, heiratete die liebliche Yasodâ und wurde mit der Zeit Vater und später Großvater. Nach dreißig Jahren als Hausvater, nachdem seine Eltern gestorben waren und seine Tochter geheiratet hatte, bat er seinen Bruder und die Oberen der Gemeinschaft, von der Verantwortung entbunden zu werden, was ihm auch gewährt wurde. Als er nun frei war, gab er seinen Reichtum den Armen, entsagte der Welt und wurde ein obdachloser Wanderer.

Zwölf Jahre lang übte er sich nach strengen Regeln in Reinheit, Selbstbeherrschung, Studium und Versenkung. Eines Tages erlangte er dann die Erleuchtung, während er in tiefer Meditation unter einem Sâlbaum in der Nähe eines alten Tempels saß:

die vollständige und vollkommene, uneingeschränkte und unbehinderte, unendliche und allerhöchste Erkenntnis und Intuition, das unmittelbare, intuitive Schauen, Kevala genannt. ... er erkannte alle Zustände der Welt, der Götter, Menschen und Dämonen: woher sie kommen, wohin sie gehen, ob sie als Menschen oder als Tiere geboren werden oder ob sie Götter oder höllische Wesen werden; er kannte ihre Nahrung, ihre Getränke, ihr Tun, ihre Wünsche, ihre offenen und geheimen Taten, ihre Gespräche, ihre Unterhaltung und die Gedanken ihres Geistes; er sah und er kannte alle Zustände aller lebenden Wesen in der gesamten Welt.

- Âkârânga Sûtra, II, 15, 25-26

So wurde Mahâvîra ein Arhat, ein Jina, der sein Karma besiegt, die Gefahr überwunden und Allwissenheit erlangt hatte. Aber er tat noch mehr. Er kehrte zurück. Zuerst belehrte er die Götter, und dann, während er dreißig Jahre durch Indien wanderte, lehrte er alle den Pfad der Entsagung, der Gewaltlosigkeit und der schließlichen Befreiung. Seine Anhängerschaft wuchs zu einer großen Gemeinschaft.

H. P. Blavatsky deutet an, daß sein berühmtester Schüler Gautama Buddha war (um 563-483 v. Chr.). Es ist möglich, daß sie zusammen wanderten, der junge Prinz von Kapilavastu und der letzte der großen Tîrthankaras, und über die Probleme des Lebens, über die Ursache von Leid, Krankheit und Tod sprachen. Dabei reiften Gautamas Gedanken, und es entstand eine Übereinstimmung in ihren Ideen, die die Jahre überdauerte.

Sowohl der Jainismus als auch der Buddhismus waren darauf bedacht, die Reinheit der spirituellen Überlieferung Indiens wiederherzustellen. Beide lehnten sich auf gegen Ritual, Opfer und Aberglauben, ganz gleich, ob diese von den Veden, von den Brahmanen und den "falschen" Göttern der Hindupriester vorgeschrieben wurden oder von einem Obersten Schöpfer stammten, der nach seiner Laune Gutes und Böses, Himmel und Hölle verteilt. Beide Systeme verbreiteten ähnliche philosophische Lehren, obwohl in den Bezeichnungen und im Schwerpunkt der Lehre Unterschiede bestanden. Buddhas Mittlerer Weg und Edler Achtfacher Pfad der stetigen Entwicklung des gesunden Menschenverstandes fand so viel Anklang, daß seine Lehren sich in jedem Land verbreitet haben. Mahâvîra, der zwar dieselben hohen ethischen Grundsätze verkündete, betonte die Entsagung und die strenge Disziplin so sehr, daß sein Einfluß beträchtlich begrenzt war und seine Anhängerschaft sich auf Indien beschränkte. Heute leben zwei Fünftel der gegenwärtig etwa zwei Millionen Anhänger in oder um Bombay, und doch hat nur ein kleiner Teil der alten jainistischen Lehren den Westen erreicht.

Schließlich wurden die tieferen Lehren der beiden Religionen immer mehr verschleiert. Legenden, zeremonielle Riten, verschiedene Auslegungen und Fehldeutungen haben dazu noch Verwirrung gestiftet. Übersetzungen in andere Sprachen von voreingenommenen oder kurzsichtigen Übersetzern konnten die metaphysische Bedeutung der ursprünglichen Lehren nicht vermitteln, weil die Feinheiten nicht zum Ausdruck kamen. Es war unvermeidlich, daß Spaltungen auftraten. Nicht lange nach Mahâvîras Tod entstanden Fragen über die Auslegung bestimmter Rituale. Dadurch spalteten sich die Jainisten in die Svetâmbaras, "Weißgekleidete", und in die Digambaras oder die "Himmel- oder Raumgekleideten". Spätere Trennungen entstanden wegen der Lebensgewohnheiten der Mönche, aber niemals gab es eine Spaltung wegen der Lehre.

Zu Lebzeiten Mahâvîras wurden seine Lehren von Herz zu Herz weitergegeben und lebendig im Gedächtnis bewahrt, ohne niedergeschrieben zu werden. Sie wurden - wie die Hymnen seiner Vorgänger - als zu heilig betrachtet, um durch Symbole oder Schriftzeichen entstellt zu werden. Erst tausend Jahre nach seinem Tode, im fünften Jahrhundert n. Chr., gaben die Mönche dem Verlangen der schnell wachsenden Zahl seiner Anhänger, Bücher zu besitzen, nach; es geschah wegen des Studiums, aber auch, um die kanonischen Texte systematisch zu ordnen und zu bewahren, bevor sie unwiderruflich verlorengingen oder entstellt wurden. So begann die Zusammenstellung und Erklärung der jainistischen Überlieferung, die die Forscher schon immer als eine Fundgrube wahrer Schätze gewertet haben. Diese umfangreichen Schriften sind von bemerkenswerter Gelehrsamkeit und enthalten in einzigartiger Weise Indiens großes und ununterbrochenes philosophisches und kulturelles Erbe. Sie enthalten nicht nur Lehren von der weit zurückliegenden prähistorischen Reihe von Tîrthankaras, sondern sie berichten auch Einzelheiten vom Leben und von den Gebräuchen der Könige, der Weisen und der einfachen Dorfbewohner und erörtern wissenschaftlich und in Parabeln die Ansichten der Jainisten und der "Ketzer" über die Beschaffenheit des Lebens, der Materie, des Kosmos und des Menschen.

Dieser reiche Schatz entstand in Klöstern, die während des fünften Jahrhunderts n. Chr. nicht nur Zentren des Okkultismus, sondern auch des Allgemeinwissens waren; sie förderten das Abschreiben und Erklären seltener weltlicher und heiliger alter Manuskripte und deren Übersetzung in gemeinverständliche Sprachen. Dadurch wurde ein ganzes Heer berühmter Dichter, Schriftsteller, Kommentatoren, Philosophen, Wissenschaftler und Logiker angeregt, die an den königlichen Höfen der Gangas, Châlukyas, Râshtrakûtas und anderer willkommen geheißen wurden.

Die literarische Tätigkeit hat die Jainisten immer angezogen, weil ihre strengen moralischen Überzeugungen sie von der Ausübung vieler Berufe ausschloß. Landwirtschaft war natürlich verboten. Sie konnten nie Landwirtschaft betreiben, weil sie es verabscheuungswürdig finden, zu töten, zu veranlassen, daß getötet wird, oder zu erlauben, daß das Leben einer Pflanze vernichtet wird. Sie ernähren sich von Getreide, Obst und Gemüse, von Speisen, die keine Eier, Samen, Sprößlinge oder keine sonstige Lebensquelle enthalten. Sie können auch landwirtschaftliche Werkzeuge weder herstellen noch verkaufen. Berufe, die mit Waffen oder berauschenden Getränken zu tun haben, lehnen sie ab. Statt dessen werden sie Kaufleute, Rechtsanwälte, Bankiers, Erzieher und Ärzte - gewöhnlich sind sie einflußreich und erfolgreich. Ihre Nächstenliebe ist sprichwörtlich. Sie gewähren den Armen, den Witwen, den Opfern von Katastrophen finanzielle Hilfe. Ihre Krankenhäuser sind vorbildlich, und ebenso sind es ihre unzähligen Zufluchtsstätten für kranke, alte und vernachlässigte Tiere und Insekten. Mit all dem setzen sie still, aber beharrlich ihren uralten Protest gegen die Grausamkeit fort, ob diese im Sport, für Gewinn oder des Opferns wegen geschieht. Sie wenden sich gegen die Grausamkeit herabsetzender Gedanken oder dagegen, daß sich jemand überarbeitet, daß er unterernährt ist oder verletzt wird, sei es ein Mensch, ein Tier oder das kleinste Lebewesen.

Sie beschäftigen sich auch mit den Künsten und fördern sie. Charakteristische Merkmale für Anmut und Feingefühl sind in ihren frühesten Höhlentempeln in Orissa, Junagadh und an anderen Orten zu finden. Der Tempel auf der Berghöhe von Deva Kota, dem "Sitz der Götter", ist von atemberaubender Großartigkeit, ebenso der Glanz der Juwelen und des Marmors in den Tempeln von Kalkutta, Jaipur, Bombay und Rajasthan. Alle sind reich verziert mit eingravierten Symbolen, die in einfachster Form tiefe Bedeutung haben ... wie zum Beispiel das jainistische Kreuz, das den Kopf der großen Schlange der Zeit schmückt oder über dem Herzen ihrer Tîrthankaras und an vielen ihrer anderen Schnitzereien angebracht ist, die so alt, ja wahrscheinlich noch älter sind als das Tau und das Hakenkreuz des vorgeschichtlichen Ägyptens, Chaldäas, Europas und Amerikas. Dieses Kreuz ist voll wunderbarer Bedeutung, indem seine vier ausgestreckten Arme - die die vier Zustände der Materie, die vier Stufen des Lebens oder die vier Grade des Bewußtseins darstellen - sich zum Hakenkreuz formen, wenn sie sich biegen, um den Kreis der Ewigkeit zu bilden, sobald die Seele, die am Mittelpunkt im Gleichgewicht ruht, die Vollkommenheit erreicht.

Ebenso voller Bedeutung in der Konzeption und Darstellung sind die vielen eindrucksvollen Kolossalstatuen der Tîrthankaras. Einige der frühesten Werke der Jainisten, wie ihre Votivtafeln, die die nackte Gestalt eines Tîrthankara mit gekreuzten Beinen in Meditation darstellen, erinnern an die ursprünglichen Buddhastatuen, die, wie einige glauben, als Anregungen gedient haben sollen.6 Das wird besonders wahrnehmbar an der Skulptur aus rotem Sandstein des Arhat Pârsva in Mathurâ, die im ersten oder zweiten Jahrhundert n. Chr. hergestellt wurde. Die Einfachheit seiner Haltung im Yogasitz, beschützt durch den ausgedehnten Hals einer Schlange, vermittelt dasselbe Gefühl der Geduld und des Friedens wie die Buddhastatuen. Und dennoch besteht ein Unterschied: Die Augen, die lebhaft und angespannt sind, umfassen mit ihrem Blick die ganze Welt.

 

(Fortsetzung folgt)

Fußnoten

1. Die Geheimlehre, II. S. 441, deutsche Ausgabe. [back]
2. Âkârânga Sûtra, I, 6, 3 (3). [back]
3. Uttarâdhyayana, XXIX, (5). [back]
4. Die Autoritäten sind in bezug auf die Länge seines Lebens verschiedener Meinung. Manche sagen, er lebte von 599-527 v. Chr., andere glauben, er lebte 93 Jahre. Siehe Kalpa Sûtra (148). [back]
5. The Wonder That Was India, A. L. Basham, S. 290. [back]
6. Ibid., S. 367 [back]