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Der heilige Pilger im griechischen Denken

Wenn wir in Betracht ziehen, daß der Mensch aus Körper, Seele und Geist zusammengesetzt ist, dann ist der heilige Pilger im griechischen Denken die menschliche Essenz, die mit der langen und anstrengenden Aufgabe beschäftigt ist, sich selbst zu finden. Er ist ein Pilger, weil er aus seinem ursprünglichen Zustand unerweckter Spiritualität verbannt wurde und sich auf einer Reise befindet, die ihn durch die mühevolle Last vieler Erfahrungen zu seinem alten Platz zurückbringen wird, aber dann ist er sich seiner angeborenen Reinheit und Qualität bewußt.

Das alte historische Griechenland hatte zwei Religionen. Die eine war die allgemein bekannte Lehre, die mit den olympischen Göttern in Zusammenhang stand. Die andere, nicht öffentliche, war mit den Mysterien-Schulen verbunden, wie die von Eleusis in der Nähe von Athen und von Samothrake, einer abgelegenen Insel. Die Schriften von Plato und seinen Nachfolgern sind mehr oder weniger allgemein bekannt, aber nicht die Schriften derjenigen, die vor Sokrates lebten. Die orphischen und pythagoräischen Gemeinden hatten zum Beispiel ihr geheimes Schulungssystem. Sie gebrauchten einen Symbolismus, der, wie wir heute erkennen, generell von allen Völkern angewendet wurde. Der Hauptteil dieser esoterischen Lehren befaßte sich mit dem kosmischen Leben und den Wesen, durch die es in Erscheinung tritt. Sie wurden mit einer Methode der Charakterschulung verbunden, durch die die verschiedenen latenten Aspekte des menschlichen Wesens ans Licht gebracht werden sollten. Führende Männer des Landes verdankten ihre edle Gesinnung der Teilnahme an den Mysterien.

In den Anfangsstadien des Kurses vermittelten die Riten und Zeremonien mit der damit verbundenen Interpretation in dramatischer Form eine Weisheitslehre über die Natur und die Bestimmung des Menschen, die aus der weit entfernten Vergangenheit überliefert worden war. In den späteren Graden, nach direkteren Instruktionen brachte der Höhepunkt eine Gegenüberstellung des Kandidaten mit seinem innersten Sein, einem Selbst, das höher ist als die alltägliche Person oder Maske - eine wirkliche Gottheit.

Viele der griechischen Philosophen und Wissenschaftler waren Graduierte der Mysterien-Schulen. Doch moderne akademische Institutionen reihen ihre Schriften unter die Schriften nichtinitiierter Denker ein, als ob alle Texte lediglich Entwicklungsstufen auf dem Weg zum modernen Denken wären. Diese Texte werden danach behandelt, was sie anscheinend aussagen - die äußeren Worte werden für die innere Bedeutung genommen. Aber jene alten Gelehrten, die in Eleusis und verwandten Zentren geschult wurden, waren durch strenge Gelübde gebunden, die Essenz der empfangenen Lehren und Instruktionen niemals bekanntzugeben. So nahmen sie an kritischen Stellen ihrer schriftlichen Abhandlungen zu Mythen und Metaphern, Allegorien oder Analogien Zuflucht - und auch das nur, wenn es ihnen erlaubt wurde, wie es bei Plato anscheinend der Fall war. Man geht an der inneren Bedeutung vorbei, wenn man die Symbole oder die verhüllten Hinweise mißachtet.

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Bildtext: Dionysos in Eleusis: Gekrönte Demeter; Tochter Koré mit Fackeln, das Gesicht Dionysos mit Bacchantenstab (Zauberstab) zugewandt; 4. Jahrhundert v. Chr., Vase im Museum von Lyon.

Die alte griechische Tradition bezieht sich auf die Grundlagen der Eleusinischen Mysterien der vorhomerischen Zeit. Sie kreiste um die zentrale Figur des Dionysos, den spirituellen Erlöser, der manchmal "Mitternachts-Sonne" genannt wurde, um den polaren Gegensatz zum materiellen Tag zu kennzeichnen. Hauptthema der dionysischen Mysterien war die kosmische Einheit, an der alle Wesen teilhaben, d. h. die Einheit aller Lebewesen im universellen Leben. Die Dionysien waren schon zu der Zeit alt, der Orpheus zugeschrieben wurde. Nach dem Historiker Diodorus war das im 13. Jahrhundert v. Chr., obwohl andere seine Periode in das 8. Jahrhundert v. Chr. oder viel näher an die Zeit von Pythagoras im 6. Jahrhundert verlegen. Nicht wenige unserer Gelehrten bezweifeln, daß Orpheus überhaupt existierte. Es sind Beweise vorhanden, daß es eine Reihe von charismatischen Lehrern gab, die den Namen Orpheus trugen. Sie waren Glieder in der "Goldenen Kette des Hermes" des Psychopompos (Führer der Seelen in die Unterwelt) - des Hermes, der in die Weisheit der Götter einweiht. Diodorus und andere Griechen deuteten an, daß eine Überlieferung über den Ursprung einer alten Lehre vom Kosmos und von den Menschen existiert hat, die weit in die ferne Vergangenheit, lange vor den ersten Orpheus, zurückreicht. Von einigen der orphischen Hymnen wird in den Klassikern gesagt, sie seien in einer ganz archaischen Sprache geschrieben worden, die so alt ist, daß der Neuplatoniker Proclus sie "die Sprache der Götter" nannte.

Im Verlauf der Jahrhunderte verfielen die Dionysien unvermeidlich immer mehr in erstarrte Bräuche und Rituale. Die heiligen Symbole verkrusteten zu Dogmen und Formeln, so daß sie selbstverständlich wurden und ihr Sinn die Herzen und Gemüter der Menschen nicht mehr zu einem höheren Leben erweckte. Zum Beispiel wurde das einst heilige Trinken von Milch und Honig - symbolisch die Vermengung der spirituellen Essenz mit ihrer materiellen Ausdrucksform - abgeändert. Es gab nun den berauschenden Wein, der zu den Trinkorgien der Mänaden führte, 'Priesterinnen' einer verfälschten Version von Dionysos. Daher wurden durch den Orpheus des 8. Jahrhunderts v. Chr. und von seinem Nachfolger Musäus Reformen eingeführt. Diese enthielten eine bemerkenswert genaue und umfassende Kosmogonie und einen Bericht über Ursprung und Natur des Menschen.

Diese tiefe Philosophie über die Geburt und das Wachstum des Universums und über Aufbau, Motivierung und Aufgabe der Menschen wurde in zwei Ideen-Zyklen eingeschlossen. Wir werden uns hier mit dem Mythos des Erlösergottes Zagreus befassen, der von All-Vater Zeus geboren wurde (nicht zu verwechseln mit dem olympischen Aspekt von Zeus): Zagreus war auch das Kind von Semele, der Erde, einem Aspekt von Demeter oder der Natur. Er verkörperte einen Strahl oder eine Eigenschaft seines Vaters, der sich an ihm erfreute. Aber Zagreus wurde von den Titanen getötet - Symbole der blinden oder unintelligenten Kräfte der Natur. Als Zeus von einer Mission zurückkam und sah, daß die Titanen Zagreus getötet hatten und deshalb ein Festmahl abhielten, tötete er sie durch Blitz und Donner. Ihre Asche wurde mit dem noch schlagenden Herzen von Zagreus, das von Apollo, der Tagessonne, gerettet worden war, vermischt. Aus der Mischung der Titanenasche mit dem Herzen von Zagreus wurden die Menschen gestaltet.

Dieser Mythos bringt zum Ausdruck, daß der Mensch eine Dualität ist. In seinem Innersten ist die Essenz des Göttlichen, die von seinen unbeherrschten titanischen Aspekten umgeben ist. Diese müssen erst für das göttliche Element geschult werden und können dann in eine gleiche und unter Kontrolle stehende reine, mitleidsvolle Eigenschaft umgewandelt werden. Das orphische Einweihungssystem enthielt dieses Konzept. Es bedeutete zunehmende Entfaltung der nichtmateriellen, unpersönlichen oder nichtegoistischen Eigenschaften und betonte, daß die Seele ein "Wanderer aus ihrem früheren göttlichen Zustand ist." Nachdem der orphische Kult jahrhundertelang verschwunden war, erfuhr er eine späte Wiederauferstehung in römischen Zeiten. Grabstätten aus darauffolgenden Perioden enthielten viele Hymnen, die diese Lehre beinhalten. Ein solcher Vers lautet:

Ich bin ein Kind der Erde und des Sternenhimmels.

Aber mein Geschlecht kommt (allein) vom Himmel.1

Die Orphiker glaubten nämlich, daß die göttliche und unsterbliche Seele von den himmlischen Feuern herabstieg und in die Dunkelheit des menschlichen Körpers eingekerkert wurde. Werner Jaeger gebraucht eine schöne Ausdrucksweise für diese Seite der orphischen Theogonie: Die Seele tritt "auf den Flügeln des Windes" in das neugeborene Kind ein.

Ein weiterer Philosoph, Empedokles (5. Jahrhundert v. Chr.), brachte in mehr oder weniger verhüllter Sprache die Vorstellung von der dualen Natur des Menschen zum Ausdruck: Im Herzen göttlich, versunken in materielles Erdendasein. Er, der verschiedentlich als Orphiker und als Pythagoräer bezeichnet wird, faßte diese Vorstellung bündig in einem Vers zusammen, der ebenfalls aussagt, daß alles Leben aus der Einen Quelle in seine vielen Manifestationen als Geschöpfe fließt, und umgekehrt, daß die Vielen am Ende eines "Äons" oder Zeitalters wieder im Einen aufgehen werden. Das geschieht zyklisch nacheinander - d. h. der Wechsel kehrt periodisch zwischen Ausdruck und Eindruck wieder.

Zweifach die Geburt, zweifach der Tod der Dinge;

denn jetzt führt das Sichbegegnen der Vielen zu Geburt und Tod;

und jetzt fliegt alles, was immer aus ihrer Trennung entsteht,

auseinander und stirbt. Und dieser langsame Austausch wird

niemals enden.2

Das scheint eine Anspielung auf die physische Geburt und auf die Geburt der Seele im Körper in einem späteren Stadium des Wachstums zu sein. Auf den menschlichen Zustand angewendet, könnten die beiden Tode den physischen Tod eines Menschen und den späteren Tod bedeuten, wenn sich die Seele von ihren niedrigeren Elementen trennt. Er trifft folgende bedeutende Feststellung:

Es gibt ein Orakel der Notwendigkeit, ein altes Dekret der Götter, ewig, fest versiegelt durch große Eide. Wenn eines der göttlichen Wesen, deren Los langes Leben ist, seine eigenen Glieder sündig mit Blutvergießen befleckt und aus Haß einen falschen Eid geschworen hat - diese dreimal zehntausend Zeiten weit von der Gemeinschaft der Gesegneten wandern müssen und während dieser Zeit in allen Arten sterblicher Formen geboren werden, wobei ein schwerer Lebensweg dem anderen folgt.

Denn die mächtige Luft jagt sie in das Meer, und das Meer speit sie aus auf das trockene Land, und die Erde (treibt sie) in die Strahlen der flammenden Sonne; und die Sonne schleudert sie in die Wirbel des Äthers. Ein (Element) erhält sie vom anderen, und alle verabscheuen sie. Von diesen bin auch ich jetzt einer, ein Flüchtling des Himmels und ein Wanderer ...

Denn bisher bin ich als Junge, Mädchen, Pflanze, Vogel und stummer Fisch geboren worden. Ich weinte und klagte, wenn ich das mir unbekannte Land (bei der Geburt) sah. Wie groß ist die Würde, wie tief das Glück, aus denen (ich vertrieben bin)! 'Wir sind in diese überdachte Höhle gekommen.'3

Die "überdachte Höhle" ist der physische Körper. In anderen Texten und Mythen wird er als das Grab des Göttlichen Gefangenen bezeichnet - als das mitleidsvolle höhere Selbst in uns, das in enger Verbundenheit bei uns verweilt, bis unser niederes Selbst seine Substanz gereinigt und sie der feinsten Qualität unserer zusammengesetzten Natur gleichgemacht hat.

Empedokles fügt hinzu, daß diejenigen, die sich ganz und gar rein halten, Seher, fürstliche Lehrer und alle Arten von Wohltätern der Menschen werden und daß sie vom menschlichen Stadium "zu Göttern höchster Ehre erblühen. Sie werden Herd und Tisch mit den anderen Unsterblichen teilen und vom Los menschlichen Kummers befreit und unzerstörbar sein."4 Sie werden ihre verlorene Göttlichkeit wiedererlangt haben.

Seine Bezugnahme auf den Haß im Zitat muß im Lichte seiner Vorstellung vom Universum interpretiert werden. Danach ist das von uns in seiner manifestierten Form wahrgenommene Universum das Ergebnis des Wechselspiels zweier Kräfte, Liebe und Haß oder Anziehung und Abstoßung, die auf die vier Elemente wirken: Erde, Luft, Feuer und Wasser - nicht die uns bekannten Elemente, sondern das, was wir deren Essenz oder innere Qualität nennen könnten. Deshalb deutet die Aussage, die Menschen würden vom Haß geleitet, in diesem Zusammenhang an, daß sie zum Materiellen hingezogen und vom göttlichen Aspekt des Lebens abgestoßen werden. Dies hängt auch mit einer alten Vorstellung zusammen: Wenn die Manifestation eines materiellen Universums, einer Welt oder niedrigerer Wesen beginnt, dann können die Lebensfunken im Zentrum einer jeden Einheit durch die Körper, die sie aussenden, neue Erfahrungen gewinnen. Mit diesen Körpern (Trägern) wird die unmittelbare Umgebung wahrgenommen und auf sie eingewirkt. Sie sind aus mehreren Graden gröberer Substanzen zusammengesetzt, bis der niedrigste Punkt, der für die betreffende Wesenheit möglich ist, erreicht ist. Dann beginnt der umgekehrte Prozeß. Die Kräfte, die auf den spirituellen Pol ihrer magnetischen Essenz ansprechen, sammeln sich und aktivieren jenen Teil ihrer Natur. Schließlich kehren sie zum Ausgangspunkt dieser Lebensphase zurück und treten wieder dort ein, von wo sie kamen. Doch nach der Beendigung des Zyklus sind sie sich ihrer Menschlichkeit oder Göttlichkeit voll bewußt.

Aus dem oben angeführten Zitat von Empedokles und aus anderen noch erhaltenen Bruchstücken seiner Schriften wird auch seine Vorstellung ersichtlich, daß er in der Evolution einen Weg des Wachstums erkannte. Der Unterschied zwischen seiner und der geläufigen Auffassung über die Evolution liegt darin, daß er die Wesenheit innerhalb ihrer vielen körperlichen Ausdrucksformen alle Zeitalter hindurch als den evolvierenden Faktor ansah und nicht nur als Formen, die aus sich heraus oder lediglich durch Hinzufügen von Fähigkeiten, die aus Notsituationen entwickelt worden sein sollen, neue Formen erzeugen.

Wir könnten noch die Beiträge anderer vorsokratischer Philosophen betrachten, doch durch die meisten zieht sich der gleiche Faden. Wie schon erläutert, begann Orpheus, als er sah, daß die Dionysischen Lehren entartet waren, mit ihrer Erneuerung und stellte die verlorene Reinheit und die katalytische Kraft, wenn auch in einer neuen Form, wieder her. Jedoch mit der Zeit und durch die Launenhaftigkeit der Menschen wurde auch sein System durch Dogmen verkrustet, und die Vorgänge wurden zu bloßen Ritualen. Dann erschien Pythagoras auf der Bühne und gab den alten Wahrheiten eine neue Formulierung. Andere Persönlichkeiten - Orphiker und Pythagoräer, die aus angeborener Erkenntnis mit dem heiligen Strom, so wie er ursprünglich ausgesandt worden war, in Einklang standen - handelten - trotz der Zusätze, die von 'Nichtsehenden' aufgedrängt wurden - entweder als 'Einzelgänger' oder starteten neue Bemühungen, die ein oder zwei Generationen hindurch weiter wirkten. So schrieb zum Beispiel Pherecydes von Syros (7. - 6. Jahrh. v. Chr.) ein Buch, das im Altertum bewahrt wurde, uns aber verlorengegangen war. Ein großer Teil davon wurde erst kürzlich wieder entdeckt. Es hieß Heptamychos, der Siebenräumige (Kosmos). Nach Kathleen Freeman handelt es vom göttlichen Ursprung des Universums und war als eine Allegorie geschrieben. Die These, daß das Universum eine siebenfache Manifestation sei, ist bemerkenswert, denn sie stimmt mit allen alten mystischen Lehren überein, die dem Kosmos sieben Aspekte, Prinzipien oder Bewußtseinsebenen zuschreiben.

Nach dem Niedergang der pythagoräischen Schule entfernte Plato jene Teile der Lehre, die das Original oder die ursprünglichen Wahrheiten verfälschten. Die übrigen ließ er jedoch so, wie sie von Orpheus und Pythagoras gebracht worden waren, und kleidete sie in seine eigenen, unvergleichlich schönen Texte. Er gab in seinen Dialogen lediglich die grundlegenden spirituellen Anschauungen wieder, die als ein Strom durch lange Zeitalter hindurch geflossen waren.

Wer ist nun der Heilige Pilger? Ist er der menschliche Mensch, der in einer Folge von Geburten und Wiedergeburten durch die "Zyklen der Notwendigkeit" reist, bis alle seine latenten menschlich-göttlichen Eigenschaften zum Vorschein gekommen sind? Oder ist dieser wahrhaft Geweihte Eine die mitleidsvolle Wesenheit, die jeden von uns in der weit zurückliegenden Nacht der Zeit erleuchtete, als wir noch nicht selbstbewußt waren, noch unbewußt der anderen oder des Raumes und der Zeit? Sind wirklich wir selbst der Heilige Pilger, auf dem Wege, seine Göttlichkeit zum Ausdruck zu bringen und jener Andere, der mit uns bleibt, sogar noch in den Zeitaltern nach unserem ersten Erwachtsein?

An diesem Punkt unserer Betrachtung kehren wir zur Geschichte von Orpheus zurück, denn er wurde später eine Schlüsselfigur innerhalb seiner eigenen Mysterien. In dem Mythos, der zu jenem Lehrsystem gehört, gab es sieben symbolische Abschnitte in Orpheus' Leben, die für seine Anhänger und ergebenen Schüler ihren Lebensweg darstellten. Diese abgestuften 'Schritte', die das Leben zu einem Opfer für die Gottheit machen und diesem Leben die Qualität der Heiligkeit geben, waren folgende:

1. Orpheus' göttliche Geburt; 2. sein heiliges Suchen auf der Reise der Argonauten, um das 'Goldene Vlies' zu finden; 3. seine mystische Vermählung mit Eurydike und seine Aufgabe als göttlicher Lehrer; 4. sein erster Schmerz beim ersten Tod von Eurydike; 5. sein Abstieg in den Hades; 6. sein zweiter und letzter Schmerz beim zweiten Tod von Eurydike, der 7. in seiner Passion gipfelt.

Letztere wurde dadurch symbolisiert, daß er von den wütenden Mänaden, denen er widerstanden hatte, in Stücke gerissen wurde.

Ohne Zweifel trifft dieser Zyklus von 'Augenblicken' auf unser eigenes tägliches Leben zu. Auch wir haben vor langer Zeit eine göttliche Geburt gehabt; unsere Argonauten-Reise ist das Suchen nach dem "Goldenen Vlies", ist unsere spirituelle Erleuchtung; ist, wenn wir unserem höheren Selbst von Angesicht zu Angesicht begegnen, wenn wir unser Persönlichkeits-Ego (Eurydike) "verlieren" und versuchen, es in seinem irdischen oder materiellen Leben wiederzubekommen: es ist scheinbarer Tod, wenn dieses Ego geläutert in unsere höheren Elemente verwandelt wird; alle diese "Augenblicke" können wir selbst erleben, obwohl es heute in anderen Begriffen ausgedrückt wird. Die Passion ist allerdings etwas, das mit Worten nicht zum Ausdruck gebracht werden kann. Es mag bedeuten, daß wir allem, was wir besonders schätzen, einen Teil von uns selbst geben; allem, was wir lieben, geben wir etwas von uns. Es mag aber ebenso bedeuten, daß es jene geben wird, die sich so vollständig mit ihrer materiellen Natur verbunden fühlen, daß sie umkehren und versuchen werden, jene, die nicht so sind wie sie, in Stücke zu reißen. Doch es bedarf keiner wörtlichen Interpretation. Der Dialog mit der inneren Bedeutung des Mythos muß im Herzen eines jeden einzelnen stattfinden, und jeder wird eine andere Antwort finden.

In diesem Zusammenhang betrachtet ist der Heilige Pilger freiwillig von seiner Heimat so lange verbannt, wie er im materiellen Leben zusammen mit seinem "Kind", das seine wahre Natur noch nicht erkennt, begraben ist. Das Kind muß die Straßen und Nebenwege des Lebens gehen, die für es durch das Rad der Wiedergeburt gekennzeichnet sind. Das Rad hält er durch die immerwährende Erzeugung kausaler Handlungen und durch die Ernte ihrer Wirkungen in Bewegung. Dieser "Zyklus der Notwendigkeit" wird fortdauern, bis er fähig ist, sich aus der "überdachten Höhle" zu erheben - aus der Verstrickung in die materielle Seite seiner Natur. In der Zwischenzeit wartet und wartet das göttliche Element in uns ...

 

 

Weitere Literatur: F. S. Darrow, bearbeitet aus "Studies in Orphism, I" The Theosophical Path, Bd. II. April 1912; S. 256; siehe auch "The Two Faces of Orpheus", Sunrise, Bd. XVII Juli 1968; S. 293.

Fußnoten

1. Jane E. Harrison: Prolegomena to the Study of Greek Religion, Meridian Books, Paperback, New York, 1957; S. 660. [back]
2. William E. Leonard: The Fragments of Empedocles, Chicago, 1908; S. 22, Fragment 17. [back]
3. Kathleen Freeman: Ancilla to the PRE-SOCRATIC PHILOSOPHERS (Übersetzung von Diels Fragmente der Vorsokratiker, griechischer Text mit deutschem Kommentar und deutscher Übersetzung), Harvard University Press, 1966; S. 65, Fragmente 115-120. [back]
4. Freeman, ibid., Fragment 146. [back]