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Zeit: „das tiefe und ruhige Bassin“

Zeit und Licht und Leben.

Wann und wo haben sie begonnen? Und wo ist ihr Ende?

Anscheinend niemals und nirgends.

Alles ist ein Kontinuum - so scheint es.

- R. G. H. Siu

 

 

 

Die alten Maya stellten sich die Zeit als "etwas Göttliches und ewig Fließendes" vor. Aus ihren Tiefen kamen das Universum und seine Wesen, ihre verschiedenartigen Eigenschaften offenbarend. Die Hindu behaupteten, daß "die Essenz reinen Seins Zeit und Raum übersteigt" und deshalb unbegrenzt ist. Empedokles betrachtete den Kosmos als das Resultat der Verbindung und Trennung von Erde, Luft, Feuer und Wasser - von den Essenzen dieser Elemente und nicht von ihren physischen Verkörperungen, wie wir sie auf unserem Globus kennen. Er dachte, die Prozesse des Zusammenziehens und Zerplatzens, die bei den grundlegenden Bausteinen der manifestierten Welt auftraten, würden durch die Einflüsse von "Liebe" und "Haß" oder Anziehung und Abstoßung gelenkt. Heraklit sagte, das Leben fließe wie ein Fluß, und wir könnten nicht zweimal in das gleiche Wasser steigen. Neuere Theorien über die treibenden Kräfte des Universums weisen darauf hin, daß es kosmische Zyklen der Ausdehnung und der Zusammenziehung gibt, die, soweit verschiedene Stellen in den gewaltigen Bereichen des Superraumes in Betracht kommen, gleichzeitig stattfinden; oder nacheinander, wenn wir irgendeine bestimmte Wesenheit darin betrachten.

Die Vorstellung, daß die Zeit wie ein Strom dahinfließt, scheint eindimensional und vom Menschen aufgestellt zu sein. Stunden, Tage und Jahre sind nur praktische Einteilungen, die wir erfunden haben, um unsere Erfahrungen abzugrenzen, um Mittel bereit zu haben, Ereignisse miteinander zu verbinden. In Wirklichkeit dreht sich der Planet in ständiger Bewegung um seine Achse, keine in Abschnitte geteilte Stunden kennend, die so viel von unserer Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Wenn die 'Zeit, nach der wir uns richten', Bewegung einzuschließen scheint, so ist der primäre Beweger nicht die Zeit, sondern das Bewußtsein, das durch aufeinanderfolgende Stufen des Gewahrwerdens und der Reaktion beeindruckt wird und sie zum Ausdruck bringt. Der Hintergrund für die ganze Erfahrung ist dimensionslose Zeit oder Dauer, die wir nur als ein immergegenwärtiges Jetzt fühlen können.

Diese Gedanken und was sie über den Menschen und das Universum in sich einschließen, sind innig verbunden mit den Ideen über Licht, Leben, wirkliches Sein, beseelte Wesenheiten und Materie. Diese umfassenden Probleme haben die Gemüter von Philosophen, Wissenschaftlern und Religionsgelehrten alle Zeitalter hindurch beschäftigt.

Dr. R. G. H. Siu hat eben seine Trilogie vollendet, die Betrachtungen über solche Begriffe enthält. Früher gehörte er der Fakultät des Massachusetts-Institutes für Technologie an und hat jetzt als privater Berater eine wissenschaftliche Abhandlung herausgebracht, die diese Probleme behandelt, und damit ein beachtliches Wissen über westliche und orientalische Kulturen gezeigt. In seinem letzten Band1 erforscht er die Quelle von Energien, die er dem zuschreibt, was er ch'i nennt, ein altes chinesisches Wort, das, genau gesagt, undefinierbar ist. Doch seine Bedeutung kann mit dem Ausdruck ein immerwährender "Zustrom von Zeit, Licht und Leben" intuitiv erfaßt werden. In dieser Hinsicht scheint es dem Sanskritausdruck jîva ähnlich zu sein, der allgemein "das Eine Leben" bedeutet und auch eine lebendige Wesenheit, eine Bewußtseinsmonade oder "ein nicht-selbstbewußter Gottesfunke".2

Dr. Siu selbst sieht "Licht" als den Ursprung sowohl von ch'i als auch von Energie an, wobei jedes die subjektiven und objektiven oder materiellen Aspekte der manifestierten Wesenheiten darstellt. Das Buch ist in der neuen Form eines kurzen, aber gedrängten neo-taoistischen Textes gehalten, weist schöne Wortbilder und einen umfangreichen Kommentar auf, in dem wissenschaftliche Daten und Beiträge aus dem kulturellen Erbe des Menschen enthalten sind. Der Inhalt wird von den Anfangspassagen bestimmt:

Nachdenken ist ergötzliche Freiheit. Niemand erhebt Anspruch auf Rechtsprechung, stellt Regeln auf oder fordert ein Ergebnis. Man kann zu jeder Zeit, an jedem Ort und in allen Lebenslagen nachsinnen.

Niemals verirrt es sich in den Abgrund des Bösen.

Es veredelt und erleuchtet uns und überflutet uns mit einer stillen Freude.

So wie der Autor den göttlichen Machtspruch in der Genesis "Es werde Licht!" auslegt, sieht er darin, daß Licht, Zeit und Leben ineinander verflochten sind. Die schöpferische Äußerung schließt ohne Zweifel Zeit ein, und die erste Handlung enthält die potentielle oder subjektive Grundlage für lebende Geschöpfe. Für ihn ist "Licht" die Quelle von allem durch seine Ausstrahlungen von ch'i und Energie, deren Verschmelzungen die Organismen erzeugen, die eine Welt oder einen Kosmos bilden.

Die alten Chinesen stellten sich die Zeit als ein tiefes und ruhiges Bassin vor.

Sie glaubten, daß die konkreten Manifestationen des einzelnen Lebens aus den undifferenzierten Tiefen dieses Bassins auftauchten und zur gegebenen Zeit wieder in dasselbe zusammenhängende Ganze zurückkehren.

Die "alten Perser verbanden Zeit mit Licht" in ihrer Philosophie über kosmische Anfänge.

Wir fügen hinzu, daß die "Dreimal Unergründliche Dunkelheit" der Orphiker so von göttlichem Glanz erfüllt war, daß sie den geschaffenen Wesen infolge der Blendung dunkel erschien; sie ist der Ursprung der "Unvergänglichen Zeit", der Zeitdauer oder Dr. Sius "tiefer und ruhiger See". Die endlosen Zyklen unserer "zielstrebigen" Zeit werden in der unergründlichen Unermeßlichkeit verschluckt.

Bewußtsein ist auf den kosmischen und auf den menschlichen Ebenen bipolar mit höher entwickelten und weniger hoch entwickelten Grundbestandteilen oder Elementen, die zu verschiedenen Zeiten unter verschiedenen Namen bekannt waren, aber in den meisten Fällen gewöhnlich Geist und Materie genannt werden. Laotse mahnte insofern zur Vorsicht, daß, welche Namen man ihnen auch immer gibt, sie in ihrem Ursprung ein und dasselbe sind. Man ist versucht, die Vielheit der innerhalb des Atoms und seines Kerns vorgefundenen und diesen untergeordneten Teilchen in eine materielle Form zu kleiden. Die neuesten Entdeckungen auf den kosmischen und den Kerngebieten sind so merkwürdig und eigentümlich wie die Namen, die man ihnen gegeben hat: 'schwarze Löcher' und 'Wurm'-Löcher im Raum; 'Merkwürdigkeit', 'Anmut' und 'Farbe' für Arten oder "Klassen" von Partikeln. Diese Namen gelten bislang unvermuteten Erscheinungen, die ganz verschieden sind von dem, was man erwartete oder als Theorien aufgestellt hat. Sie scheinen uns alle zu einer neuen Würdigung des Lebens und seiner Manifestation zu führen.

Der Augenblick der Erleuchtung, der vor Millionen von Jahren für die gesamte Menschheit stattfand, als die Intelligenz in Erscheinung trat, nachdem viele "Luzifer-Lichtbringer" das Selbstbewußtsein zu einer Flamme entfacht hatten, kehrt heute wieder zurück - jedesmal kommt es zu einem blitzartigen Verstehen. Verleitet durch unsere Erfahrungen in irdischen Angelegenheiten, erheben wir unsere Blicke selten zu den kausalen Gebieten des Seins. Wir sind Gefäße für "Zeit, Licht und Leben", genauso wie das Universum, das uns umgibt und durchdringt. Die räumlichen Ausdehnungen über uns können Tätigkeiten von weit größerem Maßstabe entfalten als wir. Doch wenn sie auch dem Grade nach größer sind, die essentielle Beschaffenheit ist die gleiche.

Der Mensch nimmt seine Umgebung wahr und erhält Sinneseindrücke, die sein Verstand in Begriffe formt, die durch seine Anschauung über Raum und Zeit bestimmt werden. Diese Bilder werden im Schmelztiegel seiner Imagination in Symbole und Mythen umgewandelt, die ihre Begrenzungen übersteigen und die er an andere Menschen und möglicherweise weit in die Zukunft hinaussendet.

Da die Wahrnehmungen fortwährend wechseln, obgleich die Bilder, in denen sie miteinander verknüpft und festgehalten werden, beständig und sogar hartnäckig festgehalten werden, kann es keine sichere Erklärung geben, daß das Universum etwas Statisches wäre. Wir können tatsächlich sagen, daß 'Universen' einander folgen, wie das erste Bild einem zweiten weicht, dieses einem dritten und so weiter. Ja, Universen haben per se ihre Geburt, ihr Wachstum, ihre Blüte und sinken in das "tiefe und ruhige Bassin" - um jedoch später wieder daraus emporzutauchen.

Manche meinen auch, daß 'Ideen' nicht mit 'Begriffen' gleichgestellt werden sollten; denn während eine Idee ein 'Gefühl' und eine wirklich vorhandene Kraft in sich birgt, die wir mit einer Energie vergleichen können, ist ein Begriff oft nur eine "intellektuelle Abstraktion", wie es einmal bezeichnet wurde. Dr. Siu ermutigt uns: "wie eine leicht bewegliche Wolke zu schweben; wie die ruhige See zu verharren." "Ein dem ch'i gleiches Gelockertsein zu pflegen" und "das Selbst zu leben, das wirklich existiert." Er sagt uns auch, daß "jede Spezies einen typischen Bereich der Fähigkeiten besitzt, um ch'i umzuwandeln."

Wir alle haben wie Plato die Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden, um die Beziehung zwischen Ideen und Dingen genau auszudrücken. Er wählte schließlich einen Ausdruck, der "teilnehmen an" oder "teilen mit" bedeutet. Das erinnert an die maßgebende Lektion in The Mustard-Seed Garden, der alten chinesischen Schrift, die auch das "Tao der Malerei" genannt wird. Der alte chinesische Künstler lehrte seine Schüler, sich in den Gegenstand zu versetzen, den sie malen wollten. Wenn es ein Schwarm Vögel am Himmel war, mußte man das Gefühl haben, frei in der Luft zu fliegen. Wenn die Aufmerksamkeit einem Stein galt, so sollte sich der Maler die Dichte und die Lage des Steines vergegenwärtigen, fest entschlossen, in seinem Bewußtsein eins mit ihm zu werden. Dr. Siu gebrauchte diese Beispiele nicht, aber wenn wir an das Problem des wirklichen Lebens ähnlich herantreten, so können wir dadurch befähigt werden, uns bewußt in die 'höheren' oder verfeinerten Aspekte unseres Wesens zu versetzen. Wir kennen mehr oder weniger die Vorstellungen und Theorien der Psychoanalytiker und Psychotherapeuten. Es gibt eine neue Entwicklung dieser Systeme, die weiter und tiefer wirkt als die anderen. Diese Methode zeigt, daß die Analyse nicht weit genug geht, um die menschliche Natur zu verstehen. Ein Fachmann in Los Angeles sagt, die Analyse zerlegt den Menschen nur in seine Bestandteile, die Synthese dagegen versucht, ihn zu einem Ganzen zu integrieren, sie versucht, "alle unsere Funktionen, alle unsere Möglichkeiten harmonisch zu gebrauchen."

Wenn eine Integration stattfinden soll, müssen die verschiedenen Neigungen der menschlichen Natur in Einklang gebracht werden. Wie kann das geschehen? ... Zuerst sollte die Synthese um ein persönliches Zentrum stattfinden, um das bewußte Ego. ... Später kann dann die Psychosynthese rund um ein tieferes Zentrum stattfinden, das wir, weil wir kein besseres Wort haben, ein spirituelles Zentrum, ein spirituelles Selbst, nennen können, das Selbst mit einem ganz großen "S" geschrieben, von dem das kleine Selbst unseres Alltagslebens nur eine Reflexion im Bereich des Bewußtseins ist.3

Individualität kann für uns Getrenntsein bedeuten, aber wir müssen beachten, daß wir mehr als selbstgenügsame Egos sind. Wir sind wie die Noten einer musikalischen Komposition, anscheinend getrennt, doch in Wirklichkeit mit dem gesamten Werk verschmolzen, das ohne jede einzelne Note unvollkommen wäre. In gleicher Weise sind alle Erdenbewohner, ganz gleich welchen Entwicklungsgrades, für die Vollständigkeit des planetarischen Wesens erforderlich, das bis zu den Grenzen seines magnetischen Feldes reicht und nicht auf die Felsen und das Wasser seiner materiellen Oberfläche begrenzt ist.

Auf diesen und so vielen anderen Gebieten der Forschung öffnen sich Tore in neue und daher unerforschte Reiche der Natur. Diese Dinge waren früher wahrscheinlich nicht gänzlich unbekannt, wurden aber mit anderen Methoden erforscht als den heute allgemein gebräuchlichen. Wenn wir den Überresten aus alten Kulturen glauben, so gab es früher andere Verfahren, um Wissen und Verständnis zu erlangen, um in die Geheimnisse hinsichtlich der Welt und des Menschen einzudringen. Einige dieser Zeichen existieren heute noch und weisen darauf hin, daß ein beständig fließender Strom des auf Weisheit beruhenden Wissens vorhanden ist, wenn es auch zuweilen in Epochen dogmatischer Beschränkungen notwendig war, daß er im Verborgenen blieb.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurden die überwiegend materialistischen Tendenzen beseitigt, als der Glaube, das Atom sei unveränderlich, unreduzierbar oder unteilbar, verworfen wurde. Dies bezieht sich auch auf die Belichtung durch Röntgenstrahlen, und zwar in bezug auf das, was sich jenseits des Bereichs erstreckt, der sich mit den Augen wahrnehmen läßt. Danach schleuderte in diesem Jahrhundert die Relativitätstheorie einen weiteren Keil in die Vorstellung vieler Wissenschaftler, daß die materielle Substanz die allerniedrigste Grundlage des Seins bildet, aus welcher das Leben zufällig als Resultat chemischen Vermischens und von Reaktionen erschien. Obgleich einige wohlbekannte Wissenschaftler noch immer an einer ähnlichen Anschauung festhalten, ist unser Denken im allgemeinen freier, als es zeitalterlang war, wobei man immer mehr erkennt, daß Materie selbst kontinuierlich mit dem Unstofflichen einhergeht.

Das Leben beseelt in endloser Dauer Manifestationen, und der Mensch und die anderen Wesen sind mehr als "ein Haufen organisierter Staub". Sie bergen eine Essenz in sich, die charakteristische Merkmale einer spirituell-magnetischen Art aufweist. Shelleys unsterbliche Zeilen sind reich an Bedeutung:

Das Eine dauert, die Vielen sind unbeständig und vergehen; ...

Das Leben färbt wie eine Kuppel aus vielfarbigem Glas

Den weißen Glanz der Ewigkeit.

Die verschiedenen Facetten unseres Wesens bilden das "vielfarbige Glas", durch das das göttliche Licht scheint. Aber sie färben "den weißen Glanz der Ewigkeit" nicht in dem Sinne, daß sie ihn trüben oder beflecken; denn das Weiße ist die Vereinigung aller Farben, und das kosmische Leben umfaßt die Essenz von jedem von uns und noch mehr - das Grenzenlose, das Unmanifestierte, das noch nicht existiert. Das ist das Fließen in das "tiefe und ruhige Bassin der Zeit", aus dem alles in einer späteren Periode wieder auftaucht, um eine Reihe neuer und höherer Erfahrungen zu beginnen.

Fußnoten

1. Ch'i: A Neo-Taoist Approach to Life, M. I. T. Press, 1974, 351 Seiten, Bibliographie, Index, $ 10.00. [back]
2. Eine tiefgründigere Erklärung der Verwandtschaft von Licht und Leben, siehe in The Esoteric Tradition und Fountain-Source of Occultism, beide von G. de Purucker. [back]
3. Psychosynthesis: A Psychotherapy For The Whole Man, von Robert Gerard, Ph. D., Abschrift von zwei Vorträgen, die 1961 auf der Jahresversammlung der Konferenz für Wissenschaft und Religion gehalten wurden. Veröffentlicht 1964. [back]