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Der helle Raum, Sohn des dunklen Raums

Die Schöpfungsgeschichte, wie sie uns im hebräischen Buch der Anfänge erzählt wird, ist eine Allegorie nach alter Weise, und wenn man sie versteht, ist sie unter den anderen Schöpfungsmythen eine der großartigsten, die man in der ganzen Welt findet. Unglücklicherweise wurde sie von den meisten Gläubigen jahrhundertelang zu wörtlich gedeutet, und zwar von Juden genauso wie von Nichtjuden. Doch die Thora oder "das Gesetz" (hauptsächlich der Pentateuch) sollte nie so gelesen werden; jedes Wort und jeder Satz enthält vielmehr in symbolhafter Form "einen höheren Sinn und ein erhabenes Mysterium." Die Erzählungen selbst sind nur das äußere Gewand der Wahrheit.

Nun ist kein Werk des Heiligen so tiefgründig, daß er es in der Thora nicht aufgezeichnet hätte; und die Thora enthüllt es für einen Augenblick und hüllt es aber sofort wieder in ein anderes Gewand, so daß es dort verborgen ist und sich nicht zeigt. Aber der Weise, dessen Weisheit ihn mit vielen Augen ausstattet, sieht durch das Gewand hindurch die innere Essenz des Wortes, die durch dieses verborgen wird. Und wenn das Wort zeitweilig in diesem ersten Augenblick enthüllt wird, von dem wir gesprochen haben, können diejenigen, die mit weisen Augen sehen, es verstehen, auch wenn es gleich wieder verhüllt wird.1

- Zohar, II, 98 b

Dank dem Eifer der hebräischen Seele, ihrem Gott nahe zu sein, und dank der tiefen und frommen Kontemplation über die Mittel und Wege der Verbindung, die im Namen des Heiligen festgelegt wurden, ist der verhärtete Boden der rabbinischen Theologie ständig durch verborgene Ströme mystischer und tiefgründiger intuitiver Wahrnehmungen aufnahmebereit gemacht worden. Der fruchtbarste dieser Ströme ist die Kabbala, eine alte jüdische Theosophie, die von "einer kleinen Gruppe Esoteriker"2 bis zum 13. Jahrhundert sorgfältig gehütet wurde, als Rabbi Moses de Leon in Spanien ein vermutlich aramäisches Manuskript veröffentlichte - das bald als Sepher ha-Zohar oder "Buch des Glanzes" bekannt wurde. Er brachte es nicht unter seinem eigenen Namen heraus, sondern als das Werk von Shimeon ben Yohhai, einem Rabbiner des zweiten Jahrhunderts, der die römischen Behörden mutig angeprangert hatte, weil sie an dem Tod seines geliebten Lehrers, Rabbi Aqiba, beteiligt waren. Die Veröffentlichung dieses Werkes im Jahre 1275 wirkte wie ein Katalysator, denn nicht nur die mit der Kabbala vertrauten Gelehrten nahmen es zu Hilfe, um die geheimen Lehren, die darin verborgen waren, zu erklären und bis ins einzelne auszulegen, sondern auch eine Reihe Humanisten in England und ganz Europa, die dem Christentum zugetan waren, griffen verschiedene kabbalistische Gedankengänge auf, als sie nach dem lebendigen Geist hinter dem Buchstaben der Heiligen Schrift suchten.3

Aber was ist die Kabbala? Ist sie ein Buch oder eine Reihe von Büchern, ein literarisches Werk; ist sie eine Religion, eine Philosophie oder möglicherweise eine Art Mystik oder innere Schulung? Vielleicht ist sie die Summe all dessen, doch keines dieser Dinge allein. Qabbâlâh ist ein hebräisches Wort und bedeutet "Überlieferung", das, was "empfangen" wurde, d. h. die heilige und geheime Weisheit - Hhochmâh Nistorâh -, die während unzähliger Generationen von Rabbiner zu Rabbiner in vorbereitete Herzen übertragen worden ist. Als System ist sie "so wenig jüdisch wie das Sonnenlicht; sie ist universal."4 Wir können nicht bestreiten, daß darin eine echte "geheime Weisheit" vorhanden ist; denn welchen Namen diese auch tragen mag, ihre Vorbilder, die Selbsterleuchteten jeden Landes und jeder Rasse waren und werden stets ihre treuen Hüter sein.

Der Kabbala liegt die Schöpfung als zentrales Thema zugrunde: das Ausfließen der göttlichen Kraft aus 'Êyn Sôph (En Sof oder Ain), dem "Grenzenlosen" - das über aller Erkenntnis ist, unbeschreibbar, unnennbar - über eine Reihe von zehn "Zahlen" oder Sephîrôth, die auf verschiedene Weise dargestellt werden: als Baum des Lebens, 'Êts Hhayyîm, der in einem Idealen oder Archetypischen Menschen Gestalt annahm, Adam Kadmon - wörtlich "östlicher" Adam -, der erste in einer Reihe von Adamen einer absteigenden geistigen Stufe, wobei der letzte Adam unsere gegenwärtige Menschheit schuf.

Eine beliebte Metapher (bildlicher Ausdruck) für die Beschreibung der Emanation aus dem Nichtgeoffenbarten über die drei oberen in die sieben unteren Sephîrôth lautet wie folgt: Zuerst gab es das unergründliche Meer (Kether), das sich in einem großen Strom (Hhochmâh) fortsetzte, der sich dann auf der Erde ausbreitete und ein riesiges Reservoir (Bînâh) bildete, aus dem sieben kleinere Ströme (die sieben verbleibenden Sephîrôth) ausflossen, die sieben langen Gefäßen glichen - und diese alle zusammen ergeben die zehn. Und wenn der Meister die Gefäße zerbricht, die er gemacht hat, kehrt das Wasser zur Quelle zurück, und dann verbleiben nur die Bruchstücke dieser Gefäße, ausgetrocknet und ohne jedes Wasser. Auf diese Weise ließ die Ursache der Ursachen die zehn Sephiroth entstehen.5

Wohl bewußt, daß das Unendliche, das Grenzenlose, 'Êyn Sôph, keine Attribute oder endliche Eigenschaften besitzt und deshalb nicht beschrieben werden kann, war die kabbalistische Auffassung doch so feinsinnig in der Logik und so schöpferisch in ihrer Vorstellung, daß sie das Dilemma löste, indem sie sich zwischen der Dunkelheit des völligen Nichtseins und dem Licht der manifestierten Welt "drei Schleier der negativen Existenz" vorstellte: "Der helle Raum, der der Sohn des dunklen Raumes ist", der sich aus den "Tiefen der großen dunklen Gewässer" erhebt, wie die Stanze des Dzyan es ausdrückt.6

Somit haben wir: 1) 'Ayin, "nichts", reines Nichtsein, aus dem 2) 'Êyn Sôph entspringt, "keine Grenzen, kein Ende", die grenzenlose Weite des Raumes, und aus dieser bricht hervor 3) 'Êyn Sôph 'Ôr, "unbegrenztes Licht" - "und inmitten des unerträglichen Glanzes jenes mächtigen Lichts erschien gleichsam das Abbild eines Kopfes."7 Dies ist der Kopf von Adam Kadmon, sonst Kether genannt, die "Krone" oder Sephîrâh8, die erste Emanation.

Was in dem Gedanken liegt, kann niemand wahrnehmen, noch weniger kann man das En Sof erkennen, von dem keine Spur gefunden werden und zu dem das Denken auf keinem Wege vordringen kann. Aber aus der Mitte des undurchdringlichen Mysteriums, aus dem ersten Abstieg des En Sof schimmert ein schwaches, kaum wahrnehmbares Licht wie eine Nadelspitze, der verborgene Schlupfwinkel des Gedankens; auch dieser ist noch nicht erkennbar, bis ein Licht von ihm ausgeht...9

- Zohar, I, 21 a

Einfach ausgedruckt, 'Êyn Sôph, von dem göttlichen Denken und Wollen angetrieben, einen Aspekt oder eine Phase seiner selbst zu offenbaren, "konzentrierte seine Essenz" in einen einzigen Punkt, den "Urpunkt", und dieser war Sephîrâh, die uranfängliche Emanation, aus der sich der volle zehnfache Sephîrôthische Lebensbaum entfaltet. Diese Konzentration der Kraft und Energie wird Tsimtsûm genannt, ein Wort, das "Kontraktion" (Zusammenziehung) bedeutet (in der ihr Gegenpol "Expansion" (Ausdehnung) mit enthalten ist), "Entzug, ein Wegnehmen" und somit ein Zusammendrücken der Kraft in einen Nullpunkt. Eine Vorstellung, die man in vielen alten Philosophien findet, aber auch in modernen; denn diese rhythmische Kontraktion der Essenz in einen "einzigen Punkt" (Kether), gefolgt von der Ausdehnung in "neun glänzende Lichter" (oder Sephîrôth), weist nicht nur auf die derzeitigen kosmogonischen Theorien über das "pulsierende Universum" hin, sondern ebenso auf die "singulären Punkte" von Sir James Jeans und auf die "Laya-Zentren" der modernen Theosophie.

Es ist höchst interessant zu entdecken, daß der Zohar auch von verschiedenen "früheren Welten" spricht, mißlungenen Schöpfungen, die vernichtet wurden, weil sie nicht "konform waren." Sie werden "ursprüngliche Könige" genannt, die beseitigt wurden, weil sie unvollkommen waren. Sie werden verglichen mit "Funken, die fortfliegen, brennen und flackern, aber kurz danach auslöschen." Aber sobald der "Heilige Alte" die Herrschaft übernimmt und "an Sein Werk geht", treten die Sephîrôth des vollkommenen "Gleichgewichts" ins Dasein.10

Für die Kabbalisten war das Universum der Ausfluß und die Reflexion des überirdischen Willens, der lebende Tempel des Verborgenen des Verborgenen, der, obwohl unerkennbar, dennoch in jedem Punkt seiner Schöpfung lebendig war. Seine Energien (Strahlen) folgten daher bestimmten Kanälen oder Kreislaufbahnen, die ihrerseits in jede Sephîrâh hineinleiten und aus dieser herausführen. Obwohl es unmöglich ist, in Symbolen darzustellen, wie das Ewige Mysterium, das Eine, sich in den Vielen offenbart - in einer Vielzahl von Globen oder Prinzipien oder Ebenen -, versuchte der Kabbalist gerade dies immer und immer wieder zu tun.

bild_sunrise_21977_s81_1In dem beigefügten Diagramm werden die Sephîrôth als eine Serie von Triaden dargestellt; die höchste mit ihrer Spitze nach oben empfängt den vollen Glanz aus 'Êyn Sôph; die beiden unteren Triaden mit ihren Spitzen nach unten deuten den allmählichen Abstieg des Geistes an, mit der untersten, Malchûth, dem Empfänger und Behälter der vollen zehnfachen sephîrôthischen Kraft. Jede Sephîrâh hat ihren eigenen göttlichen Namen und ihre eigene göttliche Eigenschaft; und ebenso ihren besonderen entsprechenden Brennpunkt und Ausdruck im physischen Körper des Menschen.

Wir bemerken ebenfalls drei senkrecht verlaufende Kraftströme : 1) der aktive oder männliche Strom, Pfeiler oder Säule der Barmherzigkeit oder des Mitleids genannt; 2) der empfangende oder weibliche Strom, der den männlichen ergänzt und somit unterstützt, Säule des Urteils genannt; und 3) der zentrale Strom, Pfeiler der Harmonie oder Stabilität genannt. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, daß jede Säule, jede Triade oder einzelne Sephîrâh in absteigendem Grade sowohl ein Empfänger des "Lichts" von oben als auch ein Übermittler dieses Lichts zur nächstunteren ist; genauso wird in gleicher Weise jede einmal als Manifestation des Weiblichen und ein anderes Mal als Manifestation des Männlichen betrachtet.

Manchmal werden die Sephîrôth als eine Serie konzentrischer Kreise aufgezeichnet und so mit den Konstellationen des Tierkreises und den "sieben heiligen Planeten" in Beziehung gebracht; das Primum Mobile11 als der äußerste Kreis steht für Kether, die erste Emanation, der erste "Empfänger" von 'Êyn Sôph - die grenzenlose Ausdehnung, die durch keine vorstellbare Kugel (Sphäre) definiert werden kann - mit den nachfolgenden Sephîrôth mit abnehmendem Wirkungsvermögen, bis sie Malchûth in der Nabe erreichen. Andere sind gegenteiliger Auffassung und zeigen Kether als Zentrum, den "uranfänglichen Punkt", das dynamische Bindeglied mit dem unsichtbaren 'Êyn Sôph, und Malchûth an der Peripherie.

Von besonderem Interesse ist die Lehre von den vier Welten in Verbindung mit den vier Adamen, wobei jeder in einer entsprechenden Welt oder 'Ôlâm absteigender geistiger Kraft seinen Ausdruck findet. Die Lehre als solche wird im Zohar nicht erwähnt, sie wurde von späteren Kabbalisten entwickelt, und zwar vornehmlich von Cordovero von Safed und Isaac Luria unter Zugrundelegung früherer Ideen.12 Es scheint jedoch eine natürliche Entwicklung des Zohar-Prinzips zu sein, daß "die untere Welt nach dem Muster der oberen Welt erschaffen wurde",13 weil alles, was emaniert wurde, "alle Geschöpfe des Universums, zu welcher Zeit sie auch immer existierten, vor Gott in ihrer wahren Form vorhanden gewesen sein müssen, bevor sie in diese Welt eintraten."14

Die erste 'Ôlâm wird "die Welt der Verknüpfung" genannt - richtig bezeichnet als das Bindeglied zwischen Kether und 'Êyn Sôph, in der der höchste Sephîrôthische Lebensbaum manifest ist. Sie ist der Sitz von Adam Kadmon, auch Adam 'Îllâ'âh, der "Erhöhte" oder Himmlische Adam genannt. Androgyn (doppelgeschlechtlich), ist er der Urtyp oder das Modell für die drei unteren Adame. In diesem Oberen Adam dominiert Neshâmâh, der höchste "Atem", wobei Rûahh, der "Atem" der spirituellen Seele, und Nephesh, der "Lebensatem", ebenfalls gegenwärtig sind; alle drei befinden sich in ihrer vollkommenen Form.

Die zweite 'Ôlâm ist die "Welt der Erzeugung" oder Schöpfung und hat ihre eigenen zehn Sephîrôth, welche, da sie eine Stufe von dem ursprünglichen Lebensbaum entfernt sind, eine etwas geringere Kraft besitzen. Der zweite Adam, ebenfalls androgyn, ist nach dem "Bilde" - tselem - des ersten Adam gemacht, und auch er hat drei Arten von Atem, aber von nicht so überirdischer Qualität, wobei Rûahh hier am stärksten vorhanden ist.

Daraus geht eine dritte 'Ôlâm hervor, die "Welt der Formgebung" von noch größerer Stofflichkeit, in der der vorweltliche oder "unschuldige Adam" wohnt und in der Nephesh am meisten entwickelt ist. Diese Welt hat auch einen Sephîrôthischen Baum entsprechender Qualität. Diese 'Ôlâm dient als Modell oder Vorbild für die vierte Welt, die "Welt der Entwicklung", die von dem vierten Adam bewohnt wird, d. h. "dem dritten Adam, wie er nach dem Fall war";15 unsere irdische geschlechtliche Menschheit, die durch Nephesh und Gûph wirkt, die "Schale" oder den sichtbaren Körper.16 Diese vierte Welt wird übrigens auch das Reich der "Schalen" oder Rinden, manchmal auch "Felle" genannt. Dies ist insofern äußerst interessant, als wir am Anfang unserer Entwicklungsreise in Gewänder aus Licht gekleidet waren und erst später, wie uns die Genesis erzählt, "Röcke aus Fellen" brauchten, die wirklich unsere Hüllen sind, die wir schließlich wieder abwerfen müssen, wenn wir unsere ursprünglichen "Mäntel des Lichts" wieder gebrauchen wollen.

In diesem Zusammenhang erwähnen wir ein Kardinalthema des Zohar: daß, so wie alles, was unten ist, sein göttliches Gegenstück in den himmlischen Reichen hat, daher sind die "sieben Firmamente" über uns, die einander "umschließen wie die Häute einer Zwiebel", ähnlich den "sieben Erden unten, ..."17

Esoterisch entspricht der Mensch unten völlig dem Menschen oben. Genauso wie wir in dem Firmament, welches das gesamte Universum bedeckt, verschiedene Formen wahrnehmen, die durch die Verbindungen von Sternen und Planeten gebildet werden, um uns auf verborgene Dinge und tiefe Mysterien aufmerksam zu machen, so sind auch auf der Haut, die unseren Körper bedeckt und die gleichsam das Firmament des Körpers ist, Formen und Muster wahrnehmbar - die Sterne und Planeten des körperlichen Firmaments. Durch die Haut kann der weise Mensch die verborgenen Dinge und die tiefen Mysterien wahrnehmen, die durch diese Gebilde angezeigt werden und in der menschlichen Form zum Ausdruck kommen.18

- Zohar, II, 76 a

Das alles mag ziemlich kompliziert erscheinen und mit einer Schöpfungsmythe nicht sehr in Verbindung zu stehen. Wenn wir aber Strukturen und Formen vergessen und an die Sephîrôth denken und an die verschiedenen Adam, die wir selbst als Symbole lebender Wesen sind - Gottheiten in verschiedenen Stadien ihrer Evolution -, oder in kabbalistischen Begriffen als Lichtfunken, leuchtende Emanationen, wobei jede in verschiedenem Grade die Essenz des 'Êyn Sôph verkörpert, den Willen, Gedanken und das manifestierte Wort, beginnen wir intuitiv etwas von der wunderbaren Entfaltung der göttlichen und spirituellen Macht zu erkennen, vom Erhabensten, das wir uns vorstellen können, bis herab zum kleinsten Bewußtseinsteilchen im Raum. Barmherzigkeit, Liebe, Mitleid, durch Strenge und Gerechtigkeit im Gleichgewicht gehalten - Karma, wenn wir wollen -, die Spannung zwischen Licht und Dunkelheit gehen unaufhörlich weiter, während der Mensch die ganze Zeit über teilweise seines Vorranges bewußt und teilweise nichtbewußt seinen Weg zurück zu der Quelle sucht und sich erkämpft, zu dem Gott, der "langmütig und barmherzig ist."19

Im Zohar befindet sich versteckt unter den Kommentaren über den Exodus eine kleine Abhandlung mit dem Titel Siphrâ'di-Tsenî'ûthâ'. Wenn auch die rätselhaften Verse nicht leicht zu deuten sind, findet man hier und dort Zeilen, welche die Seele bewegen, wie z. B. diese, die von dem Unbegreiflichen, dem Alten sprechen: "Sein Auge ist stets offen und schläft nicht, denn es hält beständig Wacht."20

Ein schweigsamer und einsamer Wächter in der Tat, und wie ähnelt er Krishna in seiner Eigenschaft des Höchsten Geistes, der stets "unermüdlich in Tätigkeit" verbleibt und seine fürsorgliche Aufgabe erfüllt, damit "die Welt und alles darin nicht zugrundegeht."21

Und somit kommen wir zum Ende unserer Ausführung über die Schöpfungsgeschichte der Hebräer - in Wirklichkeit die Geschichte aller Menschen überall. Wenn Thora, Talmud und Kabbala vielen kaum mehr als einen Schimmer des Verständnisses vermittelt haben, liegt der Fehler nicht an der Botschaft. Der Mangel liegt in uns selbst, denn Strahlen der "verborgenen Weisheit", der Hhochmâh Nistorâh aller Zeitalter, leiten auch weiterhin den ernsthaft Suchenden. Eines Tages werden diejenigen, die unerschrockenen Herzens sind, ihr Ziel erreichen, und dann werden sie sich erinnern, warum das Licht immerwährend scheint - nicht nur, weil aus der Dunkelheit des Raumes, aus dem "geschlossenen Auge" von 'Êyn Sôph der helle Raum hervorbricht und eine weitere Welt entstand, sondern vornehmlich wegen des "offenen Auges" von Kether - dem Namenlosen, der in seinem Mitleid auf seinem Posten bleibt, bis der letzte "Verbannte" sich dem Licht zuwendet.

Fußnoten

1. Harry Sperling and Maurice Simon, The Zohar, Soncino, 1949; III, 300. [back]
2. Gershom G. Scholem, Major Trends in Jewish Mysticism, Schocken, 1941; Seite 240. Siehe auch On the Kabbalah and its Symbolism, Schocken, 1965; passim. [back]
3. Joseph Leon Blau, The Cristian Interpretation of the Cabala in the Renaissance, Columbia University Press, 1944; passim. [back]
4. H. P. Blavatsky, "The Kabalah and the Kabalists", Lucifer, London 15. Mai 1892; X, 185-196. [back]
5. Zohar, I, 42b; Christian D. Ginsburg, The Kabbalah, its Doctrines, Development, and Literature, Routledge, 1925; Seite 95. [back]
6. H. P. Blavatsky, Die Geheimlehre, aus dem Englischen der dritten Auflage übersetzt von Dr. phil. Robert Froebe, Neudruck J. J. Couvreur, Den Haag, Band I, Seite 58. [back]
7. Siphrâ'di-Tseniû'thâ, II, 47; S. L. MacGregor Mathers, The Kabbalah Unveiled, George Redway, 1887; Seite 76. [back]
8. Sephîrâh ist die Einzahl von Sephîrôth. [back]
9. Sperling and Simon, op. cit. I, 89. [back]
10. Ha'Idrâ' Zûtâ' Qaddîshâ', X, 420-424; Mathers, op. cit.; Seite 301. [back]
11. Der hebräische Begriff hierfür ist Rê'shîth ha-Galgallîm, wörtlich "der Anfang kreisförmiger oder umlaufender Bewegungen", d. h. uranfängliche Bewegung. [back]
12. Scholem, Major Trends, Seite 268-269. [back]
13. Zohar, II, 20a; Ginsburg, op. cit.; Seite 104. [back]
14. Zohar, III, 61b; Ginsburg, Seite 104. [back]
15. Isaac Myer, Qabbalah, Myer, 1888; Nachdruck, Samuel Weiser, 1970; Seite 418-420. [back]
16. Die Übereinstimmung, die sich hier mit den Zeitaltern Hesiods zeigt - dem Goldenen, Silbernen, Bronzenen und Eisernen Zeitalter und mit den Vier Yugas der brahmanischen Chronologie -, vom Satya- oder Krita-Yuga bis herab zu unserem gegenwärtigen Kali-Yuga, scheint mehr als ein Zufall zu sein. [back]
17. Zohar, III, 9b; Simon and Levertoff, Soncino, 1949; IV, 345-346. [back]
18. Sperling, op. cit., III, 231. [back]
19. Scholem, Major Trends, Seite 212. Diese Übersetzung des 'Arîch 'Anpîn, gewöhnlich übersetzt "Großes Gesicht", wiedergegeben von Professor Scholem, gibt der mystischen Symbolik der beiden 'Idrâs eine tiefere Bedeutung, genauso wie seine Übersetzung des Ze'eîr 'Anpîn, als der "Ungeduldige", anstatt "Kleines Gesicht". [back]
20. Siphrâ di-Ts., I, 14; Mathers, op. cit., Seite 46. [back]
21. Bhagavad-Gita with Essays on the Gita, von William Q. Judge; revidiert, Theosophical University Press, 1969; III, sl. 23-24. [back]