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Die Geschichte vom goldenen Samenkorn

Am Anfang bewegte sich das göttliche

noch nicht entwickelte Wesen

im Zeitenschoße und entfaltete sich;

sobald es geboren war, schwang es sich auf

zum Herrn über Alles;

es stützte diesen Himmel und die Erde...

- Rig-Veda, X, 121

 

 

 

Die Schöpfungsmythen unterscheiden sich wesentlich von anderen Mythen, denn die Schöpfung findet in der heiligen Zeit der Anfänge statt. Die Mythe berichtet, wie etwas erzeugt wurde, wie es ins Dasein trat. Sie ist ein "Bericht über die Wiederauferstehung einer urzeitlichen Realität, erzählt, um tiefe religiöse Bedürfnisse zu befriedigen."1 Die Mythen sind lebendig gebliebene Vorstellungen aus der Urzeit, die nicht nur den Sinn und Zweck der Existenz des Menschen, sondern auch den der Existenz des Universums übermitteln.

Unsere These lautet, daß so, wie die Mythen des Altertums das tiefe religiöse Verlangen der alten Kulturen befriedigten, die heutigen Theorien über den Ursprung des Universums den psychologischen Bedürfnissen des modernen Menschen entgegenkommen. Die moderne Kosmologie und Kosmogonie verwenden eine wissenschaftliche Sprache, während die Sprache der Mythen poetisch ist. Wir wollen jedoch zeigen, daß der Inhalt der wissenschaftlichen Theorie einerseits und des Mythos andererseits essentiell der gleiche ist.

Die theosophische Ansicht über die Schöpfung wurde von H. P. Blavatsky in einfachen Begriffen definiert: "Wir glauben an keine Schöpfung, sondern an die periodischen und aufeinanderfolgenden Erscheinungen des Universums aus der subjektiven in die objektive Daseinsebene in regelmäßigen Zeitintervallen, die von ungeheurer Dauer sind."2 Dies wurde im Jahre 1889 geschrieben.

Allen Schöpfungsmythen wie auch derzeitigen wissenschaftlichen Theorien liegt die Auffassung zugrunde, daß vor den "Anfängen" etwas existierte. Eine solche Präexistenz wird vorausgesetzt, wie z. B. die präexistenten Elohim, die den präexistenten Raum in das Oben (die Himmel, hashâmayîm) und das Unten (die Erde, hâ'ârets) oder in die Elemente Wasser (mayîm) und Erde ('eretz) teilten und deren lebenspendender Atem (rûahh) über den Wassern brütete. Hierbei handelt es sich um den 'Wasserschoß' anderer Mythen, der das kosmische Ei enthält, in dem alles als Same latent enthalten ist und aus dem die ganze Manifestation entsteht. Wie im Rigveda (X, 29) steht: "Am Anfang war nur Wasser, und in dem Wasser war ein lebender Keim. Aus diesem lebenden Keim wurde alles durch Tapas geboren"3 - die göttliche Wärme oder das göttliche Feuer; hier wird das Brüten geschildert.

Für den menschlichen Verstand ist es schwierig, sich einen Anfang ohne Anfang vorzustellen. Plato war in der westlichen Welt der erste, der eine Unterscheidung machte zwischen dem unveränderlichen und ewigen Sein, ohne Anfang und ohne Ende, und dem ewig Werdenden, der Welt der Sinne, die stets "dem Entstehen und Vergehen ausgesetzt und nie wahrhaft seiend ist" (Timaios 28A).4 Für Plato ergab sich die gleiche Frage, wie sie von den heutigen Kosmologen gestellt wird: Hat der Kosmos immer bestanden und keinen Anfang gehabt (die "Steady-state"-Theorie - Beständigkeitshypothese, wie sie von Hoyle und Bondi vertreten wird), oder ist er aus irgendwelchen Anfängen heraus ins Dasein getreten (Gamows Theorie des kosmischen Atoms)?

Es gibt immer etwas, das dem Anfang vorausgeht, und somit können wir von "dem Mythos vor Beginn des Mythos" sprechen. Thomas Mann schrieb: "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen? ... daß, je tiefer man schürft, ... die Anfangsgründe des Menschlichen, seiner Geschichte, seiner Gesittung, sich als gänzlich unerlotbar erweisen."5

Mann bezieht sich auch auf eine alte jüdische Überlieferung, daß es bereits Schöpfungen vor der gegenwärtigen gab, Welten, die entstanden und vergingen. Wenn er vom Mythos als Lebensgrundlage spricht, von dem zeitlosen Muster, dann können wir dies mit den Schauungen der Seher im Altertum vergleichen, die den Raum als göttlich und ewig ansahen, der den Samen verbarg, der von Schöpfung zu Schöpfung übertragen wurde, "von Ewigkeit zu Ewigkeit" (hebräisch: mê-'ôlam 'ad-'ôlâm), und von dem Atem (dem schöpferischen rûahh der Genesis, I), der, wie die großen Tage und Nächte von Brahma, immer kommt und geht. Doch der Raum ist eins, der Same ist eins, der Atem ist eins.

"Was ist das, das immer ist?" "Raum, das ewige Anupadaka [das Elternlose]." "Was ist das, das immer war?" "Der Keim in der Wurzel." "Was ist das, das immer kommt und geht?" "Der große Atem." "... die drei sind eins. Das, das immer ist, ist eins; das, das immer war, ist eins; das, das immer seiend und werdend ist, ist auch eins: und dieses ist Raum."6

Innerhalb des Einen gibt es Ausdehnung und Zusammenziehung. Ausdehnung bedeutet Ausbreitung, was der Expansion des Universums in der modernen Kosmologie gleichkommt. Zusammenziehung bedeutet das Einziehen von allem, das sich offenbart hat, in das Eine. Die gegenwärtige kosmologische Theorie des "pulsierenden Universums" ist genauso mytho-poetisch wie die Schauung von den kosmischen Zyklen, von der ewigen Wiederkehr, die die Weisen des Ostens vor Tausenden von Jahren hatten. Der "Mythos vor dem Mythos" sagt uns, wie das Eine ausatmet und das Universum tritt ins Dasein, und wie das Eine einatmet und das Universum wird 'ausgelöscht' - um im Laufe der Zeit wieder in Erscheinung zu treten, während die sishtas, die Samen, die von der vorhergehenden Manifestation Übriggebliebenen, im Ungeoffenbarten schlafen und darauf warten, die "Keime im Urgrund" zu werden. Diese "Samen" werden manchmal als die "Goldenen Samen" oder "Goldenen Keime" (hiranya-garbha) bezeichnet. Einige brahmanische Texte bezeichnen diese Samen als prânas, als Lebensenergien: "wahrlich, das Nicht-existente war am Anfang hier" (Satapatha Brâhmana, 6, I, I, 109).7

Der goldene Same wird oft mit dem goldenen Ei in Verbindung gebracht. Hiranya bedeutet golden, und garbha bezeichnet unterschiedlich Schoß oder Embryo oder Lebenssame. In der Chhândogya Upanishad (III, 19, 1-2) enthält der goldene Same oder das goldene Ei das gesamte Universum. "Am Beginn war diese (Welt) nicht vorhanden. Sie trat ins Dasein. Sie wuchs. Sie wurde ein Ei. Dieses lag ein Jahr lang da. Es brach auf. Dann kamen zwei Teile aus der Eierschale, ein silberner und ein goldener Teil."8 Der silberne Teil wurde die Erde und der goldene der Himmel, und daraus wurde die Sonne geboren.

Eine wunderbare Beschreibung des goldenen Samens wird von G. de Purucker gegeben:

Die Seite, die wir vielleicht als die mechanische Seite bei der Entstehung eines universalen Sonnensystems bezeichnen können - erst als ein Punkt oder Keim, der in den Hindu-Schriften als hiranya-garbha oder 'Goldener Same' bezeichnet wird -, sollte richtig verstanden werden. ... Dieser kosmische Same dehnt sich bei seiner Entwicklung allmählich aus, ... Während die kosmischen Zeitperioden ablaufen und dieser Goldene Keim seine Ausdehnung fortsetzt, nimmt er schließlich die Ausmaße eines kosmischen Nebels an, ... In diesem kosmischen Nebel kommen kleinere hiranya-garbhas oder kosmische Samen langsam zum Durchbruch in die Manifestation, ...9

Wie die alten heiligen Erzählungen (Mythoi) begrenzen sich auch die gegenwärtigen wissenschaftlichen Theorien auf einen "anfanglosen Beginn". Sie befassen sich nie mit einem Universum, in dem nur das Nichts vorhanden ist; etwas ist bereits da, aus dem der Kosmos (vom griechischen kosmos, Ordnung, Schönheit) Gestalt annimmt. Eine der Hypothesen über den Ursprung des (wahrnehmbaren) Universums, die heute am meisten Beachtung findet, ist die Geschichte vom "Goldenen Samen" in wissenschaftlicher Terminologie. Abbé Georges Lemaître, Professor der Physik an der Universität von Löwen, in Belgien, machte in den 1930er Jahren den Vorschlag, daß alle Schöpfung aus der "Explosion" eines einzelnen Uratoms von unvorstellbarer Dichte hervorgegangen sei, einem Atom, das die gesamte Materie im Universum enthalten habe. Lemaîtres Hypothese vom "Kosmischen Ei" wurde von Dr. George Gamow, damals Physikprofessor an der Universität in Colorado, noch beträchtlich weiterentwickelt und ist allgemein als der "Urknall" bekannt. Die von Gamow und seinen Mitarbeitern entwickelten Theorien legen einen zeitlichen Beginn unseres Universums fest und sagen ein zeitliches Ende unseres Universums voraus. Aber selbst Gamow kann nicht umhin, über den "Beginn vor dem Beginn" zu spekulieren, daß nämlich:

der große Ausbruch, der in der frühen Geschichte unseres Universums stattfand, das Ergebnis eines Zusammenbruchs war, der sich in einer noch früheren Ära abspielte, und daß die gegenwärtige Ausdehnung einfach ein "elastischer" Rückprall ist, der begann, als der größtmögliche Druck erreicht worden war... Sehr wahrscheinlich wurden die Massen des Universums derart zusammengepreßt, daß strukturelle Züge, die vielleicht während der "Zeit vor dem Zusammenbruch" existiert haben, vollkommen ausgelöscht wurden, ...10

Diese vollständige Auslöschung eines Universums, das vorher existiert hatte, ist von den östlichen Philosophen gelehrt und pralaya genannt worden.

Im Gegensatz zur Weltentstehung nach Lemaître-Gamow entwickelten die Professoren Fred Hoyle, Harry Bondi und Thomas Gold das "Steady-state-Modell" vom Universum. Dieser moderne wissenschaftliche 'Mythos' hat das Angenehme, daß die Schwierigkeit mit dem 'Beginn' des Universums umgangen wird. Diese Theorie setzt eine immerwährende Schöpfung voraus - anscheinend eine Schöpfung aus dem "Nichts". Verschwindende Milchstraßen (nach Hoyle weggepreßt durch neue "Schöpfungen") werden durch neue galaktische Gebilde ersetzt. Das Universum hat keinen Anfang und wird kein Ende haben.

Auf diese Weise kommen wir zu einem Universum, in dem sich die einzelnen Teile - die Galaxienhaufen - mit der Zeit verändern und entwickeln, während sich das Universum selbst nicht ändert... Jeder Galaxienhaufen, jeder Stern, jedes Atom hatte einen Anfang, aber nicht das Universum selbst. Das Universum ist etwas mehr als seine Teile, eine vielleicht unerwartete Schlußfolgerung.

Das Universum ist alles; Belebtes und Unbelebtes; Atome und Galaxien; und wenn das Geistige existiert, auch Materielles und Geistiges; und wenn es einen Himmel und eine Hölle gibt, auch Himmel und Hölle; denn kraft seiner Natur ist das Universum die Gesamtheit aller Dinge.11

Aber woher stammt nach Hoyle das Material zur Neubildung der Welten? Er schreibt:

... eine solche Frage ist nach wissenschaftlichen Richtlinien vollständig bedeutungslos. Warum gibt es die Schwerkraft? Warum existieren elektrische Felder? Warum existiert das Universum? Diese Fragen entsprechen den Fragen nach dem Ursprung der neugeschaffenen Materie und sind genauso bedeutungs- und zwecklos.12

Wir sollten die Unterscheidung festhalten zwischen dem Universum an sich, das ewig ist, und den Vorgängen, die darin stattfinden, die aus dem Ungeoffenbarten auf der physischen Ebene in Erscheinung treten und nach den derzeitigen kosmologischen Theorien mit nahezu Lichtgeschwindigkeit ins Nichts (!) verschwinden. Hoyle modifizierte seine Theorie, indem er feststellte, daß der einzige Teil des Universums, den wir beobachten können, sich in einem Entwicklungsstadium befindet. Mit anderen Worten, wir leben lediglich in einer lokalen Blase des gesamten Universums.

Die esoterische Philosophie lehrt, daß es außerhalb und über unserem "wahrnehmbaren" Universum Universen gibt. Eine revidierte Theorie bevorzugt ein oszillierendes (schwingendes, vibrierendes) Modell13: Das "wahrnehmbare" Universum begann aus einem unendlich kleinen, unendlich dichten Atom - dem "goldenen Samen" der alten Weisen -, und wir sind jetzt in der Ausdehnungsphase. Nach mehreren weiteren Milliarden Jahren der Ausdehnung wird ein Zusammenziehen einsetzen, und schließlich wird unser Universum in den ursprünglichen Zustand zurückkehren.

Woher kommt "neue Materie"? Nichts wird geschaffen, und dennoch wird alles "umgewandelt", war eine der Lehren in den alten Mysterienschulen. Sir James Jeans stellte vor vielen Jahren die Theorie auf, daß neue Materie "aus einer anderen und völlig fremden Raumdimension in unser Universum hereinfließt, so daß sie einem Bewohner unseres Universums wie Punkte erscheint, an welchen fortwährend Materie geschaffen wird."14 Diese Punkte oder Zentren werden von Jeans als "singuläre Punkte" bezeichnet - die begrifflich den "Laya-Zentren" gleichen, das sind Punkte im Raum, die zu Brennpunkten neu entstehender Universen werden.

Die Weltbetrachtung der Theosophie wird von G. de Purucker sehr gut zum Ausdruck gebracht: "Betrachtet den grenzenlosen Raum als etwas, dem in seinen unermeßlichen Bereichen und in jedem infinitesimalen (unendlich klein werdenden) mathematischen Punkt darin schöpferische und formgebende Lebenssubstanz innewohnt, so daß in einem Teil des sichtbaren und unsichtbaren Grenzenlosen vielleicht ein Universum entsteht, während in einem anderen Teil ein anderes Universum sein manvantarisches [manifestiertes] Ende erreicht hat und sich auf sein kosmisches Pralaya vorbereitet [Rückzug in das Unmanifestierte] ... jedes derartige Universum, als räumliche Einheit, bringt sich selbst zur Manifestation aufgrund inhärenter Samen aktiver Individualität, obwohl es in aller Ewigkeit im Grenzenlosen existiert."15

Fußnoten

1. Bronislaw Malinowski, Magic, Science and Religion and Other Essays, Beacon Press, 1948; Seite 79. [back]
2. H. P. Blavatsky, The Key to Theosophy, 1889; Neudruck, Theosophical University Press, 1972; Seite 83. Der Schlüssel zur Theosophie Kapitel VI "Theosophische Lehren über die Natur und den Menschen". [back]
3. Marie-Louise von Franz, Patterns of Creativity Mirrored in Creation Myths, Spring Publications, Zürich, 1972; Seite 130; Siehe auch R. C. Zaehner, Hindu Scriptures, J. M. Dent & Sons, 1966; Seite 12. [back]
4. Plato, Timaios § 28 A, übersetzt von Franz Susemihl, Jakob Hegner, Köln, 6. Auflage, 1969. [back]
5. Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, 1964, S. Fischer, Berlin; Seite 7. [back]
6. H. P. Blavatsky, Die Geheimlehre, aus dem Englischen der dritten Auflage übersetzt von Dr. phil. Robert Froebe, Neudruck J. J. Couvreur, Den Haag, Band I; Seite 39-40. [back]
7. Heinrich Zimmer, Philosophies of India, Princeton University Press, 1969; Seite 242. Philosophie und Religion Indiens, Rhein-Verlag, Zürich; Suhrkamp Taschenbuch Verlag. [back]
8. S. Radhakrishnan, The Principal Upanishads, Harper & Brothers, 1953; Seite 399. [back]
9. G. de Purucker, Fountain-Source of Occultism, Theosophical University Press, 1974; Seite 120, siehe auch Seite 145, 440. [back]
10. George Gamow, The Creation of the Universe, neu überarbeitete Ausgabe, Viking Press, 1961; Seite 29. [back]
11. Fred Hoyle, Frontiers of Astronomy, Mentor Books, 1957; Seite 284, 270. [back]
12. Ibid., Seite 302. [back]
13. Fred Hoyle, Galaxies, Nuclei, and Quasars, Harper & Row, 1965; Kapitel 4 und 5. [back]
14. Sir James Jeans, Astronomy and Cosmogony, Cambridge University Press, 1929; Seite 360. [back]
15. Purucker, op. cit., Seite 102. [back]