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Die Albigenser - Träger einer vergangenen Weisheitslehre

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts begann der sonnige Süden Frankreichs dem Machtbereich der Kirche zu entgleiten. Ihr Einfluß war ernsthaft bedroht. Von Bordeaux bis nach Marseille, von den Pyrenäen bis zur Auvergne waren Ketzer der verschiedensten Sekten und Glaubensbekenntnisse am Werk - "falsche Propheten", die von ihren Gegnern folgendermaßen beschrieben wurden:

Sie behaupten, ein apostolisches Leben zu führen. ... Sie beten unaufhörlich, gehen barfuß. ... Sie wollen kein Geld annehmen, essen kein Fleisch und trinken keinen Wein; sie sind mit der einfachsten Nahrung zufrieden. Sie betrachten Almosen als wertlos, da niemand irgend etwas besitzen sollte. Sie lehnen die heiligen Sakramente ab, betrachten Gottesdienste als unnötig und erklären sich bereit, für ihren Glauben zu leiden und zu sterben. Sie geben vor, Wunder zu tun...1

Schon in der Mitte des 12. Jahrhunderts hatte der hl. Bernhard von Clairvaux das Vordringen der Ketzer beklagt, und etwas später hatte Raimund V., Graf von Toulouse, geklagt: "Die Ketzerei ist überall eingedrungen. Sie hat Uneinigkeit in die Familien gebracht und Mann und Frau, Vater und Sohn, Schwiegermutter und Schwiegertochter entzweit. Sogar die Priester sind angesteckt worden. Die Kirchen stehen leer und zerfallen. Die führenden Männer des Landes sind darin verstrickt. Der Pöbel ist ihrem Beispiel gefolgt. Ich wage es nicht, dem Unheil Widerstand entgegenzusetzen, und kann es auch nicht."

Der Grund, warum die Kirche ihren Einfluß auf die Seelen verloren hatte, war eine Folge der beklagenswerten moralischen Verfassung der Priester; und daß sich das alles im Süden Frankreichs ereignete, konnte kaum überraschen. Dieses Gebiet war lange der Nährboden für viele Kulturen gewesen: Druiden, Römer, Araber, Juden, Christen, sie alle hatten ihre Spuren in dem Land hinterlassen und dadurch eine außergewöhnliche Aufnahmefähigkeit für geistige Impulse erzeugt.

Es ist kein Zufall, daß die Swastika, ein Symbol voller geheimer Bedeutung, hier an vielen Orten auf Wegweisern und in Felsen eingemeißelt gefunden werden kann. In Toulouse konnte man am Ende des 19. Jahrhunderts noch die Überreste eines Druidentempels sehen (vielleicht sind sie heute noch da). H. P. Blavatsky schreibt, daß die Druiden "in ihren esoterischen Lehren mit der universalen Weisheitsreligion im Zusammenhang standen"2 und daß ihre Priester "eingeweihte Freimaurer" waren. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches im Jahre 419 war bis 507 Toulouse die Hauptstadt der Westgoten. Sie waren Anhänger des Arianismus, der mit Manichäismus durchdrungen war, d. h. sie leugneten die Gottheit Christi und lehnten das Dogma der Dreieinigkeit ab. Da das ein entscheidender Punkt war, waren sie nach katholischen Begriffen Ketzer. Ein paar Jahrhunderte später hatten die eingedrungenen Sarazenen in diesen Gebieten arabische Kultur verbreitet. Durch die späteren Kreuzzüge, die zahlreichen Pilgerfahrten zum Heiligen Grab und durch das fränkische Königreich, das 1099 in Jerusalem gegründet wurde, standen die Mittelmeerländer in dauernder Berührung mit dem Orient. Sowohl diese Umstände als auch der Arianismus der Westgoten und die geistigen Einflüsse aus der sarazenischen Zeit müssen berücksichtigt werden, wenn wir die Ketzerei in Südfrankreich am Anfang des 13. Jahrhunderts bis zu ihren Wurzeln zurückverfolgen.

Während der folgenden Jahrhunderte wurde in Südfrankreich der Gesichtskreis der Menschen durch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umstände erweitert. Auch die geographische Lage, die Kreuzzüge und die regen Handelsbeziehungen zu fremden Ländern trugen dazu bei. So wurde eine günstige Atmosphäre für den Austausch von Waren und Gedanken geschaffen. Von den Römern erbaute Straßen verbanden die Städte; und entlang dieser Straßen wurden Verbindungen mit dem anti-katholischen Norditalien und dem reichen mohammedanischen Spanien hergestellt. Eine mystische Bruderschaft, die sogenannten Brückenbauer, arbeitete daran, die Nachrichtenübermittlung zu verbessern. Die Städte an der Mittelmeerküste, Narbonne, Montpellier, Marseille und die Zweigniederlassungen ihrer Handelshäuser betrieben in weit auseinanderliegenden Teilen der Welt einen ausgedehnten Handel. Besonders die Juden zeichneten sich auf diesem Gebiet aus, denn sie stellten ein Bindeglied zwischen Arabern und Christen dar. Aus dem Orient kamen wertvolle Waren, Gewürze, kostbare Steine, Duftstoffe, Teppiche, Musikinstrumente. Im Land selbst wurden Seife, Tuche und Riechwasser hergestellt. Handel und Industrie brachten großen Wohlstand. Die Zünfte waren mächtig, und die Bürger in den Städten genossen kommunale Rechte, die in anderen Teilen Frankreichs unbekannt waren. Feudalismus spielte keine bedeutende Rolle, und Leibeigenschaft, wie sie in den nördlichen Gebieten bekannt war, gab es nicht. Ein großer Teil der Aristokratie hatte sich - aus Überzeugung oder in der Hoffnung, die Reichtümer der Kirche in Besitz nehmen zu können - den ketzerischen Lehren angeschlossen.

Nicht nur das Materielle, sondern auch die geistige Kultur hatte einen hohen Stand erreicht. Der Adel begünstigte Kunst und Wissenschaft, und die provencalische Literatur hatte in der Mitte des 12. Jahrhunderts edle Blüte getrieben, die zeitlich mit dem Höhepunkt der Ketzerei zusammenfällt. Von Schloß zu Schloß zogen die Troubadoure und verehrten in symbolischen Liedern eine einzigartig schöne Frau, Sophia, die Göttin der Weisheit. Dante nannte sie später Beatrice; dabei darf nicht vergessen werden, daß die Troubadoure mit dem arabischen Ideal des Rittertums in Verbindung gebracht werden müssen.

Aus mehreren Quellen strömte das Wissen der Alten in das Bewußtsein der breiten Massen. Die ewigen Wahrheiten wurden von Männern verbreitet, die in Toledo, Spanien, gewohnt hatten. Toledo war die führende Stadt der okkulten Wissenschaft. Doch auch andere Männer, die aus den verschiedensten Anlässen in den Osten gereist waren - Kreuzfahrer, Pilger oder Kaufleute - und entweder über den Balkan, über Norditalien oder zur See über die Häfen des Mittelmeeres zurückkehrten, brachten diese Wahrheiten mit.

Die Menschen gewöhnten sich daran, freier zu denken. Jeder konnte seiner Religion angehören, ohne daß die Behörden sich einmischten. Wenn wir Guiraud glauben dürfen (Op. zit. S. 41), stand die Synagoge friedlich neben der christlichen Kirche, und in einigen Bezirken benützten Ketzer und Katholiken dasselbe Gebäude für ihre Versammlungen.

Wer geheimes Wissen erwerben wollte, hatte große Möglichkeiten. In den größeren Städten konnte man zu den aus dem Arabischen übersetzten Werken von Aristoteles und Plato Zugang erhalten. Das Neue Testament konnte man in der eigenen Sprache lesen, und es enthielt Kommentare, die nicht von Katholiken geschrieben waren. Man konnte auch kleine Schriften kaufen, die Schedulae (Listen, Aufzeichnungen) genannt wurden und Auszüge aus der Heiligen Schrift enthielten. In Toulouse konnte man bei den Juden Medizin studieren und bei den Arabern Philosophie oder öffentliche Zusammenkünfte besuchen, in denen katholische und ketzerische Lehren miteinander konfrontiert wurden.

Unter den Ketzern, die in jener Zeit über Südfrankreich zerstreut lebten, waren die Katharer, "die Reinen" (das Wort ist zweifellos aus dem griechischen catharsis abgeleitet worden) bei weitem die einflußreichsten. Sie waren dem gewöhnlichen Volk als "bougres" (Bulgaren) bekannt. In den Berichten findet man auch die Namen Manichäer, Pauliner, Publikaner oder Popelitaner, Patarener oder Patariner, Texeranter (Weber) und später Albigenser. Unter diesen Namen, besonders dem letzten, wurden auch andere Sekten eingeschlossen, die mit der Kirche des Papstes in Widerspruch standen, unter ihnen die Waldenser, deren Glaube auf den ursprünglichen christlichen Grundwahrheiten beruhte. Wenn jedoch hier von den Albigensern die Rede ist, so sind damit speziell die Katharer gemeint.

Die östlichen Lehren der Katharer scheinen hauptsächlich von den bulgarischen Bogomilen zu kommen, obwohl einige ihrer Gedanken Südfrankreich auch von Spanien aus erreicht haben, wo die Lehren der Manichäer über Nordafrika eingedrungen waren und unter der toleranten Herrschaft der Araber aufnahmebereiten Boden fanden. Die Bogomilen sind anscheinend die geistigen Erben der gnostischen Pauliner gewesen, die für sich in Anspruch nahmen, in der Nachfolge Christi und des Apostel Paulus zu stehen, im Gegensatz zu den Anhängern des katholischen Papstes, der auf dem Stuhl Petri saß. Bis hierher kann man den Antagonismus zwischen Petrus und Paulus verfolgen. Die Pauliner sind den Manichäern verwandt, die von Augustinus bekämpft wurden. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß die Katharer in den zeitgenössischen Berichten manchmal Manichäer genannt werden.

Die Lehre der Katharer kam schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts durch Studenten und Kaufleute nach Frankreich. A. Luchaire berichtet in seinem Buch Innocent III. (Paris 1905), wie die ersten Gruppen von Predigern in Montpellier, Narbonne und Marseille zusammengestellt wurden. "Von dort wanderten sie von Markt zu Markt, von Schloß zu Schloß und dehnten ihre Wanderungen bis zu den Pyrenäen, nach Toulouse und Agen aus. Sie fanden ebenso viele Abnehmer für ihre Ware wie für ihren Glauben, sie bekehrten Adelige, Bürger und Bauern..."

Die Unterwanderung durch die Katharer ist ein interessantes Kapitel in der Geschichte Südfrankreichs. In lange, schwarze Gewänder gekleidet, das Neue Testament in einen Lederbeutel verstaut, wanderten sie umher und wollten nichts weiter, als in allen, die sie trafen, den inneren Gott erwecken und bei hoch und niedrig gleicherweise die Schmerzen des Körpers und der Seele lindern. Sie wurden überall aufgenommen und hatten Zutritt zu allen Schichten der Gesellschaft. Man schätzte sie als Heilkundige, aber auch als geistige Führer. Oft wurden sie an ein Totenbett gerufen und konnten durch ihre geistige Kraft, die sie ausstrahlten, vielen Menschen in ihren letzten Augenblicken noch helfen. Darin lag zumindest ein Grund für den Einfluß, den sie ausübten, und besonders auch unter den Armen.

Ein anderer Grund war ihr reines Leben, das sogar von ihren Gegnern anerkannt wurde. Man schaute zu ihnen auf und wurde von ihnen angezogen, wobei die Menschen sehr wohl wußten, daß sie ein Ideal verkörperten, das für die meisten unerreichbar war. Ein dritter Grund war zweifellos ihre Lehre. Sie erklärten zum Beispiel: "Es gibt weder eine Hölle noch ein anderes Fegefeuer außer auf der Erde, auch keine ewige Verdammnis!" Solche Worte müssen in der Tat süße Musik in den Ohren jener gewesen sein, die erzitterten, wenn sie die Predigten der Papstkirche über das Jüngste Gericht hörten.

Die Katharer verbanden ihre tiefe Religiosität mit dem Sinn für die Erfordernisse des praktischen Lebens. Die realistischen Bürger waren ihre Verbündeten. Sie gewannen nicht nur Zutritt zu den Zünften, die zu allen Zeiten Kanäle theosophischen Gedankengutes waren, sondern eröffneten auch zahlreiche Werkstätten, wo sie die Jugend sowohl in den Lehren der Katharer als auch in den Geheimnissen des Gewerbes unterrichteten. Guiraud sagt (S. 48), daß die meisten Zünfte allmählich diese Lehren übernahmen; und er weist darauf hin, daß man in den damaligen Mundarten der Languedoc, zu Anfang des 13. Jahrhunderts, anstatt "tisserand" (Weber) auch Katharer sagen konnte, "so groß war die Zahl der Meister und Lehrlinge unter der Führung der Katharer." Sie wurden auch Patarener genannt, hauptsächlich in Norditalien. Man hat vermutet, daß das Wort vom delphischen "pates" = Lumpen kommt, die eine ihrer Handelswaren waren. Aus Lumpen wird bekanntlich Papier hergestellt. Verschiedene Gründe lassen vermuten, daß eine Verbindung zwischen den Patarenern und der blühenden Papierindustrie in Südfrankreich bestand, die in den Händen der Katharer war, wie H. Bayley berichtet (A New Light on the Renaissance, London, 1900). Er beschreibt auch, wie nach den Zeiten der Verfolgung die Symbole der Katharer durch Wasserzeichen, die in verschiedenen Papierarten eingeprägt waren, verbreitet wurden.

Die Lehren der Katharer wurden auch auf andere Weise verbreitet. In den Städten führten sie sogenannte Ketzerhäuser, die eine Kombination von Schule und Gasthaus waren, wo Zusammenkünfte stattfanden und die Besucher der Stadt absteigen konnten. Sie gründeten zahlreiche Klöster für Männer und Frauen, sogar Seminare, wo Kinder und Erwachsene aufgenommen und für das consolamentum, die Einweihung der Katharer, vorbereitet wurden. Mit dem Benediktinerkloster in Sorèze verbanden sie freundschaftliche Beziehungen, was insofern beachtenswert sein dürfte, weil bestimmte katholische Klöster im Mittelalter Kulturzentren waren, wo das Wissen des Altertums im geheimen blühte.

Die Verbindung zwischen den Katharern und den Troubadouren ist eine Angelegenheit, die wir nur vermuten können. Wir wissen, daß unter den Troubadouren ein innerer Kreis bestand, der tiefes Wissen besaß. Die Katharer scheinen zu diesem Kreis gehört zu haben.

Mit der Zeit wuchs der Einfluß der Katharer. Sie konnten allmählich in verschiedenen Städten, wie Toulouse, Carcasonne und Albi, ihre eigenen Kirchen errichten, wahrscheinlich nach den Vorbildern der bogomilischen Mutterkirche in Vorderasien. Dadurch schufen sie eine feste Organisation, die natürlich ihre weitere Ausbreitung vereinfachte.

Im Jahre 1167 luden sie zu einer Kirchenversammlung ein, die in S. Felix de Caraman, einem Vorort von Toulouse, der Heimat der Ketzerei, stattfand. Sie wurde unter der Führung eines Bulgaren namens Nicetas, Bischof von Konstantinopel, abgehalten. Maurice Magre berichtet (Magiciens et Illuminés, S. 52), daß die Reise Nicetas nach Sizilien in Verbindung mit einem Aufenthalt in Toulouse stand. Er erwähnt, daß nach dem Besuch auf der Insel eine Gruppe gebildet wurde, deren Mitglieder fidèles d'amour (Jünger der Liebe) genannt wurden, und daß deren Lehren stark an die der Katharer erinnerten. Er fügt hinzu, daß einer der Meister dieser Gruppe Guido Cavalcanti war, Dantes Freund und Lehrer. Leider gibt er die Quelle für diese Information nicht an, aber wenn es stimmt, könnte es die Verbindung zwischen den Troubadouren und den Katharern belegen.

An der Spitze der verschiedenen Kirchen der Katharer stand ein Bischof, der von zwei Männern unterstützt wurde, dem sogenannten filius major und dem filius minor (dem älteren und dem jüngeren Sohn), die dem Bischof in der Rangordnung nachfolgten. (Dazu sei bemerkt, daß die Troubadoure auf ihren Reisen von zwei Männern begleitet wurden.) Zu Mitgliedern der Kirche wurden nur die echten Katharer; sie wurden perfecti genannt, 'Vollkommene' oder boni homines, d. h. 'gute Leute'. Sie bildeten den Priesterstand. Andere Anhänger der Katharer hießen credentes und auditores 'Gläubige' und 'Zuhörer'. Unter der Bezeichnung credentes verstand man diejenigen, die von der Wahrheit der Lehren überzeugt waren, sich aber für das entsagungsvolle Leben der 'Vollkommenen' noch nicht reif genug hielten. Sie unterstützten die Kirche in ihrer Arbeit, soweit es ihre Mittel und ihre Verhältnisse zuließen. Die sogenannten auditores zeichneten sich durch eine wohlwollende Haltung den Lehren gegenüber aus.

Eine entsprechende Abstufung ist in den Eleusinischen Mysterien und bei den Pythagoräern und Essenern zu finden. Der Ausdruck 'perfect' (vollkommen) ist an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments zu finden. Im Brief des Apostel Paulus an die Philipper (3:12, 15) wird das Wort in zweierlei Sinn gebraucht. Einerseits bedeutet die Bezeichnung 'perfect' einen Menschen, der von seinem inneren Gott durchstrahlt wird, andererseits jemanden, der Meisterschaft über seine niedere Natur erlangt hat, um in die höheren Mysterien aufgenommen zu werden.3 Der Name perfectus wurde den Initiierten beigefügt, die verschiedenen Orden angehörten, aber das verborgene Wissen derselben universalen Schule der alten Weisheit lehrten.4 Es ist zu beachten, daß Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther (2:6) schreibt: "Wir verkünden Weisheit unter denen, die vollkommen sind..."

Dieser Schule gehörten die meisten der Albigenser perfecti an, die man aufgrund der Überlieferung wohl "Initiierte" oder weise Menschen nennen darf. H. P. Blavatsky zählt die Albigenser, mit denen sie wahrscheinlich die perfecti meint, zu den Nachfolgern der Gnostiker, und es sind genügend Beweise vorhanden, daß sie die wahre Gnosis oder das wahre Wissen besaßen. Sie hatten das Gelübde der Keuschheit und der Armut abgelegt. Sie waren strenge Vegetarier und enthielten sich starker Getränke. Die Gläubigen (credentes), die in den Kreis der Vollkommenen eintreten wollten, mußten eine lange Probezeit mit geistigen Übungen auf sich nehmen. Wenn es ihnen gelang, die schwierigen Prüfungen, die ihnen auferlegt wurden, zu bestehen, erhielten sie das consolamentum, nachdem sie gelobt hatten, ein selbstloses Leben zu führen und auf Wein, Fleisch und Frauen zu verzichten. Consolamentum war das äußere Zeichen der Einweihung, eine Übertragung spiritueller Kraft, die zur Erkenntnis unsichtbarer Welten führte. Die perfecti waren ungern bereit, anderen als sterbenden Personen das consolamentum zu erteilen, denn wehe dem, der vorzeitig geheimes Wissen erhält; er könnte das Schicksal des Clarence Glyndon in Bulwer-Lyttons Roman Zanoni erleiden.

Das consolamentum sollte in der Zeit der Verfolgung eine entscheidende Rolle spielen. Diejenigen, die dieses Sakrament erhalten hatten, scheinen den Tod nicht mehr gefürchtet zu haben. Dieser Tatsache kann man die unglaubliche Widerstandskraft der Albigenser in diesem Krieg zuschreiben, der vom Zaun gebrochen wurde, um sie und ihr Wissen vollkommen zu vernichten.

Zweifellos besaßen die Katharer eine umfassende religiöse Literatur, doch diese ist, mit wenigen Ausnahmen, vernichtet worden, zum Teil durch die katholische Kirche und zum Teil, während der Verfolgung, durch die Katharer selbst. Das ist um so beklagenswerter, als Grund zu der Annahme besteht, daß einige ihrer Schriften Grundlagen geheimen Wissens enthielten, woraus sich folgende Frage erhebt: Ist es möglich, einige ihrer Lehren mit Hilfe der noch vorhandenen katholischen Berichte herauszufinden? Ja, wenn sie mit Sachkenntnis studiert werden, denn man muß dabei bedenken, daß die Katharer sich in symbolischer und allegorischer Form ausdrückten; und die Möglichkeit einer Entstellung ist beträchtlich, wenn derartige Gedanken von Leuten ausgelegt werden, die ihren wahren Gehalt nicht erfaßt haben. Die Lehren der Katharer und besonders die Bedeutung ihrer Sittengesetze sind durchaus mißverstanden worden. Man ließ sich von ihrem sogenannten Fanatismus und Pessimismus abstoßen; von ihrer Ablehnung der Ehe, was für den modernen Menschen eine unnatürliche Lebenseinstellung ist, und so fort; doch man vergaß dabei, daß die sittlichen Vorschriften je nach der Stufe der Entwicklung verschieden waren. Gewaltsame Entwicklung lehnten sie ab, was einer ihrer wichtigsten charakteristischen Merkmale war.

Die Katharer waren auch Dualisten. Sie verkündeten die Existenz eines guten und eines bösen Prinzips, von denen jedes um die Herrschaft in dieser unserer Welt kämpft. In einem Handbuch der Inquisition steht darüber geschrieben:

Diese Ketzer erkennen zwei Götter an..., einen guten Gott, den Schöpfer der unsichtbaren, geistigen Welt, und einen bösen, den Schöpfer der sichtbaren Welt der Sinne. Sie behaupten, daß die materielle Welt nicht von Gott, dem himmlischen Vater, stammt oder dem Herrn Jesus, sondern von dem bösen Gott, den sie Teufel, Satan, den Gott der Wiederkehr und den Regenten dieser Welt nennen.5

In anderen Berichten, die von Guiraud angeführt werden, wird nicht ein ausgesprochen böses Prinzip erwähnt, das irgendwelche schlechte Materie schuf, sondern vielmehr ein Demiurg, ein Wesen, das der chaotischen ursprünglichen Materie Gestalt gibt. Für die Katharer waren Jehova, Satan und der Demiurg identisch. Sie waren die Synthese von mehreren Schöpfern, die den Kosmos aus dem Chaos hervorbrachten. In The Secret Doctrine/Die Geheimlehre setzt H. P. Blavatsky voraus, daß es einen "Logos oder einen kollektiven 'Schöpfer' des Universums gibt, einen Demi-urgos - in dem Sinne, wie wenn man von einem 'Baumeister' als von dem 'Schöpfer' eines Gebäudes spricht, ..." (englische Ausgabe I, 279, deutsche Ausgabe I, 300). Mit einem solchen Demiurgen im Hintergrund müssen wir den Dualismus der Katharer betrachten. Aller Dualismus ist exoterisch, und alle sogenannten dualistischen Religionsphilosophien beruhen auf einer esoterischen Lehre von der Einheit des fundamentalen kosmischen Seins.

In der Lehre der Katharer von der Weltentstehung finden wir die bekannten Mythen vom Eindringen Satans in den Himmel, vom Aufstand und 'Fall' der Engel und von der Rolle, die die Sinnenlust dabei spielt. Die vom Demiurgen geschaffene Welt war für sie eine Illusion, eine Erscheinung, aber dennoch eine Welt, in der die "gefallenen Engel", die "göttlichen Monaden", "die menschlichen Egos" ihrer Bestimmung gemäß geboren und wiedergeboren werden mußten, nach dem Gesetz der Involution und Evolution, bis der Stoff mit Geist durchdrungen sein wird. Die Lehre von der Wiedergeburt war daher für sie eine Realität.

Es ist die Aufgabe des Menschen, in seinem irdischen Leben, während die Monade im Körper eingekerkert ist, den göttlichen Funken durch reine Gedanken, ein edles Leben, Selbstaufopferung und Nächstenliebe in sich und anderen zu entzünden und zu entflammen. So beschleunigt er die notwendige Drehung des Lebensrades und gelangt schneller auf die Stufe der Göttlichkeit. Es gibt weder ewige Verdammnis noch irgendein Fegefeuer. Die Hölle ist die Erde, auf der wir für unsere Vergehen sühnen, jetzt oder in einem zukünftigen Leben. Es gibt keine stellvertretende Erlösung. Christus, der Menschensohn, kam als Lehrer; seine Aufgabe war es, uns das Wissen von unserem göttlichen Ursprung mitzuteilen, damit wir bewußt die Befreiung des Geistes von der Materie erreichen können. Dieser Christus darf nicht mit dem inneren Gott eines jeden einzelnen verwechselt werden, d. h. mit dem Christos, wie Paulus das Wort in seinem Brief an die Galater (4:19) und an die Epheser (3:17) gebraucht.

Nach der Lehre der Katharer opferte sich Christus, der Menschensohn, wirklich und wurde 'gekreuzigt', aber nicht in dem Sinne, daß er körperlich am Kreuz gestorben wäre. Diese Auslegung des Leidens Christi wurde auch von bestimmten Sekten unter den ersten Christen angenommen, die der Ansicht waren, daß es nicht wirklich Jesus war, der am Kreuz starb, sondern ein illusorischer Körper.

Es ist gefährlich, die Aufmerksamkeit auf das Äußere, das Sichtbare zu lenken, auf das, was zur Form und zu den Sinnen gehört. Dadurch verlieren wir leicht den Blick für das Spirituelle. Die Katharer wußten das und versuchten daher nicht, etwas zu vermenschlichen. Die Verehrung von Heiligen und Idolen lehnten sie ab. Im Kreuz sahen sie das Zeichen des Teufels, ein Symbol für das Materielle. Sie verwarfen auch die kirchlichen Sakramente, da es ihnen unmöglich war, in der Hostie den Körper Christi und sein Blut im Wein zu sehen. Wenn das der Fall wäre, dann könnte derjenige, der diese zu sich genommen hatte, nie mehr sündigen. Im Gegenteil, sie waren der Meinung, daß "ein Priester, der durch einen Bischof der heiligen Kirche eingesetzt wurde, nicht mehr Tugend besitzt als irgendein Laie, da Tugend aus der Güte der Seele erwächst." (Guiraud I, 158) Daher ihre Behauptung, daß ein Sakrament, das von einem unwürdigen Priester gespendet wird, wertlos ist. Eine derartige Ansicht mußte mit Sicherheit das Vertrauen zum Papsttum untergraben.

Die Haltung der Katharer in bezug auf bestimmte sittliche Regeln sollte aus der richtigen Perspektive gesehen werden, besonders weil diese Vorschriften nicht für jedermann gleich waren. So bezog sich z. B. ihr Eheverbot nur auf die perfecti, die 'Vollkommenen', und auf alle, die das consolamentum, ihren Einweihungsritus, erstrebten. Die besonderen Regeln, die Essen und Trinken betrafen (keine tierische Nahrung zu sich zu nehmen, etc.), bezogen sich ebenso nur auf die sogenannten 'Vollkommenen'. Beachtenswert ist auch, daß die Katharer in der Ablehnung der Todesstrafe unnachgiebig waren. Sie hielten es für falsch, einem Menschen das Leben zu nehmen, der sich nicht gereinigt hatte, weil ihn in dem nachtodlichen Zustand nur weitere Anfechtungen erwarten würden. Es war für jeden sehr wichtig, sich auf den Tod vorzubereiten. Das ganze Leben sollte eigentlich nur eine Vorbereitung auf den Tod sein.

Dr. George Sarton6 erwähnt, daß die katholische Kirche, wenn auch nur indirekt, durch die Katharer stark beeinflußt wurde; er hält es für wahrscheinlich, daß das katholische "letzte Sakrament" irgendwie mit dem consolamentum der Katharer in Zusammenhang steht.

Als Papst Innocent III. im Jahre 1198 sein Amt übernahm, hatte er sein Augenmerk schon auf die Ketzerei in Südfrankreich gerichtet, und im Laufe der Zeit versuchte er, sie auf verschiedene Weise einzudämmen. Er schickte Legaten, die mit ausgedehnten Vollmachten ausgestattet waren; er unterstützte den Spanier Dominicus de Guzman, der später heiliggesprochen wurde und zu dieser Zeit arm und barfuß, mit einem härenen Hemd und rauhem Wollstoff bekleidet, in Ausübung seines geistlichen Amtes durch die Lande zog; und er forderte den französischen König Philipp August eindringlich auf, in die Grafschaft Toulouse zu reisen und die Ketzer zu bekämpfen, "weil es notwendig sei, sie zur Wahrheit zurückzubringen." Aber Innocent war wenig Erfolg beschieden. Die Legaten, die die Leute mit ihrem arroganten Auftreten und ihrem Pomp vor den Kopf stießen, wurden abgewiesen. Dem guten Dominicus, dem späteren Gründer des Dominikanerordens und einer der Hauptfiguren in dem sich anbahnenden Krieg gegen die Albigenser, scheint es an psychologischem Fingerspitzengefühl gefehlt zu haben, denn sein Biograph Jordan Saxo, der später der zweite General des Dominikanerordens war, berichtet, daß "die Gegner der Wahrheit" über Dominicus lachten und ihn mit Schmutz und anderen unangenehmen Dingen bewarfen. Und was Philipp August betrifft, so hatte er andere Dinge zu tun.

Dann geschah es, daß in der Morgendämmerung des 15. Januar 1208 der Legat Pierre de Castelnau, als er auf dem Wege nach Rom war, um Innocent Bericht zu erstatten, von einem Unbekannten angegriffen und mit einem Lanzenstich durchbohrt wurde.

Dieser Mord führte zu einem wohlüberlegten Feldzug gegen die Ketzer, der in den Berichten als "der Kreuzzug gegen die Albigenser" bekannt wurde. In ganz Frankreich wurde durch die Vertreter der Kirche auf Befehl des Papstes Innocent all denen, die an diesem Feldzug teilnahmen, 'Nachlaß ihrer Sünden' versprochen. Es gab viele, die sich daran beteiligten, denn auch der irdische Gewinn war verlockend. Es gab z. B. päpstlichen Schutz für das private Eigentum und Erlaß aller Schulden. Und die schönen Städte Südfrankreichs, die wegen ihres Reichtums berühmt waren, konnte man wohl um der heiligen Kirche willen plündern. Von überallher strömten die Menschen zusammen: aus der Auvergne, der Provence, aus den Gebieten von Limousin, aus Aquitanien, von der Garonne und aus dem Poitou; Herzöge, Grafen, Barone, Ritter, Bürger und Bauern, Geistliche verschiedenen Standes, Flamen, Normannen, Burgunder und Deutsche waren dabei.

Es versammelte sich eine ungeheure Streitmacht. An der Spitze stand der weißgekleidete Arnaud, Abt von Cîteaux. Im Sommer 1209 zog eine wilde, aus Tausenden bestehende Menge das Rhônetal hinab und kampierte am 22. Juli 1209, am Tage der heiligen Magdalena, vor Béziers, am Westufer des Flusses Orb. Während die Glocken läuteten, wurde die Stadt geplündert und niedergebrannt. Ein Blutbad ohnegleichen wurde angerichtet. Die Kathedrale wurde ein Opfer der Flammen; ihre Mauern barsten und begruben alle, die darin Schutz gesucht hatten: die Alten, die Frauen und Kinder und auch die Priester in vollem Ornat. Es wird berichtet, daß der Legat Arnaud vor dem Angriff gefragt wurde, wie man die Kirchentreuen von den Ketzern unterscheiden könne, worauf er gesagt haben soll: "Erschlagt sie alle, Gott kennt die Seinen."

Der Mord an dem Legaten Pierre de Castelnau hatte seine Früchte getragen. Der Kreuzzug gegen die Albigenser hatte begonnen - er dauerte zwanzig lange Jahre.

Wir wollen die Wechselfälle des Krieges hier nicht im einzelnen erzählen. Städte wurden geplündert, Schlösser verbrannt, Frauen vergewaltigt. Unglaubliche Grausamkeiten wurden begangen, die schlimmsten menschlichen Leidenschaften waren entfesselt. Das Jahr 1213 war kritisch für die Albigenser. In der Schlacht von Muret wurde ihr Verbündeter, König Peter von Aragonien, der Beschützer und Freund der Troubadoure, getötet, dessen junge, warmherzige Schwester Eleonora den vornehmsten Ritter des Südens, Raymond VI., Graf von Toulouse, geheiratet hatte. Fünf Jahre später wurde der schlimmste Feind der Albigenser, die Geißel des Landes, das lebende Symbol der zerstörerischen Kräfte des Krieges, der fanatische, halbblinde Simon de Montfort, getötet. Der Kreuzzug schien nun für den Papst gefährdet zu sein, aber der Sieg wurde durch König Philipp August errungen, der jetzt auf dem Schlachtfeld erschien. Nach wenigen Jahren wurde der Widerstand des Südens gebrochen.

Am 12. April 1229, am Donnerstag vor Ostern, 20 Jahre nach der Plünderung von Béziers, wurde der Friede von Königin Blanche von Frankreich und Raymond VII., Graf von Toulouse, vor den Portalen von Notre Dame in Paris unterzeichnet. Dieser Friede machte den Weg frei für die Einigung Frankreichs und die darauf folgende politische, kulturelle, sprachliche und religiöse Entwicklung. Die Barone des Südens verloren ihre Machtstellung und mußten sich den französischen Königen unterwerfen. Die Blütezeit der provencalischen Literatur war vorbei, und die katholische Kirche triumphierte. In dem Friedensvertrag mußte sich Raymond verpflichten, die Ketzer weiter zu verfolgen, wie in dem Schriftstück im einzelnen festgelegt worden war. Dies bildete die Grundlage für die Einsetzung der Inquisition.

Mit dem Frieden von Paris geht der eigentliche Kreuzzug gegen die Albigenser zu Ende. Doch wenn die politische Opposition des Südens auch gebrochen ist, die Ketzerei ist noch längst nicht ausgerottet. Nun beginnt der Widerstand im Verborgenen, und das teuflische Werk der Inquisition. Jetzt gehen die Albigenser noch härteren Schicksalsprüfungen entgegen als je zuvor. Die Gefängnisse von Toulouse sind überfüllt. An den Galgen baumeln die Toten im Wind. Niemand ist sicher. Einer nach dem andern verschwindet spurlos, vielleicht von seinem besten Freund denunziert. Tausende werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder in unterirdischen Höhlen lebendig begraben. Aber die Albigenser bleiben fest.

Dazu sollen ein paar Zeilen von Maurice Magre7 hier angeführt werden:

Damals war es, daß Guilhabert de Castres, der heilige Mann, plötzlich dazu überging, das consolamentum zu geben, die letzte Ölung in der Religion der Katharer. ... Einmal als Bettler verkleidet, ein andermal als Pilger, steht er am Eingang der Höhlen; er trotzt den Wächtern der Inquisition, ... seine Schritte erklingen in den Straßen der Städte, wenn die Stunde für seine Gefährten schlägt. Wenn die Scheiterhaufen brennen, dann brauchen die Sterbenden einen perfectus nur flüchtig zu sehen, der unter den Zuschauern verborgen ist. Wenn er das geheime Zeichen der Erlösung macht, dann sterben sie ohne Schmerzen und voller Trost im Herzen. ...

Diese perfecti konnten durch das consolamentum den Sterbenden unsichtbare Hilfe geben, ... das öffnete ihnen die geistige Welt. Das consolamentum war nur das äußere Symbol. Die Albigenser perfecti waren die Erben eines Geheimnisses, das inzwischen verlorengegangen ist - einem Geheimnis aus dem Osten, das den Gnostikern und den ersten Christen bekannt war.

Der Epilog der Albigenserkriege vollzog sich in Montségur um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Hoch oben in den Pyrenäen, bei Ariège, 2000 Meter über dem Meeresspiegel, stand das Schloß Montségur, von dichten Pinienwäldern, von rauschenden Sturzbächen und schwindelerregenden Steilhängen umgeben; seine Ruinen heben sich noch heute vom Himmel ab. Hierher waren die Reichtümer der Albigenser gebracht worden, ihre heiligen Bücher und - der Sage nach - der heilige Kelch oder der Gral. Dieses Schloß wurde für die Männer, Frauen und Kinder der Katharer die letzte Zufluchtsstätte vor der Inquisition. Da waren adelige Herren, die von ihren Schlössern vertrieben worden waren; Handwerker und Bauern, die lieber Haus und Hof verließen, als ihren Glauben zu verleugnen; perfecti, die nicht mitten im Gefecht waren, um das consolamentum zu geben. Montségur war bewaffnet, und in unterirdischen Räumen lagerten Nahrung und Korn für Jahre. Zwei lange Jahre dauerte die Belagerung, und sie hätte noch länger gedauert, wenn nicht Verrat den Kampf beendet hätte. Im Schutze der Nacht drangen Soldaten in die Festung ein. Magre hat den Fall von Montségur in epischer Breite berichtet, wie die zweihundert perfecti des Schlosses auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden:

So rot war die Flamme, die zum Himmel stieg, so hoch und fest wie eine Säule der Rauch, daß die Leute in Toulouse, in Laurague und in Albi, die ihre Augen in die Richtung von Ariège erhoben, an diesem Zeichen erkannten, daß ihre tapferen Brüder vernichtet worden waren und die letzte Hoffnung des Südens gestorben war.

Es ist fraglich, ob der Wind des Geistes in den Annalen Frankreichs jemals so stark geweht hat wie in der Languedoc und in der Provence während des halben Jahrhunderts, das diesem tragischen Krieg vorausging.

Fußnoten

1. Histoire de l'Inquisition au moyen âge, 2 Bde., Jean Guiraud. [back]
2. Die Geheimlehre, deutsche Ausgabe, Bd. 2, S. 799. [back]
3. Vgl. "The Doctrine of the Resurrection" von A. M. Glass, Theosophical Siftings, Band VII, 1894-95. [back]
4. Vgl. Isis entschleiert, Bd. II, S. 337 [back]
5. Jean Guiraud, Histoire de l'Inquisition au moyen âge, I, 43. [back]
6. Introduction to the History of Science, II, 158 [back]
7. Magiciens et Illuminés, S. 89. [back]