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Reinkarnation, wie die ersten Christen sie lehrten

George Borrow liebte die Zigeuner so sehr, daß er mit ihnen durch viele Teile von England und Europa zog. Mehrere seiner bekannten Bücher berichten von seinen Erlebnissen mit ihnen und erzählen viel von diesem geheimnisvollen Volk, dessen Ursprung noch nicht feststeht. Einige Gelehrte behaupten, sie seien die Ureinwohner Böhmens, die zerstreut wurden, als ihr kleines Reich vor ein paar Jahrhunderten zusammenbrach; andere meinen, sie stammten aus dem alten Ägypten, - daher der Name "Gypsy" - oder von den Phöniziern, oder auch von Indien.

In The Zincali; oder, An Account of the Gypsies of Spain (Ein Bericht über die Zigeuner von Spanien) stellt er Betrachtungen an, warum er ein Leben lang durch sie verzaubert wurde:

Einige Zigeuner, denen ich davon berichtete, vermuteten, daß meine Seele, die sich gegenwärtig in diesem Körper befindet, früher einmal in einer Person ihres Volkes wohnte. Viele von ihnen glauben an die Metempsychose1, und wie die Anhänger Buddhas glauben sie, daß ihre Seele nach der Wanderung durch unzählige Körper schließlich so gereinigt sein wird, daß sie in den Zustand vollkommener Ruhe und Stille eingehen darf; das ist die einzige Vorstellung, die sie sich vom Himmel machen können.

Oft wird gefragt, warum war die Reinkarnation bis vor kurzem in Europa unbekannt? Warum lehrt das Christentum sie nicht?

Diese Lehre ist aber in den ältesten Überlieferungen der westlichen Zivilisation tatsächlich zu finden und wurde im Altertum im Nahen und Fernen Osten gelehrt. Es gibt sogar handfeste Beweise, daß in den ersten Jahrhunderten auch das Christentum das weitergab, was es über die Vorexistenz der Seele und ihre Wiederverkörperung gelernt hatte.

Josephus, ein jüdischer Geschichtsschreiber, der während des größten Teils des ersten Jahrhunderts n. Chr. lebte (37 oder 38-100), berichtet in seiner Geschichte des Jüdischen Krieges2 und in seinem Buch Antiquities of the Jews (Jüdische Vorzeit)3, daß zu seiner Zeit die Wiederverkörperung weit und breit gelehrt wurde. Sein Zeitgenosse in Alexandria, Philo Judaeus, bezieht sich ebenfalls in verschiedenen Schriften auf die Wiederverkörperung in der einen oder anderen Form. Überdies gibt es im Neuen Testament Stellen, die nur verstanden werden können, wenn man die Vorexistenz der Seele als allgemein verbreitete Überzeugung voraussetzt. Zum Beispiel Matthäus (16:13-14) berichtet, daß Jesus seine Jünger fragte: "Wer sagen die Leute, daß des Menschen Sohn sei?", und sie antworteten, daß einige Leute sagen, er sei Johannes der Täufer (der nur ein paar Jahre vorher hingerichtet worden war, bevor die Frage gestellt wurde). Andere dachten, er sei Elias oder Jeremiah oder ein anderer der Propheten. Weiter bei Matthäus (17:13) sagt Jesus seinen Jüngern, - weit entfernt, die Vorstellung der Wiedergeburt abzulehnen - daß Johannes der Täufer Elias war.

Johannes (9:2-4) berichtet, daß die Jünger Jesus fragten, ob ein Blinder selbst gesündigt habe oder seine Eltern, daß er blind geboren sei. Jesus erwiderte, es sei geschehen, daß die Werke Gottes an dem Blinden offenbar würden, das heißt, daß das Gesetz von Ursache und Wirkung erfüllt werden solle. Oder, wie Paulus den Gedanken ausdrückte: wir ernten, was wir säen. Der Blinde hatte den Samen seiner Blindheit nicht in seinem gegenwärtigen Körper säen können, sondern es mußte in einem vorhergehenden Leben geschehen sein.

Bei den ersten Christen, besonders denjenigen, die Mitglieder der einen oder anderen gnostischen Sekte waren, wie die Anhänger des Valentinianismus, die Ophiten und Ebioniten, gehörte die Wiederverkörperung zu den wichtigsten Lehren. Für sie stellte die Reinkarnation die Erfüllung des Gesetzes dar, - Karma - aber auch die Möglichkeit für die Seele, sich von den schmutzigen Eigenschaften zu befreien, die ihr durch ihre Verbindung mit der Materie anhafteten, und von dem Egoismus, den wir auf den ersten Stufen unserer Reise im irdischen Leben entwickelt haben.

Nach der ersten Generation der Christen stellen wir fest, daß die frühen Kirchenväter, wie Justinus der Märtyrer (100-165 n. Chr.), Clemens von Alexandria (150-220 n. Chr.) und Origenes (185-254 n. Chr.) die Präexistenz der Seele lehrten, indem sie die Reinkarnation oder den einen oder anderen Aspekt der Wiederverkörperung vertraten. Beispiele findet man verstreut in den Werken von Origenes, besonders in Contra Celsum (1. Band, 32. Kapitel), wo er fragt: "Ist es nicht vernünftig, daß die Seelen eine Wohnung im Körper bekommen in Übereinstimmung mit ihren Verdiensten und früheren Taten...?" Und in De Principiis sagt er, daß "die Seele weder Anfang noch Ende hat." Der heilige Hieronymus (340-420 n. Chr.), der die Bibel ins Lateinische übersetzte, bekannt als die Vulgata, erwähnt in seinem Brief an Demetrias (eine römische Matrone), daß einige christliche Sekten damals die Idee der Reinkarnation als esoterische Lehre vertraten und diese einigen wenigen mitteilten, "als eine überkommene Wahrheit, die nicht öffentlich verkündet werden sollte."

Synesius, Bischof von Ptolemais (370-430 n. Chr.), lehrte diesen Gedanken ebenfalls, und in einem Gebet, das erhalten geblieben ist, sagt er: "Vater, gib, daß meine Seele im Licht aufgehe, und nicht mehr in dieses Dasein der Täuschungen zurückgestoßen werde." Andere seiner Hymnen, z. B. Nr. III, enthalten Stellen, die seine Ansichten klar aussprechen, ebenso die Bitte, daß er so rein werden möge, daß die Wiedergeburt auf Erden nicht mehr notwendig sei. In einer These über Träume schreibt Synesius: "Durch Anstrengung und mit der Zeit und beim Übergang in andere Leben ist es der schöpferischen Seele möglich, aus dieser dunklen Behausung zu entkommen." Diese Stelle erinnert uns an die Verse der Offenbarung des Johannes (3:12) mit ihrer symbolischen, nur für Eingeweihte bestimmten Sprache: "Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen."

An diesem Punkt ist es notwendig, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was sich ereignete, nachdem Konstantin das Christentum zur Staatsreligion des römischen Imperiums erklärt hatte. Die Kirche vergaß den ausdrücklichen Befehl, dem Kaiser das zu geben, was des Kaisers ist; sie ließ sich in die Verwaltung des Kaiserreiches verflechten - und trat in die politische Arena ein. Ihr Geschick wurde mit dem Schicksal des Römischen Reiches und seiner Herrscher verbunden.

Die unterschiedliche Auffassung der Lehren unter den christlichen Sekten des vierten Jahrhunderts lief parallel mit Unruhen in den durch schwache Kaiser regierten römischen Provinzen, so daß Justinian, als er die Regierung 527 n. Chr. übernahm, vor ernsthaften Problemen stand. Er machte verzweifelte Anstrengungen, sein zerfallendes Reich wieder zu einigen, und zwar geschah das auf zweifache Weise: In erster Linie bemühte er sich, seine Armee gegen die kleineren Staaten innerhalb des Gesamtreiches in Gang zu setzen; in zweiter Linie wollte er einen einheitlichen Glaubenskanon durchsetzen, der streng eingehalten werden sollte. Da er selbst ein recht bedeutender Theologe war, startete er einen Feldzug gegen die Glaubensgrundsätze der Nestorianischen Christen und anderer Minderheiten. Dazu mußte er die Entscheidungen des Konzils von Chalcedon (451) umgehen. Er befahl Mennas, dem Patriarchen von Konstantinopel, eine örtliche oder Provinzialsynode einzuberufen, diese Fragen zu behandeln und den Forderungen einiger Kirchenmänner zu entsprechen, die sich bestimmten Lehren widersetzten, einschließlich der von Origenes über die Präexistenz der Seele.

Die örtliche Synode nahm den Bann an, der von Mennas ausgesprochen wurde, doch er schien nicht viel Erfolg zu haben. Zehn Jahre später berief Justinian das fünfte Konzil von Konstantinopel ein, jetzt als das 2. Ökumenische Konzil bekannt; aber dieser Name besteht zu Unrecht. Das Präsidium führte der amtierende Patriarch von Konstantinopel, Eutychius, in Gegenwart von 165 Bischöfen. Der Papst Vigilius war vom Kaiser herbeizitiert worden, doch er widersetzte sich dem Konzil und suchte in einer Kirche in Konstantinopel Zuflucht. Er war bei den Beratungen weder zugegen, noch wurde er vertreten.

Das Konzil verfaßte eine Anzahl von Anathemas; manche sagen, es seien 14, andere 15, die hauptsächlich gegen die Lehren von drei "Schulen" oder "Ketzern" gerichtet waren. Die betreffenden Dokumente wurden als "Die drei Kapitel" bekannt. Nur diese Schriften wurden dem Papst zur Genehmigung vorgelegt. Nachfolgende Päpste, einschließlich Gregor der Große (590-604), erwähnten die Auffassungen des Origenes nicht, wenn sie sich mit den Folgen des 5. Konzils befaßten. Nichtsdestoweniger erzwang Justinian die Annahme dieser Entschließung anscheinend nur auf einer außerkonziliaren Zusammenkunft. Er sorgte dafür, daß es so aussah, als habe er ökumenische Bestätigung oder Sanktion. Interessant dabei ist die Tatsache, daß die Geistlichen, die gegen die Lehren des Origenes waren, hauptsächlich gegen diejenige, die die Präexistenz der Seele zum Thema hatte, eine offizielle Verurteilung erreichten, wobei sie den Versuch machten, diese als bindend hinzustellen.

Obwohl Gregor der Große Origenes nicht erwähnte, als er sich mit dem 5. Konzil befaßte, billigte er die Bestrebungen, die sich auf die Kodifizierung des christlichen Glaubens richteten und sich während des 5. und 6. Jahrhunderts entwickelt hatten. Es war ihm sogar möglich zu sagen, er "verehre" die Beschlüsse der ersten vier Konzilien genauso wie die vier Evangelien!

Was die öffentliche Lehre anbelangt, so verschwand der Gedanke der Reinkarnation aus dem europäischen Denken nach der Provinzialsynode von 543 und dem 5. Konzil von 553 - und zwar deshalb, weil er sich mit dem kirchlichen Begriff der Erlösung nicht vereinbaren ließ.

Trotz der Anathemas ergoß sich der Einfluß des Origenes wie ein stetiger Strom durch die Jahrhunderte auf das Denken der maßgeblichen Christen jener Tage bis zu Maximus von Tyre (580-662) und Johannes Scotus Erigena (810-877), dem außerordentlich gelehrten irischen Mönch. Er erreichte sogar spätere Persönlichkeiten wie Franziskus von Assisi, den Gründer des Franziskanerordens (1182-1226) und Buonaventura, den 'Doctor seraphicus' (1221-1274), der Kardinal und Oberhaupt des Franziskanerordens wurde. Kein geringerer Theologe als der heilige Hieronymus sagte von Origenes, daß er "nach den Aposteln der größte Lehrer der jungen Kirche war."

Abgesehen von christlichen Sekten, wie die weit verbreiteten Katharer, einschließlich der Albigenser, Waldenser und Bogomilen, haben einzelne Persönlichkeiten - z. B. Jakob Böhme, der deutsche protestantische Mystiker; Joseph Clanvil, Hofgeistlicher des Königs Karl II. von England; und Rev. William Law; William L. Alger, und viele moderne Geistliche, Katholiken und Protestanten - den Gedanken der Reinkarnation aus logischen und anderen Gründen unterstützt. Henry More (1614-1687), der berühmte Geistliche der englischen Staatskirche und bekannte Platoniker von Cambridge, schrieb in seiner langen Abhandlung The Immortality of the Soul (Die Unsterblichkeit der Seele)4 eine bedeutende Studie über das gesamte Gebiet der Seele, mit überzeugenden Antworten an die Kritiker der Präexistenz. Sein Gedicht: "A Platonick Song of the Soul"5 sagt es sehr schön:

Die Präexistenz menschlicher Seelen möcht ich besingen

und in Erinnerung alles nochmals schnell durchleben,

was vergangen, seitdem wir alle begannen.

Doch zu schwach ist mein Verstand, um genau zu prüfen,

zu tief das Problem, und meine Sinne reichen nicht aus,

um eine derart dunkle Sache zu klären...

Während er dann in dem Gedicht zu Plotinus spricht, fügt er hinzu:

Sag' uns, was wir Sterblichen sind und was einst wir waren.

Ein Funke oder ein Strahl der Göttlichkeit,

umhüllt von irdischem Nebel, gekleidet in Lehm,

ein kostbarer Tropfen aus der Ewigkeit,

auf die Erde geworfen oder eher verworfen.

In seiner obenerwähnten Arbeit sagt More auch: "Es gab nie einen Philosophen, der die Seele für spirituell und unsterblich hielt, der nicht gleichzeitig die Auffassung vertrat, daß sie von Anbeginn an existierte."

Die allgemeine Gegnerschaft einiger Theologen im letzten Jahrhundert ist im Abnehmen begriffen, weil ihre Nachfolger eine aufgeschlossenere Haltung in dieser Angelegenheit einnehmen. Geistliche verschiedener Bekenntnisse fangen an, den alten Lehren von der Präexistenz der Seele, von der Wiederverkörperung im allgemeinen und der Reinkarnation im besonderen, beizupflichten. Es wird viel mehr darüber gesprochen als es jahrhundertelang der Fall war, und der frühere Spott, der auf einem Mißverständnis der Seelenwanderung beruhte, ist einer verständigeren Fragestellung gewichen.

Einer der häufigsten Einwände gegen die Idee der Wiedergeburt ist die Tatsache, daß wir uns an unsere vergangenen Existenzen nicht erinnern. Aber es gibt ein Gedächtnis anderer Art als das in den Gehirnzellen aufgespeicherte. Die Fähigkeit oder die Neigung, gewisse Gedanken zu verstehen oder praktische Dinge auszuführen, zeigt sich oft in früher Kindheit. Sie ist mit Sicherheit darauf zurückzuführen, daß man sich früher damit befaßt hat. Spielt es dabei eine Rolle, wie die Persönlichkeit hieß, wenn das Wesen, das sich in jenem Leben ausdrückte, in der Gegenwart weiterlebt, abgewandelt entsprechend der Art und Intensität, die der früheren Periode der Selbstverwirklichung zugrunde lagen?

Uns erscheinen Leben und Tod so oft als Paar von Gegensätzen; in Wirklichkeit ist Leben ein Kontinuum, mit Geburt und Tod, den beiden Torwegen, die in den irdischen Zeitabschnitt hinein- und herausführen. Geburt, Tod und Wiedergeburt - der Kreislauf schließt und vollendet sich wieder und wieder, bis wir die Schlacken unserer Natur in das reine Gold des Geistes läutern.

 

 

Unter anderen wurden folgende Werke für diesen Artikel verwendet: The Ring of Return, eine Anthologie von Eva Martin; The Cathars and Reincarnation von Arthur Guirdham; Reincarnation, A Study of Forgotten Truth, von E. D. Walker; Fragments of a Faith Forgotten, von G. R. S. Mead; Reincarnation in World Thought, gesammelt von Joseph Head und S. L. Cranston; The Esoteric Tradition, von G. de Purucker; und Essays and Hymns of Synesius, übersetzt von Augustine Fitz-Gerald.

Fußnoten

1. Metempsychose - Seelenwanderung - bedeutet allgemein 'Transferierung von Seelen' und bezieht sich auf den Reinkarnationsprozeß. [back]
2. 3. Band, 8. Kapitel, 5. Teil. [back]
3. 18. Band, 1. Kapitel, 3. Teil. [back]
4. II, 12, 1. Ausgabe, London, 1659; siehe auch "On the Destiny of the Soul" von F. S. Darrow, Ph. D., Sunrise, englisch: November und December 1971; Sunrise, deutsch: "Über die Bestimmung der Seele", Heft 1 und 2/1974. [back]
5. Philosophical Poems, Cambridge, 1647. [back]