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Über die Bestimmung der Seele, 1. Teil

Es gibt eine unvergängliche Weisheit der Seele. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die versuchten, diese Weisheit zu finden und danach zu leben. Manchmal stehen diese Menschen auf einsamen Posten, als Wächter des Lichts; ein anderes Mal treten sie in Gruppen auf, als wahrhafte Leuchten, die den Horizont der menschlichen Erfahrung durch ihre ernsthaften Bemühungen erhellen. Eine solche Gruppe bildeten im 17. Jahrhundert die Cambridge-Platoniker. Ursprünglich waren sie aus den rebellierenden jungen Menschen hervorgegangen, die an der Universität studierten und keinerlei Formen eines autoritären Systems dulden wollten, ganz gleich, ob es sich dabei um Hobbes oder Calvin handelte. Sie waren der Meinung, daß kein Dogma, weder staatlicher noch kirchlicher Prägung, die innewohnende Freiheit des Menschen, den für ihn bestgeeigneten Weg zu wählen, beeinträchtigen dürfe. Obgleich dem christlichen Gedankengut treu ergeben, waren sie doch von den Lehren des Pythagoras und Plato und auch von der Kabbalah zutiefst beeinflußt. Diese Lehren waren während der Renaissance wieder einmal in den Vordergrund gestellt worden.

Herrn Professor F. S. Darrows Nachforschung liefert einen weiteren Beweis dafür, daß es in jedem Jahrhundert Menschen gibt, die die heilige Flamme der Wahrheit am Leben erhalten.

- Der Herausgeber

 

 

 

Was einen Anfang hat, muß auch ein Ende haben. Die Eiche kann jahrhundertelang leben, der Schmetterling nur wenige Tage oder Stunden, aber beide müssen sterben. Wenn die Seele auch geboren worden wäre, dann müßte sie beim Tode, oder früher oder später nach dem Tode des Körpers ebenfalls sterben. Diese strenge Logik läßt keine andere Schlußfolgerung zu, denn daß nur ein Teil sterben muß und der andere nicht, ist bei logischer Betrachtung absurd. Eine endlose Existenz der Seele nach dem Tode ist nur denkbar, wenn sie auch schon vorher ewig bestanden hat.

Das bedeutet nicht, daß die Seele ihre Identität ändert. Der Teil des Menschen, der sich selbst als Ich betrachtet, ist derselbe, ob in diesem oder in einem anderen menschlichen Vehikel; so wie der Tischler derselbe bleibt, ob er einen Hobel, einen Hammer oder eine Säge verwendet. Das gleiche gilt für den Körper, in dem das Ich zeitweise wohnt; er ist nur Werkzeug, nicht das Ich selbst.

Es ist wohl kaum notwendig zu erwähnen, daß das nichts mit Transmigration von Seelen in Tierkörper zu tun hat. Dieser Irrtum wird zwar hin und wieder verbreitet, er ist aber so unglaubwürdig, daß heute kaum jemand durch eine derart falsche Darstellung in die Irre geführt werden könnte. Es ist eine naturbedingte Tatsache, daß eine Seele, die einmal einen menschlichen Körper bewohnt hat, in gewissen Abständen immer wieder einen menschlichen Körper bewohnen wird, und zwar so lange, bis sie für eine höhere Form der Existenz vorbereitet ist, nachdem sie alles gelernt hat, was an menschlicher Erfahrung zu gewinnen möglich war.

Wenn man überzeugt ist, daß die Seele immer wieder in eine menschliche Form verkörpert wird, dann werden auch die scheinbaren Widersprüche des Lebens aufgehoben. Umgebung und Erbanlagen werden genau als das erkannt, was sie sind: die Ergebnisse der früheren Lebensweise der Seele, und somit verdient und am besten geeignet für neue Erfahrungen. Freude und Schmerz werden nicht willkürlich oder zufällig verliehen, denn jetzt und immer regiert nur Gerechtigkeit.

Wir wollen nun unsere Aufmerksamkeit auf das England vor ca. 300 Jahren lenken, - auf eine Gruppe von Denkern, die als Cambridge-Platoniker bezeichnet werden - denn der Zweck unserer Darlegungen liegt darin, einige der goldenen Fäden der Weisheitslehre aufzugreifen, soweit sie in dem Gewirr des damaligen englischen Gedankengutes aufgespürt werden können. Diese Fäden sind aus seltenen und unschätzbar alten Büchern gesammelt worden. Die Schwierigkeit bestand dabei darin, daß man nicht wußte, welche man aus diesem überwältigenden Reichtum leuchtender Schönheit auswählen sollte. Es lohnt sich aber bestimmt, die Theosophie eines Joseph Glanvil, Rektor von Bath und Kaplan im Dienste Seiner Majestät, Charles II.; eines Dr. Ralph Cudworth, Rektor von Christ's College; eines Dr. George Rust, Lord-Bischof von Dromore im Königreich Irland; des Gelehrten Dr. Thomas Burnet, Master of Charterhouse; eines John Norris, Rektor von Bemerton bei Sarum und Mitglied von All Soul's College in Oxford; und der Lady Anne, Vicomtesse Conway, zu studieren.

Etwa im Jahre 1660 schreibt James Glanvil in einem Brief an Richard Baxter: "Die Lehre von der Präexistenz ist überhaupt nichts Neues; man muß sie vielmehr als eine der ältesten Anschauungen der Welt ansehen."1

Ähnliche Bedeutung hat die Aussage von Dr. Thomas Burnet. Er meint:

Auch wenn wir nicht mit Sicherheit sagen können, unter welchen Umständen menschliche Seelen zuerst in Erscheinung traten, so war sich dennoch das gesamte Altertum im Osten wie im Westen in bezug auf ihre Präexistenz im allgemeinen und im Hinblick auf die sterblichen Körper einig. Auch unser Erlöser tadelt oder berichtigt die Juden nie, wenn sie davon sprechen (Lukas, IX, 18-19: Johannes IX). ... Die Lehre von der Präexistenz und Wiederkehr (oder Wiedergeburt) der Seelen ... war so alt und universal, wie keine sonst, denn sie war nicht nur im ganzen Osten, sondern auch im Westen weit verbreitet. ... Ich meine, diese Lehre ist auf der ganzen Welt immer mehr verbreitet, als wäre sie ohne Vater, ohne Mutter und ohne daß jemand ihre Herkunft kennt, als wäre sie vom Himmel gesandt worden.2

Von diesen Autoren des siebzehnten Jahrhunderts wurde das Alter und die Universalität der Lehren über die Natur und die Bestimmung der menschlichen Seele klar erkannt. Wir aber müssen uns mit einigen wenigen Hinweisen zufrieden geben, die in der Hauptsache von den zwei hervorragendsten Persönlichkeiten dieser Gruppe stammen, nämlich von Dr. Henry More, dem verehrten Leiter der Cambridge-Platoniker, und Baron Francis van Helmont, der, obgleich gebürtiger Holländer, dennoch einen großen Teil seines Lebens in England verbrachte. Dr. More sagt:

Die Konsequenz, die sich aus der Präexistenz unserer Seele ergibt, ist vernunftgemäßer als irgendeine andere Hypothese und wurde von den gelehrtesten Philosophen aller Zeitalter akzeptiert ... und da diese Hypothese an sich rational ist, hat sie die Zustimmung aller bekannten und unbekannten Philosophen gefunden, die glauben, daß die Seele des Menschen nicht an den Körper gebunden und unsterblich ist. ... Wir können auf der ganzen Welt unsere Blicke hinwenden wohin wir wollen; dort, wo Weisheit und Gelehrsamkeit hochangeschrieben waren, findet man unter den Weisesten dieser Nationen die Verfechter dieser Überzeugung..., denn die Hypothese der Präexistenz der Seele wurde von den wachsten Denkern der Welt als Vision der Wahrheit betrachtet. ... Und sollte Zeugnis darüber verlangt werden, so kann man versichert sein, daß es keinen Philosophen gab, für den die Seele nicht spirituell und unsterblich war und der nicht gleichzeitig glaubte, daß sie tatsächlich schon vorher existiert hatte.3

Dr. Henry More wurde 1614 in Grantham in Lincolnshire geboren und kurz bevor Milton seinen M.A. (Magister der freien Künste) absolvierte, im Jahre 1631 in das Christ's College, Cambridge, aufgenommen. Nachdem er das Bakkalaurat erworben hatte, wurde More Mitglied seiner Alma Mater und blieb es bis zum Tode im Jahre 1687. Er wurde allgemein verehrt. Sein edler Charakter und seine große Gelehrsamkeit trugen ihm allgemeine Hochschätzung ein. Ihm zu Ehren wurde von dem einfallsreichen und gelehrten John Norris folgende Ode verfaßt:

Während die meisten nach Anerkennung trachten,

oder gierigen Herzens größeres Glück finden möchten,

war Wissen schon immer der größte Schatz der Gesegneten,

Wissen, der höchste Wunsch des Weisen, war auch Deine Wahl; ...

bild_sunrise_11974_s37_1In den zahlreichen Werken Dr. More's sind mehrfach Hinweise und Argumente für die Präexistenz der menschlichen Seele enthalten. In seinen Divine Dialogues (Religiöse Gespräche) berichtet er in einzigartig schöner Sprache und Darstellung von einem Traum, in dem er die zwei Schlüssel der Vorsehung gesehen hatte, den einen aus Silber und den anderen aus Gold. Als er darüber nachdachte, zu welchem Schatz sie wohl führen könnten, entdeckte er, daß die Schlüssel selbst Schätze darstellten und jeder Schatz wiederum ein Schlüssel war. Beide waren über und über mit einem Durcheinander von Buchstaben bedeckt. Richtig angeordnet, bildeten diese jedoch das Motto, das den Schlüssel für den Schlüssel ergab.

Bildtext: Henry More.

Jetzt konnte er den silbernen Schlüssel enträtseln, indem er folgenden Satz bildete: Claude fenestras, ut luceat domus ("Schließe die Fenster, damit das Licht im Innern scheinen kann") - mit anderen Worten: Höre auf, Dich mit dem Lärm und der Geschäftigkeit der äußeren Welt zu befassen, damit die leise Stimme der Seele im Innern gehört werden kann. Als nächstes zog er am Griff des Schlüssels, worauf aus dem Innern eine silberne Hülse zum Vorschein kam, in der sich ein Pergament befand, auf dem die Worte zu lesen waren: Die wahre Darstellung der Welt.

Nachdem es ihm so gelungen war, den ersten Schatz zu erschließen, war er um so mehr bemüht, den anderen zu untersuchen. Für diesen lautete das Motto: Amor dei lux animae ("die Liebe Gottes ist das Licht der Seele"). Darauf zog er an beiden Enden des goldenen Schlüssels und fand ein weiteres Pergament, "das war noch großartiger, da es mit einem Blumendessin in Gold, Zinnober und Blau reich verziert war." Darauf waren die folgenden zwölf Sätze "mit goldenen Buchstaben geschrieben."

"1. Das Maß der Vorsehung ist die göttliche Güte, die außer sich selbst keine Grenzen hat und unendlich ist."

"2. Der Faden der Zeit und die Ausdehnung des Universums, dieselbe Hand ließ das Eine ablaufen und breitete das Andere aus."

"3. Finsternis und Unendlichkeit waren vor dem Licht, und die Sonnen oder Sterne vor jedem Dunkel und jedem Schatten."

"4. Alle geistigen Intelligenzen, die es je gab, die je sind oder sein werden, traten mit dem Licht in Erscheinung, und sie frohlockten zusammen vor Gott am Beginn der Schöpfung."

"5. Bei der Unendlichkeit der Myriaden freier Intelligenzen, welche die Gestalter ihres eigenen Schicksals waren, wäre es ein Wunder, wenn sie alle denselben Weg eingeschlagen hätten: und deshalb vermählte sich die Sünde im Laufe der Zeit mit der Verständnislosigkeit."

"6. So wie das Licht die Schatten beseitigt, so werden die Bereiche der Sünde und des Elends von den Bereichen der Glückseligkeit überwältigt."

"An diese sechs", sagte er, "kann ich mich genau erinnern, doch als ich weiter forschend meine Augen auf alle zwölf richtete, verschwanden die silbernen und goldenen Schlüssel und das wertvolle Pergament plötzlich. ... Aber vor meinem geistigen Auge sehe ich am hellichten Tage die Logik dieser Hypothese, daß nämlich die Seelen der Menschen existierten, bevor sie in die irdischen Körper eintraten."4

Ein vollständiger Gesang von Dr. More's Philosophical Poems5 ist demselben Thema, der Präexistenz der Seele, gewidmet. Daraus wurden die nachfolgenden Strophen entnommen. Auf folgende Punkte ist dabei besonders zu achten: Aread (im älteren Englisch) ist ein Verbum mit der Bedeutung auslegen, interpretieren; Plotin ist der große Theosoph des Altertums und der spätere Platoniker, Plotinus.

Das einfache Gute ist das platonische Absolute. Aeon ist die Ewigkeit, und Psyche die Weltseele, während Rhea die große Mutter Natur darstellt, und die Satyre und Pan die materiellen Kräfte, und Jupiter die Gottheit bedeuten.

 

Die Präexistenz menschlicher Seelen möcht ich besingen

und in Erinnerung alles nochmals schnell durchleben,

was vergangen, seitdem wir alle begannen.

Doch zu schwach ist mein Verstand, um genau zu prüfen,

zu tief das Problem, und meine Sinne reichen nicht aus,

um eine derart dunkle Sache zu klären.

Nur Du kannst das, der Du größer bist als ein Mensch!

Du heilige Seele des teuren Plotin, sag' uns,

was wir Sterblichen sind und was einst wir waren.

 

Ein Funke oder ein Strahl der Göttlichkeit,

umhüllt von irdischem Nebel, gekleidet in Lehm,

ein kostbarer Tropfen aus der Ewigkeit,

auf die Erde geworfen oder eher verworfen.

Denn gefallen sind wir, als wir anfänglich heimlich

versuchten, aus uns selbst heraus etwas zu sein,

und unser Selbst von unserer großen Heimat entfernten.

Leichtgläubig wähnten wir, es sei die neue Freiheit

und betrachteten unser kleines Selbst mit Freude.

 

Von da an glaubten wir, unser kleines Selbst sei etwas,

das getrennt neben dem Göttlichen bestehen könnte,

und als erstes losgelöst von dem schlichten Guten

(dem platonischen Absoluten) und dann

von dem großen Aeon (Ewigkeit), später von der Psyche

(Weltseele) frei, verfielen wir der primitiven Phantasie,

sanken danach in leibliches Bewußtsein, und nachdem das

Bewußtsein eingeschlossen war wie in einem Baum

(zuerst ins Erdreich gesät und dann, diesem entwachsen),

führten wir ein vergängliches, nun todbringendem

Einfluß unterworfenes Leben.

 

So nach den eigenen, uns eng vertrauten Zentren

und der entsprechenden Substanz tastend,

wurde es eng und dunkel um uns,

wir wurden aufgeschluckt vom irdischen Leben.

Was wir früher waren, konnten wir durch unsere Unwissenheit

nicht mehr feststellen.

So wie ein edles Kind vom Schicksal oder Freunden

schlecht behandelt, der Obhut der Unedlen überlassen bleibt;

zum Mann erwachsen, kann auch er die wahre Abstammung

nicht entdecken. ...

 

So können wir, als fremde Infanten anderswo geboren,

gar nicht ahnen, aus welcher Quelle wir entstammen,

noch wagen wir, die niedere Verwandtschaft zu verachten,

oder etwas höherzusteigen von hienieden,

noch danach zu streben, unsere Abstammung wiederzuerkennen;

nicht einmal träumen können wir davon,

daß einst von andrer Art wir waren,

da wir, auf Rheas Knie genährt, größer wurden und

in den Armen Satyrs mit viel Spaß und Spott oft tanzten.

Der haarige Pan hat unsere Wiege oft geschaukelt.

 

Doch weder Pan noch Rhea sind unsere Eltern;

Abkömmlinge sind wir des allsehenden Jupiters...

 

Daher entstand des Menschen Seele nicht durch Schöpfung,

noch wurde sie erzeugt, wie ich zuvor bewies.

Hingegen entstand sie durch Emanation. ...

 

 

Herausgeflossen ist sie aus dem ew'gen Vorrat von

Leben und Seelen, genannt die Welt des Lebens,

die ewig war und ewig sein wird.

 

... Aber wenn, zugegebenermaßen,

eine Präexistenz von Seelen vorhanden war

und die Wiederkehr entsprechend in periodischem Turnus

vor sich geht, dann würde dieser Ablauf alle

Schwierigkeiten mit Leichtigkeit beseitigen.

 

... Denn Geburt ist Tod, und Tod ist Leben und Freiheit.

 

 

(Fortsetzung folgt)

Fußnoten

1. Das Original wird in der Baxter Sammlung der Dr. William's Library, London, England, aufbewahrt (Letters, Vol. I, No. 29, 16.1.), und der Brief wurde in der Bibliotheca Platonica, Osceola, Missouri, veröffentlicht, herausgegeben von Thomas Johnson, Mai-Juni 1890, I, Seite 186-192. [back]
2. Sacred Theory of the Earth, London, 1726, II., Viertes Buch, Vorwort. Doctrina Antiqua de rerum originibus, etc., ins Englische übersetzt von Mr. Mead und Mr. Foxton, London, 1736, Kap. XIV, Seite 239. (Dieses letztere Werk ist eine englische Übersetzung von Dr. Burnet's Archaeologiae Philosophicae, Band I.) [back]
3. Immortality of the Soul (Unsterblichkeit der Seele), II, 12, I. Aufl., London 1659, Seite 240, 245-246. Divine Dialogues (Religiöse Gespräche), III, 31, 2. Ausg., London, 1713, Seite 261, 263. [back]
4. Divine Dialogues, III., 27-29, 31, 2. Ausgabe, London, 1713, Seite 247-255, 264. [back]
5. Philosophical Poems (Philosophische Gedichte), Cambridge, 1647; Prae-existency of the Soul (Präexistenz der Seele), Strophe 2-7, 95, 98, 100, Seite 255-257, 279-280. [back]