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Das Land der Inkas

Nur wenige, sehr wenige Forscher haben es gewagt, bei dem Versuch, den ewigen Bergen die seit Zeitaltern bewahrten Geheimnisse zu entreissen, in die atemberaubenden Wildnisse der Cordillera Vilcabamba einzudringen, wo der Apurimac und der Urubamba ihre Stromschnellen durch die seit prähistorischen Zeiten zwischen schneebedeckten Gipfeln eingegrabenen Schluchten jagen. Bei der Durchquerung eines der schwierigsten Gelände der Erde und beim Besteigen eines fast senkrechten Pfades, vom tropischen Dschungel zu eisigen Bergpässen hinauf und wieder in den Dschungel hinab, gelang es ihnen Spuren menschlicher Wohnungen zu entdecken und zu photographieren, die in ihrer Anlage so großartig und in ihrer Ausführung so ausgezeichnet waren, daß jede Beschreibung unmöglich ist. Denn hier im Herzen der Anden liegen die Überreste einer Anzahl übereinanderliegender früherer Zivilisationen, vermischt mit hinzugefügten Teilen aus Ruinen und Trümmern, altes Material, das entfernt, benützt und wieder benützt wurde, so daß verschiedene Kulturen vertreten sind und den Archäologen verwirren.

Das Land der Inkas hat eine Reihe Völker ernährt, aber die Periode des Inkareiches umfaßte nur die letzten wenigen Jahrhunderte vor dem Einfall der Spanier. Von den meisten Bauten, die den Beobachter noch immer durch ihre majestätischen Proportionen mit Verwunderung erfüllen, glaubt man, daß sie viel älter sind, denn ihr Charakter weist auf einen Ursprung hin, der so alt wie der der mächtigen Bauwerke Ägyptens und Zentralasiens und diesen ähnlich ist. Mit ihrer Schönheit wetteifert nur die unglaubliche Geschicklichkeit, mit welcher massive Blöcke behauenen Granits gebrochen, transportiert und bei Bauwerken mit peinlicher Genauigkeit Verwendung fanden, die in schwindelnden Höhen am Rande steiler Klippen errichtet wurden.

Hiram Bingham entdeckte 1911 das wunderbare Machu Picchu, die verschwundene Stadt der Inkas. Der Forscher, Schriftsteller, ehemalige Kollegprofessor, Exgouverneur und Exsenator von Connecticut erweiterte durch seine fünf Expeditionen nach Peru unser Verständnis und vermehrte unsere Wertschätzung für die Völker, die dort lebten und für ihre Errungenschaften unermesslich. Über seinen ersten flüchtigen Anblick vom tief im Hinterland von Peru verborgenen Machu Picchu schreibt er:1

Ich begann undeutlich zu begreifen, daß diese Mauer und der ihr angefügte halbkreisförmige Tempel über der Höhle so schön wie das schönste Steinmauerwerk der Welt waren.

Ich hielt wirklich den Atem an. Was konnte das sein?

- p. 165

Ja, was für ein Ort konnte es sein? Die Stadt liegt hoch oben auf einer Klippe über dem Urubambafluß, wo der Fluß tief unten eine hufeisenförmige Krümmung macht, und ist nur über einen zackigen Grat zu erreichen. Viele ihrer Straßen bestehen aus Treppen, von denen es Hunderte in der Stadt gibt. Sie sind aus massiven Granitblöcken oder Quadersteinen zugehauen, wobei ein Block allein mehrere Stufen und eine Balustrade bildet. Die "Hauptstraße" entlang sind eine Reihe künstlicher Brunnen angelegt. Die ganze Anlage wäre zu allen Zeiten eine erstaunliche Leistung, was Baukunst und sorgfältige Arbeit anbetrifft. Einem Juwel aus weißem Granit gleich, ruht sie auf ihrem Felsvorsprung von Terrassen mit fruchtbarem Boden umgeben, der aus niedrigeren Höhen herangeschafft oder durch den Einfluß der Natur durch Zeitalter hindurch entstanden ist. Ihre Majestät ist überwältigend!

Professor Bingham glaubt, daß dies die alte Stadt Vilcabamba ist, der Ort, nach welchem Manco Capac mit seinem Hof, seinen Priestern und den auserwählten Sonnenfrauen vor Pizarro floh. Der Peruaner Salcamayhua spricht 1620 in seinem Bericht über die Altertümer Perus davon, daß Manco der Große, der erste der Inkas, "an seinem Geburtsort die Ausführung von Steinmetzarbeiten" befahl, "die aus einer Mauer mit drei Fenstern bestanden". Als er einer solchen Mauer gegenüber stand, sagte Bingham:

Hatte ich diese Mauer gefunden? Wenn sie es war, dann war das nicht die Hauptstadt des letzten, sondern der Geburtsort des ersten Inka. Es kam mir nicht der Gedanke, daß es beides sein konnte.

- p. 167

Der hier erwähnte erste Inka ist vielleicht eine viel weiter zurückliegende Gestalt als der historische König Manco, der nur dreizehn Generationen vor der Eroberung durch die Spanier regierte. Der Entdecker weist selbst darauf hin, wenn er sagt, daß Machu Piccu schon lange ehe die Frauen und das Gefolge ankamen "unverkennbar ein großes Heiligtum war". Hinsichtlich der Bauten selbst fragt er: "Wer hat sie errichtet und wann wurden sie errichtet?"

Ich bin überzeugt, daß der Name des älteren Teiles von Machu Picchu Tampu-tocco war, ... das hier war die Hauptstadt des kleinen Königreiches, wo Jahrhunderte hindurch - so an die acht bis zehn - zwischen den Amautas und den Inkas die Weisheit, die Kunstfertigkeit und die besten Überlieferungen des alten Volkes, das die Zivilisation Perus mit landwirtschaftlichen Terrassen als Grundlage entwickelte, lebendig erhalten wurden...

Machu Picchu mag dreihundert Jahre lang, während das Inkareich blühte und wuchs, bis es einen großen Teil Südamerikas einnahm, tatsächlich verlassen gewesen sein. Inzwischen war Tampu-tocco - "aus den Augen, aus dem Sinn", ein heiliger Ort, dessen Lage den Priestern und jenen, die die heiligsten Geheimnisse der Inkas bewahrten, ohne Zweifel bekannt war - vom gewöhnlichen Volk vergessen worden.

- p. 248

Sein Geheimnis aber war bestimmt bekannt und wurde bewahrt - wie hätte sonst der rechtzeitige Rückzug in diese unzugängliche Festung ausgeführt werden können? Es ist auch möglich, daß der Sonnentempel in Cuzco, der sonderbarerweise genauso halbkreisförmig gebaut ist, wie es für den Tempel in Machu Picchu durch das Terrain bedingt war, eine Nachbildung des letzteren gewesen sein mag, mit der Absicht auf den geheimen Bau hinzuweisen, dessen Existenz nur denen bekannt war, die dafür verantwortlich waren, daß die Tempelmysterien nicht verletzt wurden.

Eine der fesselndsten Schilderungen, die wir über die Inkas haben, wurde vor über vierhundert Jahren von dem jungen Pedro de Cieza de León geschrieben, dessen Werke kürzlich von Harriet de Onis übersetzt, von Victor Wolfgang von Hagen herausgegeben und mit einem Vorwort versehen wurden.2 Der kleine Pedro war erst dreizehn Jahre alt, als ihn 1533 die Wanderlust ergriff und er sich von seinem Heimatland Spanien in die Neue Welt begab, wo die spanischen Eroberer immer noch dabei waren, Peru zu unterwerfen, ihm seine Schätze zu rauben und einen großen Teil seiner Bevölkerung zu töten. Mit zwanzig Jahren war er von den Eindrücken, die er durch seine bereits reiche Erfahrung und Beobachtung gewonnen hatte, so erfüllt, daß er alles, was er gesehen hatte, mit bewundernswerter Offenheit aufzuzeichnen begann - eine Offenheit, in der es ihm seine Zensoren, wer immer sie gewesen sein mögen, nicht gleich taten, denn oft sind Stellen ausgelassen, und der Leser findet nur eine Reihe Punkte vor, besonders wenn der Bericht alte Überlieferungen und religiöse Überzeugungen berührt. Was übrig bleibt ist jedoch aufschlußreich und beleuchtet die Zeit der Inkas.

Diese merkwürdigen Regenten erscheinen in geheimnisvoller Weise zu einer geschichtlich nicht festgelegten Zeit, wahrscheinlich so um das zwölfte Jahrhundert n. Chr. und regieren ein beständig größer werdendes Gebiet. Bei der Eroberung und Unterwerfung gab es anscheinend nur wenig Widerstand und wenn ein Volk oder ein Stamm einmal von den Inkas regiert wurde, scheint es keinen Unwillen gegeben zu haben. Tatsächlich wurden die größten Gegner der Inkas mit der Zeit deren zuverlässigste und geachtetste Diener. Es besteht kein Zweifel, daß dieser segensreiche Despotismus als ein befriedigendes soziales System hingenommen wurde, in dem Diebstahl und Lüge kaum bekannt waren - eine Lebenshaltung der Ehrlichkeit, die später eine der tiefsten Quellen der Verachtung der Eingeborenen den eindringenden Spaniern gegenüber wurde.

Der Inka wurde über alles, was in seinem großen Reich vor sich ging, beständig durch Läufer unterrichtet, die in eine halbe Meile von einander entfernten Unterkünften stationiert waren und eine kurze Strecke in großer Schnelligkeit laufen konnten, um so in unglaublich kurzer Zeit Botschaften und Instruktionen zwischen den entferntesten Bezirken und Cuzco zu vermitteln. Alle Distrikte zahlten dem Inka Tribut, entweder in Produkten, Arbeit, oder wie in einem Falle, in dem nichts anderes vorhanden war, in Läusen! Niemand wurde ungebührlich besteuert, aber die Straßen wurden in gutem Zustand gehalten und die Vorratshäuser, aus denen das Volk ernährt wurde, wenn es notwendig war, waren immer gefüllt.

Der Inka sorgte nicht nur für seine Untertanen als Gegenleistung für ihre Arbeit, sondern er siedelte auch systematisch Gruppen von Menschen um, wobei immer Sorge getragen wurde, daß jede Gruppe in eine Höhenlage und in ein Klima übersiedelt wurde, die denen in ihrer alten Heimat entsprachen und in denen sie in gewohnter Weise ihr Fortkommen finden konnten. Auf diese Weise wurde eine gesunde Vermischung gesichert, wo sonst dadurch, daß sie durch große Bergketten von einander getrennt waren, durch Wechselheirat innerhalb der verschiedenen Kommunen unvermeidlich eine Rassendegeneration eingetreten wäre - eine doch jetzt erst verhältnismäßig neue Entdeckung in der Genetik! Warum führten die Inkas diesen Plan so folgerichtig durch? Pedro de Cieza glaubte, diese Umsiedlungen geschahen, um einer Revolution vorzubeugen, obgleich dies bei einer so über allem stehenden Politik unter einem im allgemeinen so zufriedenen Volke überflüssig gewesen wäre. Im Hinblick auf ihre oft überraschenden weisen Handlungen können wir annehmen, daß manche von ihnen bei weitem weniger unwissend waren, als die meisten ihrer europäischen Zeitgenossen des Mittelalters.

Außer in der Erhaltung entsprechender Straßen, von denen sich eine allein über 2520 Meilen erstreckte - die ganze Länge des Inkareiches von Tumbes bis Santiago in Chile - waren die Völker der Anden unter der Inkaherrschaft sowohl in den lebenswichtigen Künsten des Ackerbaues, der Bodenbereitung, der Haustierzucht, der Wechselwirtschaft, der Bewässerung als auch im Weben, in der Metallurgie und in der Keramik bewandert, eine Geschicklichkeit, die sie in jahrhundertelanger oder, wie Professor Bingham behauptet, in jahrtausendelanger Erfahrung gewannen. An den Stätten rund um den Hauptaufenthaltsort die der Gebieter der Inkas häufig aufsuchte, sollen die gewöhnlichen Gerätschaften aus Gold oder Silber gewesen sein, wogegen die Pracht des Tempels von Cuzco und seiner Schätze allgemein bekannt ist. Diese wurden vor der Ankunft der spanischen Eroberer versteckt und den wirklichen Prunk der Hauptstadt sahen nur einmal im März 1533 drei weiße Männer, ehe die Hauptmasse der Spanier soweit vorgedrungen war.

So groß auch Cuzco auf seinem Höhepunkt war, und so ausgezeichnet das soziale Gefüge, das verschiedene größere und kleinere Kulturen zu einer gut funktionierenden und schaffenden Zivilisation verschmolz auch war, es war trotzdem nur das Nachglühen des Sonnenunterganges, das eine Pracht widerspiegelte, die schon lange nicht mehr bestand. Es fanden sich zahlreiche Überreste aus früheren Zeiten und unbefangen berichtet Pedro de Cieza darüber: "Ich fragte die Eingeborenen (in Tiahuanacu), ob diese Bauten zur Zeit der Inkas errichtet wurden und sie lachten über diese Frage."

Pedro klagt, daß schriftliche Aufzeichnungen fehlen. Dem Herausgeber, Von Hagen, nach, der persönlich dem Weg Pedro de Ciezas durch die Anden folgte und alles beweisbare seines Berichtes bestätigte, war er, Cieza,

der erste, der die verschiedenen, den Inkas vorangegangenen Kulturen erkannte. Die Inkas wendeten nach ihrer Eroberung das an, was als ein "passendes Auswählen überlieferter Geschichte" bezeichnet wurde: örtliche Überlieferungen ließ man in Vergessenheit geraten und erwähnte sie nicht mehr, wodurch eine Kluft zwischen dem legendären Menschen und jenen ungezählten Kulturen entstand, die der Inkakultur vorausgegangen waren (Chavin, Paracas, Mochia, Tiahuanacu, Chimú, etc.). Die Inkas entwickelten sich zu den Kulturträgern Südamerikas. Alles, oder fast alles, war älter als die Inkas. Sie kamen erst spät. Sie waren mehr Organisatoren als Begründer.

- p. 169

bild_sunrise_51960_s171_1Über das "wie" der Aufzeichnungen der Dokumente sagt uns der Historiker Montesinos, daß zu der Zeit, als sich die Amauta (vor-Inka) Könige von Cuzco in die sagenhafte Festung Tampu-tocco zurückgezogen hatten, in den führerlosen Provinzen so viel Böses geschah, daß sie den Handel mit Schreibmaterialien verboten und so jeder schriftliche Verkehr aufhörte. In Zukunft wurden alle Urkunden in Form einer aus vieleckigen Sternchen bestehenden Geheimschrift aufbewahrt und später mittels gefärbter, verschlungener Fäden, eine Methode, die unter der Regierung der Inkas weiter benützt wurde.

Bildtext: Quipu-Zählvorrichtung der Inkas.

Höchst wahrscheinlich waren selbst die Amauta Leute nicht die Erbauer der sehenswerten zyklopischen Bauten. Cieza sagt, wobei er von den großen und geschmückten Überresten in Huaraz, in der Nähe von Piscobamba. spricht,

daß in alten Zeiten, lange bevor die Inkas regierten, in diesen Gebieten riesenhafte Menschen lebten, die so groß wie die in Stein gehauenen Figuren waren, und daß diese - mit der Zeit und zufolge der leidenschaftlichen Kriege, die von jenen gegen sie geführt wurden, die jetzt diese Länder beherrschen, - ausstarben und verschwanden, ohne irgendwelche Spuren von sich selbst zu hinterlassen, abgesehen von den Steinen und Bauten, die ich erwähnte.

- p. 107

bild_sunrise_51960_s172_1Diese Theorie ist nicht so weit hergeholt, wie es klingen mag, wenn wir an die vielen ähnlichen Monumente denken, die in der alten Welt reichlich vorhanden sind und wer weiß von welchem Volke der Vergangenheit zurückgelassen wurden, wie zum Beispiel die Überreste der alten Pelasger in Italien und Griechenland, oder die der Bildhauer der gewaltigen Statuen von Bamian, von denen eine 173 Fuß hoch ist und die noch existieren, wenn auch von den Horden Genghis Khans schwer beschädigt. Hsüan Tsang beschreibt sie im siebenten Jahrhundert als mit Gold überzogen. Ob sich die Größe der Menschen mit der Zeit änderte ist eine Frage, über die große Meinungsverschiedenheit herrscht. Manche der ältesten menschlichen Überreste scheinen jedoch die jeder Religion eigenen Mythen und Traditionen zu rechtfertigen, daß es, wie die Bibel sagt, "in jenen Tagen auf Erden Riesen gab".

Bildtext: Krug mit steigbügelförmigem Ausguß – Mochica Kultur.

Ein Überblick auf die archaischen Kulturen gibt noch andere Rätsel zu betrachten auf. Welch seltsames Zusammentreffen muß es sein, das in weit von einander getrennten Kontinenten Sitten und Glaubensansichten schafft, die dem Begriffe nach, fast gleich sind, Religionen, die abgesehen von geringen Unterschieden in den Einzelheiten, alle von einer Sündflut und einer Wiederbevölkerung sprechen; von einer Sonnengottheit, der bestimmte Individuen gewidmet waren, die mit einer Aufgabe betraut waren, und deren Dienstleistung eine Ehre für sie war; ferner das Beachten der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen. Die Sonnentempel in den Anden hatten genauso ihre Sonnenjungfrauen und hielten sie in hohen Ehren, wie das alte Rom seine Vestalinnen. Der regierende Inka wurde wie der ägyptische Pharao und der hellenische Initiierte nach seiner Läuterung und nach Übernahme des Königsmantels ein Sohn der Sonne genannt. Der Brauch, die Ohrläppchen zu durchstechen und zu vergrößern, was vermutlich eine mitleidsvolle, für Schmerzensschreie empfängliche Natur andeuten sollte, war sowohl unter den Völkern in den Anden und jenen von Bhurma, Siam und Indochina als auch bei der früher auf der Osterinsel regierenden Kaste zu finden. Die Liste könnte fast ins Unendliche verlängert werden.

Wie wir die Universalität religiöser Glauben und überlieferter Gebräuche auch immer erklären mögen, ständig stehen wir gewissen Tatsachen gegenüber, die sich nicht ableugnen lassen. Die eingehend ausgearbeiteten Theorien über Rassenwanderungen scheitern fast alle an der Festlegung des Zeitpunktes und an dem immer vorhandenen Problem der Möglichkeit des Dahinkommens. Ein Studium unserer eigenen, sich nach und nach verändernden Welt mit ihren gelegentlichen verheerenden Umwälzungen und beständig langsam vor sich gehenden Wanderungen könnte vielleicht einen Schlüssel dafür liefern, was in der Vergangenheit stattgefunden haben könnte, als auf dem Globus eine ebenso wechselnde Verteilung von Landgebieten stattgefunden haben muß. Könnten die jetzt durch Ozeane getrennten Kontinente nicht von zahlreichen Millionen bevölkert gewesen sein, die gezwungen waren, ein sinkendes Heimatland nach und nach zu verlassen und die ihre Kulturen mitnahmen? Das würde helfen, die weite Verbreitung ähnlicher Gebräuche und Kenntnisse zu erklären, wie z. B. die chullpas oder Totenhäuser in den Anden, die den runden Türmen von Irland auffallend ähnlich sind, auf denen einst die heiligen Feuer beständig brennend erhalten wurden. Hier herrschte sowohl Wissen als auch Größe und Schönheit. In der kleinen Stadt Llacta in den Anden verlaufen die zwei sich kreuzenden Straßen genau von Norden nach Süden und von Osten nach Westen, obgleich die Stadt südlich des Äquators liegt und der Polarstern nicht zu sehen ist.

Es ist bedauerlich, aber unvermeidlich, daß, wenn ältere Zivilisationen sterben und neuere Völker sie durch Macht und Überragen in den Schatten stellen, die geschichtliche Vergangenheit durch Eroberung und in Unwissenheit durchgeführte Plünderung ausgelöscht wird. Münzen, Bildsäulen, Verzierungen von höchst künstlerischem Wert werden oft des Metalles wegen, aus dem sie bestehen, eingeschmolzen. Prächtige Gebäude werden niedergerissen, um Monumente für neuere Götter zu bauen. Vielleicht ist es der unvermeidliche Weg der Natur, daß das Junge und Frische für gewöhnlich das Alte und oft Weise bezwingt und seiner Raubgier nur Einhalt gebietet, wenn es fast zu spät ist, die Vergangenheit wieder erstehen zu lassen.

Wer immer diese geheimnisvollen vorgeschichtlichen Architekten und Baumeister gewesen sein mögen, die in den granitenen Falten der südamerikanischen Gebirgsketten Zuflucht suchten, sie kannten ihre Gesetze der Physik und ihre Astronomie, sie liebten ohne Zweifel Schönheit und Symmetrie, waren fähige Ackerbauer und Landwirte und verehrten die Leben spendende Sonnengottheit. Können wir mit Gewißheit sagen, daß sie während ihrer goldenen Zeitalter weniger zivilisiert oder weise waren, als wir es mit all unseren Errungenschaften sind?

Fußnoten

1. Lost City of the Incas von Hiram Bingham. Duell, Sloan and Pearce, New York, 1948, 263 Seiten, 6 Dollar. [back]
2. The Inkas of Pedro de Cieza de León. University of Oklahoma Press, Norman, Oklahoma, 1959. 397 pp., Illustrated, 5, 95 Dollar. [back]