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Kaiser Julian & der Neuplatonismus 2. Teil

In der Einleitung zum Life of Julian (Leben des Julian) (1905), spricht Gaetano Negri von dem Kaiser als "einem der kultiviertesten Menschen seines Jahrhunderts und dem letzten, hervorragendsten und tiefgründigsten Schreiber aus der Zeit des griechischen Niedergangs." Seine Schriften faszinieren vor allem dadurch, daß in allen, ob es Briefe, Reden, Satiren oder Kaiserliche Erlasse sind, die insignia majestatis einer Persönlichkeit zum Ausdruck kommt, die nicht nur Herr über Menschen, sondern auch Herr ihrer selbst war. Ammianus Marcellinus, ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber, der mit Julian befreundet war und ihn auf vielen Feldzügen begleitete, hat über den unglaublichen Fleiß des Kaisers berichtet. Seine Nächte waren in drei Abschnitte gegliedert: der erste war für die Ruhe; der zweite für Staatsangelegenheiten; die verbleibenden Stunden waren "den Musen", dem Schreiben und dem Studium gewidmet. Er beschäftigte Sekretäre in Tag- und Nachtschichten. Die meisten seiner Arbeiten diktierte er, so daß sie, frisch geprägt von seinem Geist, die Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes besitzen. Seine Gedanken mußten nicht den Schleier trockener Verstandestätigkeit durchdringen, sondern sie scheinen, wie durch ein diamantenes Schwert geäzt, mehr zu sein als bloße Denkprozesse. Dadurch hat der Leser nicht nur eine gewisse Vorstellung, sondern auch über die Realisierung kann er sich ein Urteil bilden. Vielleicht ist das der Grund, warum sie so ganz unmittelbar wirken, was sogar in der Übersetzung erhalten bleibt.

Die Loeb Classical Library-Ausgabe der Werke Julians1 von Wilmer Cave Wright ist eine lebendige Übersetzung, die in Harmonie mit den Impulsen des Originals steht, obwohl auch der Übersetzer einige darin enthaltenen Ideen als "Aberglauben" ansieht. Aber im großen und ganzen können wir sicher sein, daß eine zuverlässige, redliche und gewissenhafte Arbeit von der Schriftleitung geleistet wurde. Es hätte jedoch mehr im Sinne des Autors gelegen, wenn der Übersetzer mit der neuplatonischen Philosophie sympathisiert hätte, wie z. B. Thomas Taylor und C. W. King.

In seinen Reden und sonstigen Schriften zitierte oder bezog sich Julian auf nicht weniger als siebenunddreißig große Philosophen, Dichter und Dramatiker, sowie Geschichtsschreiber, die seiner Zeitepoche bekannt waren: vom fast legendären Homer, Hesiod und Aesop, bis zu Plato und den Pythagoräern, Sokrates und Empedokles. Unter den Dramatikern waren es Aeschylus, Sophokles und Euripides, die durch ihre Kunst heilige Wahrheiten lehrten; und unter den wohlbekannten Neuplatonikern: Plotinus, Porphyrios und Jamblichus. Alle diese Namen repräsentieren Männer, die nach den traditionellen Lehren lebten, die zu Julians Zeit im Neuplatonismus zum Ausdruck kamen.

Von der von Plato angeführten wesentlichen Voraussetzung ausgehend, daß auch das Universum "als ein lebendes Geschöpf, das Seele und Geist besitzt, ins Dasein gelangte", stellt Julian den Lehrsatz (Rede IV: "Hymn to King Helios") ("Hymne an König Helios") vom hierarchischen Aufbau des Universums und all seiner Teile auf, nach dem die Eine Höchste Ursache aus sich heraus Götter oder Kräfte hervorbringt, die über weiter abgestufte Klassen lebender Wesen herrschen, bis alles in den kosmischen Ursprung zurückgekehrt ist. Die Sonne und der Mond und die Himmelskörper, die wir sehen, "sind aber nur Formen der unsichtbaren Götter", deren Vehikel sie sind. Diese Rede enthält Julians allegorische Beschreibung über den Aufbau des Universums, seine Substanz, seinen Ursprung, seine Kräfte und Energien, die ein Geschenk der Sonne an ihre Sphäre sind, einschließlich der geheimnisvollen "Fünften Substanz, Äther" (nach Aristoteles), welche das Ganze miteinander verbindet. Wie Plato beschreibt er eine Daseinskette, die aus der ursachlosen Ursache hervorgeht: der Über-Intelligenz, dem Einen, oder dem Guten, wie Plato diese zentrale Ursache des Lebens nennt. Als nächstes gibt es die mit Intelligenz angefüllte Welt, die der materiellen Welt einen Schritt näher kommt. Dann gibt es Helios, den Gott hinter der sichtbaren Sonne, den Herrn der vernunftbegabten Welten; nicht nur "der gemeinsame Vater der ganzen Menschheit", der "fortwährend mit neuem Leben erfüllt (die Substanz der erzeugten Dinge), indem er ihr zum Fortschritt verhilft und sie mit Leben überflutet", sondern auch "der Geist des Universums", indem durch Athene "die Segnungen der Weisheit und des Verstandes und die schöpferischen Künste" geschenkt werden. Helios gibt den "geteilten Seelen" (Menschen) die Fähigkeit der Unterscheidungskraft und schenkt der ganzen Natur die Möglichkeit sich zu vermehren.

Immer wieder betont Julian nachdrücklich, daß Helios die verschiedenen Tätigkeiten in seinem Sonnenbereich nicht unmittelbar den Wesen vermittelt, sondern mit Hilfe unzählbarer anderer Götter (Engel, Dämonen, Halbgötter und andere Urformen der Natur, die nicht zur Verkörperung gelangen) - die wir als Naturkräfte bezeichnen könnten. Es scheint fast, als habe all das für uns wenig Bedeutung, gäbe es nicht die weit fortgeschrittenen wissenschaftlichen Studien über die Sonne, die vor kurzem durchgeführt wurden und bei denen wirklich ganz neue Großaufnahmen von der Sonnenscheibe, den Sonnenflecken und den Sonnenprotuberanzen gezeigt werden. Außerdem gibt es Filme über die Tätigkeit der Sonnenflecken mit ihren pulsierenden Energieströmen, die sich in kosmischer Strahlung und durch Elektronenteilchen zum Ausdruck bringen, die nicht nur zur Erde und zurück zirkulieren, sondern durch den ganzen Einflußbereich der Sonne. Wenn man diese Filme miterleben kann, wie dies beispielsweise in den Lehrzentren des Kalifornischen Instituts für Technologie möglich ist, so bedeutet das, daß man die wesentlichsten Vorgänge beobachten kann, wenigstens in ihrem physikalischen Aspekt, so wie sie von Julian beschrieben wurden.

Tatsache ist, daß vieles in seiner Abhandlung, selbst im modernsten Sinne, rein wissenschaftlich ist, weil es von der Wirkungsweise des Lichtes handelt, vom Einfluß der Sonne auf die Jahreszeiten und weil es auch mit dem Umlauf der Planeten um die Sonne zu tun hat, die "in bestimmten Intervallen, in einem festgelegten Verhältnis, um sie, wie um ihren König herumschweben." Am faszinierendsten ist vor allem die Vorstellung, daß durch die Tätigkeit der Sonne das Denken und die höheren Fähigkeiten angeregt werden. Auf die Phönizier bezieht sich Julian, indem er ihre Lehre zitiert, daß "die sich überall ergießenden Strahlen des Lichtes die unbefleckte Inkarnation (Verkörperung) des reinen Geistes sind." Moderne Wissenschaftler sind um Haaresbreite dabei, etwas von diesen an sich schon äußerst schwer verständlichen Tatsachen zu bestätigen.

In den folgenden Zitaten kommt das Wesentliche ganz deutlich zum Ausdruck:

Die Gottheit besät diese Erde mit Seelen, die nicht nur aus ihr allein hervorgehen, sondern auch aus anderen Göttern, und die Seelen bringen die Lebensformen, die sie auswählen, zur Entfaltung.

Wolltet allein ihr davon nichts wissen, daß Sommer und Winter von (Helios) kommen? Oder daß alle Arten des Tier- und Pflanzenlebens von ihm stammen?

Wenn diese Verse auch unzweifelhaft Formulierungen wissenschaftlichen Denkens sind, so besitzen sie dennoch die Wärme religiöser Andacht und philosophischer Ausdrucksweise. Es ist tatsächlich ein überzeugender Hinweis auf den gemeinsamen Ursprung von Wissenschaft, Religion und Philosophie.

Wir müssen in Betracht ziehen, in welchem Licht Julian seine Mitmenschen und ihre Möglichkeiten sah. Er sah die Menschheit von einem planetarischen Gesichtspunkt aus - in ihrer Beziehung zum Universum als ein Ganzes und hauptsächlich zum Sonnensystem. Er sah "die Region der Erde" wie sie sich "im Zustand des Werdens befindet" und unsere ganze Welt als "einen vollständigen, lebenden Organismus ... mit Seele und Geist ... der sich fortwährend in einem Zyklus, der aus Geburt und Tod besteht, dreht." Für ihn war die Seele der menschlichen Rasse "nichts anderes als Vernunft und Erkenntnis (nous), sozusagen im Körper gefangengehalten - die Philosophen nennen es eine innere (mögliche) Kraft." Demzufolge ist das Menschenleben letzten Endes "eine Prüfung." Er sah die Dualität: Der Mensch ist ein zweifaches, sich widerstreitendes Wesen aus Seele und Körper, die miteinander verbunden sind, die Seele göttlich, der Körper dunkel und umwölkt. (Man betrachte dabei seine bereits früher angeführte Bezeichnung für die Menschen, "geteilte Seelen.") Er erkannte die "universale Sehnsucht nach dem Göttlichen, die in allen Menschen vorhanden ist;" "himmlisch durch unsere Natur, aber ... hinunter zur Erde gebracht, um durch unser Verhalten auf Erden Tugendhaftigkeit verbunden mit Ehrfurcht zu ernten." Demzufolge besteht das Ziel des Menschen darin, "so weit als möglich den Göttern ähnlich zu werden; sie lehren uns, daß dieses Gleichwerden in der Kontemplation der Realitäten besteht."

Wir müssen bedenken, daß Julian als Kaiser auch Pontifex Maximus war. Dadurch wurde seinen Belehrungen und Erläuterungen in religiösen Angelegenheiten Gewicht gegeben. Wenn er diese Lehren brachte, so richtete er sich dabei nach der traditionellen Einstellung der Philosophie, daß der Zuhörer keine Vorschrift akzeptieren muß, wenn sie ihn nicht in seiner eigenen Vorstellung von Recht und Wahrheit zufriedenstellt. In den Reden VI und VII verfolgt Julian tiefgründig das Thema der Selbstüberwindung und erklärt in unkomplizierter Weise den Kern der Kynischen2 und Stoischen Philosophien. In gewinnender Weise sagt er: "Erkenne dich selbst; laßt uns damit beginnen", - denn dieser kryptische Spruch des Pythischen Orakels zeigt den wirklichen Grund, warum wir überhaupt auf Erden sind. In dem darauffolgenden Gespräch taucht immer wieder die Vorstellung auf, daß "der Mensch eine Seele ist, die einen Körper benutzt" und daß er durch das Studium seiner essentiellen Natur feststellt, daß Selbsterkenntnis ein "Studium des Universalen in sich einschließt" - das bedeutet, daß das Menschenwesen in seiner vielgestaltigen Natur ein Kosmos in verkleinerter Form ist. "Die göttlichen Dinge durch den göttlichen Teil in uns zu erkennen und ebenso die vergänglichen Dinge durch den Teil von uns, der sterblich ist, - dies, so verkündete das Orakel, sei die Pflicht des lebendigen Organismus, der sich in der Mitte zwischen beiden befindet, nämlich der Mensch." Die Bestandteile dieses "lebendigen Organismus" beschreibt Julian folgendermaßen:

Ein Teil unserer Seelen ist mehr göttlich, wir nennen ihn Gemüt und Intelligenz und ruhige Vernunft (nous), ... damit verbunden ist ein anderer Teil der Seele, unbeständig und vielgestaltig, etwas, das aus Unwillen und Begierde zusammengesetzt ist, ein vielköpfiges Ungeheuer. ... Wir sollten nicht immer und immer wieder auf die Meinungen der Menge achten, bevor wir dieses wilde Tier nicht gezähmt und ihm beigebracht haben, daß es dem Gott in unserem Innern zu gehorchen hat.

In gleicher Weise wie mit: "Mensch erkenne dich selbst", verfährt Julian mit einem seltsamen und zuerst unverständlichen Befehl, den das Orakel dem Kyniker Diogenes gab: "Mache das Bestehende zunichte", oder wie es auch verschiedentlich ausgedrückt wird: "Gib dem Bestehenden ein neues Gepräge." Das bedeutet einfach, daß sich ein Mensch nicht mit dem Strom der Menge treiben lassen darf, sondern in der Führung seines inneren Lebens unabhängig von den Meinungen anderer sein sollte, denn

ich denke, derjenige, der sich selbst kennt, wird nicht die Meinung der anderen über ihn, sondern das, was er in Wirklichkeit ist, genau kennen. ... er sollte eigentlich in seinem Innern gewahr werden, was für ihn zu tun richtig ist, und es nicht von außen lernen.

 

Solange du ein Sklave der Meinungen der großen Masse bist, hast du dich noch nicht der Freiheit genähert oder ihren Nektar gekostet. ... Aber damit meine ich nicht, daß wir vor allen Menschen ohne Scham sein sollten; und das tun, was wir nicht tun sollten; aber all das, was wir unterlassen und was wir tun, laßt es uns nicht tun oder nur unterlassen, weil es der Mehrheit irgendwie ehrenhaft oder gemein erscheint, sondern weil es durch die Vernunft und den Gott in unserem Innern verboten ist.

bild_sunrise_41969_s130_1Bildtext: Münze mit dem Bild Julians; "Securitas Reipublicae" auf der Rückseite bedeutet Gelassenheit.

Daraus ergibt sich Glückseligkeit:

Das Ende und Ziel der kynischen Philosophie, wie überhaupt jeder Philosophie, ist Glückseligkeit, aber eine Glückseligkeit, die darin besteht, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben und nicht im Einklang mit den Meinungen der Masse.

Ist es daher nicht absurd, wenn ein Menschenwesen versucht, irgendwo außerhalb seiner selbst, das Glück zu finden und glaubt, daß Wohlstand und Geburt und der Einfluß von Freunden ... von größter Wichtigkeit ist? ... Deshalb müssen wir sagen, daß in unseren Gemütern, in unserem besten und edelsten Teil, das Glück wohnt.

Diese eigenen Worte Julians, zitiert in einer vortrefflichen Übersetzung, zeigen uns die Klarheit und die Präzision seines Denkens. Liest man seine Gespräche und Briefe, so vertieft sich dieser Eindruck mehr und mehr. In seiner Rede "An den Kyniker Heracleios" spricht er über die Mythe und zeigt, daß die Mythe zweckmäßigerweise dazu verwendet wird, um tiefgründige Lehren (die Mysterien) zu lehren.

Die Natur verbirgt gern ihre Geheimnisse und duldet es nicht, daß die verborgene Wahrheit über die essentielle Natur der Götter in unverhüllten Worten zu den Ohren der Profanen gelangt...

Durch Rätsel und Verdramatisierung der Mythen wird jenes Wissen der Menge zugänglich gemacht, die die göttlichen Wahrheiten in ihrer reinsten Form nicht empfangen kann. ... Je paradoxer und je rätselhafter das Rätsel ist, desto mehr scheint es uns zu ermahnen ... sorgfältig die verborgene Wahrheit zu studieren.

Beim Amtsantritt schilderte Julian in seinem Beglaubigungsschreiben an die Athener in anschaulicher Weise die Ereignisse seines äußeren Lebens. In Rede VII erzählt er seine Lebensgeschichte in mythischer oder allegorischer Form. Damit bringt er den Gedanken zum Ausdruck, daß der Verlauf des Innenlebens aller Menschen, das die wahre Bedeutung enthält, am besten in allegorischer Form geschildert wird.

In diesem Zusammenhang steht Julians Satire oder Symposium "The Caesars" ("Die Cäsaren"), worin die lange Reihe römischer Kaiser von den Göttern der Mondregion, in der Nähe des Olymp, eingeladen worden sind. Jeder muß einen Bericht über die bedeutenden Leistungen seines Lebens abgeben und die geheimen Absichten preisgeben, die ihn bewegten: ein Hinweis auf jenen Augenblick der Wahrheit, auf den in den meisten Religionen Bezug genommen wird, und dem jede entkörperte Seele entgegensieht. Dabei wird auch ein prüfendes Licht auf die römische Geschichte geworfen und sie so betrachtet, wie sie durch die Augen derer, die sie gemacht haben - nämlich der Kaiser selbst - gesehen wurde.

Julian teilte den Glauben der Neuplatoniker, der auf dem Grundsatz beruht, daß es viele Pfade zur Wahrheit gibt; deshalb suchten sie nach Lehren, die in allen Glaubensrichtungen essentiell vorhanden waren. In seiner ungezwungenen und undogmatischen Art stellt er fest, daß man

... in jeder philosophischen Sektion Betrachtungen über jene, die den höchsten Rang erreichten, anstellen kann und dabei feststellen wird, daß ihre Lehren alle übereinstimmen. ... Alle Philosophen haben ein einziges Ziel, wenn sie es auch auf verschiedenen Wegen erreichen.

An anderer Stelle sagt er:

Ich glaube noch immer, daß es sogar vor Herakles und nicht nur unter den Griechen, sondern auch unter den Barbaren Männer gegeben hat, die diese Philosophie hatten, denn es scheint in vieler Hinsicht eine Universale Philosophie zu sein und auch die natürlichste. ...

Das alles läßt auf die Art der Lehren schließen, die Julian der Welt gegeben haben würde, wenn er länger gelebt hätte. Sei es Neuplatonismus, Mithraismus, Kynismus oder Stoizismus: alle verkörperten die gleichen essentiellen Wahrheiten. Von den christlichen Interpreten wird der Neuplatonismus gewöhnlich als ein undurchsichtiger und unverständlicher Mystizismus definiert. T. R. Glover lehnt ihn ab als "jenes seltsame Gemisch aus Denken und Mystik, Frömmigkeit, Magie und Absurdität, welches Neuer Platonismus genannt wird und nichts mit Plato zu tun hat" (The Conflict of Religions in the Early Roman Empire) (Der Konflikt der Religionen im alten Römischen Reich). G. H. Rendall bringt in The Emperor Julian (Der Kaiser Julian) (1879) dem Neuplatonismus aber mehr Achtung entgegen, indem er "den spirituellen Elementen im Menschen den Vorrang gibt", und seinen Prinzipien einen gerechten Platz einräumt. Er sagt: "Jamblichus folgte den Zahlenformeln der Pythagoräer ... und ... zeigte, daß dort tiefe Geheimnisse der Religion und Philosophie liegen." "Er gewann eine Schar Anhänger und machte ihre Philosophie populär. Sie priesen Pythagoras und entthronten Aristoteles." Das war die Schule, mit der auch Julian übereinstimmte.

Die christliche Kirche würde zweifellos eher Nutzen daraus gezogen haben, wenn sie die neuplatonische Anschauung akzeptiert hätte, anstatt sie verächtlich von sich zu weisen. Insbesondere die Lehre von den Hierarchien, - die heute so wenig verstanden wird und sich auf den Ursprung und die Struktur des Kosmos bezieht sowie auf die gegenseitige Verwandtschaft der verschiedenen Klassen oder "Reiche" auf der Leiter des Lebens, den Menschen eingeschlossen, der in den verschiedenen Facetten seines gesamten Wesens diese gleiche Struktur widerspiegelt. Die Christliche Kirche war Jahrhunderte hindurch ohne Zweifel für jene ein Brennpunkt der Hingabe, die nach dem Göttlichen strebten; aber die neuplatonische Darstellung des Universums hätte die unausgesprochenen Gedanken und Ansichten, die die Struktur des inneren Lebens eines jeden Menschen gestaltet, bereichert.

Die Schriften Kaiser Julians bringen uns eine Philosophie im erhabenen Stil hochkultivierten Denkens und in der Art eines Geistes, der darin völlig zu Hause ist, nahe. Wenn wir uns in diesem erstaunlichen Zeitalter der großen Veränderungen beständig bewußt bleiben, daß es uns frei steht, umfassendere Begriffe, die wir als Wahrheit anerkennen, in uns aufzunehmen, dann besteht Hoffnung, daß seine Werke unter vielen anderen alten und wundervollen Schriften ohne Vorurteil und mit Verständnis gelesen werden.

Fußnoten

1. Drei Bände mit griechischem Text und englischer Übersetzung, Harvard University Press, Cambridge, Mass.; William Heinemann, Ltd., London 1913-1962. [back]
2. Nach Julian war Kynismus ein Zweig der Philosophie, der dem Edelsten gleichkommt. Er wurde von Antisthenes, einem Schüler des Sokrates, gegründet. [back]