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Die Mysterien - Tradition der Hopis

Das Bild, das wir vom Mittleren Nordamerika haben, und das uns seit Anfang des 16. Jahrhunderts anhand der Geschichte verblieb, zeigt eine Welle fremder Eroberer, die durch das Schicksal angeschwemmt wurde; die sich nach Westen ergoß über Berge und Prärie und gegen die die Ureinwohner des Landes mit hoffnungslosem Mut ankämpften. So sah das Bild etwa dreihundert turbulente Jahre lang aus. Während all das geschah, existierte in den Mesas, der seit unvordenklichen Zeiten bestehenden Wüste des Südwestens, ein friedfertiger Stamm, die sensitiven Hopis. Sie führten ein ruhiges und geregeltes Dasein in Übereinstimmung mit den traditionellen Regeln der spirituellen Unterweisung und hielten jährlich Mysterienspiele ab, die teilweise öffentlich als Tänze auf dem Dorfplatz zu sehen waren und teilweise geheim in der kiva, der unterirdischen Einweihungskammer, abgehalten wurden. Bei ihren regelmäßigen Konzentrations- und Gebetsübungen waren sie nicht nur auf das Wohlergehen ihres eigenen Stammes bedacht, sondern auch auf den Fortschritt aller Menschen und aller Wesen auf dem Lebenswege. Diese Riten, innerhalb des Rahmens einer majestätischen Kosmogenie, die Welten und Universen umschließt, wurden zahllose Generationen hindurch unter tiefster Geheimhaltung überliefert.

Seit Jahren waren die Vorgänge der Zeremonien in den kivas Anlaß für Mutmaßungen. Schon 1906 hatte ein Mennonitenpastor, der in Oraibi (Arizona) wohnte, Zutritt zu einer der heiligen Feiern in der kiva erlangt. Mit beachtlicher Genauigkeit photographierte er jede Anordnung und jedes Merkmal des Inneren und machte Bilder von den Teilnehmern, bevor die Hopis merkten, was dies bedeutete. Diese Photos bildeten die Grundlage für eine Ausstellung im Field Museum von Chicago, wo eine Nachbildung einer kompletten kiva gezeigt wurde. Trotz der Veröffentlichung wurde jedoch keinerlei Hinweis über die Symbologie oder die dahinterliegenden Lehren ans Licht gebracht. Spätere Forscher wurden ebenfalls durch die Verschwiegenheit der Hopis über diesen Ring-überschreite-nicht irregeleitet.

Die Reaktion der Hopis auf die einschneidenden Auswirkungen des heutigen Einflusses war ganz realistisch. Sie sahen das Ende einer Epoche und den Einbruch unwiderstehlicher neuer Kräfte. Oraibi, ihr größtes Dorf, wo seit undenklichen Jahren die Rituale des Stammes in ihrer größten Reinheit und Vollständigkeit ausgeführt wurden, war beinahe zu einer Geisterstadt geworden, und wirkliche Zauberei hatte sich eingeschlichen, um die Reinheit des Dorflebens zu unterminieren. Laut einer alten Prophezeihung, die auf ihren heiligen Tafeln1 geschrieben steht, beschlossen die Stammeshäuptlinge, ihr gesamtes Lehrgebäude zu offenbaren, damit es der Nachwelt nicht verloren ginge. Dabei kam ihnen auf halbem Weg ein aufgeschlossener und sympathischer Gelehrter, Mr. Frederick Howell, entgegen, der die Arbeiten der Übertragung und Übersetzung leitete und mit der finanziellen Hilfe der Charles Ulrick- und Josephine Bay-Stiftung in Angriff nahm.

Etwa dreißig der Hopi-Ältesten waren die Sprecher. Frank Waters, ihr langjähriger Freund, der als einfühlsamer Schriftsteller über indianische Dinge keinerlei Vorstellung bedarf, übernahm es, die Übersetzung der Hopi-Geschichten zu schreiben und in Buchform zu bringen. Sie wurden auf Tonband gesprochen und der Stammeshäuptling Weißer Bär Fredericks, ein Mann mit Universitätsbildung, und dessen Frau Naomi, übernahmen die Übersetzung. Die Sprecher betrachteten ihre Arbeit als eine heilige Verpflichtung und nahmen kein Entgelt an. Das Resultat ist das Buch der Hopi2, das vielleicht das beachtlichste und ethnologisch wichtigste Buch ist, das in unserer Generation herausgebracht wurde. Sicher ist es jedoch eines der schönsten, mit zahlreichen Illustrationen, davon viele in Farbe. Es zeigt die symbolischen, traditionellen Zeichnungen, die auf Keramiken und auf Körben angebracht wurden, oder als Gravierungen auf Felsen und als Reliefs in Höhlen und an Tempelwänden zu finden sind.

Der geistige Bereich der Hopis umschließt das gesamte Sonnen-Universum und die ganze Zeit seit dem Anfang der Welt, als nur endloser Raum war, eine "grenzenlose Leere", und potentielles Leben nur im Gemüt von Taiowa, dem Schöpfer, existierte. Dann rief Taiowa Sotuknang hervor, um die sieben Welten für das künftige Leben zu formen. Zuerst wurden Wasser und Luft ins Dasein gebracht; die Götter, deren Aufgabe es war, die Welt zu festigen, wurden herbeigerufen und die göttlichen Zwillinge, Pöqanghoya und Palöngawhoya, nahmen ihre Plätze an den zwei Polen ein und versetzten die Welt in rotierende Bewegung: "die Vibrationszentren längs der Erdachse von Pol zu Pol widerhallten von ihrem Ruf; die ganze Erde erzitterte; das Universum bebte im Einklang." Die erste Phase der Schöpfung fand zur Zeit des dunklen Purpurlichts statt.

In der Zeit als das gelbe Licht kam, drang der Lebensatem in den Menschen ein. Beim roten Licht, der Zeit der aufsteigenden Sonne, war der Mensch "fertig geformt und unveränderlich" und "stand stolz seinem Schöpfer gegenüber." Diese erste Schöpfungsdämmerung sehen die Hopis noch immer bei jedem Sonnenaufgang in der Wüste, wenn sie zum östlichen Grat der Mesa gehen, um jeden Tag erneut als menschliche Wesen in ihrer ursprünglichen Stärke und Reinheit erschaffen zu werden. In gleicher Weise werden die Zeremonien bei der Geburt eines Kindes und danach zwanzig Tage lang vorgenommen. Im Geiste geht man dabei zurück auf diese Urdämmerung, bis das Kind ganz aus dem dunklen Hause wiedergeboren ist, um seiner Vatersonne vorgestellt zu werden.

Weiterhin berichten die Hopis, wie dem Menschen die Sprache gegeben wurde und er die Macht zur Fortpflanzung erlangte, und wie die Kachinas, die göttlichen Unterweiser, den Frühzeitmenschen Ackerbau, Medizin, Astronomie und die Künste des Lebens lehrten. Und sie erzählen von den Menschengeschlechtern auf den aufeinanderfolgenden Welten Eins, Zwei und Drei und dem, was am Ende deren Lebensspanne daraus hervorging und dann in diese gegenwärtige Welt, die vierte überging, die bereits in Vorbereitung für die nächste Welt, die fünfte, ist. Dieses Auftauchen von Welt zu Welt hatte die Zerstörung früherer Kontinente zur Folge, entweder durch Feuer (Vulkantätigkeit, einem Feuerregen), oder durch Überschwemmungen. Sie verzeichnen auch eine Sintflut, bei der die Erdachse wie ein auslaufender Kreisel schwankte, dann zwei vollständige Umdrehungen machte, wodurch der ganze Globus in Ketten von Eis gehüllt wurde. Diese Kataklysmen wurden durch die Last des Bösen verursacht, das sich durch die Bewohner der verschiedenen Welten angehäuft hatte. Jene, die sich dem Übel hingaben, wurden vernichtet, während diejenigen, die sich ein "reines Herz bewahrt" und nie die Verbindung mit ihrem Schöpfer verloren hatten, gerettet wurden.

Aus diesen Lehren haben die Hopis, um mit Mr. Waters Worten zu sprechen, "ein kosmisches Drama gestaltet. Das gesamte Mehrwelten-Universum ist die Bühne: die kataklysmischen Epochen geologischer Veränderungen liefern die Kulissen, und die Darsteller sind die Hopis selbst, getarnt wie alle Menschheitsrassen." Diese prähistorischen Rückerinnerungen entsprechen genau der Chronologie der Hindu- und tibetanischen Schriften, wie auch den archaischen Stanzen des Dzyan, auf welche H. P. Blavatsky ihre Geheimlehre begründete, und in gewissem Grade den Traditionen vieler anderer alter Völker. Mr. Waters ist erstaunt, daß "die Hopis so außerordentlich auf die Lehren einer anderen Hemisphäre abgestimmt sind..." und warnt uns vor "oberflächlichen Rationalisierungen", die dazu neigen den Hopi-Mystizismus und Symbolismus als "primitiven Unsinn herabzusetzen."

Nach allem, was wir wissen, können die Hopis und andere amerikanische Eingeborene Überlebende einer Rasse sein, die älter ist als unsere und die, zumindest in einigen Stämmen, spirituell reifer sind, die etwas Wertvolles von einem früheren Kontinent und einer Zeit bewahrten, das sie nun an uns weitergeben. Die Hopis sind der Meinung, daß es ihre Vorfahren waren, die vor der Sintflut, die die dritte Welt verschlang, bewahrt wurden, und die ihren Weg von Insel zu Insel, die von dem versunkenen Kontinent übrigblieben zogen, bis sie am Ende, nach vielen Jahren, das neue Land erreichten, das ihre Heimat werden sollte (der amerikanische Kontinent). Die gleiche Darstellung dieser Pilgerfahrt nach dem neuen Land ist im Popul Vuh der Quiché Mayas zu finden. Dies widerlegt die Theorie von der Bering Straße, die nur in Unkenntnis solch kontinentaler Untergänge konstruiert wurde.

Nachdem sie ihr Bestimmungsland erreicht hatten, begannen die verschiedenen Stämme ihre Wanderungen, wie es auf den heiligen Tafeln angeordnet war. Sie verteilten sich nach den vier Himmelsrichtungen. Jede Sippe folgte ihrem Leitstern und mußte weitergehen, bis sie die äußerste Grenze erreicht hatte - den páso oder Meeresstrand, die nordpolare Eiskappe, oder sogar hinunter bis zur südlichsten Spitze von Südamerika. Längs ihres Weges bauten und bewohnten sie Dörfer und zogen dann weiter. Dabei gravierten sie jedesmal an die Felsen ihr Stammeszeichen und eine Hand, die den Weg weist, den sie genommen hatten. Diese Steinzeichen werden heute an weit voneinander entfernten Stellen gefunden. Die Wanderungen selbst waren Reinigungszeremonien, "wobei Generationen hindurch all das latente Böse ausgejätet wurde, das von der vorhergehenden (dritten) Welt herübergebracht war." Als im Laufe der Zeit die vier Wanderungen beendet waren, mußte jede Sippe ihre ständige Heimat finden und sich ansiedeln, wie die Hopis dies in Oraibi getan hatten. (Oraibi ist tatsächlich als der älteste, immer besiedelte Ort der beiden Amerikas bekannt. Die moderne Forschung, die Zeitbestimmungsmethode mittels C 14, etc., nimmt als Zeitpunkt, in dem die beiden Amerikas durch die indianischen Rassen besiedelt wurden, 20000 oder sogar 30000 Jahre an.) Einige Stämme führten nicht alle vier Wanderungen aus, sondern ließen sich an Orten nieder, die ihnen gefielen und konnten sich deshalb nicht die ganze Zeit über behaupten. Darunter nennen die Hopis die Mayas, die Tolteken und Azteken.

bild_sunrise_11967_s10_1Dieses kosmische Drama und die Rolle des Menschen darin wird wiederholt, wirklich wieder erlebt in den Mysterienspielen der kiva. Mit dem Wúwuchim im November beginnt es. Dann kommt das Soyál zur Wintersonnenwende, gefolgt vom Powamu im Januar oder Februar. Diese bilden den großen Winterzyklus, in dem das Epos der Evolution dargestellt wird, vom ersten Erwachen des ungeoffenbarten Universums zur Offenbarung und Entwicklung der Welten und aller Lebensformen, die sie tragen. Dann kommt das Sichtbarwerden der aufeinanderfolgenden Welten, symbolisch für die innere Wiedergeburt und dann die Wanderungen. Im Wúwuchim werden in bestimmten Jahren junge Männer initiiert "in ein weiteres Stadium spirituellen Trainings." Die Zeremonie wird durch die Bewegung der Sterne bestimmt. Der Durchgang der Plejaden und des ersten Sternes im Gürtel des Orion über der Dachöffnung der kiva ist das Signal für den Priester, um die Reise des Menschen auf dem Rad des Lebens durch die sieben Welten, welche die sieben Universen einschließen, wieder zu erzählen. Menschen, gekleidet als spirituelle Wesen (Sternengeister), kommen die Leiter herunter, "wobei sie einen Ton mit dem Atem von sich geben, wie die Winde im All."

Bildtext: Markierungszeichen der Wanderung.

Es genügt schon, den Bericht über eine Zeremonie in der kiva zu lesen, um das Bewußtsein zu erweitern, und uns universale Kräfte wahrnehmen zu lassen. Wenn die Priester, Initianten und Ältesten dort sitzen, im Dunkel, das nur durch das Glühen der Feuerstelle erleuchtet wird - des sipápuni - ertönt auf dem Dach ein Stampfen, und die Leiter herunter kommen die himmlischen Wesen, die Kachinas, in allen Variationen symbolischer Kostüme. Dies alles sind Darstellungen von Wesen aus dem All, Teile von Sternen- und Planetenkräften und den Naturreichen und anderen Wesenheiten. Ursprünglich waren einige davon Geister, die in früheren Zeiten gesandt wurden, um die Menschen sowohl in der Geschichte früherer Welten als auch über den Zweck unserer eigenen bekannten Welt zu unterrichten. Sie lehrten über die Öffnung am oberen Kopfende (dem Brahmaranda in östlichen Schriften), die es dem Menschen ermöglichte mit den Göttern zu verkehren und miteinander, ganz gleich aus welcher Entfernung der Erde. Weiterhin, "wie sie offengehalten wird, und so mit dem Schöpfer gesprochen werden kann." Unter den Kachinas sind sogar einige, die früher Menschen waren, die durch ihre eigenen Anstrengungen sich selbst von den niedrigeren Welten befreiten und nun in den höheren Sphären daheim sind, aber den Menschen zugänglich bleiben, um ihnen auf ihrem langsamen und schmerzlichen Weg zu helfen.

Herr der Mysterienspiele "Abschied von den Kachinas" zur Sommersonnenwende, ist der Niman Kachina, wenn diese Wesen, die seit der Wintersonnenwende nahe waren, um "die Segnungen von anderen Sternen, Welten und Planeten zu bringen", ihren zyklischen Abschied nehmen. Zum Schluß kommen die Riten, die zum großen Schlangen-Antilopen-Tanz führen, dessen Sinn als "eine Reinigung von Innen" gilt, und die mystische Hochzeit der zwei Polaritäten der schöpferischen Natur des Menschen ist. Es ist dies der größte aller Tänze, der den Regen bringen soll und von dem es heißt, daß er nie versagte.

Mr. Waters hebt hervor, daß die Idee der Wiederverkörperung in den Hopilehren nicht deutlich hervorgehoben wird, da sie bereits in ihrer großartigen Vorstellung von der kosmischen, evolutionären Reise enthalten ist, die ein zusammenhängendes Ganzes der "sieben Universen ist, wobei jedes mit seinen sieben aufeinanderfolgenden Welten, insgesamt neunundvierzig Zustände der menschlichen Entwicklung den Lebensweg entlang enthält." Dieses wird durch den Áholi Kachina in der Powamu-Zeremonie eindrucksvoll dargestellt. Dem einfachsten Hopi wurde diese Kontinuität durch Vater Sonne symbolisiert, der jede Nacht in die Unterwelt hinuntergeht, nur um am Morgen erneut aufzusteigen.

Im Zusammenhang mit den richtungweisenden Symbolen, die an Felsen und Tempelwänden von den wandernden Stämmen hinterlassen wurden, war der große Sonnentempel in Mesa Verde in Colorado durch die Hopi-Lehrer voll beschrieben worden. Es behandelt die Planung der Örtlichkeit und ihre Beschreibung, sogar die des heiligen Nadelbaumes, der dort wachsen sollte. Eine Expedition, die organisiert wurde, um dies zu prüfen, fand alles genau wie beschrieben. Für die Hopis ist der berühmte Schlangenberg in Ohio "Der Wächter des Ostens." Es gibt Hopi-Stammeszeichen an den Felsen des Ostgrates des großen Pueblo von Casas Grandes in Chihuahua, Mexico, und die Hopischriften zeigen, daß sieben Hopistämme die große Wanderung zur Südspitze von Südamerika vollendeten. Mr. Waters weist auf die Feststellungen von Dr. H. S. Gladwin und Dr. Clyde Keeler hin, daß der Irrgarten oder das Labyrinth, das auf einer Innenwand der Casa Grande Ruine in Florence, Arizona, eingraviert ist, mit den Prägungen auf den Geldstücken, die in Knossos auf Kreta gefunden wurden, identisch ist, und daß das Symbol längst in der ganzen Welt bekannt war. Für die Hopis stellen die Linien des Irrgartens unter anderem den Plan oder Pfad des Schöpfers dar, welchem der Mensch auf dem Lebensweg folgen muß. Der Irrgarten als Ganzes bedeutet für sie die spirituelle Wiedergeburt von einer Welt in die nächste.

Wieso waren die Hopis imstande, diese Lehren in ihrer Reinheit viele tausende von Jahren hindurch zu bewahren? Alle Instruktionen, die diese Menschen erhielten, waren so gehalten, daß sie jede Handlung ihres Lebens beeinflußten, so daß ihre Stärke fest im Herzen verwurzelt war. Alle Hopikinder wurden entweder im Powamu- oder Kachina-Stamm initiiert. Es wurde ihnen gelehrt, daß die Sonne und die Erde lebende Wesen sind wie sie selbst; die Sonne ihr Vater, die Erde ihre Mutter. Diese Göttlichen, so lernten sie, waren ihre eigentlichen Eltern: ihre menschlichen Väter und Mütter waren nur die Mittler: und, obgleich jedes Kind zu einer menschlichen Familie und zu einem Stamm gehörte, war es auch ein Bewohner des großen Universums, dem es wachsende Ergebenheit schuldete, in dem Maße, in dem sein Verständnis sich entfaltete.

Während der zeremoniellen Zyklen wurde strengste Einhaltung der Regeln aufrechterhalten: Initiationstage der Reinigung, Enthaltsamkeit gegenüber gewisser Nahrungsmittel und anderer Genüsse, die tiefe Konzentration, welche alle negativen Gedanken im kiva ausschließt, besondere Förderung all dessen, was den spirituellen Fortschritt der Seele angeht, absolute Korrektheit der Riten bis zu jedem einzelnen Schritt im Tanz, denn jede Handlung und Figur war symbolisch, und, nicht zuletzt, kam das ständige Bemühen, "das Tor am oberen Kopfende offen zu halten", das kópavi, so daß die Verbindung mit dem spirituellen Wächter aufrechterhalten bleiben konnte. Vieles davon scheint auf eine wirkliche Mysterienschule hinzudeuten.

Bezeichnend ist, daß die Hopis trotz der Rolle, welche die Religion in ihrem Leben spielte, nie ein Priesteramt entwickelten. Von jedem verantwortlichen Mann des Dorfes wurde erwartet, daß, wenn er an der Reihe war, er als handelnder oder assistierender Priester in den Mysterienspielen fungierte und, wenn seine Pflicht erfüllt war, er geradewegs zurück ging, um seinen Mais zu hacken. Eine weitere beachtenswerte Tatsache: Es sind die jungen Initianten, die, ganz gleich bei welcher Zeremonie, auf der erhöhten Plattform am Ostende der kiva sitzen; die Priester leiten die Zeremonie von der unteren Ebene, wo sie, als Zeichen der Demut, barfuß stehen. Kein Wunder, daß die Stammesältesten wußten, wann der Moment gekommen war, um die Geheimnisse in schriftlicher Form vertrauenswürdigen Freunden zu übergeben.

bild_sunrise_11967_s14_1Der letzte Teil des Buches der Hopi befaßt sich mit dem Schicksal der Hopis seit dem ersten Kontakt mit der weißen Rasse 1540: der "verlorene weiße Bruder." Damit sind die goldgierigen Spanier gemeint, die nicht verstanden die richtige Antwort auf die in Bruderschaft ausgestreckte Hand zu geben. Wie die Eingeborenen von Mittelamerika, deren Prophezeiungen sie ihren weißen Gott, Quetzalcoatl, erwarten ließen, so traten die Hopis zur gegebenen Zeit den Neuankömmlingen mit vollem Vertrauen und gutem Willen gegenüber, um Grausamkeit und Versklavung und später, beinahe bis zur heutigen Zeit, einer langen Reihe gebrochener Verträge seitens der Machthaber und einem völligen Mangel an Verständnis für die Lebensweise der Hopis und Gleichgültigkeit deren wirklichen Bedürfnissen gegenüber zu begegnen. Bei Betrachtung des Berichts drängt sich einem, nach alle dem, was die beiden Rassen betrifft, die Frage auf: Wer sind nun wirklich die Barbaren?

Bildtext: Kinderrassel der Kachinas – Symbol für Erde, Sonne und Milchstraße.

Eine hervorragende Aufgabe hat Frank Waters mit der Zusammenstellung und Verfassung des Buches der Hopi erfüllt, und er hätte sie weder in so hohem Maße sympathischer Interpretation noch in so lebendiger und poetischer Sprache bringen können, wenn er nicht mit den Hopis im Geiste der Unvoreingenommenheit gearbeitet hätte, gänzlich ohne den anmaßenden Skeptizismus, der gewöhnlich versteckt hinter unserer Einstellung zu den Glaubensanschauungen der Eingeborenen liegt. Dieser Geist ist in folgendem beredten Absatz enthalten:

bild_sunrise_11967_s15_1Daß die Hopis uns nun zum ersten Male ihre grundsätzliche Lebensauffassung enthüllten, verleiht ihrem Geschenk eine Seltsamkeit, die in unserer nationalen Erfahrung einzigartig ist. Sie sprechen nicht als eine geschlagene kleine Minderheit in der reichsten und mächtigsten Nation der Erde, sondern mir der Stimme der gesamten Völkergemeinschaft, die ihr Recht behauptet, aus ihren eigenen ursprünglichen Wurzeln zu leben. Sie anerkennen alte Götter, geformt durch Instinkte, die wir seit langem unterdrückten. Sie stellen erneut einen Lebensrhythmus fest, den wir unglücklicherweise zu ignorieren versuchten. Sie erinnern uns daran, daß wir uns selbst den Erfordernissen innerer Änderung anpassen müssen, wenn wir einen kataklysmischen Bruch zwischen unserem eigenen Gemüt und Herzen abwenden wollen. Nun ist es immer mehr an der Zeit, daß sie sprechen und wir zuhören.

Bildtext: Zeichen der Bruderschaft.

Das Buch wird durch die Hopis "im Geiste der Bruderschaft" angeboten - nunmehr in der Hoffnung, auf einsichtiges Verständnis und die Achtung zu stoßen, die einer alten und edlen Rasse zusteht, die ihre Weisheit einer weniger reifen, aber vitalen und wachsenden Zivilisation übergibt.

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Fußnoten

1. Diese Tafeln waren das Geschenk Masaws, des obersten Gottes unserer jetzigen Welt, nachdem er sich aus der Mitte der Menschen am Ende des Goldenen Zeitalters zurückgezogen hatte. [back]
2. Book of the Hopi von Frank Waters, Zeichnungen und Quellenmaterial von Oswald Weißer Bär Fredericks, The Viking Press, N. Y., 1963. $ 10.00. 347 Seiten, Glossary of Hopi Words. [back]