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Gespräche am runden Tisch: Mitleid und Pflicht

Vorsitzender: Es sind nun schon einige Wochen vergangen, seit wir uns mit der Gîtâ beschäftigten. Zufällig erhielt ich im vergangenen Monat einen sehr interessanten Brief von einer ausländischen Freundin, die kürzlich in einer Buchhandlung ein Exemplar der Gîtâ erwarb. Sie regt sich über den von Krishna empfohlenen "selbstsüchtigen" Pfad, wie sie sich ausdrückte, auf und findet es sehr schwierig seinen wiederholten Rat "gleichmütig gegen Vergnügen und Schmerz zu werden" anders auszulegen als ein Davonlaufen vom Leben. Sie hat das Gefühl, daß die ganze Atmosphäre seiner Belehrung Arjunas dem von Christus, Buddha und anderen Weltlehrern gelehrten Pfad des Mitleids entgegengesetzt ist.

Das Schreiben regt zum Nachdenken an, aber ich glaube, bevor wir zur Besprechung übergehen, sollten wir dort wieder anfangen, wo wir das letzte Mal aufhörten. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir bereits mit dem dritten Kapitel begonnen.

 

Tom: Ja, wir haben zwei Abende darauf verwandt. Ich habe die Stelle angezeichnet, an der wir aufgehört haben. Es war auf Seite 24 unten, nach dem Absatz über den Regen und das Opfer, und daß die Götter die Menschen ernähren, und nach Krishnas Erklärung, daß jede Handlung, im rechten Geist ausgeführt, dem Höchsten entspringt.

Marie: Wir hatten damals eine wunderbare Diskussion, besonders über die gegenseitige Abhängigkeit aller Reiche untereinander. Irgend jemand nannte das eine Bruderschaft, die die ganze Hierarchie des Lebens, vom Höchsten bis zum Niedersten umschließt, und sagte, daß tatsächlich jedes Reich gewissermaßen einen Teil von sich opfert, um den Reichen über (und unter) ihm zu helfen, sich zu entwickeln.

Vorsitzender: Ja, ich erinnere mich jetzt sehr gut. Wir wollen sehen, wie Krishna den Gedanken entwickelt. Möchten Sie den Anfang machen, Ray.

 

Ray: Mir scheint, Krishna trifft direkt den Kern der Sache, wenn er sagt, daß derjenige, der nur seine Leidenschaften und persönlichen Wünsche befriedigt, vergeblich lebt, weil er "das immer in Bewegung befindliche Rad nicht weiterrollen läßt." Er ist dabei kompromißlos.

Vorsitzender: Vollkommen kompromißlos. Entweder wir stemmen unsere Schulter in das Rad des kosmischen Wachstums, in dieses Rad, das durch den göttlichen Impuls, der das Universum ins Dasein rief, "bereits in Bewegung gesetzt war", oder unser Leben ist wertlos. Fahren Sie bitte fort, Ray. Ich hoffe, meine Unterbrechung stört Sie nicht!

 

Ray: Nein, mir gefällt Ihr Gedanke, denn offenbar liegt der einzig wirkliche Wert für uns und für andere nur darin, wenn wir uns selbst vergessen! Das ist eine Art Paradoxon, aber ich vermute, daß Krishna deshalb beständig auf "Nichtanhangen" und auf "Selbstlosigkeit" besteht. Jedenfalls sagt er im nächsten Satz, daß nur der Mensch, der seine Aufmerksamkeit auf das innere Selbst richtet und "damit allein zufrieden ist, kein egoistisches Interesse an seinen Handlungen hat."

Er hat kein Interesse an dem was geschieht, noch an dem was nicht geschieht; auch gibt es kein erschaffenes Ding, worauf er sein Vertrauen setzen würde. Deshalb vollbringe du jederzeit, was du zu tun hast, ohne dich um die Folgen zu sorgen. Denn der Mensch, welcher das ihm Zustehende ausführt, ohne sich an die Früchte zu hängen, erlangt das Höchste.

Er fügt noch hinzu, daß Janaka und andere durch die Ausführung von "Werken" Vollkommenheit erlangten und deutet an, daß wir das auch tun und dabei nur das "Gute für die Menschheit" im Auge haben sollten -

denn was von den angesehensten Menschen getan wird, das wird auch von den anderen getan. Die Welt folgt dem ihr gegebenen Beispiel.

"In den drei Regionen des Universums" gibt es nichts, das für Krishna zu tun notwendig wäre, noch gibt es für ihn etwas zu erlangen, das er noch nicht erlangt hätte; und doch sagt er:

Ich bin alle Zeit in Tätigkeit. Wäre ich nicht unermüdlich tätig, würden alle Menschen sogleich meinem Beispiel folgen. Würde ich keine Handlungen vollbringen, dann müßten alle diese Geschöpfe untergehen; ich wäre die Ursache der Kastenverwirrung und würde all diese Wesen erschlagen haben.

Jene, die es nicht besser wissen, sind in der "Hoffnung auf Lohn" tätig, aber Arjuna sollte "ohne selbstsüchtige Motive" handeln, um "die Welt zu pflichtbewußten, wohltätigen Menschen zu machen"

Hazel: Was Ray vorgelesen hat scheint wenigstens für Ihre Korrespondentin dahingehend eine Antwort zu enthalten, daß der Pfad der Selbstlosigkeit für die Menschheit der eine segensreiche Pfad ist.

Louise: Das mag sein, aber ich schließe mich dem Gedankengang der Dame, die den Brief schrieb an, weil Krishna immer auf das "Erreichen der Vollkommenheit" und auf das "Erlangen des Höchsten" als Hauptziel hinweist. Es ist so unterschiedlich gegenüber Buddha, der auf Nirvâna verzichtete, um "ein Licht für die Welt" zu sein.

Betty: Als ich die Gîtâ das erstemal las, hatte ich ein ähnliches Gefühl. Krishna erschien mir kalt, zu unpersönlich, und ich dachte, wenn er ein wahrer Lehrer sei, müßte er für Arjunas sehr menschliche Unschlüssigkeit und Schwäche mehr Mitleid übrig haben. Aber nach Monaten, und nachdem ich Gelegenheit hatte mehr in den Geist des Ganzen einzudringen und auch Vergleiche mit den Beobachtungen anderer anzustellen, begann ich zu begreifen, daß Krishna tatsächlich eine Art Mitleid zeigt, das nur große Weise zu vertreten imstande sind.

Trudy: Obwohl es nicht in Worten ausgedrückt ist, erscheint mir die Tatsache, daß es einen Lehrer wie Krishna überhaupt gibt, an sich ein Akt des Mitleids. Wenn er diese wunderbaren Wahrheiten verbreitet, wie kann er da einen selbstsüchtigen Pfad vertreten?

Dan: Genauso dachte ich auch. Krishna sagt ohne Umschweife, wenn er nicht "fortwährend in Tätigkeit" wäre, so würde das Universum in Verwirrung geraten und alle Geschöpfe würden sterben. Nun das ist für mich die Zusammenfassung des Mitleids; besonders wenn er hinzufügt, daß für ihn wirklich kein Grund besteht auf Erden zu bleiben, da er hier nichts mehr zu gewinnen oder zu tun hat. Doch er ist trotzdem "unermüdlich tätig" und so wird alles seinen geordneten Gang gehen!

Jack: Sagen die Wissenschaftler nicht, daß sie das Universum zerstören würden, wenn es ihnen gelänge, ein einziges Atom der "Materie" zu vernichten? Es ist etwas Merkwürdiges - sie können weder "Leben" erschaffen noch können sie es zerstören. Alles, was sie mit ihrer Verschmelzung und Spaltung kleinster Teilchen erreichen können, ist eine Reihe Verbindungen aufzulösen und neuen zu erlauben sich zu bilden. Aber die Wissenschaftler erschaffen nicht; sie schaffen nur die Voraussetzung, damit die Umwandlung einer Zusammensetzung der "Materie" in eine andere erfolgen kann. Nun, wie dem auch sei, ich hätte wie Dan gerne gewußt, ob Krishnas Erklärung, daß er dadurch, daß er "unermüdlich in Tätigkeit" ist, die Welten in Gang hält, nicht den Schlüssel für das ganze Leben bildet: für uns selbst, für die Minerale, Pflanzen und Sterne und alles übrige. Denn wenn die Gottheit oder Gott oder Brahman nicht alles in Bewegung setzen und sozusagen durch göttlichen Willen in Gang erhalten würde, würde, wie ich annehme, alles auseinanderfallen und sich auflösen.

Paul: Als entfernte man den Schlußstein eines Gewölbes!

Vorsitzender: Sie haben alle recht. Nein, wir sollten Krishnas Erklärung nicht unterschätzen, daß er, wenn er nicht "unermüdlich in Tätigkeit" wäre - das Wort "Tätigkeit" ist hier unser alter Freund Karma - er die direkte Ursache der Unordnung in den kosmischen Vorgängen wäre und in der Tat der Tod aller Geschöpfe sein würde. Die Tatsache, daß Krishna in den "drei Regionen des Universums" - womit er Himmel, Erde und Unterwelt meinte - nichts mehr zu lernen oder zu gewinnen hatte, deutet an, daß er schon seit langem aus der Schule der rein menschlichen Erfahrung in höhere Sphären des Wachstums aufgerückt war. Aber was tat er? Trat er in Nirvâna ein und wurde ein "jivanmukta" oder ein "befreiter Geist"? Oder verzichtete er wie Gautama Buddha, tausende von Jahren später, auf die Schönheit und das Wunder vollkommener Allwissenheit, um mit der Menschheit und in der Tat mit der ganzen Hierarchie lebender Wesen, die das Universum bilden, verbunden zu bleiben?

Krishna unterrichtet uns darüber im nächsten Kapitel, wo er zu Arjuna sagt:

Wir beide, ich wie du, sind schon durch viele Geburten gegangen.... Ich kenne meine Inkarnationen, aber du weißt nichts von den deinen.

Wenn ich auch selbst ungeboren, von unveränderlichem Wesen und der Herr alles Bestehenden bin, so werde ich doch zufolge meiner Herrschaft über die Natur - welche mein ist - nur durch meine eigene Mâyâ, die mystische Kraft der Selbsterzeugung, dem ewigen Gemüt, verkörpert.

So oft ein Niedergang der Tugend und ein Überhandnehmen der Ungerechtigkeit und Laster in der Welt eintritt, erzeuge ich mich selbst unter den Geschöpfen, oh Sohn Bharatas. Ich verkörpere mich von Zeitalter zu Zeitalter für die Erhaltung der Gerechten, die Vernichtung der Boshaften und die Aufrichtung der Gerechtigkeit.

Hier haben wir einen klaren Hinweis auf Krishna in seiner Rolle als Erlöser oder Avatâra - das Wort stammt aus dem Sanskrit und bedeutet "Abstieg". Es schließt die Reinkarnation oder den "Abstieg" eines göttlichen Einflusses in die menschliche Verkörperung in sich ein. Krishna sagt, daß er nicht nur einmal kommt, sondern periodisch "von Zeitalter zu Zeitalter" in die Welt der Menschheit eintritt, um den Materialismus zu überwinden und das Wissen über die alten Wahrheiten wieder herzustellen.

 

Martha: Darf ich anregen, daß jeder, der an Krishnas feinfühliger Sorge um den Menschen und seine spirituelle Wohlfahrt zweifelt, nur Kapitel X zu lesen braucht? Herr Vorsitzender, ich denke, daß es nicht fehl am Platze ist, wenn ich einen kurzen Abschnitt daraus vorlese:

Aus Barmherzigkeit für sie stehe ich in ihrem Herzen und zerstöre durch die strahlende Fackel der spirituellen Erkenntnis die Finsternis, welche aus Unwissenheit entspringt.

Louise: Genau aus dem gleichen Grunde kam Christus - "Gott hat die Welt so geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab", um, wie Johannes es ausdrückt, ein Licht auf die Finsternis zu werfen. Ich kann es jetzt begreifen, daß eine mitleidsvolle Anteilnahme an der Menschheit den Hintergrund der Gîtâ bildet, obwohl ich immer noch glaube, daß es, wegen der Betonung der Selbstentwicklung, anfangs schwierig zu erfassen ist.

Frank: Ich glaube, wir sollten darauf achten, nicht zu versuchen, alles in ein und dasselbe Gedankensystem zu zwängen. Wenn wir zum Beispiel den Buddhismus oder die Schriften von Frau Blavatsky und besonders ihre Stimme der Stille studieren, finden wir "zwei Pfade" zur Selbsterkenntnis erwähnt: der eine wird als "selbstsüchtig" betrachtet, weil das Ziel nur für sich selbst angestrebt wird; der andere Pfad wird der "mitleidsvolle" genannt, weil alle gewonnene Erkenntnis zum Segen aller erworben wird. Wenn uns diese Idee interessiert, ist es für uns nur natürlich, zu versuchen, sie irgendwo ausführlich dargelegt zu finden; aber ich habe das Gefühl, daß wir die Gîtâ vielleicht einfach nur deshalb ungerecht beurteilen, weil sie diesen Begriff scharfsinniger behandelt.

Vorsitzender: Das ist ein wichtiger Punkt, Frank, und es freut mich, daß Sie ihn erwähnen.

 

Dick: Können wir nicht diese beiden Pfade in der Gîtâ finden? Ich denke, es kommt eben darauf an, was wir suchen.

Vorsitzender: Sehr richtig. In Wirklichkeit jedoch ist die Unterscheidung zwischen den "zwei Pfaden" zur vollkommenen Erkenntnis des Selbstes weder neu noch war Buddha der erste, der sie verkündete. Sie bildet den esoterischen Kern der von jedem Erlöser, Avatâra oder Christus, den die Welt je gesehen hat, gegebenen Lehre. Trotzdem wurde ihre tiefer liegende Bedeutung auf Grund der dogmatischen Lehren, die die reine Botschaft wiederholt verdunkelten, immer wieder vergessen. Und wenn sie auch bei Prüfung jeder Lehre auf Qualität den Prüfstein bildet, so sollten wir dennoch nicht so töricht sein, eine Schrift nur nach ihrer äußeren Ausdrucksweise einzuschätzen. Wenn wir das tun, so kann es sein, daß wir den von uns gesuchten Weisheitskern nicht finden.

Nun möchte ich hier noch einen anderen Gedanken beitragen, der uns vielleicht hilft, das Bild abzurunden. Wie Sie wissen, lebte und lehrte in Indien, etwa sechshundert Jahre vor Christus, Gautama - der später, nachdem er unter dem Bodhibaum Selbsterkenntnis erlangt hatte, der "Buddha" oder der "Erleuchtete" genannt wurde. Zu dieser Zeit waren die Brahmanen, die sich als die einzigen Bewahrer allen spirituellen Wissens betrachteten, in der Auslegung ihrer alten Schriften sehr strenge. Aber da erscheint Buddha mit seiner Botschaft der Erlösung für alle Menschen und nicht nur für einige Bevorzugte. In seiner einfachen aber dynamischen Weise teilte er der Menge gerade die Lehren mit, die die Brahmanen Jahrhunderte hindurch "in ihrer geschlossenen Hand geheim" hielten. Eine der gewichtigsten dieser Lehren war die Versicherung, daß alle Menschen, ohne Rücksicht auf Geburt oder Kaste, individuelle Erlösung erlangen können, wenn sie nur den Vier Edlen Wahrheiten folgen, die über die Ursache und das Ende des Leides und über den Edlen Achtfachen Pfad berichten, der zur Erleuchtung führt. Eine Lehre war es vor allem, die bei vielen Widerhall fand und die von der nördlichen oder Mahâyâna Schule des Buddhismus bewahrt wurde, die Lehre vom Unterschied der Qualität und des Zieles jener, die dem Pfad der Anstrengung nur für sich, dem sogenannten Pratyeka Pfad und jener, die dem viel schwierigeren Pfad des Mitleids folgen. Dieser ist der "todlose" oder der Amrita Pfad, von dem Gautama die Verkörperung darstellte, auf dem der Jünger nur nach Selbstbemeisterung und Selbsterkenntnis strebt, um die Frucht einer solchen Überwindung auf den Altar des menschlichen Fortschritts zu legen.

 

Dick: Die Betonung dieses Punktes wird Buddha bei Brahmanen nicht sehr beliebt gemacht haben.

Tom: Ich glaube, daß ihm trotzdem viele von ihnen gefolgt sind. Doch ich versuchte herauszubekommen, wann die Gîtâ geschrieben wurde und ob das Volk diese Schrift schon kannte als Buddha kam, oder nicht.

Vorsitzender: Niemand weiß genau, wann die Bhagavad-Gîtâ, die, wie Sie alle wissen, eine kleine Episode aus dem großen indischen Epos, dem Mahâbhârata, darstellt, in Wirklichkeit schriftlich niedergelegt wurde. Das von einigen Gelehrten angenommene früheste Datum ist zwischen 400-500 v. Chr., was etwa ein Jahrhundert nach der Zeit Buddhas wäre. Ihr Inhalt ist natürlich viel älter. Ihre Überlieferungen und ihre Philosophie geht möglicherweise auf Krishna selbst zurück, von dem gesagt wird, daß er vor etwas über 5000 Jahren starb. Aber während der Jahrhunderte, die vergingen, ehe ihre Lehren niedergeschrieben wurden, kann sie ziemlich viel von ihrer esoterischen Stärke verloren haben. Doch selbst so, wie wir sie heute besitzen, ist sie eine Schrift von unschätzbarem Wert. Sie brachte Jahrhunderte lang Millionen Hindus Inspiration und Führung und offensichtlich tut sie heute hier, in der westlichen Welt, dasselbe, wie die große Zahl der Taschenausgaben bezeugt, die gedruckt und an den Zeitungskiosken verkauft werden.

 

Ray: Mir kam eben der Gedanke, daß wir ihre schriftliche Form möglicherweise Buddha verdanken?

Tom: Was wollen Sie damit sagen? Die Gîtâ ist keine buddhistische Schrift. Sie ist das Erbauungsbuch der Anhänger des Brahmanismus.

Ray: Ja, das weiß ich schon, aber es wurde schon erwähnt, daß es gewisse "geheime" Lehren gab, über die die Brahmanen Generationen hindurch eifersüchtig wachten und sie vielleicht sozusagen nur "von Mund zu Ohr" weitergaben. Wenn daher Buddha den Leuten geradezu sagte, daß der Weg zur Erleuchtung für jedermann offen sei, ohne Rücksicht ob sie Brahmanen, Sudras oder auch Ausgestossene wären, kann das den Brahmanen den Anstoß gegeben haben, mehr von ihren mündlichen Überlieferungen aufzuzeichnen. So kam es vielleicht, daß die Gîtâ niedergeschrieben wurde.

Vorsitzender: Da kann etwas daran sein, Ray, wenigstens ist so etwas möglich; aber offen gesagt, wir wissen es nicht. Deshalb hoffe ich, niemand von Ihnen wird "mit der Puddingschnur weglaufen", wie wir in Pennsylvanien sagen, und kategorisch behaupten, "so war es."

Nun, wie gewöhnlich sind wir wieder abgeschweift. Ja, Betty?

 

Betty: Eine der Schwierigkeiten besteht darin, daß Krishna so viele Formen anzunehmen scheint. Im ersten Kapitel ist er einfach Arjunas Freund, der dessen Wagenlenker und Führer wird. Doch sobald wir das Gedicht symbolisch auslegen, ist es nicht leicht zu entscheiden, ob Krishna Arjunas höheres Selbst, ein Weltlehrer, oder sogar ein Gott ist!

Vorsitzender: Das ist wahr, aber wenn wir nicht vergessen, daß es im Göttlichen keine Trennung gibt, ist es in Wirklichkeit nicht so schwierig. Denken Sie an Krishna immer als an einen Ausdruck der Göttlichen Intelligenz - in seinem kosmischen Aspekt Brahman oder dem Höchsten Geiste gleich. In seiner menschlichen Form ist er eins mit dem Göttlichen Selbst oder dem Âtman Arjunas und als solcher ist er der Führer und der Freund der ganzen Menschheit. Außerdem, wenn wir von ihm als "unermüdlich tätig" sprechen, sein "dharma" oder seine Pflicht erfüllend, damit das Universum und seine ganzen Heere von Geschöpfen wachsen und sich entwickeln können, können wir Krishna mit einem kosmischen Hierarchen vergleichen, der, einem Atlas gleich, die mitleidsvolle Bürde des Karma der Welt auf seinen mächtigen Schultern trägt. Nein, wenn wir empfänglich dafür sind, werden wir finden, daß die Gîtâ die Verkörperung des höchsten Mitleids darstellt.

Wir sollten jetzt besser mit dem Lesen fortfahren. Beachten Sie, wie klar Krishna seine menschliche Rolle als feinfühliger und rücksichtsvoller Ratgeber aufnimmt, der Arjuna davor warnt, bei jenen, die nur wenig wissen und deshalb an den "äußerlichen Arbeiten" hängen, "Verwirrung in der Unterscheidung" zu schaffen. Er sagt ihm, wenn er ungezwungen in seinem Leben das Beispiel geben wird, andere folgen werden und auf diese Weise wird das "so bereits in Bewegung gesetzte Rad" sich weiter drehen. Wilbur, würden Sie bitte von da an fortfahren?

 

Wilbur: Krishna führt nun die drei "Qualitäten" oder Gunas an, denen alle Handlungen entspringen und erklärt, daß jene, die getäuscht sind, sagen "Ich bin der Handelnde", weil sie nicht wissen, daß das innere Selbst, Âtman, von diesen "Qualitäten" getrennt steht und von ihnen nicht beeinflußt wird. Aber er erinnert Arjuna wiederum sorgfältig daran, "jene, deren Wissen unvollkommen und deren Unterscheidung schwach ist" nicht zu verwirren noch sie zu ermutigen, in der Erfüllung ihrer Pflicht nachzulassen.

Indem du jede Tat mir widmest und deine Meditation auf dein Höheres Selbst richtest, entschließe dich zum Kampf, aber ohne Erwartung, ohne Selbstsucht und ohne Ängstlichkeit.

Elmer: Verzeihung, aber ich verstehe nicht, was mit den "Qualitäten" gemeint ist. Ich vermute, daß Sie schon früher, als ich nicht hier war, darüber gesprochen haben, aber wenn es möglich ist, wäre ich für eine kurze Erklärung sehr dankbar.

Vorsitzender: In Ordnung, Elmer. Wir haben uns vor einiger Zeit damit beschäftigt,1 aber es ist ein wichtiges Thema, und da es in späteren Kapiteln wiederholt vorkommt, ist es gut, uns erneut mit ihnen zu beschäftigen. Einfach erklärt, von den drei "Qualitäten", im Sanskrit die Gunas genannt, wird gesagt, daß sie überall gegenwärtig sind und sowohl unseren Globus als auch das Bewußtsein des Menschen umgeben und durchdringen. Die höchste Qualität ist sattva mit den charakteristischen Kennzeichen von Wahrheit, Licht, Weisheit und Gemütsruhe. Die mittlere Qualität ist rajas oder Begierde, die treibende Leidenschaft, die zum guten und schlechten Handeln antreibt; während die niederste tamas oder Schläfrigkeit, Trägheit und Unwissenheit ist.

Der Schlüssel zum Verständnis ihrer Relation zu uns liegt darin, daß die Qualitäten oder Gunas dem entspringen, was die Gîtâ prakriti oder die "materielle" Seite der Natur nennt, während das als Purusha oder der "wirkliche Mensch" bezeichnete innere Selbst seine Wurzeln im Geistigen hat, welches, da es im Kern göttlich ist, "von den Qualitäten getrennt" steht und, da es nicht unter ihrem Einfluß steht, unberührt bleibt. Deshalb drängt Krishna Arjuna ohne selbstischen oder persönlichen Beweggrund zu denken und zu handeln und sein ausschließliches Interesse auf das Selbst, oder Âtman im Innern zu konzentrieren. Er sagt ihm, wenn er darin beständig bleibt, wird er sich nach und nach von dem unaufhörlichen Bombardement der "Impulse zum Handeln" befreien, die aus diesen Qualitäten entstehen und die selbst in ihren höheren Bereichen eher dazu neigen die Seele zu binden, als zu befreien.

Ich weiß nicht, ob das genügt, aber es ist schwer einen so umfassenden Gegenstand in einige Worte zusammenzufassen.

 

Elmer: Es hilft mir bestimmt, obgleich ich es sicherlich nicht ganz begreife.

Vorsitzender: Zögern Sie alle nicht zu unterbrechen, denn unser Zweck hier ist nicht nur, daß wir die Gîtâ "durchgehen", sondern vielmehr daß wir, während wir das tun, etwas von ihrem Geist herausziehen. Sie können fortfahren, Wilbur.

 

Wilbur: Der Abschnitt endet mit einer Stelle, die meiner Ansicht nach beim ersten Lesen ein wenig schwer zu verstehen ist, aber nach einer Weile wird sie zu einem wunderbaren Führer, das Leben in Ruhe zu meistern:

Es ist besser, die eigene Pflicht, wenn auch unvollkommen zu erfüllen, als eines anderen Aufgabe gut zu vollbringen. Es ist besser, in der eigenen Pflichterfüllung zu sterben; denn die Pflichten eines anderen sind voller Gefahren.

Jane: Das ist ein Gegenstand, über den wir, Elmer und ich, uns schon oft unterhielten, aber ich kann nicht sagen, daß ich ihn verstehe. Wie kann jemand sagen, wo "die eigene Pflicht" endet und die eines anderen beginnt? Je mehr ich mich bemühte das herauszufinden, desto verwickelter schien alles zu werden.

Vorsitzender: Nein, das kann niemand für einen anderen beantworten, da der ganze Zweck des Lebens darin besteht, spirituelles Selbstvertrauen zu entwickeln, doch wir werden es nie erlangen, wenn wir uns nach anderen richten. Je aufrichtiger unser Streben, und je größer unser Wissen ist, desto schmaler wird der Weg. Die von jedem Aspiranten der Selbstbemeisterung zu treffende Entscheidung ist tatsächlich wie die Schneide eines Rasiermessers. Auf der einen Seite findet er die Warnung: "Die Pflicht eines andern ist voller Gefahren; es ist besser seine eigene Pflicht zu tun, wie unwichtig sie auch scheinen mag, als die eines andern gut auszuführen." Auf der anderen Seite die in gleicher Weise verbindliche Erklärung: "Untätigkeit in einer notwendigen Ausübung der Barmherzigkeit wird zur Tätigkeit in einer tödlichen Sünde."

Wie können wir dann zwischen einer bloß sentimentalen Geste, die schließlich die Dinge für den andern schwerer macht, und jener mitleidsvollen Handlung unterscheiden, die, ohne einen Gedanken an sich selbst oder an irgendwelchen Vorteil, spontan einem Impuls aus dem Innern entspringt? Wenn sich ein Mensch im Treibsand abmüht, springen Sie ihm im Mitgefühl, seiner Lage wegen, ohne lange zu überlegen bei, trotzdem Sie wahrscheinlich beide verschüttet werden. Oder zeigen Sie in Ihrer Weisheit größeres Mitleid, indem Sie auf dem festen Boden bleiben und ihm von dort das Ende eines Seiles oder eines großen Astes zuwerfen, so daß er sich mit Ihrer Hilfe in Sicherheit bringen kann?

Es ist klar, daß es Zeit, Geduld und die Anstrengung von Leben braucht, um jene hohe Qualität der Unterscheidung zu erlangen, von der Krishna spricht. Wenn auch das Ziel weit entfernt ist, wird es uns dessen ungeachtet eine feste Grundlage liefern, auf der wir unseren karmischen Verantwortlichkeiten anderen wie uns selbst gegenüber entgegentreten und sie erfüllen können, wenn wir im Gedächtnis behalten können, daß sich jeder Mensch auf demselben "Pfad" befindet wir wir, wie wenig er sich dessen auch bewußt sein mag.

Niemand kann für einen anderen die Schwelle der Wahrheit überschreiten - das ist unumstößlich so, denn jeder muß jeden Schritt auf dem Wege selbst gehen. Wenn wir deshalb einer Situation oder einem Problem in den Angelegenheiten oder in der Erfahrung eines andern gegenüberstehen in dem Hilfe ratsam erscheint, ist alles, was wir tun können oder sollten, zu versuchen, ihm zu helfen, sich selbst zu helfen. Das kann bedeuten nichts zu tun, oder tätigen Beistand zu leisten. In jedem Falle kann uns dieser Gedanke als Führer dienen: wenn wir für einen andern eine Entscheidung treffen, die dieser selber hätte treffen sollen, haben wir ihn insoweit der Stärke und Weisheit beraubt, die er erlangt hätte, wenn er dem besonderen auf ihn zukommenden Karma selbst gegenübergetreten wäre und es hinter sich gebracht hätte. Wir haben nicht nur seinen spirituellen Fortschritt behindert, sondern auch in unseren eigenen Aufzeichnungen ein Verschulden mit aufgenommen.

 

Martha: Ich möchte gerne wissen, ob der Ausdruck "seine eigene Pflicht" nicht dem Wort swadharma entspricht - dem Ausdruck, den Krishna im zweiten Kapitel so wirksam benützt, um Arjuna aufzufordern, seine "natürliche Pflicht" ehrenvoll zu erfüllen und sich zu "erheben und zu kämpfen".2 Wenn das stimmt, eröffnet es ein weites Gebiet des Nachdenkens.

Vorsitzender: Sie haben recht; das Wort dafür ist swadharma, und es bedeutet "seine eigene Pflicht". Manchmal wird es übersetzt mit seine "natürliche Pflicht". Leider ist es bereits viel zu spät, uns heute Abend damit mehr zu beschäftigen. Wir wollen schließen, indem wir uns daran erinnern, daß das erste Wort in der Gîtâ Dharmakshetra ist, was uns gleich zu Beginn sagt, daß diese Unterredung zwischen Krishna und Arjuna nicht auf einem physischen Schlachtfeld, sondern in Wirklichkeit auf der "Ebene von Dharma oder der Pflicht" stattfindet. Mit anderen Worten, auf der Ebene der Seele, auf der jeder einzelne von uns, gleich Arjuna, die nur ihm und keinem anderen zugehörige karmische Pflicht ergründen und ihr gehorchen muß.

Vielleicht beginnen wir zu erkennen, warum das Thema über die Pflicht in jedem Kapitel und fast auf jeder Seite wiederkehrt. Dharma oder die "Pflicht", oder das innere "Gesetz" unseres Wesens allein ist es, das die Mittel liefert, womit der unsterbliche Funke des Göttlichen seiner zunehmenden Verantwortlichkeit in jedem Menschen und folglich in der ganzen Menschheit gerecht werden kann. Dieses dharma bildet das ewige Verbindungsglied zwischen Aktion und Reaktion, zwischen Ursache und Wirkung. Kurz, das dharma der Seele zeigt uns unser individuelles Karma, damit wir durch unsere Irrtümer und in der Tat durch alle unsere früheren guten und üblen Gedanken und Handlungen lernen können. Auf diese Weise können wir dem höheren Ruf des Selbstes oder Âtman im Innern, jener göttlichen monadischen Essenz, die mit dem Höchsten eins ist und im Herzen aller wohnt, auf intelligente Weise folgen.

Fußnoten

1. Siehe "Gespräche am runden Tisch: Der universale Impuls zu Handeln", SUNRISE-Artikelserie, H. 1/1961 [back]
2. Siehe "Gespräche am runden Tisch: Die Verzagtheit des Arjuna" SUNRISE-Artikelserie Heft 4/1959 [back]